Zusammenfassung

Pestalozzis Leben verlief in einer Zeit des geistigen und politischen Umbruchs. Die Französische und Helvetische Revolution brachte die Wende von der feudalen zur bürgerlichen Gesellschaft. Pestalozzis schrieb ca. 300 Werke und 6.460 Briefe sind überliefert, die Gesamtausgabe seiner Werke und Briefe umfasst 46 Bände.

Pestalozzi hat von allen „Klassikern der Pädagogik“ die umfangreichste Rezeption erfahren, ca. 20.000 wissenschaftliche Texte und ca. 5.000 Monographien. In Deutschland wurde Pestalozzi für Lehrer an Volksschulen zum Gewährsmann pädagogischen Handelns und in der Schweiz darüber hinaus zu einer nationalen Figur. Pestalozzis Lösungsvorschläge für die Probleme seiner Zeit sind zeitgebunden, aber die von ihm aufgeworfenen Fragen und Probleme zeitlos.

Die Website www.heinrich-pestalozzi.de stellt ein umfangreiches Informationsangebot zu Pestalozzi bereit. Das Material wird gestuft angeboten, Ausgangspunkt sind die biographischen Texte zu Pestalozzis Leben und seine „Grundgedanken“ zu Anthropologie, Staat, Armut, Religion und Erziehung/Bildung. Die Website umfasst ca. 1.300 Textdateien, ca. 350 Bilddateien und zahlreiche Pop-ups.

Für Pestalozzi hat jedes Kind ein Recht auf Bildung und Ausbildung, alle Kinder haben von Natur aus Kräfte, die zur Entfaltung drängen. Pestalozzi verbindet häusliche und öffentliche Erziehung, Unterricht muss elementarisiert werden, auf Anschauung beruhen und Tun und Handeln mit einbeziehen. Aber Fortschritte im Bereich von Bildung und Erziehung sind abhängig von den herrschenden politischen Verhältnissen.

I. Eine Zeit des Umbruchs und der Veränderungen: 1746-1827

Pestalozzi ist 1746 in Zürich geboren und starb im 82. Lebensjahr 1827 in Brugg im Kanton Aargau. Pestalozzi ist in Zürich aufgewachsen, verbrachte dort bis 1768 seine Kindheit, Jugendzeit und Studienjahre und zog danach nach Birr im heutigen Kanton Aargau. Hier bewirtschaftete er zusammen mit seiner Frau Anna den neu aufgebauten Bauernhof „Neuhof“ und errichtete darin eine Armenanstalt für benachteiligte Kinder. Beide Unternehmungen scheiterten an den fehlenden finanziellen Voraussetzungen und organisatorischen Fähigkeiten Pestalozzis.

Zugleich versuchte Pestalozzi in diesen Jahren seinen Lebensunterhalt durch schriftstellerische Arbeiten zu sichern und schrieb seinen berühmten Roman „Lienhard und Gertrud“ (1781) , der für ihn zu einem begleitenden Lebenswerk wurde [Der Roman „Lienhard und Gertrud“ von 1781 in: PSW 2, S. 1-221. Die anderen Teile und auch die späteren Bearbeitungen finden sich in: PSW, 2-6. Im folgenden steht „PSW“ für die Kritische Gesamtausgabe von Pestalozzis Werken und „PSB“ für die Kritische Gesamtausgabe von Pestalozzis Briefen. Bei Zitaten folgt dieser Angabe jeweils die Bandnummer und Seitenzahl.]. Diesem Roman liess Pestalozzi einen 2. Teil (1783), einen 3. Teil (1785) und einen 4. Teil (1787) folgen. In den Jahren 1790-1792 erfolgte eine grundlegende Umarbeitung und eine weitere Umarbeitung folgte in den Jahren 1819-1820 für die Cotta-Gesamtausgabe seiner Werke.

