Der Nicolovius-Brief

Über Nicolovius schreibt der Herausgeber der Kritischen Briefausgabe (Band 3, S. 511): "Georg Heinrich Ludwig Nicolovius (17671839), aus Ostpreussen stammend, mit den Gedanken von Kant, Hamann und Friedrich Jacobi vertraut, kam 1791 auf einer Bildungsreise mit dem Grafen Friedrich Leopold von Stolberg auch nach der Schweiz. Daselbst lernte er neben Lavater, Hess und Pfenninger auch Pestalozzi kennen, den er bald darauf auf dem Neuhof besuchte. In einem Brief schildert der Reisende seine Erlebnisse: ‚Ich habe mit einem Manne Bekanntschaft gemacht, der wahrlich in jedem Sinne ein Mann ist, durch die Höllenfahrt der Selbsterkenntnis geläutert und mit apostolischem Geist erfüllt. Es ist Heinrich Pestalozzi, der Verfasser von ‚Lienhard und Gertrud'. Lavater ehrt ihn, wie jeder ihn ehren muss, zählt ihn aber unter die beinah inkorrigiblen Menschen, die da glauben, man könne der Menschheit auf einmal helfen und sie erleuchten. Pestalozzi ehrt Lavater auch, was ihn aber von ihm trennt, ist jener Satz: Gott ist nur durch die Menschen der Gott der Menschen. Mit rührender Treuherzigkeit sagte er mir: Gott hat sich mir nur durch Menschen offenbart. Ich kenne also keinen Gott als durch Menschen. Ich glaube wohl, daß es für wenige feinere Seelen eine andere Offenbarung gebe. Aber ich kenne sie nicht, und halte es für gefährlich, sie dem Volk zu predigen. ... Das kann ich Dir sagen, daß es Pestalozzi mit der Wahrheit Ernst ist, wie wenigen, daß ich nie so viel Kraft und Sanftmut, so viel Wunsch zu wirken und so viel stilles Harren auf Winke der Vorsehung vereint sah.' Pestalozzi schloss innige Freundschaft mit dem jungen Deutschen, der für Religion und Philosophie so tiefes Verständnis zeigte."

Nicolovius wurde später ein einflussreicher Beamter im preussischen Schulwesen und hat als solcher wesentlich zur Verbreitung der Pestalozzischen Erziehungsidee beigetragen.

Pestalozzi steckte 1791, als ihn Nicolovius besuchte, in einer tiefen existentiellen Krise. Seine beiden Unternehmungen auf dem Neuhof - der Landwirtschaftsbetrieb und die Armenanstalt - hatten Schiffbruch erlitten, seine Volksbücher waren zwar auf Interesse gestossen, vermochten aber die Lebensrealität nicht in seinem Sinne zu verbessern, und auch seine Ambitionen, am Hof zu Wien eine einflussreiche Stellung einzunehmen, erwiesen sich als Illusion. Seine ehemals starken, durch ein pietistisches Elternhaus genährten religiösen Gefühle waren weitgehend erkaltet, und auch sein Glaube an das Gute im Menschen war einer geradezu menschenverachtenden Stimmung gewichen. Diese kommt sehr deutlich zum Ausdruck in einem Brief, den er 1792 aus Leipzig an Franziska Romana von Hallwil schrieb:

" ... Bald glaube ich, alles, was auffällt, taugt nichts, und Weisheit und Tugend ist nur da, wo niemand das Heiligtum ihres Namens ausspricht. Ich muss auf meiner Hut sein, daß meine Menschenverachtung nicht grenzenlos werde. Ich könnte mich bald freuen, wenn mich die Menschen ganz verkennten, und ich sehe den tausendfältigen Spielen ihres Trugs mit wahrem Hohn zu. Aber der Mensch ist gewiss nie so sehr in Gefahr, selbst schlecht zu werden, als wenn die Verachtung seiner Mitmenschen bei ihm fast allgemein wird. Sie werden denken, das ist ein schwarzes Zeugnis vom schwarzen Mann! Aber es ist Wahrheit. Das Gefühl innerer Würde geht verloren, wo Menschenverachtung zu tief einreisst ..." (PSB 3, S. 282)

