Ansichten, Erfahrungen und Mittel zur Beförderung einer der Menschennatur angemessenen Erziehungsweise (1806), kurz: "Ansichten und Erfahrungen"

Textauszug

Jeder den Bedürfnissen der Menschennatur wahrhaft angemessene und sie wahrhaft zu befriedigen fähige Erziehungsversuch muß seiner Natur nach das Wesentliche alles dessen in sich vereinigen, was jeder gute Vater, jede gute Mutter und jeder gute Lehrer in sich selbst findet und durch sein ganzes Tun kraftvoll darstellt und ausspricht. Daher findet auch jeder Mann, dem ein solcher Versuch gelingt, in der ganzen Masse aller wirklich guten Eltern und aller wirklich guten Lehrer seine ihm eigene Welt. Er findet in der ausgesprochenen Geistes- und Herzensrichtung aller dieser Eltern und Lehrer den reinen Ausdruck seiner eigenen Geistes- und Herzensrichtung. Er findet in ihrem Willen seinen Willen, in ihren Zwecken seine Zwecke, in ihren Freuden seine Freuden, in ihren Leiden seine Leiden, in ihren Erfahrungen seine Erfahrungen, in ihren Mitteln seine Mittel.

Daher muß auch ein jeder darin gelungener Versuch es dadurch, daß er wirklich gelungen, notwendig dahin bringen, daß, wer immer ein unverschrobenes Auge für das, was allgemein gut und recht ist, besitzt, auch finden muß, er ist recht, er ist gut, er ist gelungen. Er kann nicht anders, er muß, wenn er gelungen, also sein, daß jeder gute Vater, jede gute Mutter und jeder gute Lehrer, sobald er als Tatsache vor seinen Augen steht, es aussprechen muß: "Das, was ich hier sehe, ist mir nicht neu, es lag, ehe ich es hier sah, schon in mir, und das, was ich hierüber selbst tue, ist vielseitig in eben diesem Geist."

Noch einmal: Wenn ein Versuch hierin als gelungen angesehen werden soll, so muß er, insoweit er in die Menschennatur eingreift, ihren Bedürfnissen in ihrem ganzen Umfang ein Genüge leisten und hinwieder allen Verhältnissen der Menschen anpassen. Wenn er gelungen sein will, so muß er also sein, daß die Einfalt in der Strohhütte, die einseitige Kraft in den Werkstätten und diejenige in den Palästen seine Resultate einstimmig als gut anerkennen, und er muß so sein, daß er dem Geschäftsmann und dem Denker in jedem Fach den Wunsch abdringe: "Könnte ich wieder ein Kind sein, ich würde in dem, was ich bin und sein soll, ein anderer Mensch, ich würde dadurch in meinem Fach besser und weiter geführt, als ich darin geführt worden bin." Kurz, ein hierin gelungener Versuch muß, wie die Gottesfurcht, zu allem Guten gut sein, er muß dem Christen als Gewinn für das Reich Gottes, dem Mann des Volkes als Gewinn für das Volk erscheinen. Er muß so sein, daß er in der ganzen Masse alles wirklichen Guten, das zerstreut in unserem Geschlecht noch vielseitig warm und fest dasteht, seine ihm eigene Welt findet, an die er sich vermöge der ewigen inneren Gleichheit alles wirklichen Guten ankettet und anketten muß.

Aber wenn er auch da ist, dieser Versuch, wenn er auch in seinem Wesen gelungen, wie kann, wie soll man ihn äußerlich erscheinen machen, daß er also allen alles wird. Wie kann man ihn so darstellen, daß er im Auge eines jeden wirklich erscheint, wie er erscheinen muß, um ihm zu sein, was er ihm sein soll, ihn zu reizen, wie er ihn reizen soll, und ihn zu überzeugen, wie er ihn überzeugen soll?

Also auch mein Versuch: Wenn er gelungen, wie kann ich ihn mit seiner ihm eigenen Welt in Verbindung bringen, wie kann ich machen, daß jeder, dem er dienen könnte, so weit in sein Wesen dringe, als er darin dringen muß, um genügsamen Willen und genügsame Kraft zu erhalten, das davon sich eigen zu machen, was er wirklich sich eigen machen muß, um in seiner Lage und in seinen Verhältnissen von ihm Nutzen zu ziehen?

So unabänderlich er in seinem Wesen ist und so gewiß er nur durch die Unabänderlichkeit seines Wesens auf alles Zufällige und Willkürliche in der Welt richtig hinwirkt, so muß er dennoch äußerlich unendlich ungleich erscheinen, wenn er den Menschen in ihren ungleichen Lagen und Verhältnissen als ihnen wirklich genießbar und anwendbar dastehen soll. Er muß in seiner äußeren Erscheinung durchaus anders dastehen, wenn ihn der Reiche, er muß in derselben durchaus anders dastehen, wenn ihn der Arme, jeder in seiner Lage, mit Kraft und Leben ergreifen soll. Er muß anders dastehen, wenn er den Arbeiter befriedigen, und anders, wenn er den Denker anlocken, anders, wenn er bloß beim gesunden Menschenverstand Eingang finden, anders, wenn er sich durch alle Krümmungen eines anmaßlichen, oberflächlichen Wissens und seiner unerschöpflichen Geschwätzkunst siegend hindurcharbeiten, und noch anders, wenn er sogar den leidenschaftlichen Widersprüchen von Menschen den Tod geben soll, die, weil sie so viele Gründe haben, das Licht der Wahrheit zu scheuen, als die Maulwürfe das Licht der Sonne, in den dunklen Gängen von tausenderlei Ausflüchten gegen dieselbe herumzukriechen und herumzuspringen so geübt und gewohnt sind als diese Mäusearten in ihren Hohlwegen unter dem Boden.

Ebenso muß mein Versuch anders erscheinen, wenn er dem städtischen Weibe, und anders, wenn er der ländlichen Frau, jeder in der Eigenheit ihrer Lage, reizend und befriedigend dastehen, anders, wenn er dem städtischen, anders, wenn er dem ländlichen Schulwesen, anders, wenn er den öffentlichen Waisenhäusern, und anders, wenn er den Privaterziehungsanstalten genugtuend dienen soll.