In den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts verfasste Pestalozzi zahlreiche weitere Werke, zu nennen sind vor allem: „Abendstunde eines Einsiedlers“(1780) [In: PSW 1, S. 263-281.] und „Meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts“ (1797) [In: PSW 12, S. 1-166.]. In den Jahren nach der Französischen Revolution von 1789, zu deren Ehrenbürger Pestalozzi im August 1792 als einziger Schweizer von der Französischen Nationalversammlung ernannt wurde, erschienen vermehrt politische und sozialpolitische Texte: Eine Sammlung von 230 Fabeln mit zumeist politischen Aussagen unter dem umständlichen Titel „Figuren zu meinem ABC-Buch oder über die Anfangsgründe meines Denkens“ (1797) [In: PSW 11, S. 87-332.] und Schriften zur Stäfner Volksbewegung (1795) [In: PSW 10, S. 269-311.] und zur Zehntenfrage (1798) [„Über den Zehnden“ (1798), In: PSW 12, S. 303-328 und „Abhandlung über die Natur der helvetischen Zehnden und Bodenzinse und der Unpassenheit aller ihrethalben in der Revolutionszeit genommenen Massregeln“ (1799). Sog. 2. Zehntenblatt. In: PSW 12, S. 407-468.].

1798 erreichten die Umwälzungen der Französischen Revolution die Schweiz und mit der Helvetischen Revolution von 1798 änderte sich Pestalozzis Leben tiefgreifend. Die Helvetische Regierung beauftragte Pestalozzi mit der Leitung einer Anstalt für verwaiste Kinder in Stans und Pestalozzi konnte jetzt erstmals, er ist bereits 52 Jahre alt, seine pädagogischen Ideen in die Praxis umsetzen. Pestalozzi dokumentierte diese Zeit in seinem „Stanser Brief“ [Pestalozzi’s Brief an einen Freund über seinen Aufenthalt in Stanz. In: PSW 13, S. 1-32. ] von 1799. Nach wenigen Monaten musste Pestalozzi Stans wieder verlassen, die Armenanstalt wurde im Gefolge der kriegerischen und politischen Umstände aufgelöst. Mit dem Blick auf den desolaten Zustand der Schulbildung beschloss Pestalozzi Lehrer zu werden und erhielt von der Helvetischen Regierung die Möglichkeit in Burgdorf zu unterrichten. Kurz darauf gründete er im Burgdorfer Schloss ein Erziehungsinstitut, eine Verbindung von Jungenschule, Internat für auswärtige Schüler, Lehrerseminar und Waisenhaus bzw. Armenschule. Sein Buch „Wie Gertrud Ihre Kinder lehrt“ [In: PSW 13, S. 181-359.] von 1801 machte Pestalozzi erneut europaweit berühmt. Pestalozzi gewann eine Reihe tüchtiger Mitarbeiter und fand die Unterstützung der Regierung. Mit dem Ende der Helvetischen Republik 1803 verlor Pestalozzi die Unterstützung der Regierung, musste das Burgdorfer Schloss räumen und zog mit seinem Institut zuerst nach Münchenbuchsee und 1804 in das Schloss Yverdon in der französischen Schweiz am Südende des Neuenburger Sees.

In Yverdon (1804-1825) wurde Pestalozzis Erziehungsinstitut europaweit berühmt, die pädagogischen Impulse strahlten vor allem nach Deutschland aus. Preussen sandte über die Jahre junge „Eleven“ nach Yverdon, von denen viele später in Preussen, aber auch in anderen Teilen Deutschlands Schulen und Erziehungsinstitute im Sinne Pestalozzis gründeten. Die „Schulgemeinde“ in Yverdon zählte bis zu 250 Personen, davon ca. 165 Zöglinge, ca. 30 Lehrer und ca. 30 Seminaristen. Pestalozzi unterrichtete in Yverdon nicht, er widmete sich überwiegend seiner schriftstellerischen Arbeit, empfing die zahlreichen Besucher, richtete fast täglich ermahnende Worte an die Hausgemeinschaft und hielt an Fest- und Feiertagen grössere Reden, die einen Teil seiner geschriebenen Werke dieser Jahre ausmachen, besonders hervorzuheben ist die „Rede zu seinem 72. Geburtstag am 12. Januar 1818“ [In: PSW 25, S. 261-364.].

