"Tagebuch über die Erziehung meines Sohnes"

Jacques war 3 ½ Jahre alt, als Pestalozzi ihn einem systematischen Unterricht zu unterziehen versuchte. Regelmässige Fächer waren Buchstabieren, Rechtschreibung, Zeichnen und Latein. Das Tagebuch zeigt einerseits Pestalozzis feste Absicht, seinen Sohn nach Rousseaus Grundsätzen zu erziehen, andererseits aber auch sein Abrücken von Rousseaus Theorie, da sie sich in der Praxis in zentralen Belangen als undurchführbar erwies. Dies betrifft insbesondere Rousseaus Ansicht, daß das Kind vor der Pubertät rein natürlich zu erziehen sei und daß die gesellschaftliche Erziehung erst in der Pubertät einzusetzen habe. Da nun aber der Gehorsam ein gesellschaftliches Verhältnis zwischen Menschen darstellt, lehnte Rousseau ihn ab und setzte an dessen Stelle - und neben die Freiheit - für die ersten 15 Lebensjahre den Zwang durch die Unbeugsamkeit der Natur. Pestalozzi musste als Praktiker erkennen, daß das zeitliche Hintereinanderstellen von natürlicher und gesellschaftlicher Erziehung unrealistisch ist, daß also vielmehr die natürliche und die gesellschaftliche Erziehung schon von Geburt an miteinander zu verbinden sind. Demnach dürfen auch die Freiheit und der Zwang durch die Natur als die beiden wichtigsten Elemente der natürlichen Erziehung und der Gehorsam als ein Element der gesellschaftlichen Erziehung nicht getrennt, sondern müssen miteinander verbunden werden.

In den folgenden Jahren hat Pestalozzi die Notwendigkeit der Eingewöhnung in die Gesellschaft und damit die Angewöhnung des Kindes auch an beschwerliche Arbeit wesentlich stärker betont (man vergleiche hierzu die Briefe an N.E. Tscharner, PSW 1, S. 142 ff.). Der späte Pestalozzi hat dann den Gehorsam nicht mehr aus der Verknüpfung mit den notwendigen Folgen der natürlichen Dinge abgeleitet, sondern ihn gesehen als einen Ausdruck einer natürlichen Beziehung zwischen Mutter und Kind.

"Wo soll ich die Grenzen zwischen Freiheit und Gehorsam, dessen frühe Angewöhnung im sozietätischen Leben notwendig ist, finden?

Gründe für Freiheit: Gründe für Gehorsam:
Jede Hemmung der Freiheit legt den Widerwillen des Hemmenden in das Herz der Kinder. Es ist ohne ihn keine Erziehung möglich, da wir auch unter den vorteilhaftesten Umständen kein einziges Mal dem Kind seinen Willen nicht lassen könnten.
Die Erfahrung zeigt, daß die am meisten gehemmten Kinder durch Ausgelassenheit sich die Hemmung ihres Willens bezahlt machen. Es sind hundert schnell wirkende Umstände, wo die ungehemmte Freiheit sein Tod ist.
Kinder in ihrem Willen zu hemmen, ist ohne Reizung verschiedener Leidenschaften nicht möglich. Es sind im sozietätischen Leben Fertigkeiten und Angewöhnungen notwendig, die sich unmöglich bei der ungehemmten Freiheit bilden lassen.
Die Freiheit, mit Weisheit geleitet, führt zu einem offenen Aug' und Ohr. Die Leidenschaften sind nicht ausgerottet durch die Freiheit; ihre Entwicklung ist nur zurückgehalten. Emil zittert vor Eitelkeit, den Taschenspieler zu übertreffen.
Sie strömt Ruhe, Gleichmütigkeit und Freude in das Herz der Kinder. Diese völlige Freiheit setzt eine Führung voraus, welche das Kind ganz, aber allein von der Natur der Sachen und nicht von der Willkür der Menschen, abhänglich macht. Und selbst Rousseau redet von der Gefahr des Feuers von schwierigen Charaktern, die man früh auf eine Art zurückhalten muss, die die sozietätische Abhänglichkeit voraussetzt, (von) Menschen, denen eine ganz freie Kindheit unfehlbar Fesseln und Banden in den Jugendjahren zuziehen müsste.