Das gesellschaftliche Leben hat die Menschen also getrennt und stellt ihnen Wahrheit und Recht in der Hülle der Eigenheiten ihres Standes [] so ungleich, aber so ganz und so innig und allgemein mit dieser Hülle verwoben dar, daß sie im allgemeinen eigentlich ganz unfähig sind, Wahrheit und Recht, wenn sie ihnen außer den Ansichten, Reizen und Mitteln ihrer Umgebungen herausgeworfen erscheinen, zu erkennen, will geschweigen, sie zu ergreifen und zu benutzen. Auch der bestgelungene Erziehungsversuch kann deshalb nur dann dem Menschengeschlecht wohltätig und genießbar werden, wenn er für jeden Stand und für jedes Verhältnis in der Hülle und in der Schale erscheint, in der dieser Stand Wahrheit und Recht allein zu erkennen vermag.

Nur dadurch findet ein solcher Versuch in dieser Welt seine Welt, das heisst: bei jedem braven Mann, bei jedem braven Weib, in jeder Dorfschule, in jeder Stadtschule, in jedem Waisenhaus und in jeder Erziehungsanstalt Anschließungspunkte alles Guten, das in ihm liegt, an alles Gute, das in diesen Verhältnissen liegt. Nur dadurch kommt ein solcher Versuch dahin, daß alles Gute, das er hat, dem Menschengeschlecht in allen Verhältnissen brauchbar und wohltätig werden kann. </p> <p>Jeder Zustand, jede Einrichtung des gesellschaftlichen Lebens, Reichtum, Armut, Stadtleben, Landleben, Schulen, Wissenschaften, Waisenhäuser, Privaterziehungsanstalten, Arbeitsfächer, Berufsarten, kurz, jede Lage und jedes Verhältnis der Menschen hat in Rücksicht auf die richtige und allgemeine Ausbildung der Anlagen unseres Geschlechtes seine Vorteile und seine Nachteile. Und man muß beide genau kennen, um irgendeinem guten Erziehungsversuch eine Welt zu zeigen, darin er sich wirklich findet und finden kann. Jeder solche Versuch muß sich in jedem Verhältnis an die Eigenheiten dieses Verhältnisses anschließen, wenn er gedeihen soll, und so wie wir Mittel suchen, unseren Versuch wirksam zu machen, müssen wir auch notwendig die Verhältnisse, in denen wir ihn allein wirksam machen können, und die Vorteile und Nachteile, die diese Verhältnisse für unseren Zweck mit sich führen, ins Auge fassen.

Ich fange bei dem an, wonach die Menschen am meisten streben – ich fange bei Reichtum und Ansehen an:

Beides führt eine vielseitigere, freiere und umfassendere Ansicht der Welt, beides führt Überfluß an Kunst- und Erwerbungsmitteln alles Seltenen und Kostbaren, das in der Welt ist, mit sich. Was Geld und Ehre der Erziehung geben können, davon ist der Erzieher des Reichen im leichten Besitz. Aber Geld und Ehre geben unserem Geschlecht das, was für seine Erziehung das Wesentliche ist, nicht. Im Gegenteil, sie können – beides – der Kraft des Erziehers, dieses Wesentliche dem Kind zu geben, und der Kraft des Kindes, dieses Wesentliche rein aufzufassen und festzuhalten, in einem hohen Grad nachteilig und gefährlich werden. Reichtum und Ehre und noch weniger Halbreichtum und Halbehre umgibt den Menschen so selten, ohne sich – zum Nachteil seiner einfachen, naturgemäßen Ausbildung und seiner inneren Veredelung – seiner Sinnlichkeit zu bemächtigen. Als Genießungen, die nur wenigen zuteil werden, schwächen beide so leicht im Auge der Genießenden den Wert dessen, was alle Menschen leicht haben und leicht genießen können, und bringen Eltern, die in diesem Fall sind, so oft dahin, daß es ihnen weit wichtiger ist, den Schein, den Glanz und das Eigene, durch den diese Vorzüge ihre Besitzer auszeichnen, an ihren Kindern auffallen zu machen, als das Wesentliche, Unabänderliche und Ewige, wodurch sich die Menschennatur allein wirklich veredelt, in ihnen sicherzustellen. Wo das so ist, wo der grause Totenaltar des gesellschaftlichen Menschenverderbens also lichterloh brennt und die heilige Flamme des reinen inneren Menschenlebens bis auf ihren letzten Funken ausgelöscht ist und die standesverdorbene Mutter in ihrem Kind in den tausend Ungleichheiten ihrer Lage und ihrer Verhältnisse das gar nicht mehr achtet, dem ganz und gar nichts mehr rechnet, was ihr Kind als Kind seines Schöpfers und Vaters im Himmel wirklich ist, sondern nur dessen Rechnung trägt, was es als Kind des Hoch- und Wohl- und Insonders etc. etc. etc. Herrn, Herrn in und von und zu und daneben scheinen soll, da wird der Mann, der für das Wesen und den Umfang einer guten Erziehungsweise Sinn und Kraft hat, lieber den Staub von seinen Füßen schütteln und weitergehen, als sich mit einer Erziehung befassen, deren wesentliche Fundamente schon aufgelöst und in Staub zerronnen sind.

Das ist ein starkes Wort, aber es ist damit gar nicht gesagt, daß Reichtum und Ehre die Fundamente einer guten Erziehungsweise unbedingt ausschließen. Sie hindern sie, sie hindern sie mächtig, aber sie schließen sie nicht aus. Mitten im Gewühl von tausend durch diese Vorzüge irregelenkter Väter und Mütter wird der Mann, der für eine gute Menschenerziehung wirklich Kraft hat, immer hie und da das seltene Weib und den seltenen Mann finden, die in sich selbst und durch sich selbst höher als durch Stand und Geld sind, einen kraftvollen Sinn für das Ewige und Unveränderliche einer wahren und kraftvollen Menschenbildung haben. Solche seltenen Menschen, die als das Salz der Menschennatur in ihrem Stand angesehen werden müssen, weil sie mitten durch die Schwierigkeiten ihres Standes hindurch geworden sind, was sie sind, sind eben dadurch, weil sie also geworden, für sich und das Menschengeschlecht weit mehr als andere, die das, was sie sind, geworden sind, ohne ihre Schwierigkeiten durchlaufen zu haben [] . Naht euch ihnen mit Ehrfurcht, Freunde der Armut, der Jugend und der Menschheit! Wenn eure Wünsche rein sind, das Herz dieser Edlen ist ihnen offen, und sie eilen mit der Wonne des höchsten, edelsten Sinnes, diesen Wünschen für Armut, für Jugend und Menschheit nicht bloß zu entsprechen, sondern sogar ihnen zuvorzukommen. Männer von Liebe und Kraft! Sucht sie auf, diese Edlen, wo sie sich immer finden, zeigt ihnen eure Verehrung, aber vor allem aus, zeigt euch ihnen selber verehrungswert.

