An die Unschuld, den Ernst und den Edelmuth meines Zeitalters und meines Vaterlandes (1815), kurz: "An die Unschuld"

Textauszug []

Die Ansichten dieser Bogen sind die Ansichten meines Lebens, aber es brauchte die ganze Größe unserer Zeitbegegnisse, um sie mir selber in dem Kolorit vorzustellen, in dem ich sie heute dem Publikum darlege. Im letzten Drittel meiner Lebensjahre drängten sich die dieses Kolorit begründenden Weltbegegnisse aufeinander, wie sie sonst, durch Jahrhunderte getrennt, kaum aufeinander folgen. Der Weltteil ist vom Wunder ihrer Größe und ihres schnellen Wechsels ergriffen; aber man geht, besonders in meinem Vaterlande, im Rückblick auf denselben nur bis zur Revolution und beachtet die diesem Weltbegegnis vorhergegangene Welt- und Staatenschwäche so wenig, als wenn sie nicht dazu gehörte.

Das ist unrecht; es ist sehr unrecht. Die Revolution ist in ihrem Wesen nur eine Fortsetzung, aber freilich eine in Verwilderung ausgeartete Fortsetzung dieser Schwäche, und der jetzige Zustand unser selbst, insofern wir ihn als eine Folge dieses Begegnisses und seines Einflußes auf uns ins Auge fassen müssen, ist ein redender Beweis, daß wir die Weltschwäche, die der Revolution vorhergegangen, noch nicht hinter uns haben.

Das ist so gewiß, daß wir auch jetzt noch hier und da die wesentlichsten Angelegenheiten der Menschennatur revolutionär, das heißt auf eine Weise ins Auge fassen, wie wenn unser Geschlecht kein edles menschliches, sondern ein tierisches unmenschliches Geschlecht und die Eigentumslosigkeit eben wie das Eigentum keine heilige, keine göttliche Sache wäre. Es ist so gewiß, daß wir infolge dieser Zeitverirrung und ihrer leidenschaftlichen Mißstimmung noch jetzt Unsinn über Unsinn aussprechen, z.B. die liberalen Ideen seien die Quelle aller Weltübel und die illiberalen die Hilfsmittel dagegen. Ferner die Solidität des Volksunterrichts und die Kraftentfaltung der Menschennatur sei gefährlich, die Oberflächlichkeit desselben hingegen und das sinnliche, tierische Abrichten des Volkes sei das Tunlichste und Beste. [...]

Der Mensch kann in den Schranken seiner animalischen und vegetabilischen Entfaltung nicht Mensch werden. Das Leben innert diesen Schranken erzeugt eine Tierwelt, in der das Menschliche unserer Natur dasteht wie ein verlorener Kern einer heiligen Frucht in einer angefressenen und verfaulten Hülle. [...]

Der Mensch, über den irgendein tierischer Sinn volle Herrschaft erhalten, wird am Ende das Opfer seiner verlorenen höheren Menschennatur. Aber wie er sich selbst durch seinen Tiersinn dem Verderben hingibt, also opfert er auch sein Geschlecht []. Er wird lieblos wie der Fisch im Wasser, schonungslos wie die Schlange, die mit Gift tötet, und gewalttätig wie das Tier, dessen Rachen nach Blut dürstet. Er achtet den Armen für nichts. Er ist des Reichen Knecht wider Gott und wider sich selbst. Er haßt das Recht der Armen, und der Name "Menschenrecht" ist ihm ein Greuel, und er muß es ihm sein, denn er weiß, daß es wie das Armenrecht wider das Tierrecht ist, und sein Dichten und Trachten geht nur von diesem aus. Es kann von nichts anderem ausgehen, denn seine Bildung hat ihn auf der Stufe des Tiersinns gelassen. Er gelüstet auch nicht, sich über dieselbe zu erheben und dadurch zur Erkenntnis des wahren heiligen Wertes des Menschenrechts und des Armenrechts zu gelangen. Er ist ein unter die Stufen der wahren Menschennatur erniedrigtes Geschöpf, er fühlt dieses oft auch selber. Innere Unruhe verfolgt ihn, wenn er den Armen drängt, den Schwachen verhöhnt und die Leiden der Elenden weder mit Worten noch mit Taten mildert. Er muß vor sich selber entfliehen, er muß den Spiegel seines Lebens vor seinen Augen zerschlagen, damit er sich nicht selber in aller seiner Nacktheit erkenne. Das ist so wahr, daß er zu Zeiten etwas äußerlich Gutes tut und etwa den Feldbau oder die Viehzucht verbessert oder gar Wohltätigkeitsprojekte begünstigt, damit er sich selber in nötigen Augenblicken für einen guten und nützlichen Menschen, für einen Freund der Wahrheit und des Menschengeschlechts halten könne. Aber obgleich er das tut und zu Zeiten selber auf eine Weise, die ihm Ruhm und Ehre bringt, der Welt und sogar den Armen dient, er glaubt an nichts Gutes, er glaubt niemand gut, er hält niemand für dankbar, niemand für treu, niemand für unschuldig und reines Herzens und beruft sich hierüber auf seine Erfahrungen. Und er hat darin auch recht. Er hat diese nicht nur gemacht, er hat sie eigentlich erschaffen. Er hat seine Umgebungen so vergiftet, daß ein Mensch ein Engel sein müßte, um an seiner Seite dankbar, treu, unschuldig und reines Herzens zu werden.