Wo liegt der Fehler? Die Wahrheit ist nicht einseitig. Freiheit ist ein Gut und Gehorsam ist es ebenfalls. Wir müssen verbinden, was Rousseau getrennt (hat). Überzeugt von dem Elend einer unweisen Hemmung, die die Geschlechter der Menschen erniederte, fand er keine Grenze der Freiheit.

Lass uns die Weisheit seiner Grundsätze anwendbar machen. Lehrer, sei von dem Guten der Freiheit überzeugt; lass deine Eitelkeit nicht in Treibung unreifer Früchte dich kitzeln. Dein Kind sei frei, so sehr es immer kann; schätze jede Möglichkeit, ihm Freiheit und Ruhe und Gleichmütigkeit zu geben; alles, gar alles, was du durch die Folgen der inneren Natur der Sachen lehren kannst, das lehre nicht mit Worten. Lass ihn sehen und hören und finden und fallen und aufstehen und irren; keine Worte, wo Handlung, wo Tat möglich; was er selbst tun kann, das soll er tun. Du wirst sehen, daß die Natur ihn besser lehrt, als Menschen. Aber wenn du die Notwendigkeit, ihn zum Gehorsam zu gewöhnen, einsiehst, so bereite dich selbst, ihn zu dieser bei einer freien Auferziehung schwierigen Pflicht zu erziehen, mit aller Sorgfalt.

Gedenke, daß alle Hemmung Misstrauen zeugt; und deine Arbeit ist verloren, wenn dieses keimt. Versichere dich also des Herzens deines Kindes, mache dich ihm notwendig; es habe keinen gefälligeren, keinen muntereren Kameraden, keinen, den es lieber zu seinem Lustigmachen bei sich hat, als dich. Es soll dir trauen; wenn es oft etwas will, das du nicht gutheissen kannst, so sag ihm die Folgen und lass ihm Freiheit, aber mache ihm die Folgen recht merkbar. Zeig ihm immer den rechten Weg; geht es seitwärts in Schlamm und steckt, trag es heraus. Es sei gewohnt, hundertmal von dir gewarnt und durch Mangel des Gebrauchs der Warnung durch seine ungehemmte Freiheit in unangenehme und recht lebhaft unangenehme Lagen geführt zu werden. Wenn du durch Leitung der Umstände es dahin bringst, daß es die Folgen in der Natur der Dinge, so wie sie ihm empfindbar wirken, mit deinem Rat und mit deiner Warnung übereinstimmend zu wissen und zu empfinden gewohnt ist, so wird bei hundert immer zum Zutrauen fortwirkenden Ursachen die notwendige Hemmung seiner Freiheit unmöglich das Übergewicht zum Misstrauen geben können. Es soll dem weisen Führer, dem richtig warnenden Vater gehorsamen, aber der Führer muss nur zur Notwendigkeit befehlen; keine Laune, keine Eitelkeit, kein Hang zum unnötigen Wissen verunstalte die Befehle. Wenn ihr etwas befehlen müsst, so wartet, wenn ihr könnt, auf einen Anlass, wo die Natur der Dinge ihren Fehler fühlbar gemacht hat und das Kind durch die Folgen des Fehlers schon zur natürlichen Empfindung der Notwendigkeit des Befehls geführt ist. Wenn ich z.B. das unangenehme Anrühren aller Sachen verbieten will, so gehe ich diesen Weg: Ich stelle zwei Platten, eine kalt, eine siedend, auf den Tisch; ich wasche in der kalten die Hand und stelle die siedende so, daß der Kleine gewiss probieren und seine Hände brennen wird. "Man sollte nicht alles anrühren, was man nicht kennt", ist meine ganze Anmerkung, wenn ich mit Öl den Brand stille. Ein paar Tage später stelle ich heisse Eier dar; gleich wird er sie wieder nehmen und sich wieder brennen. Dann sage ich: "Ich mag nicht, daß du allezeit dich brennst. Lass die Sachen sein, bis du sie kennst, und frage mich, was auf dem Tisch ist, ob du es anrühren darfst." So bereitet, bin ich ausser Gefahr gegen sein Zutrauen. Aber dann bleibe ich beim Verbot: Was auf dem Tisch ist, darf nicht weiter angerührt werden.

