Pestalozzi's Schwanengesang (1826), kurz: "Schwanengesang"

Deckblatt "Schwanengesang"

Textauszug []

Prüfet alles, behaltet das Gute [], und
wenn etwas Besseres in euch selber gereift,
so setzet es zu dem, was ich euch in diesen
Bogen in Wahrheit und Liebe zu geben
versuche, in Wahrheit und Liebe hinzu.

Die Idee der Elementarbildung, für deren theoretische und praktische Erheiterung ich den größten Teil meiner reiferen Tage, mir selber in ihrem Umfange mehr und minder bewußt, verwendet, ist nichts anderes als die Idee der Naturgemäßheit in der Entfaltung und Ausbildung der Anlagen und Kräfte des Menschengeschlechts.

Aber um auch nur von ferne das Wesen und den Umfang der Ansprüche der diesfälligen Naturgemäßheit zu ahnen, fragt sich vor allem aus: Was ist die Menschennatur? Was ist das eigentliche Wesen, was sind die unterscheidenden Merkmale der menschlichen Natur als solcher? Und ich darf mir keinen Augenblick vorstellen, daß irgendeine von den Kräften und Anlagen, die ich mit den Tieren gemein habe, das echte Fundament der Menschennatur als solcher sei. Ich darf nicht anders, ich muß annehmen, der Umfang der Anlagen und Kräfte, durch welche der Mensch sich von allen Geschöpfen der Erde, die nicht Mensch sind, unterscheidet, sei das eigentliche Wesen der Menschennatur. Ich muß annehmen, nicht mein vergängliches Fleisch und Blut, nicht der tierische Sinn der menschlichen Begierlichkeit, sondern die Anlagen meines menschlichen Herzens, meines menschlichen Geistes und meiner menschlichen Kunstkraft seien das, was das Menschliche meiner Natur oder, welches ebensoviel ist, meine menschliche Natur selber konstituieren; woraus dann natürlich folgt: die Idee der Elementarbildung sei als die Idee der naturgemäßen Entfaltung und Ausbildung der Kräfte und Anlagen des menschlichen Herzens, des menschlichen Geistes und der menschlichen Kunst anzusehen. Die Naturgemäßheit, welche diese Idee in den Entfaltungs- und Bildungsmitteln unserer Kräfte und Anlagen anspricht, fordert demnach ebenso gewiß in ihrem ganzen Umfange die Unterordnung der Ansprüche unserer tierischen Natur unter die höheren Ansprüche des inneren, göttlichen Wesens der Anlagen und Kräfte unsers Herzens, unseres Geistes und unserer Kunst; das heißt im Wesen nichts anderes als die Unterordnung unseres Fleisches und unseres Bluts unter unseren Geist. Es folgt ferner daraus: der ganze Umfang der Kunstmittel [] in der naturgemäßen Entfaltung der Kräfte und Anlagen unseres Geschlechts setze, wo nicht eine deutliche Erkenntnis, doch gewiß ein belebtes, inneres Gefühl von dem Gange, den die Natur in der Entfaltung und Ausbildung unserer Kräfte selbst geht, voraus. Dieser Gang ruht auf ewigen, unabänderlichen Gesetzen, die im Wesen jeder einzelnen menschlichen Kraft selbst liegen und in jeder derselben mit einem unauslöschlichen Trieb zu ihrer Entfaltung verbunden sind. Aller Naturgang unserer Entfaltung geht wesentlich aus diesen Trieben hervor. Der Mensch will alles, wozu er in sich selbst Kraft fühlt, und er muß, vermöge dieser innewohnenden Triebe, das alles wollen.

Das Gefühl dieser Kraft ist der Ausdruck der ewigen, unauslöschlichen und unabänderlichen Gesetze, die in jeder [] menschlichen Anlage dem Gange der Natur in ihrer Entfaltung zu Grunde liegen.