Von den Werken dieser Jahre sind zu nennen „Über Volksbildung und Industrie“ (1806) [In: PSW 18, S. 139-169.], „Ansichten, Erfahrungen und Mittel zur Befriedigung einer der Menschennatur angemessenen Erziehungsweise“ (1806) [In: PSW 19, S. 1-85 und S. 147-189. Zu diesem Werke gibt es mehrere Fassungen und Entwürfe.], „Über die Idee der Elementarbildung. Eine Rede, gehalten vor der Gesellschaft der schweizerischen Erziehungsfreunde im Jahre 1809“ (Lenzburger Rede, 1809) [In: PSW 22, S. 130-324.], „An die Unschuld, den Ernst und den Edelmuth meines Zeitalters und meines Vaterlandes“ (1815) [In: PSW 24 A, S. 1-216. Auch zu diesem Werk gibt es mehrere Entwürfe und Entwurfsfragmente.] und die Herausgabe der Cotta-Ausgabe seiner Sämtlichen Schriften (1819-1827). Das Erziehungsinstitut in Yverdon musste 1825 aufgegeben werden, es scheiterte an der Auseinandersetzung der Lehrer untereinander und an Pestalozzis mangelndem organisatorischen Eingreifen.

Für die beiden letzten Jahre seines Lebens zog sich Pestalozzi auf seinen Neuhof bei Birr zurück. Mit der „Rede in der Versammlung der helvetischen Gesellschaft. Gehalten am 26. April 1826 zu Langenthal“  (Langenthaler Rede, 1926) [In: PSW 27, S. 163-214.] und  „Pestalozzi’s Schwanengesang“ (1826) [In: PSW 28, S. 53-286.] legte Pestalozzi nochmals zwei Werke vor, in denen er seine Vorstellungen von Erziehung und Bildung darstellte. In Brugg starb Pestalozzi am 17. Februar 1827 und wurde am Schulhaus in Birr begraben.

II. Zur Überlieferung von Pestalozzis Texten

Pestalozzi schrieb sein umfangreiches Werk und seine äusserst umfangreiche Korrespondenz mit Ausnahme weniger französischsprachiger Briefe in deutscher Sprache, weshalb seine Wirkung besonders auf Deutschland und die Schweiz ausstrahlte. Insgesamt schrieb Pestalozzi über 300 Werke mit sehr unterschiedlicher Länge und zeitgenössischer Resonanz. In einigen Werken aus den Jahren in Burgdorf und Yverdon ist die Frage der Autorenschaft schwer zu rekonstruieren, denn Teile der Texte sind von Mitarbeitern verfasst oder überarbeitet worden. Aber im ganzen ist die Quellenlage sehr gut, ein Grossteil des Nachlasses von Pestalozzi und teilweise seiner Mitarbeiter ist erhalten geblieben. Im Ergebnis kam so die Kritische Gesamtausgabe seiner Werke und Briefe zustande, die in den Jahren 1927-1996 mit insgesamt 46 Bänden veröffentlicht werden konnte. Davon umfasst die Werkausgabe 31 Bände und die Briefausgabe 14 Bände mit 6.460 Briefen und briefähnlichen Dokumenten. Hinzu kommt 1994 ein erster Registerband, allerdings konnte der zweite Registerband mit der Sacherschliessung nicht erscheinen.

Das umfangreiche Quellenmaterial mit seiner gewaltigen Textfülle macht es dem heutigen Leser schwer, zwischen Wichtigem, weniger Wichtigem oder Unwichtigem zu unterscheiden und bei den unterschiedlichen Fassungen eines Werks, eine Entscheidung zu treffen für die für den heutigen Leser noch lesenswerte Fassung. Dabei bilden sich leicht Interpretationstraditionen heraus, d.h. es werden immer nur einzelne Werke und Briefe zur Analyse von Pestalozzis Gedanken herangezogen. Zwar ist die Wissenschaftliche Gesamtausgabe von Pestalozzi Werken und Briefen eine verlässliche Quellengrundlage, aber die Publikation dieser Quelle über Jahrzehnte hinweg von 1927-1996 lässt unterschiedliche Herausgeberkriterien erkennen, was besonders an den zuletzt herausgegebenen Bänden, den Werkbänden 17 B und 29 (1996) und dem Briefband 14 (1995) deutlich wird.