Ganz anders ist die Richtung des Lebensganges des Menschen, dessen Bildung die reine Entfaltung der Menschlichkeit zu ihrem Fundament und zu ihrem Zweck hat und sich dadurch von dem Bildungsgang aller Wesen, die nicht Menschen sind, unterscheidet. Er verachtet jede Kraftäußerung, die ihn im Wesen oder auch nur in Form und Gestalt irgendeinem tierischen Geschöpf gleichstellt. Er ehrt Gott in der Menschennatur, er kennt ihren einzigen Wert in der Erhebung ihres inneren Wesens über ihren äußeren tierischen Sinn. Menschlichkeit ist ihm über alles. Er liebt den Armen, weil er den Menschen liebt. Er liebt das Armenrecht und das Menschenrecht, weil er alles liebt, was recht ist. Er haßt das Unrecht, er verachtet den, der es tut, er muß ihn verachten oder die Menschennatur nicht ehren. Er ehrt sie. Er glaubt an Menschengüte, er glaubt an Menschendank, an Menschentreue, aber er lebt auch, daß es schwer ist, in seiner Nähe zu wohnen und ihm nicht gut, gegen ihn nicht dankbar und ihm nicht treu zu werden. Er ist der Wahrheit Freund, er hat von ihr nichts zu fürchten; er ist der Lügen Feind, er hat von ihnen nichts zu hoffen. Er braucht die Täuschung weder für sein Gewand noch für seinen Schild, Liebe ist sein Gewand und die Wahrheit sein Schild. Gutes tun ist sein Leben, aber er treibt kein Geschäft der Welt, auch das Gutestun nicht, um seines äußeren Scheins willen.

Wenn die erste, die tierische Bildung von den sinnlichen Trieben unserer Natur ausgeht, so geht die zweite, die Menschlichkeitsbildung von den höheren Anlagen des menschlichen Geistes und des menschlichen Herzens und einer menschlich gebildeten Denk- und Kunstkraft hervor. Daher erhellt, daß der ganze Einfluß der Zivilisationsbildung, insofern er sich nur um das Äußerliche und Bürgerliche unseres Daseins herumtreibt und durch den Einfluß der Umgebungen der Masse, des Volkshaufens und der Einrichtungen, die für, durch oder auch wider diese da sind, bestimmt wird, insoweit als die Sache der sinnlichen tierischen Bildung unseres Geschlechtes anzusehen ist. Die richtige Erkenntnis dessen, was die Bildung zur Menschlichkeit, die Menschenbildung, die Volkskultur ist und sein muß, und hinwieder dessen, was die Sache der sinnlichen tierischen Entfaltung unseres Geschlechtes und insoweit der Zivilisation ist, ist also eine notwendige, eine Fundamentalerkenntnis eines jeden, der sich um die Erziehung unseres Geschlechtes bekümmert.

Die Einrichtungen, Maßregeln und Bildungsmittel, die um der Masse und des Volkshaufens und seiner Bedürfnisse als solcher willen gemacht werden, in welcher Form und Gestalt sie auch erscheinen, sind durchaus nicht die Sache der Volkskultur, sie sind durchaus nicht die Sache der Menschenbildung. In tausend Fällen taugen sie für sie gar nicht und stehen ihr geradezu entgegen. Unser Geschlecht bildet sich wesentlich nur von Angesicht zu Angesicht, nur von Herz zu Herz menschlich. Es bildet sich wesentlich nur in engen, kleinen, sich allmählich in Anmut und Liebe, in Sicherheit und Treu ausdehnenden Kreisen also.