 

Es tut not, es ist dringendes Bedürfnis der Zeit, daß das Streben der Menschenbildungsversuche die ersten Vorurteile gegen sich besiege und kraftvoll beweise, daß die Bedingnisse einer guten Erziehung den Ansprüchen des Reichtums und der Ehre nur soweit entgegenstehen, als sie dem Menschen den Besitz höherer Güter und die Ausbildung höherer Anlagen rauben [], aber auch, daß die Ausbildung eben dieser Anlagen das allein ist, was dem Reichtum und der Ehre einen unserer Natur würdigen Wert geben und einen höheren Genuß aller äußeren Vorzüge selber bereiten und sichern kann.

Freunde der Armut, der Jugend und der Menschheit! Dieser Beweis, dessen Leistung in unserer Zeit dringender ist, als er es vielleicht seit Jahrtausenden nie war, kann nur durch Vermittlung solcher seltenen Edlen geschehen, und wir müssen darum auch, wo wir immer können, die Gesichtspunkte und Mittel einer besseren Erziehungsweise ihrem Auge und ihrem Herzen näherzubringen suchen. In dieser Hinsicht ist es notwendig, daß unser Erziehungsversuch auf eine Stufe gelange, darin er imstande sei, das Auge dieser seltenen Edlen auf sich zu ziehen, ihr Gemüt zu bewegen und ihnen die Übereinstimmung desselben mit allem Guten, das sie, beides, für den Höchsten und Edelsten ihres Geschlechtes und für den niedersten Sohn des Elendes, wünschen und suchen, auffallen zu machen. Unser Versuch muß durch Menschen geschehen, die die Welt und alle Vorzüge und Nachteile ihrer Ordnung im Gleichgewicht der Achtung und Schonung ins Auge fassen, deren alle menschlichen Einrichtungen so sehr bedürfen, die sie aber immer nur dann und nur da erhalten, wo unser Geschlecht sich durch eine höhere und reinere Ansicht der Welt über alle rohen Ansprüche der Erniedrigungen und Verirrungen ihrer Sinnlichkeit und ihrer Selbstsucht erhebt.

Ich gehe weiter, ich verlasse das Verhältnis des Reichtums und der Ehre und wende mich zu der in der Ansicht der Selbstsucht fürchterlichen, in der Ansicht der Liebe heiligen Armut []. Sie ist es, durch die Gott selbst einen großen Teil unseres Geschlechtes führt und leitet. Sie, die Armut, beschränkt zwar ihren Kindern und Zöglingen die Ansicht der Welt und läßt ihnen viele Mittel, vielen Reiz und alles Seltene und Kostbare der Vielseitigkeit und der Ausdehnung dieser Ansicht mangeln und nur etwa hier und dort ein Brosamen von dem Überfluß der Geld- und Kunstmittel unserer Bildung auf den Sohn der Not, ihren Zögling, herabfallen. Aber so beschränkt die Mittel der Bildung des Armen auch sind, so groß und so wesentlich ist ihr innerer Wert. Not lehrt beten, öffnet alle Sinne, treibt alle Glieder, und, was über alles geht, sie rührt das Herz und belebt mit Macht die edelsten Gefühle unserer Natur.

Erzieher des Armen! Wenn du in dem Sohn der Not das hast, wenn du in ihm ein für höhere Gefühle empfängliches Herz, offene Sinne, geübte Aufmerksamkeit, ausharrenden Fleiß und einen festen Hinblick auf Gott und Ewigkeit findest und du diesem nicht viel rechnest und es dich unruhig umhertreibt, viel anderes und Fremdes für ihn zu suchen, dann, Mann, eile, ziehe deine Hand ab von deinem Werk, Gott ist nicht mit dir für dein Werk, Gott ist nicht mit dir für deinen Armen! Du hast für ihn in dir selbst nicht einmal das, was er für sich in sich selbst hat. Hättest du das, so gäbest du dem gewiß Gewicht, was er in sich selbst hat, und fändest in diesem ein reines, umfassendes und genugtuendes Fundament für alles, was du für ihn suchen solltest.

Wer du immer bist, Mann, der du an die Erziehung des Armen Hand anzulegen wagst, verkenne vor allem aus die Vorteile nicht, die in der Lage und den Umständen des Armen zur Bildung der Menschennatur selbst liegen. Wenn du diese richtig ins Auge faßt und sie dann mit den Vorteilen, die hierfür in den Umständen des Reichen liegen, vergleichst, so muß dir aller reine Sinn für die wesentlichen Bedürfnisse unserer Natur mangeln, oder du wirst hinfallen und anbeten den Vater im Himmel, der, so wie er die Lilie im Feld mit einer Herrlichkeit [] bekleidet, zu der keine königliche Pracht zu gelangen vermag, dem Kind des Armen in den wesentlichen Ansprüchen seiner Natur mitten in Not und Elend und selber durch sie auf eine Art Vorsehung tut, wie die Welt dem Sohn des Großen und Reichen durch alle Mittel des Reichtums, der Ehre und Gewalt nie Vorsehung tun kann und nie Vorsehung tun will.

Das ändert indessen nicht, daß eine gute Erziehung des Armen eben wie diejenige des Reichen, und selbst noch mehr als sie, in jedem Fall schwer und an sich selbst ein Werk der Weisheit, der Kraft und einer sich aufopfernden Menschlichkeit sein müsse. Die Welt bietet für die gute Erziehung des Armen auch gar keinen äußeren Reiz dar, sie macht sie vielmehr mit aller Kunst und mit aller Gewalt reizlos und sogar gegen Fug und Recht und weit über die Schranken, in denen es die Erziehung des Reichen auch ist, mühselig. [...]

Wenn die junge Eiche im guten Boden auch zertreten und zerrissen dasteht, ihre Natur treibt sie dennoch nach den Gesetzen ihres gesunden Zustandes zum Wachstum empor, wenn sie nur mit ihren Wurzeln noch fest steht. Ihr zerbrochenes Holz, ihre zerrissene Rinde wächst wieder zusammen, ihr Gipfel hebt sich mitten in ihrem Verderben immer höher empor, ihre Äste dehnen sich immer mehr aus, sie wächst dennoch zur dauernden, fruchttragenden Eiche empor. Also der edlere Arme: Wenn er auch zertreten und zerrissen in der Welt erscheint, die Natur treibt ihn immer, wenn auch langsam und unscheinbar, nach den unveränderlichen Gesetzen seines inneren Wesens zu den wesentlichen Ansichten und Fertigkeiten, die die gute Erziehung seiner Kinder erfordert, hin, wenn er nur wie die Eiche mit seinen Wurzeln fest in gutem Boden steht und das Wesen seiner Natur mitten im Drang seiner Lage in sich selber erhält. In diesem Fall findest du immer sicher das höchste, heiligste Mittel einer guten Erziehung in ihm, eine reine Empfänglichkeit, ein warmes Streben nach allem, wodurch er sein Kind menschlich und glücklich machen kann, und eine hohe Erkenntlichkeit für jedes Mittel, das ihm zu diesem Zweck irgendeine gute Seele anbieten könnte.