Aus einem weiteren Grund sind Pestalozzis Texte für heutige Leser nur schwer lesbar: Die Sprache Pestalozzis ist nicht die Sprache des 21. Jahrhunderts, lange verschachtelte Sätze, zahlreiche Anspielungen und Bezüge auf die politischen Entwicklungen seiner Zeit, häufige Rückgriffe auf lateinische und altgriechische Bilder und Vergleiche und eine oft unklare und wechselnde Terminologie.

III. Zur Rezeption Pestalozzis

Von den „Klassikern der Pädagogik“ hat Pestalozzi  mit Abstand die umfangreichste Rezeption seiner literarischen Texte erfahren. Man kann davon ausgehen, dass nach 1827 bis heute über 20.000 wissenschaftliche Texte zu Pestalozzi in der deutschen Sprache erschienen sind, davon über 5.000 Monographien. Schon in den Jahren 1903-1904 erschien eine dreibändige Bibliographie [Israel, Autust: Pestalozzi-Bibliographie, 3 Bde., Berlein 1903-1904 (Monumenta Germaniae Paedagogica, Bd. 25, 29 u. 31).], der weitere bibliographische Arbeiten folgten. Eine umfassende und möglichst Vollständigkeit anstrebende Bibliographie  war zum Jubiläumsjahr 1996 geplant, aber das Projekt konnte nicht realisiert werden. Während Monographien leicht über allgemein zugängliche digitale Bibliothekskataloge recherchiert werden können, ist der Zugang zu den Zeitschriftenbeiträgen wesentlich schwieriger, denn diese sind ohne die Kenntnis der Quellen nicht leicht zu finden.

Pestalozzi wurde in Deutschland vor allem für Lehrer an Volksschulen zum Gewährsmann pädagogischen Handelns. In der Schweiz wurde Pestalozzi darüber hinaus als der weltweit bekannteste Schweizer zusätzlich als eine nationale Figur stilisiert, die für die Einheit des föderalen Gebildes „Schweiz“ steht. Pestalozzis italienischer Name, seine Herkunft aus dem reformierten deuschsprachigen Zürich, sein langen Lebensjahre  in der römisch-katholischen und französischsprachigen Schweiz, sein unruhiges Leben in der Schweiz, sein Einsatz für die Lebenschancen benachteiliger Kinder, sein Einsatz für die Bildungschancen aller Kinder, sein literarisches Werk und seine weltweite Bekanntheit haben Pestalozzi nach Wilhelm Tell in der Schweiz zu dieser nationalen mythischen Figur werden lassen.

Die allgemeine Rezeption basiert auf wenigen Werken, die bis heute in preiswerten Ausgaben verfügbar sind:

  •  „Lienhard und Gertrud“.
    In diesem Dorfroman des verarmten und heruntergekommenen Dorfes Bonnal zeigt Pestalozzi, dass die wirtschaftliche und sittliche Verwahrlosung des Volkes eine Folge der Korruption und des Egoismus der Herrschenden ist. In diesen Roman hat Pestalozzi seine politischen, sozialen und pädagogischen Ideen eingebaut: Sinnvolle Arbeit für jeden, damit er seinen Lebensunterhalt selbst verdienen kann, gleichmässige Verteilung des Ackerlandes auf alle Bauern, Befreiung vom Zehnten, Erneuerung des häuslichen Lebens und der Schule, statt leerem Wortwissen nun Anschauung und Handeln. Bewirkt werden diese Veränderungen in Bonnal durch Gertrud, einer Mutter von 7 Kindern, deren Mann Lienhard ebenfalls der Trunksucht und Abhängigkeit vom Vogt verfallen ist. Gertrud bringt den Junker Arner auf ihre Seite, dieser bestraft den Vogt, der Schulmeister Glüphi erneuert die Schule und lehrt die Kinder lesen und schreiben in Verbindung mit eigener Arbeit (spinnen). Pestalozzi weist in diesem Roman einen Weg, wie ökonomische Not und sittliche bzw. soziale Verwahrlosung durch die Kraft und den Einsatz einzelner Personen aufgehoben werden können.