Diese Gesetze, die wesentlich aus der Eigenheit jeder einzelnen menschlichen Anlage hervorgehen, sind eben wie die Kräfte, denen diese Gesetze innewohnen, unter sich wesentlich verschieden; aber sie gehen alle, eben wie die Kräfte, denen sie innewohnen, aus der Einheit der Menschennatur hervor und sind dadurch, bei aller ihrer Verschiedenheit, innig und wesentlich untereinander verbunden und eigentlich nur durch die Harmonie und das Gleichgewicht, in dem sie in unserem Geschlecht beieinander wohnen, für dasselbe wahrhaft und allgemein naturgemäß und menschlich bildend. Es ist eine sich in allen Verhältnissen bewährende Wahrheit: Nur das, was den Menschen in der Gemeinkraft der Menschennatur, d.h. als Herz, Geist und Hand ergreift, nur das ist für ihn wirklich, wahrhaft und naturgemäß bildend; alles, was ihn nicht also, alles, was ihn nicht in der Gemeinkraft seines Wesens ergreift, ergreift ihn nicht naturgemäß und ist für ihn im ganzen Umfang des Wortes nicht menschlich bildend. Was ihn nur einseitig, d.h. in einer seiner Kräfte, sei diese jetzt Herzens-, sei sie Geistes- oder Kunstkraft, ergreift, untergräbt und stört das Gleichgewicht unserer Kräfte und führt zur Unnatur in den Mitteln unserer Bildung, deren Folge allgemeine Mißbildung und Verkünstelung unseres Geschlechts ist. Ewig können durch die Mittel, welche die Gefühle meines Herzens zu erheben geeignet sind, die Kräfte des menschlichen Geists an sich nicht gebildet, und ebensowenig können durch die Mittel, durch welche der menschliche Geist naturgemäß gebildet wird, die Kräfte des menschlichen Herzens an sich naturgemäß und genugtuend veredelt werden.

Jede einseitige Entfaltung einer unserer Kräfte ist keine wahre, keine naturgemäße, sie ist nur Scheinbildung, sie ist das tönende Erz und die klingende Schelle [] der Menschenbildung und nicht die Menschenbildung selber.

Die wahre, die naturgemäße Bildung führt durch ihr Wesen zum Streben nach Vollkommenheit, zum Streben nach Vollendung der menschlichen Kräfte. Die Einseitigkeit ihrer Bildung aber führt ebenso durch ihr Wesen zur Untergrabung, zur Auflösung und endlich zum Absterben der Gemeinkraft der Menschennatur, aus der dieses Streben allein wahrhaft und naturgemäß hervorzugehen vermag. Die Einheit der Kräfte unserer Natur ist unserem Geschlecht als wesentliches Fundament aller menschlichen Mittel zu unserer Veredlung göttlich und ewig gegeben; und es ist auch in dieser Rücksicht ewig wahr: Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden. Tut er es in Rücksicht seiner Bildung, so macht er, nach welcher Richtung er es auch tue, Halbmenschen aus uns, bei denen kein Heil weder zu suchen noch zu finden ist.

Jedes einseitige Übergewicht in der Bildung unserer Kräfte führt zum Selbstbetrug grundloser Anmaßungen, zur Mißkennung seiner Schwächen und Mängel und zur harten Beurteilung aller derer, die nicht mit den irrtumsvollen Ansichten unserer Einseitigkeit übereinstimmen. Das ist bei Menschen, die Herzens und Glaubens halber überschnappen, ebenso wahr als bei denen, die ihrer Geisteskraft in liebloser Selbstsucht einen ähnlichen Spielraum der Unnatur und ihres Verderbens eröffnen.

Alles einseitige Übergewicht einer einzelnen Kraft führt zur Aufgedunsenheit ihrer Ansprüche, die im Innern ihres Wesens lahm und tot ist. Das ist von der Liebe und vom Glauben ebenso wahr als von der Denk-, Kunst- und Berufskraft unseres Geschlechts. Die inneren Fundamente der häuslichen und bürgerlichen Segnungen sind in ihrem Wesen Geist und Leben, und die äußeren Fertigkeiten, deren Ausbildung das häusliche und bürgerliche Leben auch anspricht, sind ohne das innere Wesen der Fundamente ihres Segens unserem Geschlecht ein Mittel der gefährlichsten Täuschungen und Quellen der vielseitigsten häuslichen und bürgerlichen Unbefriedigtheit und aller Leiden, Kränkungen und Verwilderungen, die sie ihrer Natur nach zur Folge haben und haben müssen.