Die Bildung zur Menschlichkeit, die Menschenbildung und alle ihre Mittel sind in ihrem Ursprung und in ihrem Wesen ewig die Sache des Individuums und solcher Einrichtungen, die sich eng und nahe an dasselbe, an sein Herz und an seinen Geist anschließen. Sie sind ewig nie die Sache der Menschenhaufen. Sie sind ewig nie die Sache der Zivilisation. Im Gegenteil: Die Unterordnung der Zivilisation unter die höheren Gesetze der Menschenbildung muß um so notwendiger als Forderung der Menschennatur selber angesehen werden, da sie, die Zivilisation, in ihren Mitteln und Folgen mit großer sinnlicher Gewalt auf die Schwäche und Schlechtheit und damit auf die große Mehrheit, auf die Masse, auf den Volkshaufen unseres Geschlechtes und dahin wirkt, daß er in der größten sittlichen, Geist- und Kunstverwahrlosung und Verwilderung, selbst in der höchsten diesfälligen Verkrüppelung seiner selbst, sinnlich befriedigt dastehen und durchaus das Gefühl des Bedürfnisses der Ausbildung der höheren und edleren Kräfte unserer Natur in sich selber verlieren kann. Dadurch muß sie dann der eigentlichen wahren Basis der Menschenbildung unbedingt entgegenwirken, indem sie die Zwecke des sinnlich tierischen Verderbens vielseitig begünstigt und ihre Resultate durch große sinnliche Reize und Täuschungsmittel verstärkt. [...]

Jede tierische Mutter, ob sie für sich als Tier auch noch so schlecht ist, will ihrem Kinde alles geben und alles sein, was sie ist, was sie bedarf, und selber, was sie gelüstet, ihren Tiersinn, ihren Tierfraß und ihre Tierkraft. Sie braucht hierzu auch keine Kunst und keine Mühe. Ihr Kind ist fast ohne ihr Zutun zu diesem Fraß, zu diesem Sinn, zu dieser Kraft von selbst reif. Aber die menschliche Mutter bedarf, um aus ihrem Kinde zu machen, was sie selbst ist, und ihm zu geben, was sie selbst bedarf und gelüstet, große Kunst, große Mühe, und zwar große menschliche Mühe und große menschliche Kunst. Es ist dem menschlichen Geiste fast unbegreiflich, wie das junge Tier so schnell alles werden und alles sein kann, was es sein soll, um so mehr, da die menschliche Entfaltung in dem Grad langsam und von fremder Hilfe, von fremdem Einfluß und von fremder Kunst abhängig, als das Tier davon unabhängig ist.

Physische Erhaltung und physische Selbstbeschützung ist das höchste und erste Ziel der tierischen Entfaltung, und das letzte, wozu der Mensch nach gebildeter und gereifter sittlicher, geistiger und Kunstkraft zu gelangen vermag. Erkennen wir den Unterschied der tierischen und menschlichen Entfaltung in ihrem sich entgegenstehenden Wesen, so ist uns das innere und höchste Geheimnis des Wesens der Menschenbildung aufgeschlossen, und wir sehen den Mittelpunkt des Unterschiedes, um welchen sich beides, die tierische und die menschliche Entfaltung in ewiger Trennung herumtreiben, in unbedingter Klarheit vor unseren Augen.

Aber verlassen wir einmal den Gesichtspunkt der tierischen, und heften uns einen Augenblick auf das Wesen der menschlichen Entfaltung. Diese ist in ihrer ersten Erscheinung mehr die vegetabilische Entfaltung eines seines Lebens unbewußten Pflanzenkeims als die Entfaltung eines seines tierischen Daseins bewußten lebendigen Wesens. Von diesem Zustand, der wochenlang dauert, geht das Kind durchaus nicht unmittelbar zum Bewußtsein seiner geistigen und physischen Kraft hinüber. Das erste Entfalten seines menschlichen Seins ist die Erscheinung seiner Gemütlichkeit []. Diese geht unmittelbar aus der Ruhe und der fast völligen Bewußtlosigkeit seines Seins hervor. In dieser, vor allen anderen Kräften erwachenden Gemütlichkeit des Kindes liegt dann aber auch der heilige Keim der reinen Entfaltung des ganzen Umfangs aller sittlichen, geistigen und physischen Kräfte seiner Natur. Das erste Leben des Säuglings ist durch die heilige Ruhe seiner ersten Tage gleichsam eine geweihte Fortsetzung seines von der äußeren Erscheinung der Welt geschiedenen und sich selbst unbewußten Lebens im Mutterleib; seine Bedeutung als diejenige des Anfangszustandes des ganzen Lebens des Kindes ist unermeßlich.