In dieser Lage empfand sich Pestalozzi praktisch am Ende seiner Laufbahn (denn selbstverständlich deutete noch nichts darauf hin, daß er dereinst als Pädagoge weltweite Berühmtheit erlangen sollte), und er glaubte, in Nicolovius einen Mann gefunden zu haben, der sein eigenes, unvollendetes Werk fortsetzen und vollenden könnte, etwa so, wie sich Pestalozzi selber als Vollender dessen verstand, was sein früh verstorbener Jugendfreund Menalk erträumt hatte. Es ist darum kein Zufall, daß bei Pestalozzis mündlichem und schriftlichem Diskurs mit dem philosophisch und theologisch gebildeten Preussen weltanschauliche und damit auch theologische Fragen im Zentrum standen. So erfahren wir im hier wiedergegebenen Brief, was Pestalozzi unter ‚Christentum' verstand. Offensichtlich hat Nicolovius ihm gegenüber zum Ausdruck gebracht, daß diese Auffassung nicht der protestantischen Orthodoxie entspreche, weshalb Pestalozzi - auf diesen Vorwurf Bezug nehmend - in einer Nebenbemerkung von seinem "Nicht-Christentum" spricht. Daraus zu schliessen, Pestalozzi habe sich selbst als "Nicht-Christen" bezeichnet, sich also persönlich vom Christentum distanziert - was in der Pestalozzi-Interpretation verschiedentlich geschehen ist -, ist eine unzulässige Überinterpretation. Der Ausdruck "Nicht-Christentum" ist kein Eingeständnis in bezug auf seine eigene Position, sondern eine Anspielung auf das Wissen, daß gewisse Theologen seine Position so einstufen. Auch sein Satz "Ich bin ungläubig" darf nicht als ein atheistisches Bekenntnis missdeutet werden, sondern bedeutet eine Abkehr von der orthodoxen christlichen Theologie sowie das Eingeständnis, nicht mehr praktizierender Protestant zu sein. In den ‚Nachforschungen', an denen Pestalozzi gleichzeitig schrieb, bekennt er sich klar zum Christentum.

Pestalozzis Brief an Nicolovius

Richterswil den 1. Oktober 1793

Teurer, teurer Lieber! daß ich Deine Unschuld nicht täusche, diese Pflicht durchdringt mein Herz, wenn ich Dich vor dem modernden Baum meines Lebens dastehen und Früchte zu erwarten sehe, die nicht zu ihrer Reife gekommen.

Doch ich rief Dich unter den modernden Baum; es jammerte mich einiger guten Kerne, die in schimmliger, ausgetrockneter Hülle unter seinen Ästen im Kot liegen. Ich habe nichts weiter zu sagen als: Achte ihren Wert nicht gross! Meine Antwort auf Dein geliebtes Letztes wird Dich mehr, als was ich sonst sagen konnte, hierüber in die Bahn der Wahrheit lenken.

Freund, im Gedränge meines Lebens verwirrt, trank ich wenig aus den reinen Quellen, aus denen die weisesten und besten Menschen, indem sie die innere Heiligung ihres Wesens zum ersten Geschäft ihres Lebens machen, hohe Kräfte schöpfen. Ach, das ganze Treiben meines Lebens ist ungereinigt von Selbstsucht und gemeinen Neigungen! Ich war zwar freilich von meiner Jugend an für jedes Gute empfänglich und für vieles lebhaft eingenommen. Aber das Kot der Welt, durch welches ich mich durcharbeiten sollte, hatte eine andere Ordnung, die ich nicht verstand und für die ich nicht gebildet war. Ich ward im kritischen Zeitpunkt meiner jugendlichen Ausreifung über meine Kräfte überladen, dadurch in Verwirrung gebracht und in einem hohen Grade unbefriedigt und missstimmt; also ging ich schwankend zwischen Gefühlen, die mich zur Religion hinzogen, und Urteilen, die mich von derselben weglenkten, den toten Weg meines Zeitalters. Ich liess das Wesentliche der Religion in meinem Innersten erkalten, ohne eigentlich gegen die Religion zu entscheiden. Ich verachtete die Papierwissenschaft von den Verhältnissen zwischen Gott und den Menschen, ebenso wie die Winkelexperimente [Pestalozzi spielt dabei auf Lavaters spiritistische Praktiken an], mit denen Lavater der armen Papierwissenschaft über diesen Gegenstand zu Hilfe kommen wollte.