  • „Stanser Brief“
    In seinem „Brief an einen Freund über meinen Aufenthalt in Stans“ beschreibt Pestalozzi die drei Stufen der sittlichen Erziehung: Entgegen dem aufklärerischen Denken seiner Zeit führt der Weg zur Sittlichkeit nicht über rationale Einsicht, sondern über den Aufbau von Vertrauen durch allseitige Besorgung, über das sittliche Handeln und erst zuletzt über die Reflexion und das Sprechen über sittliches Handeln. Der Unterricht sollte eine Verbindung von Unterricht und Industriearbeit sein, die Ungleichheit der Kinder sollte durch ein System der Hilfe der Kinder untereinander ausgeglichen werden und durch die Elementarisierung und Vereinfachung der Lehrmittel sollten auch die Mütter befähigt werden, Ihre Kinder selbst zu unterrichten.

  • „Wie Gertrud Ihre Kinder lehrt“
    In diesem Werk mit dem vollständigen Titel „Wie Gertrud ihre Kinder lehrt, ein Versuch Müttern Anleitung zu geben, ihre Kinder selbst zu unterrichten“ legt Pestalozzi in 14 Briefen seine Gedanken zur Elementarmethode und zum Elementarunterricht vor. Mit dieser neuen Erziehungs- und Unterrichtsmethode soll der Mensch instand gesetzt werden, sich selbst helfen zu können. Aufgabe des Unterrichts ist die Entwicklung von Kräften, die in der menschlichen Natur angelegt sind und von sich aus zur Entfaltung streben. Diese zur Entwicklung drängenden Kräfte müssen durch Erziehung gelenkt und geordnet werden, aber naturgemässe Erziehung und Unterricht müssen sich den Gesetzen der Natur unterordnen. Dabei ist Anschauung das absolute Fundament der Erkenntnis, die drei Elementarmittel sind dabei Sprache, Form und Zahl.

  • Auswahlausgaben aus Pestalozzis Werken
    Bis heute sind zahlreiche Auswahlausgaben aus Pestalozzis Werken verfügbar. Diese Ausgaben sind entweder thematisch zusammengestellt, z.B. Werke bzw. Werkauszüge zu seinem Menschenbild, seine politischen Schriften, Auswahlausgaben von „Lienhard und Gertrud“, die neben dem Romantext von 1781 noch weitere Textauszüge aus den Folgebänden und den späteren Bearbeitungen enthalten. Eine Auswahl von Pestalozzis Texten bieten auch Einführungen zur Pädagogik von Pestalozzi, z.B. das Buch von Brühlmeier und Kuhlemann [Kuhlemann, Gerhard u. Brühlmeier, Arthur: Johann Heinrich Pestalozzi (1746-1827). Hohengehren: Schneider-Verl. 2002, 304 S.].


Die wissenschaftliche Rezeption bezieht sehr stark die anthropologischen Werke Pestalozzis mit ein, die „Abendstunde“, die „Nachforschungen“, aber auch die „Lenzburger Rede“, den „Schwanengesang“ usw.