Der Mensch muß sich nicht tierisch lebendig, er muß sich gemütlich, er muß sich menschlich beruhigt entfalten, und diese Gemütsruhe - und selber [] ihr sinnlicher Anfangspunkt, das ungestörte Vegetieren in dieser Ruhe - ist die erste Grundlage der naturgemäßen progressiven Entfaltung aller unserer Kräfte.

Ich verweile mich etwas auf diesem Punkt. Das Menschenkind vegetiert, ehe sich sein tierisches Leben entfaltet. Das Eigentliche seines sich von allen anderen Geschöpfen unterscheidenden Wesens fordert das Stillstellen seiner tierischen Kraft, damit das Menschliche seines Seins sich von dieser ungestört entfalte. Dadurch wird das Bedürfnis eines mütterlichen Einflusses, einer mütterlichen Sorgfalt und einer mütterlichen Kunst auf die Entfaltung der menschlichen Kräfte entschieden, und das Wesen, das eigentlich Unterscheidende dieser Sorgfalt und Kunst, die kein mütterliches Geschöpf der Erde mit der menschlichen Mutter gemein hat, in ihr wahres Licht gesetzt. Wer diesen Unterschied nicht fühlt und die Folgen davon nicht für das ganze menschliche Leben und für die Führung unseres Geschlechts in allen seinen Verhältnissen zu ahnen vermag, der hat die Spur der Natur verloren und sich in den Irrwegen der Unnatur tief verwirrt. Mit welcher Kraft er auch in diesen Irrwegen vorschreite und zu welcher Höhe er sich auch in den Künsten einer nicht von Ruhe, Liebe und Anmut ausgehenden Bildung unseres Geschlechts erhebe, er ist von der einzigen Bahn der Entfaltung der reinen Menschlichkeit gewichen und wird sie auf den Wegen seiner Kunst durch keine Betriebsamkeit wieder finden. Ich stehe noch einmal bei dem Anfangspunkte des sich entfaltenden Lebens des menschlichen Kindes still. Ich sehe lange, lange keine tierische Kraftäußerung in ihm, und auch nicht einmal ein lebendiges Streben danach, ich sehe keine Spur des Gewaltsinnes, der alle tierische Jugend zur schnellen Entfaltung ihrer Kräfte hintreibt. Im Gegenteil, das erste Zeichen des inneren Lebens des Kindes ist sein himmlisches Lächeln, es ist die erste Regung eines über allen Tiersinn erhabenen und ihm ganz entgegenstehenden menschlichen Sinnes, es ist der Ausdruck des Frohsinns der inneren Befriedigung der menschlichen Erheiterung des Gemüts durch den Genuß der menschlichen Sorgfalt und Liebe, es ist die erste Spur der im Kinde entkeimenden Erkenntnis der Liebe. Dieses Lächeln geht dann bald in Anmut und in ein allgemeines liebliches Wesen hinüber.

Aus diesem entfaltet sich dann bald die Liebe zur Mutter und diese wird schnell eine anhaltende, eine ungetrennte, eine vollendete Liebe; und hier liegt wieder eine hohe Spur des erhabenen Ganges der Natur, die sich in jedem ihrer Schritte vollendet. Der erste Grad der sinnlichen Liebe ist im Säugling vollkommen; er mag an Alter und Kräften zunehmen, wie er will, er kann seine Mutter sinnlich nicht mehr, nicht inniger lieben, als er sie auf ihrem Schoße in der Unmündigkeit liebt. Seine Liebe auf ihrem Schoße ist eine vollkommene Liebe; wie sollte sie es nicht sein? Er lebt in ihr, er lebt durch sie, sie ist ihm über alles; seine Liebe ist Glaube, sie ist erheiternder, sie ist befriedigender Glaube an ihre Vorsorge. Durch diesen Glauben hebt sich im Kinde das Gefühl seiner Unbehilflichkeit von selbst auf, die Kraft der Mutter ist seine Kraft. Es weiß nicht, daß es keine eigene hat, und ahnt nicht, daß es einer bedürfe, es lebt in seiner Unbehilflichkeit im Glauben und Liebe und kennt kein Bedürfnis der Kraft, keine Gierigkeit, kein Streben nach einer solchen. So groß ist der Unterschied in der Richtung der Triebe zwischen dem menschlichen Säugling und dem tierischen. Dieser letzte lebt von der Stunde seiner Geburt an in sich selber im Gefühl seiner Kraft, er lebt durchaus nicht wie der menschliche in der Kraft der Mutter und durch sie, er lebt durchaus nicht im Glauben an sie, sondern in einer von der Stunde seiner Geburt sich äußernden lebendigen Gierigkeit nach dem Gebrauch seiner eigenen Kraft.