So wie nun unter den Reichen diejenigen, die die innere Würde ihrer Natur mitten unter den Versuchungen ihrer Lage dennoch in sich selber erhalten und darum auch nichts Höheres kennen, als dieselbe ihren Kindern als ihr bestes Erbteil zu hinterlassen, als das Salz ihres Standes und die Auserwählten anzusehen sind, durch die es allein möglich ist, den Ansichten und Mitteln einer guten, wahrhaft naturgemäßen Erziehungsweise im Kreise ihres Standes Eingang zu verschaffen, also sind auch unter den Armen diejenigen, die die innere Würde ihrer Natur mitten im Drang ihrer Lage dennoch in sich selber erhalten und darum auch, wie die ersten, nichts Höheres kennen, als diese Würde ihren Kindern als ihr besseres Erbteil zu hinterlassen, hinwieder als das Salz ihres Standes und die Auserwählten anzusehen, durch die es allein möglich, den Ansichten und Mittel einer wahrhaft naturgemäßen Erziehungsweise im Kreis ihres Standes Eingang zu verschaffen.

Der gute Arme ist in jedem Fall, wie der gute Reiche, immer ein seltener Mann. Aber wenn man nicht bloß diesem seltenen Mann an die Hand gehen, sondern dem Armen im allgemeinen helfen und ihm gegen das Verderben seines Standes besonders durch die Erziehung helfen will, so muß man notwendig diesen seltenen Mann, wo er sich immer befindet, hierfür zur Hand bringen. Wie die edleren unter den Reichen, also sind die edleren unter den Armen für die Bildung der Armut die ersten hierfür brauchbaren und unersetzbaren Menschen. Ihr anderen, wer ihr seid, wahrlich, ohne diese könnt ihr nichts tun! Ihr könnt die ersten Stufen des Berges, der vor euch steht und überstiegen werden muß, wenn für den Armen irgend etwas die Menschennatur Befriedigendes getan werden soll, ohne sie nicht erklimmen. Ohne diese Menschen unter dem Viertel [], unter dem sie verborgen leben, hervorzuziehen und zu benutzen, könnet ihr nicht einmal dahin kommen, die Welt zu überzeugen, daß Armut und Schlechtheit nicht eine und ebendieselbe Sache ist, und daß Armut und Verwahrlosung in der Erziehung nicht unzertrennbar und notwendig beieinander wohnende Übel seien. Es ist notwendig und dringend, die im Vertrauen auf das Edlere und Höhere ihrer Natur so schwankend gewordene Menschheit durch Tatsachen aus ihrem Schlummer zu wecken und zu überzeugen, daß überall, selbst an den unbedeutendsten Orten der Erde, Arme wirklich leben, die das Höchste und Heiligste, was eine gute Erziehung dem Menschen geben kann, in sich selber tragen. Dadurch allein ist es möglich, sie ebenfalls zu überzeugen, daß eine wahrhaft gute Erziehungsweise des Armen von nichts in der Welt so entfernt ist als von dem Gedanken, ihn aus den Schranken der Anmaßungslosigkeit herauszuführen und zu eitlen, seinem Fleiß, seiner Tugend und seiner Ruhe gefährlichen Anmaßungen und Ansprüchen emporzuheben; daß im Gegenteil jede wahrhaft gute Erziehung des Armen bestimmt in dem Edelsten und Besten, das jeder gute Arme in sich selber trägt, das Fundament alles dessen sucht, was sie selber dem Armen geben will. Das aber ist in jedem Fall nur durch die Dazwischenkunft und Mitwirkung der edleren Armen selber möglich. Diese sind allein imstande, auf die Masse der verwahrlosten niederen Menschheit und besonders auch auf diejenigen unter ihnen zu wirken, die dem Verderben ihrer Lage in einem hohen Grad unterlegen [sind], und auch bei diesen den fast erloschenen Funken des Vertrauens auf sich selbst und des Mutes, dessen sie zur inneren Emporhebung ihrer selbst so sehr bedürfen, wieder anzufachen und ihnen die Erfordernisse einer besseren Erziehung ihrer Kinder nicht bloß als reizvoll, sondern auch als ihnen erreichbar und wahrhaft dienlich in die Augen fallen zu machen.

Das Göttlichste ist dem Menschen nur darum göttlich, weil es ihm das Menschlichste ist, das er sich zu denken vermag. Warum sollte ich also Jesum Christum nicht mit seinem Bruder, dem edleren Armen, vergleichen und es aussprechen dürfen: Wie er dadurch ein treuer Hohenpriester worden vor Gott, zu versöhnen die Sünde des Volkes, weil er den Menschen, seinen Brüdern, in allen Dingen gleich und allenthalben versucht worden wie sie, damit er barmherzig würde und Mitleid haben könnte mit ihren Schwachheiten, also sind die Edelsten unter den Armen bestimmt dadurch die einzigen unersetzbaren Vermittler der unnachläßlichen Bedingnisse einer besseren Volkserziehung, weil auch sie den übrigen Armen, ihren Brüdern, in allen Dingen gleich und dem Verderben und dadurch der Not ihrer Lage allenthalben, wie sie, ausgesetzt, dadurch zu einer tiefen, richtigen Kenntnis und zu einer mitleidsvollen Teilnahme an ihrer Lage und zu einer schonenden, von aller Härte und Lieblosigkeit fernen Beurteilung und Behandlung ihrer Schwachheiten gelangen müssen. Es ist umsonst – es hilft dem Armen niemand und kann ihm in seiner Lage niemand eingreifen, wirksam und wahrhaft helfen, als die Edleren unter ihnen selber, und wenn ihnen Menschen aus höheren Klassen helfen wollen, so können es auch diese nur dannzumal und nur insoweit eingreifend, wirksam und mit Erfolg tun, wenn es durch Vermittlung und mit Rat und Handbietung der ersten geschieht.