Für die Rezeption stellt sich die entscheidende Frage, ist Pestalozzi wirklich der unumstrittene „Klassiker der Pädagogik“? Hat sein umfassendes Werk nur einen zeitbedingten Charakter und stellte Pestalozzi nur Lösungsvorschläge für seine Zeit um 1800 bereit oder bietet er für Erziehung und Bildung entscheidende Ansatzpunkte auch für die heutige pädagogische Diskussion? Die mittlerweile recht umfassende Rezeptionsforschung kommt zu einem differenzierten Bild. Pestalozzis heute leicht zugängliches Gesamtwerk steht wegen seines gewaltigen Umfangs einem Zugang eher im Wege und nur über Auswahlausgaben ist eine Wiederbelebung der Werke und Gedanken Pestalozzis zu erwarten. Pestalozzis Antworten und Lösungsvorschläge für die Probleme seiner Zeit waren zeitgebunden, aber viele der von ihm aufgeworfenen Fragen, Themen und Einsichten sind bis heute aktuell. Lösungen und Lösungsvorschläge sind immer viel zeitgebundener und vergänglicher als aufgeworfene Fragen oder aufgezeigte Probleme. Misst man Pestalozzi an Ersterem, ist er ein pädagogischer Autor der Vergangenheit, misst man ihn an Letzterem, ist er mit Recht zu einem der bedeutendsten pädagogischen Anreger geworden. Auf der Startseite unserer Website haben wir ein Zitat aus den „Nachforschungen“ von 1797 gestellt, das bis heute jede pädagogische Diskussion befördern kann:

„Also bin ich ein Werk der Natur.
Ein Werk meines Geschlechts.
Und ein Werk meiner Selbst.“
[In: PSW 12, S. 123.]

IV. Pestalozzi im Internet

Die 1990er Jahre brachten für die wissenschaftliche Informationsvermittlung gravierende Veränderungen. Wissenschaftliche Informationen werden nicht mehr allein durch gedruckte Veröffentlichungen weitergegeben, das Internet tritt zunehmend an die Stelle gedruckter Literatur.

Ausgangspunkt für die Website www.heinrich-pestalozzi.de war das Jubiläumsjahr 1996, die Wiederkehr von Pestalozzis 250. Geburtstag [Kuhlemann, Gerhard: Pestalozzi in unserer Zeit. Literatur und Themen rund um seinen 250. Geburtstag. Verl. Schneider, Hohengehren/Deutschland 1998, 307 S.]. Ich arbeitete gleichzeitig an einer Übersicht über die Literatur und Themen rund um Pestalozzis 250. Geburtstag  und an einer Besprechung der 1994 erschienenen Volltext-CD-ROM von Pestalozzis Sämtlichen Werken und Briefen [Kuhlemann, Gerhard: Johann Heinrich Pestalozzi. Sämtliche Werke und Briefe auf CD-ROM. In: Studien zur Pestalozzi-Rezeption im Deutschland des frühen 19. Jahrhunderts. Bern: Haupt 1995. S. 215-237 (Neue Pestalozzi-Studien, Bd. 3).]. 

Diese intensivierte Auseinandersetzung mit Pestalozzi führte an der Hochschule der Medien in Stuttgart in zwei Projektseminaren zum Aufbau einer Website zu Johann Heinrich Pestalozzi, deren Ergebnisse unter der Adresse www.pestalozzi.hbi-stuttgart.de veröffentlicht wurden. Mehrere Studentengruppen diskutierten und experimentierten mit Farben, Textgestaltung, Bildübernahme und der Navigation der Inhalte anhand von anfangs ca. 20 Texten, biographischen Texten und Buchbesprechungen.

In der Folge stellte sich die Frage, ob man diese Anfänge nicht zu einer umfassenden Dokumentation des Lebens, der Werke und der wissenschaftlichen Auseinandersetzung um Pestalozzi ausbauen sollte. Es sollte dabei keine reine Link- oder Literaturliste entstehen, sondern ein umfassendes Informationsangebot zu Johann Heinrich Pestalozzi. Mit weiteren biographischen Texten und Buchbesprechungen wurde die Website strukturiert, und es entstanden schnell ca. 200 Einzelseiten. Es liegt in der Struktur solcher Projekte, dass sie einen experimentellen Charakter haben und nur selten bis zu einem in sich geschlossenen Abschluss gelangen. Da die finanzielle, technische und inhaltliche Betreuung des Projekts nach Auslaufen des studentischen Unterrichtsprojekts nicht gewährleistet werden konnte, kam es zu einer Ruhephase des Projekts. Durch den engagierten Einsatz interessierter Personen konnte sehr bald eine Fortführung der Arbeit geplant werden. Um einen professionellen Stand der Website zu erreichen, war allerdings eine grundlegende Neukonzeption erforderlich. Nach einer intensiven Diskussionsphase erarbeiteten der Schweizer Pestalozzi-Forscher Arthur Brühlmeier und der Autor dieses Beitrags den Plan, die Website grundlegend zu überarbeiten und zu einer wissenschaftlichen Plattform auszubauen.  So konnte schon im November 2002 eine überarbeitete Website ins Netz gestellt werden, wobei zugleich der Wechsel zu einem leistungsfähigen kommerziellen Provider erfolgte.