Daß doch unser Geschlecht diesen Unterschied in seiner ganzen Bedeutung erkennen und in der Erziehung seiner Kinder der Entfaltung des Menschlichen, das in seiner Natur liegt, derjenigen des tierischen in dem Grad den Vorzug geben möchte, den die Natur ihm selber gegeben. Daß doch unser Geschlecht die Stimme der Schöpfung, die die Stimme Gottes ist, hierin erkennen und tief fühlen lernte, daß, wenn der tierische Säugling innert Jahresfrist in allen seinen Kräften gereift ist und der Mensch hingegen so langsam zur Reifung seiner physischen und tierischen Kraft gelangt, diese Zurücksetzung seiner tierischen Kraft hinter die menschliche nur darum stattfindet, daß er durch den einfachen natürlichen Gang der Entfaltung seiner Kräfte gleichsam von selbst zur Überzeugung gelange, daß seine tierische sinnliche Kraft nicht die wesentliche seiner Natur ist, daß er vielmehr bestimmt ist, gegen dieselbe Herr über sich selbst zu werden, gegen alle Gewalt seiner tierischen Gelüste und gegen alle Macht seiner durch das menschliche und bürgerliche Verderben tierisch auf ihn wirkenden Umgebungen. Dieses Ziel, die Ansprüche unserer tierischen Natur dem höheren menschlichen Willen unseres Geistes und unseres Herzens zu unterwerfen, ist deshalb offenbar der Mittelpunkt und das Wesen der Sorge und der Kunst der menschlichen Erziehung und das erste Einzige, was darin nottut, ebenso, wie es das Wesen alles höheren und tiefer greifenden Einflusses auf die Sicherstellung der Menschlichkeit oder des reinen menschlichen Sinnes in allen möglichen Verhältnissen unseres Geschlechts ist. Wende dein Auge nicht leicht von diesem Ziel weg, fasse es in seinen Ursachen und Folgen so bedeutend und so ernsthaft auf, als es dieses verdient! So wie sich die menschliche Kraft im Glauben und durch denselben entfaltet, also entfaltet sich die höchste Kraft der sinnlichen Natur im Tier durch Mißtrauen und durch eben die Stimmung, aus der alles Denken, Fühlen und Tun der Schwäche unseres Geschlechts und des in der Kraft seiner Menschennatur entnervten und verdorbenen Mannes [] hervorgeht.

Offenbar ist die Basis der menschlichen Entfaltung und die Quelle, woraus alle menschliche Kraft hervorgeht, Unschuld, Liebe und Glauben, und hinwieder die Basis der tierischen und die Quelle, woraus aller Trieb derselben und zu derselben hervorgeht, ein mit der Unschuld, dem Glauben und der Liebe unvereinbares Mißtrauen unseres tierischen Verderbens. Die menschliche Kraft entfaltet sich im Kinde gleichsam durch das Verschwinden des Bewußtseins seiner Kraftlosigkeit im Glauben an die Mutter, die tierische hingegen durch das rege Bewußtsein seiner eigenen sinnlichen Kraft in Mißtrauen und Lieblosigkeit. Die menschliche Kraft entfaltet sich aus der Menschlichkeit selber, die tierische hingegen aus dem Wesen des tierischen Sinnes in uns durch Belebung von Kräften, die neben dem belebten inneren Wesen der Menschlichkeit nicht bestehen können; sie entfaltet sich aus dem Mangel an Menschlichkeit und an menschlichem Glauben selber. [...]