Und so wie kein Erziehungsversuch fähig ist, bei den höheren Ständen Eingang zu finden, wenn er den Ansprüchen des Reichtums und der Ehre an sich und mehr entgegen ist, als es not tut, um den Menschen den Besitz höherer Güter zu sichern und ihnen selber die Vorzüge des Reichtums und der Ehre zu erhöhen, genußreicher zu machen und zu veredlen, ebensowenig ist es möglich, daß irgendein Erziehungsversuch bei dem Armen Eingang finde, der das gewohnte Wallen und Weben auch dieser Volksklasse an sich stoßen und die Befriedigungen und Annehmlichkeiten, die auch sie in ihrem Stand genießen, mehr stören würde, als es nötig ist, um ihr höhere und bessere Annehmlichkeiten zu sichern und auch die, die sie wirklich genießt, ihr befriedigender und genußreicher zu machen.

Ein Versuch, der dem Armen hierin wirklich helfen und dienen soll, muß ihm auf eine Weise unter die Augen gebracht werden, daß, wenn auch nur der letzte Funke eines reinen Vatergefühls nicht ganz in ihm erloschen ist, er notwendig wünschen müsse, daß sein Kind lerne, was der Versuch lehrt, daß es das könne, wozu er gewöhnt, und daß es das wolle, wozu er reizt. Er muß so sein, daß er jedem nicht ganz schlechten Armen, der ihn nur sieht, auffallen macht, ein nach ihm erzogenes armes Kind erhalte durch ihn für sein Leben dauernde, ihm Brot, Ruhe, Freude schaffende und solche Vorzüge, die der Sohn der Not und die Tochter des Elendes sonst nirgends findet, die aber dennoch in ihrem Wesen auf eben den Fundamenten ruhen und durch eben die Kräfte erzeugt werden, durch welche alle besseren Armen sich über das Verderben ihres Elendes selber emporheben, sich mitten in ihrem Zustand mit Gott und Ehren durch die Welt bringen und selber noch Kräfte bis an ihr Grab erhalten, die sie in Glück und Freuden nicht auf ihr Todbett gebracht hätten.

Ein solcher Versuch muß wesentlich also sein, daß, indem er sich dem Armen selber als dazu geeignet darstellt, die Mittel, wodurch Not und Elend auf Erden gemildert werden können, zu sichern, zu vermehren und zu beleben, er dennoch das Segenbringende und Heilige der Not und der Armut selber ihm nicht aus den Augen rücke und auf keine Weise träumerische Vorstellungen von der Möglichkeit und den Vorteilen einer gänzlichen Aufhebung derselben in ihm erzeugt. Er muß ihm im Gegenteil als eine heilige Frucht der Not und der Armut selber erscheinen, die nur durch eine Liebe und eine Kraft erzeugt werden konnte, die ohne das Dasein vieler Not und vieles Elendes unter Menschen nicht denkbar wäre und die hinwieder keinen höheren Zweck habe, als eben diese Liebe und eben diese Kraft in unserem Geschlecht immer allgemeiner und segensreicher zu machen.

Aber so wahr das alles ist, so schwer ist es in dieser Welt, den Armen einen solchen Versuch wirklich also in die Augen fallen zu machen. Unmittelbar ist es beinahe unmöglich. Es ist zwischen einem jeden die Menschheit wesentlich weiterzuführen fähigen Erziehungsversuch und dem wirklichen Zustand der Armen im Land immer eine Kluft, die auszufüllen mehr Kunst und mehr Mühe braucht, als die kühnste Brücke zwischen zwei Felswänden.[...]

Fassen wir den Gegenstand von dieser Seite ins Auge und werfen wir unseren Blick zuerst auf die äußeren Mittel, die zur Erziehung des Armen wirklich in der Welt da sind – auf Schulen, Waisenhäuser, Industrieanstalten usw. –, so sind offenbar die Schulen das erste, allgemeinste und weitwirkendste Mittel für unseren Zweck. Es ist unstreitig, sie können für die Lebenstage der Menschen über ihr Heil, sie können aber auch für die Lebenstage der Menschen über ihr Verderben entscheiden.

Ist der Schulmeister eines Ortes ein Mann voll Liebe, Weisheit und Unschuld, ist er ein Mann, der, seinem Beruf gewachsen, das Zutrauen von Jungen und Alten besitzt, Liebe, Ordnung und Überwindung seiner selbst höher achtet und mit mehr Anstrengung zu erzielen sucht als jede Auszeichnung des eigentlichen Wissens und Lernens, ist er ein Mann, der mit umfassendem Blick durchschaut, was das Kind als Mann, als Weib einst sein muß, und es durch seine Schule mit Kraft und Liebe ganz zu dem hinführt, was es einst sein soll, so wird er durch seine Handlungsweise im eigentlichen Sinn Vater des Dorfes. Er tritt durch seine Handlungsweise selber an die Stelle des besten Vaters, der besten Mutter und nimmt für sie den Faden der Erziehung da auf, wo diese ihn nicht mehr fortführen können. Ein solcher Mann kann und wird den Geist eines ganzen Dorfes höherheben und seine Jugend zu Kräften und Fertigkeiten, zu einer Denkungsart und Handlungsweise erheben, die, indem sie das Heiligste und Beste, das in der Denkungsart und den Sitten der Vorwelt schon da war, allgemein erhält, stärkt und den Bedürfnissen der Zeit angemessen ausbildet, den Wohlstand des Dorfes auf Jahrhunderte gründen und sichern werden.