Aber ich verlor wahrlich die wesentliche Kraft, die die wahre Gottesverehrung dem stillen Edlen erteilt, indem ich sorglos für mich selbst die Schale dieses guten Kerns nirgends des Aufhebens würdigte und den Kern nirgends nur Labsal und Befriedigung sichernd um mich fand. Also war ich nach meinem eigenen Gefühl in diesem Zeitpunkt im Wesentlichen dessen, was die menschlichen Kräfte zu ihrer grössten Reinheit ausbildet, sehr zurückgesetzt; vorzüglich und besonders verminderte der Schwindel meines unreifen Erziehungstraumes [Pestalozzi hat hier seine Armenanstalt im Auge; AB] meine innere, stille Kraft. Ich war durch Wirtschaftsfehler in diesem Gegenstand für ein halbes Menschenalter der zerschlagene Knecht eines Irrtums, dessen einseitige Wahrheit ich zu meinem Götzen gemacht habe; in unsäglichem Elend, das die Folgen dieses Götzendienstes über mich verhängten, verschwand die Kraft der wenigen, isolierten religiösen Gefühle meiner jüngeren Jahre.

Freund, so stand ich in dem Sumpf, in den ich gefallen war, eine Weile ganz still. Indessen entwickelten der Drang dieses Zustandes und die Erfahrungen, die ich in demselben täglich machte, in mir eine fast leidenschaftliche Angelegenheit, die Ordnung, die das Kot dieser Welt, in welches ich mich vertieft, hat, heiter zu machen und die Art und Weise ins Licht zu setzen, wie der Mensch, ohne wie ich darin zu versinken, sich durch daßelbe hindurcharbeiten könnte. Dieser nach meinem eigenen Gefühl beschränkte Gesichtspunkt ward nunmehr das einzige, wofür ich in meinem Innersten ein festes, lebhaftes und ununterbrochenes Interesse empfand. Die Art der Wahrheit, der ich mich also widmete, oder vielmehr, von der ich all mein Interesse verschlingen liess, ist also nicht eigentlich das höchste Ziel der inneren reinsten Veredelung des Menschen, es ist vielmehr bloss seine gute Bildung für die wesentlichen Bedürfnisse seines Erdenlebens. [Pestalozzi bezieht sich hier auf seine Ideen, wie er sie in ‚Lienhard und Gertrud' entwickelt hat; AB]

Ich kann und soll also nicht verhehlen: Meine Wahrheit ist an das Kot der Erde gebunden und also tief unter dem Engelgang, zu welchem Glauben und Liebe die Menschheit erheben mag. Du kennst Glüphis Stimmung, sie ist die meinige [siehe hierzu die berühmte LinkLeutnantsphilosophie; AB]. Ich bin ungläubig, nicht, weil ich den Unglauben für Wahrheit achte, sondern weil die Summe meiner Lebenseindrücke den Segen des Glaubens vielseitig aus meiner innersten Stimmung verschoben.

Von meinen Schicksalen also geführt, halte ich das Christentum für nichts anderes als für die reinste und edelste Modifikation der Lehre von der Erhebung des Geistes über das Fleisch, und diese Lehre für das grosse Geheimnis und das einzige mögliche Mittel, unsere Natur im Innersten ihres Wesens ihrer wahren Veredelung näherzubringen; oder, um mich deutlicher auszudrücken: durch innere Entwicklung der reinsten Gefühle der Liebe zur Herrschaft der Vernunft über die Sinne zu gelangen.

Das, glaube ich, sei das Wesen des Christentums. Aber ich glaube nicht, daß viele Menschen ihrer Natur nach fähig seien, Christen zu werden; ich glaube das Gros der Menschheit so wenig einer solchen allgemeinen inneren Veredelung fähig, als ich dasselbe im allgemeinen fähig glaube, irdische Kronen zu tragen. Ich glaube, das Christentum sei das Salz der Erde; aber so hoch ich dieses Salz auch schätze, so glaube ich dennoch, daß Gold und Steine und Sand und Perlen ihren Wert unabhängend von diesem Salz haben, und daß die Ordnung und die Nutzbarkeit aller dieser Dinge unabhängend von demselben muss ins Auge gefasst werden.