Vaterland! Unsere Väter dachten sich bei dem Wort "Wir sind frei" neben vielem anderen auch dieses: "Wir sind konstitutionell gesichert, von unseren Regierungen individualiter mit mehr Sorgfalt, mit mehr Schonung und mit mehr Edelmut behandelt zu werden, als wenn wir nicht frei wären."

Der Vorzug freier, oder welches im Wesen gleichviel ist, wahrhaft konstitutioneller Verfassungen besteht bestimmt in der gesetzlich eingelenkten und konstitutionell gesicherten Mäßigung der kollektiven Ansprüche unseres Geschlechtes, das heisst: des Staates und seiner Behörden gegen die Ansprüche der Individualexistenz der Bürger, gegen ihr häusliches Leben und ihren Stand und Beruf. Diese gesetzliche Sicherheit der Schonung der Individuallage der Bürger und der damit so innig verbundenen Schonung ihrer Standes-, Berufs- und Gemeinderechte sowie der durch diese Rechte erworbenen Güter selber bis auf die Erziehungs- und Armenfonds hinab, ist von solcher Wichtigkeit, daß wir die Natur und den Unterschied der kollektiven und individuellen Existenz unseres Geschlechts in ihren Ursachen und in ihren Folgen nicht genug ins Auge fassen können.

Die erste, die kollektive Existenz unseres Geschlechts nimmt an sich und als solche vorzüglich diejenigen Kräfte und Anlagen unserer Natur in Anspruch, die wir mit den Tieren des Feldes gemein haben. Deshalb hat auch die Bildung zur Zivilisation wesentlich und vorzüglich die Ausbildung eben dieser Kräfte und Anlagen zum Gegenstand, woraus denn folgt, daß diese Bildung, wie sie an sich und isoliert in ihrer Beschränkung da steht, nichts anderes anspricht und ansprechen kann als gesellschaftliche Ausbildung des tierischen Sinnes und der tierischen Kraft unserer Natur; und hinwieder, daß tierische Beschränkung in menschlichen Anlagen und tierische Verwilderung im menschlichen Streben eine unausweichliche Folge dieser Bildung sein müßten, wenn sie, isoliert sich selbst überlassen, auf die menschliche Natur einwirkte.

Es ist offenbar, diese Bildung begünstigt, also ins Auge gefaßt, die Fortdauer des inneren Geistes und des inneren Strebens des wilden Naturlebens. Sie macht mitten im gesellschaftlichen Zustand eine tierisch gewaltsame Denkungs- und Handlungsweise nicht nur möglich, sondern selber als übereinstimmend mit ihr selbst und ihren Zwecken in die Augen fallen. Nicht nur das, sie ist an sich auch geeignet, die bürgerliche Gewalttätigkeit solcher Denkungs- und Handlungsweisen im gesellschaftlichen Zustand in Kunst- und Rechtsformen umzugestalten, deren inneres Wesen nicht nur nicht edler und menschlicher, sondern vielmehr noch oft wesentlich niederträchtiger und der Menschennatur unwürdiger ist als die Handlungen der wilden Höhlenbewohner. In diesem Zustand geht das also umgestaltete gewaltsame Leben der bürgerlichen Übermacht nicht bloß, wie beim Wilden, von dem einfach, aber kraftvoll entfalteten Tiersinn unserer Natur aus, sondern es benutzt noch das innere Verderben der künstlichen Ausbildung der höheren menschlichen Kräfte zu seiner Unterstützung; es nährt sich an diesem Verderben und wird, wo eine wirkliche Kultur des Wesens der Menschennatur vorhanden, nur durch gewaltsame Unterdrückung der schon zum Bewußtsein gekommenen höheren Ansichten und höheren Ansprüche dieser Natur möglich gemacht.