Steht aber im Gegenteil an diesem Platz ein eitler, selbstsüchtiger und aufgeblasener Buchstabier- und Lesetor, ein verdrehter und verträumter Wort- und Büchermensch, ein anmaßlicher Erklärer des Unerklärlichen, noch mehr, steht ein Mensch an dieser Stelle, der, für seinen Stand selber übel erzogen, seinem Maul durch nichts anderes als durch sein Maul selber zu Brot zu helfen vermag und dann noch, auf diese Maul- und Nothilfe stolz, sich selber mehr glaubt als der Bauer am Pflug [] und die Ansprüche auf Essen, Trinken und müßige Stunden weitertreibt als die reichsten von diesen, dann hat ein Dorf an ihm wahrlich nicht einen Mann des Heils, sondern im Gegenteil ganz gewiß einen Mann des Verderbens und eines großen, weitgreifenden Verderbens. Wenn auch die Kinder des Dorfes bei einem solchen Mann befriedigend buchstabieren, lesen und schreiben und sogar tausend unnütze Fragen mit Antworten vom neuesten Zuschnitt honorieren würden, er bleibt für sein Dorf ein Mann des Verderbens und eines tiefen Verderbens. Unfähig, seinen Schülern wirklich an Vater Statt dazustehen und ihre Führung an allen Segen ihrer häuslichen Bildung anzuknüpfen, untergräbt und verwirrt er vielmehr mit seinem Sein und mit seinem Tun alle guten Angewöhnungen und alle guten Gesinnungen desselben und zerschneidet durch seine Unnatürlichkeit die heiligsten Fäden der Natur. Ob Vater und Mutter in ihren Haushaltungen anmaßungslos, anstellig und brav seien, ihre Kinder werden in seiner Schule und durch sie gedankenlos, unanstellig und anmaßungsvoll, wie ihr Schulmeister. Sie werden schwache, elende Gelüstler wie er, der Geist seines Dorfes wird durch ihn auf Jahrhunderte erniedrigt, alles Schlechte, das darin ist, findet in seiner Schlechtheit seine Nahrung und wächst in seiner Schule und durch sie dreißig-, sechzig- und hundertfältig auf. Die Sünde einer solchen Schulmeisterwahl hat mit der Sünde der Abgötterei gleiche Folgen. Die Natur, stark und eifrig wie der Gott Israels, sucht den diesfälligen Mißgriff der Väter an den Kindern heim bis in das dritte und vierte Geschlecht. Das einzige mögliche Band, das erste Mittel, das für die Bildung des Volkes in der Hand der Glücklichen liegt, mit der Kraft der Selbsthilfe, die im Armen ist, in Übereinstimmung zu bringen, ist unter diesen Umständen gänzlich zerrissen, und diese Umstände sind in unserer Welt und in unseren Zeiten so vielseitig da, wo Trug- und Scheinmittel das Gegenteil zu bewirken am meisten in Tätigkeit gesetzt sind.

Wo z.B. niemand da ist, der als Schulmeister, wo und soweit es not tut, den Kindern an Vater und Mutter Statt stehen wollte und könnte, wo durchaus nichts dazu eingerichtet ist, daß ein Mensch im Land hierzu aufgemuntert oder gebildet würde, wo es sogar nicht einmal jemand in den Sinn kommt, daß es gut und nützlich wäre, wenn ein Mensch im Land zu so etwas aufgemuntert oder gar gebildet würde, und man dann in diesem für das Schulwesen eigentlich boden- und fundamentlosen Land doch noch auf Schulmeisterwahlen, auf Schulexamen, auf Schulpolizei usw. eine Nachteulenweisheit, die alles durchzugreifen, und einen Nachteulenernst, dessen Feierlichkeit aller Herzen zu rühren geschickt scheint, verwendet und durch Begünstigungen und Zurücksetzungen selber den Stolz und den Neid der Schüler zugunsten der Schule und des Lernens über alle Gebühr entflammt und belebt, so ist mit alle diesem für den Endzweck, aus dem Kind des Armen das zu machen, was es werden soll, nichts gewonnen, sondern im Gegenteil der Same zu alle dem, was das arme Kind nicht werden soll, wird durch alle diese Mittel für dasselbe gleichsam in ein Treibbeet hingelegt und darin zum schnellen, verderblichen Aufwachsen untermistet, besonnet und belüftet, als wenn sein Lebensheil eigentlich an dem schnellen und frühen Aufkeimen alles dessen hängen würde, was es nicht werden soll.

Eins fällt auf: Eins ist not, nämlich gute Schulmänner. Wo diese mangeln, da ist aller übrige Schulumtrieb im Land das fünfte Rad am Wagen und Staub in die Augen für den Mann, der nicht sehen soll, was ihm mangelt. Wer also immer wirklich dem Volk zu einer guten Erziehung helfende Schulen will, der muß vor allem aus zu dem Hand bieten, was vorzüglich not tut, nämlich daß allenthalben im Land Männer da seien, die imstande und geneigt sind, die Jugend mit Einsicht und Liebe zu aller Weisheit des Lebens und zu aller Kraft und Ordnung ihres Standes und ihrer Lage zu bilden und zu führen.

Es ist aber freilich nicht der Fall, daß solche Männer aus den Wolken herabfallen; es schneit sie nicht, es regnet sie nicht. So wie kein Beruf im Land wichtiger sein kann, so ist gewiß auch keiner schwerer. Die Natur gibt auch dem besten Kopf und dem besten Herzen nur die Anlagen dazu; die Menschen müssen die seltenen Anlagen, die es hierfür braucht, wie für jeden anderen Beruf, entwickeln, beleben und ausbilden.

Indessen wendet bald jeder Privatmann unendlich mehr Sorgfalt darauf, seinen Sohn die Kunst und das Handwerk, das er für sein Leben treiben soll, recht zu lehren, als Fürsten und Völker auf die Bildung von denjenigen Menschen verwenden, die unstreitig den wichtigsten und schwersten Beruf üben sollen. Solange es aber so ist, ist auch das Land und der Arme im Land nicht versorgt, wie sie erziehungshalber versorgt sein sollten, und es ist unter diesen Umständen nicht zu denken, daß Schulen statthaben, die das seien, was sie eigentlich sein sollen, nämlich eine sichere Benutzung aller Vorteile der häuslichen Bildung, eine treue Nachhilfe ihrer Schwäche, eine kraftvolle Ausfüllung ihrer Lücken und ein genugtuender Ersatz ihres Mangels.

Ein Staat, der Schulen hätte, die dieses leisteten, würde die Würde der Menschennatur in allen Verhältnissen bis auf ihre untersten Stufen beleben. Aber wo ist der Staat, der sie hat oder der auch nur Maßregeln trifft, sie sicher zu bekommen? Man darf sich nicht verhehlen: Es ist noch nirgends geschehen, was hierfür unumgänglich notwendig wäre. Aber man darf sich ebensowenig verhehlen: Die Sache ist schwer, und der erste Schritt dazu ist mißlich. Ich möchte sagen: "Die Pforte ist eng, der Weg ist schmal, und wenige sind, die ihn betreten" []. Und ich darf es sagen: Wenn je etwas den Grad von Weisheit, Tugend und Kraft braucht, auf den dieses Bild paßt, so sind es die Maßregeln, die es unter den gegenwärtigen Umständen braucht, Volks- und Armenschulen auf das Fundament zu gründen, das allein als ein wahres Fundament der Volksbildung und der Volksschulen kann angesehen werden.