Der am 14. September 2002 auf Initiative von Arthur Brühlmeier auf dem Neuhof in Birr (Kt. Aargau) gegründete „Verein Pestalozzi im Internet“ übernahm die Trägerschaft der Website „Pestalozzi goes Internet“ mit den Internetadressen „www.heinrich-pestalozzi.info“ und www.heinrich-pestalozzi.de und zugleich die Verantwortung für die Fortführung der Arbeit und ihre Finanzierung mit dem Ziel: „... eine breite Öffentlichkeit über Leben und Werk von Johann Heinrich Pestalozzi sowie die damit verbundene wissenschaftliche Diskussion umfassend zu informieren.“ Zum „Verein Pestalozzi im Internet“ kann man sich über die Website

informieren, kann einen Aufnahmeantrag herunterladen oder sich formlos

beim Präsidenten des Vereins als Vereinsmitglied anmelden:
www.heinrich-pestalozzi.de/de/verein/index.htm

Die Basisinformationen sollten in „lexikalischer“ Form am Anfang stehen und durch Links weiterführende Inhalte erschliessbar sein. Dieser „gestufte“ Aufbau der Information kann am Beispiel der biographischen Seiten gezeigt werden:

 

 

Zu Beginn der Arbeit galt die Vorgabe, dass jede einzelne Seite maximal 1.500 bis 2.000 Zeichen umfassen sollte. Der Nutzer am PC sucht kleine Informationseinheiten, er erwartet zwar Links zu weiterführender Information, möchte aber über deren Nutzung selbst entscheiden. Mit fortschreitender Arbeit und dem gestuften Aufbau der Information war diese Vorgabe nicht mehr aufrecht zu halten. Zwar werden die Basistexte möglichst in dem vorgegebenen Umfang abgefasst, aber durch die Aufnahme eigenständiger Veröffentlichungen oder das Einbauen der Originaltexte Pestalozzis in die Website ergeben sich zwangsläufig andere Dimensionen. So umfasst allein Pestalozzis als Volltext in die Website eingefügtes Werk „Über Gesetzgebung und Kindermord“ in der gedruckten Fassung der Kritischen Gesamtausgabe 181 Seiten [In: PSW 9, S. 1-181.].

Die Website umfasst mit heutigem Stand ca. 1.300 Textdateien, darunter zahlreiche Dateien in englischer, chinesischer und spanischer Sprache. Hinzu kommen noch ca. 350 Bilddateien und die zahlreichen Pop-ups, die die Funktion von Anmerkungen in gedruckten Veröffentlichungen haben. Im weiteren Ausbau befinden sich die chinesischen und demnächst auch die spanischen und italienischen Seiten.

Während wissenschaftliche Fachveröffentlichungen oft Druckauflagen unter 1.000 Exemplaren haben, hat die Website allein im Durchschnitt monatlich über 4.000 Besucher, die jeweils 3-4 Einzelseiten aufrufen.

Am häufigsten werden die biographischen Seiten  „Kurzbiographie“, „Kindheit und Jugend in Zürich“, „Neuhofjahre“, „Stans“, „Burgdorf und Münchenbuchsee“, „Yverdon“, „Letzte Lebensjahre“ und die „Grundgedanken“  aufgerufen, in denen Brühlmeier Pestalozzis Gedanken zu „Anthropologie“, „Staat“, „Armut“, „Religion“ und „Erziehung/Bildung“ zusammenfasst. Hinzu kommen die Tabelle zu Pestalozzis „Zeit - Leben - Werke“ ,  von der aus ebenfalls Zugriffe auf fast alle Seiten möglich sind und die Nutzung der Suchfunktion der Website.

