Ein Waldstrohm

In einem Brief Pestalozzis vom 25. Februar 1798 an Johann Caspar Lavater (PSB 4, S. 15) findet sich eine weitere Fabel, die nicht in Pestalozzis Fabelsammlung enthalten ist. Gerade diese Fabel macht den politischen Hintergrund von Pestalozzis Fabeln besonders deutlich.

Faksimile: Ein Waldstrohm

Lieber Lavater

Ein Waldstrohm trohte eine Blühende Ebene zu überschwemen, da sprach der Felsen der in der Mitte des Lands sein graues Haupt empor hub – zur unter ihm liegenden Ebene "Du must mir schwören, dich vom Waldstrom nicht naß machen zu laßen –

Die Ebene antwortete – ich kan wohl meine ganze Krafft der verheerung des Waldstrohms entgegen setzen – aber ich kan dir nicht schwören mich von ihm nicht naß machen zu laßen.

Pestalozzi

Die politische Brisanz dieser Fabel erschließt sich dem heutigen Leser nur schwer, aber Lavaters handschriftliche Bemerkung unter Pestalozzis Brief macht das zeitgenössische Verständnis deutlich: es geht um den Einfluß des revolutionären Frankreichs auf die Schweizer Verhältnisse. Lavater schreibt:

25. II [Februar]. [17]98.

Der eigentliche Streitpunkt ist mir nicht klar genug – aber klar genug, daß alles gethan werden sollten, den starken Schein von verrätherischer Verbindung mit Frankreich zu vernichten – Die redlichsten Bürger und unzählige Landleuthe sind todtmüde des Schohnens gegen die welche als Feinde der Ruhe und als Freunde Frankreichs angesehen werden müssen und wollen.

25. II. 1798. L.

Ist's dem Landvolk Ernst, allen verdacht von sich abzulehnen, das ist, ist es rein von aller Lust nach fremder Influenz, so findet es leicht unzweydeutige Ausdrüke.