Ich fühle zwar, daß, so gut diese Zubereitung ist, so ist sie nicht immer möglich. Mich dünkt, wenn der Lehrer in weit den meisten Fällen mit solcher Zubereitung, mit solcher Sorgfalt handelt, so seien wenigere Fälle, wo es ihm unmöglich ist, ohne Folgen, und er könne in den weit mehreren möglichen Fällen und in seinem ganzen, von aller Willkür fernen Betragen mit Sicherheit auswirken, daß die wenigen Befehle, bei denen solche Vorbereitung unmöglich (sind), in dem Herzen des Kindes voll Zutrauen keinen falschen Schwung nehmen.

Es ist so viel Willkürliches, Mühsames und dabei absolut Notwendiges in den Vorbereitungen zu den Pflichten, Angewöhnungen und Fertigkeiten des sozietätischen Lebens, daß ich unmöglich ihn zum brauchbaren Bürger bilden kann, ohne z.B. frühe Stunden zur Arbeit zu haben, darin vieles ist, das er jetzt nicht ganz versteht und das unmöglich nach dem Grundsatz, nichts mit ihm vorzunehmen, als was er gegenwärtig für sich brauchbar findet, erreicht werden kann.

Was ist hier zu tun? Ich setze zum voraus, du habest mit ganzer Seele für das Zutrauen des Kindes gearbeitet, du seiest ihm in seinen Freuden notwendig, in deinem Charakter sei nichts zu willkürlichen Befehlen sich Neigendes. Dann bereite das Kind zum Gehorsam dieser Notwendigkeit mit Sorgfalt und Weisheit; Pflicht und Gehorsam werden ihm Freude! Ich sage dir: Nicht mit der Vielwisserei des Jahrhunderts sollst du voreilen.

Beim Genuss der grössten Freuden der Freiheit nimm eine Arbeit von der angenehmsten und dem Kind reizendsten Seiten zur Hand; beobachte genau, überlade nicht; fort mit der Arbeit (und hin) zur Freude! Nimm du so viel Anteil an seiner Freude, als es Anteil an deiner Arbeit nimmt!

Mache alle Umstände zusammentreffen, Gehorsam und Arbeit angenehm zu machen. Wähle unter aller menschlichen Erkenntnis die leichteste, die, so am meisten Reize für Kinder haben kann, ihn zur Arbeit, die das Sitzen eine Stunde notwendig macht, zu gewöhnen (geeignet ist). Es sei der Hang zur Nachahmung dein Leitfaden. Du hast einen Ofen in der Stube; zeichne ihn ab. Wenn dein Kind im ganzen Jahr kein Viereck herausbringt, so wird es sich zum Sitzen und zur Arbeit gewöhnen. Die Vergleichungen mathematischer Figuren und Grössen sind Stoff zu Spielen und Lehren der Weisheit. Einen eigenen Garten zu besorgen und allenthalben her Pflanzen darin zu sammeln, Puppen und Käfer mit Ordnung, Genauheit und Fleiss zu sammeln und aufzubehalten, welche Vorbereitungen zum bürgerlichen Leben! welche Zäume für Trägheit und Wildheit! und wie fern alles von aller Erkenntnis, die nicht für Kinder ist, die fast allein im Buch der Natur lesen sollen! Je weniger Arbeit du befiehlst und je mehrere Mühe du dir gibst, deine Befehle angenehm zu machen, desto notwendiger ist dann die Folge dieser Befehle: Pflicht und Gehorsam sollen unauflöslich binden, zur Freude führen. Auch muss der Mensch in wenigen Fällen blind gehorchen.

Eine wichtige Anmerkung wegen der leichten Erreichung des Gehorsams ist diese, daß sie alles Verbotene ohne Zweideutigkeit richtig als verboten kennen. Nichts führt zu einem so erbitternden Unwillen als Ungewissheit, die als Fehler gestraft wird. Wer die Unschuld straft, der verliert das Herz! Wir müssen uns nicht vorstellen, daß das Kind von selbst wisse, was schaden würde oder was uns wichtig sei." (PSW 1, S. 126 ff.)