Während das Buch zum Zeitpunkt seines Erscheinens ein in sich abgeschlossenes Werk darstellt, ist die Website „Pestalozzi goes Internet“ eine immer zu bearbeitende „Baustelle“. ihre Informationen müssen fortlaufend ausgebaut, verbessert und redigiert werden.

Wie Sie auf dem Ihnen vorliegenden Blatt sehen, sind von der Startseite der Website www.heinrich-pestalozzi.de zahlreiche Informationen zu erreichen.

 

  1. Im frame auf der linken Seite sind über aufklappbare Menüpunkte sehr differenzierte Informationszugänge möglich.
  2. In der oberen Linie sind die Zugänge zur Strartseite, zum Online-Shop und zum „Verein Pestalozzi im Internet“ möglich.
  3. Im Mittelteil wird oben eine kurze Darstellung zu Pestalozzi gegeben, dann werden die „Lebensstationen“ Pestalozzis noch einmal abrufbar gemacht und unter „Aktuelles“ werden wechselnd die zuletzt eingefügten Inhalte vorgestellt.
  4. Im rechten Bereich gibt es die Möglichkeit die Schrift zu verkleinern oder zu vergrössern, dann wird durch die Flaggen auf anderssprachige Parallelseiten verwiesen, es folgt ein Link zum Pestalozzi-Forum, in dem Fragen zu Pestalozzi gestellt und diskutiert werden können. Zwei gesonderte Links verweisen auf die Sprachen englisch und chinesisch, über die die grosse Zahl von Texten in diesen Sprachen abgerufen werden können.
  5. Auf der Website www.heinrich-pestalozzi.de können auch neue Forschungsergebnisse veröffentlicht werden. So ist beispielsweise unter der Rubrik „Forschung“ der neu aufgefundene Briefwechsel Pestalozzis mit der Familie Marti exklusiv publiziert. Die Briefe sind dabei als Autographen in die Seiten eingebunden und zusätzlich transkribiert.

V. Pestalozzi heute

Hier können zum Schluss nur einige Stichworte genannt werden:

  • Alle Menschen haben von Natur aus Kräfte, die zur Entfaltung drängen und die nur durch Erziehung zu ihrer optimalen Entfaltung und Entwicklung gebracht werden können. Diese von der Natur aus vorhandenen Kräfte dürfen nicht unterdrückt werden.
  • Jedes Kind hat ein Recht auf Bildung und Ausbildung, ganz besonders die sozial und ökonomisch benachteiligten Kinder. Pestalozzi bemühte sich lebenslang besonders um Waisenkinder und die Kinder armer und perspektivloser Eltern.
  • Pestalozzi war ein politischer Mensch, der sehr stark von den polischen Veränderungen seiner Zeit, dem Wechsel von der feudalen Gesellschaft zu einer Bürgergesellschaft, persönlich betroffen war und diese Veränderungen auch mit seinen Texten begleitete. Im Bereich von Bildung und Erziehung sind Fortschritte letztlich immer abhängig von den herrschenden politischen Verhältnissen.
  • Pestalozzi suchte eine Verbindung von häuslicher und öffentlicher Erziehung, die Schule sollte die häusliche Wohnstube nachahmen. Das Verhältnis von Schule und Familie ist bis heute ein viel diskutiertes Problem geblieben und fand in Deutschland noch immer keine zufriedenstellende Lösung.
  • Der Unterricht sollte für Pestalozzi elementarisiert werden und letztlich sollte Lernen immer auf Anschauung beruhen und das Tun und Handeln einschliessen.
  • Pestalozzi ist das Beispiel für einen Erzieher und pädagogischen Schriftsteller, bei dem die eigene Person, das Schreiben und pädagogische Handeln lebenslang miteinander eng verbunden waren.

Meine Damen und Herren,
ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.