Die zweite, die individuelle Existenz unseres Geschlechts, nimmt im Gegensatz gegen die kollektive den ganzen Umfang unserer Kräfte und Anlagen und besonders diejenigen in Anspruch, die wir mit keinen Geschöpfen der Welt, die nicht Menschen sind, gemein haben. Daher ist denn auch die aus dem Bedürfnis dieser Existenz hervorgehende Kultur geeignet, den eingeschränkten und die Menschennatur nicht befriedigenden Erfolg der Zivilisationsbildung menschlich auszudehnen, zu erheben und zu veredeln. Sie ist geeignet, der sinnlich-tierischen Kraftentfaltung, die die bloße Zivilisationsbildung begünstigt, ein Gegengewicht zu verschaffen, durch welches die Fortdauer des inneren Geistes und des inneren Strebens des wilden Naturlebens im gesellschaftlichen Zustand gehemmt, seine tierisch-gewaltsame Denk- und Handlungsweise gemildert und selber der Kunstkraft, mit der es [das wilde Naturleben] in diesem Zustand den Trug seiner Selbstsucht in Rechts- und Gerechtigkeitsformen umwandelt, ein Ziel [eine Grenze] gesetzt werden kann. Dadurch, nur dadurch allein kann aber auch dem Geist des wilden Naturlebens - dem verfänglichen Raffinement, mit welchem [man] im bürgerlichen Zustande so oft das Übermaß der Niederträchtigkeit und der Unwürdigkeit bürgerlich bedeckt und als rechtsförmlich durchschlüpfen macht - sein gefährlichster Stachel benommen werden.

Das Individuum, wie es dasteht vor Gott, vor seinem Nächsten und vor sich selber, von Wahrheit und Liebe in sich selber gegen Gott und den Nächsten ergriffen, ist die einzige reine Basis der wahren Veredelung der Menschennatur und der sie bezweckenden wahren Nationalkultur.

Die Haushaltung, der enge Kreis von Vater und Mutter, wie er sich allmählich ausdehnt in Kinder, Verwandte, Hausgenossen, Gesinde und Arbeiter, ist in Rücksicht auf diese Veredelung der höchste Näherungspunkt des heiligen, ganz reinen Kultur-Standpunktes der Individualität. Da, im Umkreis seiner Haushaltung, in der heiligen Näherung zur Individualität, das heisst des Individuums an das Individuum, findet unser Geschlecht gleichsam von Gott gegeben die eigentlichen unwandelbaren Mittel der naturgemäßen, allgemein harmonischen und progressiv steigenden Entfaltung des ganzen Umfanges seiner humanen Kräfte und Anlagen und mit diesen die eigentlichen unwandelbaren Mittel seiner Veredelung.

Je mehr sich der Mensch von diesem heiligen Kreis seiner naturgemäßen Entfaltung und der dadurch zu bezweckenden Veredelung seiner selbst entfernt, desto mehr entfernt er sich auch von dem Mittelpunkt seiner Gewalt gegen sein eigenes tierisches Sein und gegen alles unedle Treiben der kollektiven Existenz unseres Geschlechts und mithin von der Basis der heiligen, in ihm wohnenden Selbstkraft gegen das Unterliegen unter seine sinnlich-tierische Natur und unter das mit ihm so innig verbundene Zivilisationsverderben. Das Recht der individuellen Kultur ist also in seinem Wesen ein höheres Recht der Menschennatur als das Recht der bürgerlichen Zivilisation und ihrer Ansprüche.

Die Regierungen der Staaten scheinen diesen Gesichtspunkt fast in allen Epochen der kultivierten Menschheit wirklich, wo nicht erkannt, doch anerkannt zu haben. Der Unterschied, den sie fast allgemein zwischen der Art, wie sie die Angelegenheiten der Justiz, der Finanzen, der Polizei und des Militärs und hingegen diejenigen der Kirche, der Schulen und des Armenwesens ansehen und behandeln, zeigt unwidersprechlich, daß ein inneres Gefühl von dem höheren heiligen Wert der individuellen Existenz unseres Geschlechts gegen die kollektive allgemein in der Tiefe der Menschennatur stattfinde und in den Geist jeder Gesetzgebung, selber dem Gesetzgeber unbewußt, hineindringe. Alle Regierungen behandeln die Angelegenheiten der Justiz, der Polizei, der Finanzen und des Militärs unbedingt als reine Angelegenheiten der kollektiven Existenz unseres Geschlechts, des Staates; die Kirchen-, Schul- und Armenangelegenheiten hingegen als Gegenstände, die, von der Rechtsansprache der kollektiven Existenz unseres Geschlechts gewissermaßen unabhängig, die Sache der Individualität und des engeren häuslichen Lebens unseres Geschlechts sind. Sie sind selbst in ihrer höchsten Allgemeinheit nicht nur nie bloß statistisch, sondern überall und immer wesentlich vaterländisch betrachtet worden.

Sie sind dieses. Kirchen-, Schul- und Armenwesen sind im Staate unwidersprechlich und vorzüglich als die Sache der individuellen Existenz unseres Geschlechts anzusehen. [...]