Die Bildung von guten Schulmännern setzt ein für diesen Zweck belebtes Dasein anderer Männer voraus, die das schon selbst sind, was sie aus denen machen sollen, die sie bilden wollen, und diese scheinen beim ersten Anblick allenthalben zu mangeln. Aber sie mangeln nur darum, weil die, die sie suchen sollten, das weder im Kopf noch im Herzen haben, was es wesentlich braucht, beides, um sie suchen zu können und um sie suchen zu wollen. Es ist nichts Gutes auf Erden, das nicht den Schein seines Daseins verliert, wenn eine allgemeine Geringschätzung desselben die Aufmerksamkeit unseres Geschlechtes davon abgelenkt und dasselbe dadurch unfähig und ungeneigt gemacht, mit Interesse und mit Einsicht danach zu streben. Indessen ist das große Wort Jesu Christi "Wer da sucht, der findet" [] auch hier, wie in allem, was wirklich groß und wirklich gut ist, treffend und wahr. Auch ist nichts Gutes auf Erden, dessen Suchen für den Guten nicht Reiz hätte, und höhere Reize gibt es für den Edlen und Guten wohl keine als das Suchen solcher Männer für denjenigen, der wert ist, sie zu suchen, und fähig, sie zu benutzen. Man fühle also nur sich selber, ob man dieses wert und dieses imstande ist, dann suche man getrost, aber man suche mit glühendem Ernst, und man wird zuverlässig finden, was man sucht, was man wert ist zu finden und imstande, es zu benutzen.

Der Mann, der das Höchste, das Heiligste, das in der Menschennatur liegt, mit Zuversicht und glühendem Ernst sucht, hat über alles Heilige, das in unserer Natur liegt, eine göttliche Gewalt, mit der er auf jeden Mann, der für dieses Heilige und Göttliche empfänglich ist, erwärmend und erleuchtend einwirkt, wie Gottes Sonne auf den Erdball, den ihre Strahlen erreichen. Ein Blick, ein Wort eines solchen Mannes an jeden für seinen Blick und für sein Wort empfänglichen Menschen: Die ganze Seele des letzteren öffnet sich dem ersteren, sein Herz hängt an ihm, alle seine Kräfte sind für ihn in Bewegung, er fühlt für ihn, er denkt für ihn, er handelt für ihn, er leidet für ihn, er opfert sich für ihn auf.

Oder wo war je der Mann, der je etwas wahrhaft Hohes und Heiliges suchte, der nicht seine Welt fand, die mit ihm das suchte, wofür er glühte? Und du solltest den Mann nicht finden, der sein Vaterland mit seinem Herzen umfaßt und die schwerste Last des Armen auf seine Schultern nimmt? Suche ihn, du wirst ihn finden! Aber höher als der, den du suchest, mußt du Vaterland und Menschheit selber mit deinem Herzen umfassen und die schwerste Last des Armen selber auf deine Schultern nehmen. Dann aber fürchte dich nicht, suche dann nur – du wirst mitten im Spreuhaufen dein Weizenkorn sicher finden, zweifle dann nur nicht, du wirst in jeder Lage und in jedem Verhältnis Männer finden, die, erhaben wie du, vom Höchsten und Heiligsten der Menschennatur ergriffen, Schulmänner, wie das Vaterland und die Armut sie bedarf, werden können und werden wollen.

Gib dem Vaterland dieses heilige Suchen, gib ihm dasselbe wahrhaft und treu, und die Männer, die das Vaterland so sehr bedarf, sind nicht nur gefunden, sie sind auch unterstützt, sie sind geschützt, sie sind geliebt, sie sind benutzt! Ihr Zweck ist geborgen. Ihr Dasein ist Segen. Der Fürst, der ein Vaterherz hat, der Edelmann, der mit Liebe unter seinem Volk, und der Pfarrer, der als Christ in seiner Gemeinde lebt, erkennen gemeinsam in ihnen Männer ihres Herzens und mächtige Stützen des Heiligsten, des Besten, was sie vorhaben und tun. Die Schwierigkeiten der Volksbildung, die ohne solche Männer in jedem Fall dastehen wie ewig unerstiegene Berge, fallen weg und fließen auseinander ins Meer der dunklen Vergessenheit wie Sandbänke, die Jahrhunderte in der Mitte des Flusses, wie auf Felsen gegründet, dastanden, von dem mächtigen Strom weggespült, auf ewig vor den Augen der Menschen verschwinden und sich in unergründliche Tiefen verlieren. [...]

Die ersten Schritte dazu, das Vaterland allenthalben, wo es immer nötig ist, an Vater und Mutter Statt stehen zu machen, sind durchaus nicht von irgendeiner Korporation zu erwarten. Sei sie herrschend oder gehorchend, sei sie geistlich oder weltlich, kurz, sei sie, was sie wolle, sobald sie Korporation ist, so ist sie dadurch in einem hohen Grad gehemmt und unfähig, zu der Reinheit, Unbefangenheit, Übereinstimmung und ebenso zu der Freiheit, dem Mut und der Aufopferungskraft zu gelangen, ohne die jeder Versuch, wahren Vater- und Muttersinn in die Masse des Volkes hineinzubringen, wie er in den edleren Einzelnen lebt, umso mehr scheitern muß, je mehr ein verdorbener Zeitgeist diesen Sinn in der Masse des Volkes stillgestellt und gelähmt hat. Ein jeder Versuch für diesen Zweck erscheint unter diesen Umständen wie eine Mücke, die auf einen Elefanten absitzt und ein Tropfen, der ins Meer fällt.

Jede Korporation, sei sie auch, wofür sie immer wolle, korporiert, drückt immer in ihrem Fühlen, Denken und Handeln mehr oder minder, schiefer oder gerader den Geist ihrer Zeit aus und kann nie dem Strom, in dem sie mitschwimmt, einen Damm setzen, der ihn aufhält und zurückdrängt. So groß auch die Gewalt der Korporationen, der Regierungen, der Kollegien immer sein mag, alle im Land wirklich bestehenden Erziehungseinrichtungen zu befördern oder zu hindern und sie allfällig auch als bestehend zu verbessern, so wenig ist es dennoch auch von den besten Regierungen und von den besten Kollegien zu erwarten, daß die ersten Schritte, die zur Abänderung bestehender Einrichtungen und zu Gründung und Einführung neuer Volksbildungsmittel notwendig erfordert werden, von ihnen ausgehen.

Mit eisernen Banden an die große Verkettung alles Wirklichen gefesselt, im Leiten, Festhalten und Ordnen alles in dieser Verkettung Bestehenden grau geworden, immer durch Widerspruch kraftvoll, oft durch Täuschung und Irrtum mächtig und genötigt, gegen Recht und Liebe zum vorgesetzten Ziel zu schreiten, dadurch unfähig, der Menschennatur im höheren Sinn Rechnung zu tragen, und immer gereizt, ihre Individuen nicht als selbständige Wesen, sondern als verlorene preiszugebende Teile des Ganzen ins Auge zu fassen, streitet das ganze Sein und das ganze Tun jeder, auch der besten Korporation wider die höhere Ansicht der Menschennatur, wider die Einfachheit des Geistes und die Unschuld des Herzens, die jeder wahren Menschenbildung zugrundeliegen muß.