Ich glaube nämlich, alles Kot der Welt hat seine Ordnung und sein Recht unabhängend von dem Christentum und, Freund, indem sich meine Wahrheit auf das Forschen nach diesem Recht und nach dieser Ordnung beschränkt [Pestalozzi schrieb damals an seinen LinkNachforschungen; AB], fühle ich die Schranken meines Gesichtspunktes ganz. Aber dann ahnet mir auch, meine Stimme sei wie die Stimme eines Rufenden in der Wüste, einem anderen, der nach mir kommt, den Weg zu bereiten. Es ist mir oft nicht anders, als ich wüsste selbst nicht, was ich tue und wohin ich gehe. Indessen reisst mich mein Herz zu jedem Wort, das ich rede, mit unwiderstehlicher Gewalt hin, und indem ich vom Zauber der Schranken, der mich umfesselt, selbst leide, kann ich mir das Zeugnis geben: Es ist mir in dem Kreis, über den ich nicht hinauszugehen vermag, bei jedem Wort Ernst, das ich rede. So stehe ich ferne von der Vollendung meiner selbst und kenne die Höhen nicht, von denen mir ahnet, daß die vollendete Menschheit zu ihnen hinanzuklimmen vermag.

So viel, Freund, für diesmal von meinem Nicht-Christentum. Deine Antworten werden mich zu weiterer Entwicklung meiner diesfälligen Begriffe hinlenken.

... Ich bin nun in Richterswil. Dr. Hotze macht eine Reise von etlichen Monaten, und ich bin nun in seiner Abwesenheit in seinem Haus ohne Geschäft und ohne Zerstreuung. Freue Dich, Freund, dieses Glücks, das ich nun einige Monate geniessen werde! Zu dieser Zeit gedenke ich 1. an einem vierten Teil von Lienhard und Gertrud zu arbeiten. Ich werde von nun an wirklich meinen Schriftstellerverdienst als Ressource für meinen Plan zur Volksbildung mehr auszudehnen trachten und, so wie die Wichtigkeit meiner Erfahrungen und der Eindruck meiner Manier jetzt mehr als bisher erkannt wird, so glaube ich, mich in meinen diesfälligen Hoffnungen nicht zu täuschen, sondern eines grösseren schriftstellerischen Verdiensts sicher zu sein. Ich zähle hierin am meisten auf die Chronik von Bonnal, in der ich die Führung der niederen Menschen vom 14. Jahrhundert herab geschichtlich enthüllen und in den etlichen und neunzig Charakteren meines Buches alles, was mich die wahre Aufklärung des Volkes zu befördern dienlich dünkt, als ausgeführt und vollendet geschichtlich darlegen will [Pestalozzi hat diesen Plan nie ausgeführt; AB] .

Ihre Züge der verdanke ich Ihnen. Sagen Sie der Edlen, mit hundert Weibern wie sie könnte man Europas Fieber heilen und der drohenden Verwirrung des Weltteils ein sicheres Ende machen. Es wäre den Fürsten so leicht, der Erde zu helfen; aber sie sind so egoistisch als ihre Aufrührer. Darum werden sie es nicht können. Und im Bewusstsein meiner Kraft, wenn ich den schrecklichen Lauf der Dinge sehe und den Unbefangenen aller Stände Wahrheit zu sagen, die sie nirgends hören, meine Pflicht fühle, meine Lebenserfahrungen alle darzulegen und keinen Augenblick mehr zu versäumen, sie mir selbst noch von allen Seiten heiter zu machen, denn, Freund, werfe ich mein Auge auf Sie und sage mir selbst: Ich darf jeden Wunsch meines Herzens in den Schoss dieses Manns werfen. Er leiht meiner nahenden Schwäche den Arm seiner Jugend, und mit ihm vereinigt, wirke ich sicher über mein Grab und durch viele, die ich ohne ihn nicht finden würde. Lieber! Der Drang meines Innersten, die Endzwecke in einem ausgedehnten Kreis zu erzielen, wird immer grösser, und die Kenntnisse und Erfahrungen vieler Menschen, die Wahrheit und Liebe auf anderen Wegen fanden, mit den meinigen zu vereinigen, zu diesem Endzweck zu vereinigen, wird mir dringend. Darum danke ich Gott, daß ich Sie gefunden und mein Herz an das Ihre anschliessen darf; auch für jedes gute Wort, das Sie gegen Jacobi [gemeint ist der Philosoph Friedrich Heinrich Jacobi, 1743 1819; AB] von mir fallen lassen, danke ich Ihnen.

Seine Achtung erhebt mein Herz um so mehr, als ich für mein Leben nicht erwartete, die allgemeine Misskennung, die mein Schicksal über mich verhängte, enden zu sehen. Ich hoffte dieses nur nach meinem Tod. (PSB 3, S. 298 ff.)