Jeder auf merkliche Abänderungen der bestehenden Erziehungseinrichtungen oder gar auf eine gänzliche Umgestaltung derselben hinzielende Erziehungsversuch findet deshalb bei den besseren Regierungen immer nur dann und nur insoweit Eingang, als unwidersprechliche Tatsachen seinen Erfolg schon zum voraus sicherstellen. Es soll auch also sein. Es ist in jedem Fall weit mehr die Sache der Regierungen sowie aller Korporationen, zu erhalten, zu schützen, zu leiten, was ist, als zu erschaffen, was nicht ist. Eine schöpferische Korporation ist in jedem Fall eine unruhige und selten eine segenstiftende Korporation.

Zudem greifen die öffentlichen Erziehungseinrichtungen so tief und so allgemein in alle übrigen Einrichtungen, auf denen das Wohl – beides – unseres Geschlechtes und jedes einzelnen Staates beruht, ein, daß es wirklich kaum in irgendeiner Sache gefährlicher werden könnte, einer blinden Neuerungssucht freien Spielraum zu geben, und die arme Menschheit ist außerdem auch in diesem Punkt schon so oft das Opfer der Eitelkeit und der Anmaßungen grundloser, aber glänzender Vorspiegelungen geworden, daß man das Benehmen von Regierungen, die, auf solche Erfahrungen gestützt, den ersten Pflichtschritt zum Guten im strengen Verhüten eines neuen Bösen anerkennen und festhalten, in einem hohen Grad billigen muß.

Aber Tatsachen, die durch ihre Unwidersprechlichkeit auch Regierungen von solcher Festigkeit bewegen könnten, für die Allgemeinmachung irgendeiner neuen Erziehungsweise öffentliche Schritte zu tun, erheischen in jedem Fall zum voraus die belebte Tätigkeit ausgezeichneter und wahrlich in dieser Welt seltener Partikularen [], die, von dem Bedürfnis einer besseren Erziehung überzeugt und von der Ahndung ihrer Möglichkeit und ihrer Folgen ergriffen, sich für diesen Zweck gleichsam in der Wüste anbauen und mitten im Widerspruch einer halben Welt sich die Erreichung dieses Zweckes zum Ziel ihres Lebens vorsetzen, dem sie unter allen Umständen mit aller Anstrengung und mit aller Aufopferung entgegenstreben.

Wo immer solche Menschen mangeln, und am meisten, wo nur ein Schein von ihnen da ist und Menschen Hand an ihren Zweck legen wollen, die dem bestehenden Schlechteren nur zu widersprechen, aber es nicht zu bekämpfen und ihm nicht Tatsachen entgegenzustellen vermögen, die auf sein ausgedehntes, allverbreitetes Verderben wie die Mittagssonne auf einen allverbreiteten Nebel wirken müssen, da wird jede Neuerung in der bestehenden Erziehungsweise, was sie auch immer für Vorzüge zu haben scheint, in den Tag hinein versucht. Der Mangel solcher Menschen beweist entschieden, das Bedürfnis einer besseren Erziehungsweise sei in einem Land noch nicht lebendig geworden, und auch die Edelsten desselben nehmen nicht das Interesse dafür, das sie sollten. Wo das ist, rühre das Werk nicht an, es wird nicht gelingen. Alle äußeren Einrichtungen, die allenfalls für diesen Zweck immer noch statthaben könnten, würden am Ende nur dazu dienen, die Welt zu überzeugen, daß du ein Tor warst und ein liegendes Totenaas mit einem beseelten Leib verwechseltest und mit Söhnen des Grabes und der Verwesung Werke des lebenden, kraftvollen Mannes begonnen [hast].

Aber wenn und wo solche Männer da sind und ihr Dasein mit einer Kraft aussprechen, die eines solchen Beginnens wert ist, da ist dann auch die Bahn zum Ziel gebrochen. Die Aufstellung der Grundsätze und die Darlegung der Mittel einer besseren Erziehung ist durch solche Menschen möglich. Man lasse sie tun, was sie können, man lasse sie ihre Grundsätze aufstellen und ihre Mittel darlegen. Man erleichtere ihnen die Aufgabe, beide zu einer Reifung zu bringen, die keinen Widerspruch mehr übrig läßt.

Haben sie es so weit gebracht, dann hilft die gute Menschennatur von selbst weiter. Sie interessieren, sie können nicht anders, sie müssen jetzt interessieren. Sie müssen die Menschen lieben, sie müssen die Vater- und Mutterliebe, sie müssen das Edelste, wo es immer im Land sich befindet, interessieren. Aber noch ist ihr Ziel nicht errungen. Ihre Grundsätze und ihre Mittel sind abgeschnitten von allem, was wirklich ist. So wie sie den Edelmut interessieren, stoßen sie auch die Selbstsucht. Bei einigen erregen sie Besorgnis, ihr Brot, bei anderen, ihre Ehre stehe in Gefahr. Die Dummheit erkennt in ihnen allgemein ihren Feind, die Trägheit einen lästigen Treiber und Übermut und Neid ihren Nebenbuhler und ihren Verächter. So kann es nicht fehlen []. Ein so isolierter Versuch stößt auf tausend Hindernisse. Er wird vielseitig mit Gewalt zurückgestoßen und mit Hinterlist untergraben.

Es liegt in der Natur der Sache: Seiner Freunde sind noch wenige, seiner Feinde hingegen viel, und da auch hierin die Kinder der Finsternis klüger sind als die Kinder des Lichtes, so gefahret er alles. Selbst die, so ihn loben, schaden ihm oft mehr als die, so ihn tadeln. Am gefährlichsten aber werden ihm in jedem Fall diejenigen sein, die durch fundamentlose, aber schimmernde Hilfsmittel früher schon eine Scheinverbesserung in der Erziehung hervorgebracht, welche die des Wesens der Sache unkundige Welt um sie her so verblenden, daß sie, ihr lichtloses Beginnen für den Anbruch eines besseren Tages achtend, ihnen unverdienten Weihrauch streut [].

So groß sind die Hindernisse, die ernsten und tief aus der Natur des Menschen heraus geschöpften Verbesserungsversuchen der Erziehung im Wege stehen.