Das Gleichgewicht der Kräfte, das die Idee der Elementarbildung so wesentlich fordert, setzt ihren Anspruch an die naturgemäße Entfaltung einer jeden der einzelnen Grundkräfte unserer Natur voraus. Jede derselben entfaltet sich nach ewigen, unveränderlichen Gesetzen, und ihre Entfaltung ist nur insoweit naturgemäß, als sie mit diesen ewigen Gesetzen unserer Natur selber in Übereinstimmung steht. In jedem Falle und in jeder Art, in der sie mit diesen Gesetzen in Widerspruch kommt, ist sie unnatürlich und naturwidrig. Die Gesetze, die der naturgemäßen Entfaltung jeder einzelnen unserer Kräfte zugrunde liegen, sind an sich wesentlich verschieden. Der menschliche Geist bildet sich durchaus nicht naturgemäß nach den Gesetzen, nach welchen das menschliche Herz sich zur reinsten Erhabenheit seiner Kraft emporhebt; und die Gesetze, nach welchen sich unsere Sinne und Glieder naturgemäß ausbilden, sind ebenso wesentlich von denen verschieden, die die Kräfte unseres Herzens und unseres Geistes naturgemäß auszubilden geeignet sind.

Aber jede dieser einzelnen Kräfte wird wesentlich nur durch das einfache Mittel ihres Gebrauches naturgemäß entfaltet. Der Mensch entfaltet das Fundament seines sittlichen Lebens, die Liebe und den Glauben, nur durch die Tatsache der Liebe und des Glaubens selber naturgemäß. Hinwieder, der Mensch entfaltet das Fundament seiner Geisteskraft, seines Denkens, nur durch die Tatsache des Denkens selber naturgemäß. Und ebenso entfaltet er die äußeren Fundamente seiner Kunst- und Berufskräfte, seine Sinne, Organe und Glieder, nur durch die Tatsache ihres Gebrauches naturgemäß.

Auch wird der Mensch durch die Natur jeder dieser Kräfte in sich selbst angetrieben, sie zu gebrauchen. Das Auge will sehen, das Ohr will hören, der Fuß will gehen und die Hand will greifen. Aber ebenso will das Herz glauben und lieben. Der Geist will denken. Es liegt in jeder Anlage der Menschennatur ein Trieb, sich aus dem Zustande ihrer Unbelebtheit und Ungewandtheit zur ausgebildeten Kraft zu erheben, die unausgebildet nur als ein Keim der Kraft und nicht als die Kraft selbst in uns liegt.

Aber so wie sich beim Kinde, das noch nicht gehen kann, die Lust zum Gehen augenblicklich mindert, wenn es bei seinen ersten Versuchen auf die Nase fällt, so mindert sich die Lust zum Glauben in ihm, wenn die Katze, gegen die es das Händchen ausstreckt, es kratzt, und das Hündchen, das es anrühren will, es anbellt und ihm die Zähne zeigt. Hinwieder mindert sich die Lust, seine Denkkraft tatsächlich durch ihren Gebrauch zu entfalten, in ihm notwendig, wenn die Mittel, durch die man es denken lehren will, seine Denkkraft nicht reizend ansprechen, sondern mühselig belästigen und eher einschläfern und verwirren, als aufwecken und in Übereinstimmung unter sich selbst beleben. Der Gang der Natur in der Entfaltung der menschlichen Kräfte ist, sich allein überlassen, langsam vom Sinnlich-Tierischen unseres Geschlechts ausgehend und von ihm gehemmt. Wenn er sich zur Entfaltung des Menschlichen im Menschen erheben soll, so setzt er einerseits die Handbietung einer erleuchteten Liebe, deren Keim sinnlich beschränkt, instinktartig im Vater-, Mutter-, Bruder- und Schwester-Sinn unserer Natur liegt, andererseits die erleuchtete Benutzung der Kunst, die sich die Menschheit durch Jahrtausende von Erfahrungen erworben, voraus.

Die Idee der Elementarbildung ist also näher bestimmt nichts anderes als das Resultat der Bestrebungen des Menschengeschlechts, dem Gange der Natur in der Entfaltung und Ausbildung unserer Anlagen und Kräfte die Handbietung angedeihen zu lassen, die ihm die erleuchtete Liebe, der gebildete Verstand und der erleuchtete Kunstsinn unseres Geschlechts zu erteilen vermag.

So heilig und göttlich der Gang der Natur in den Grundlagen zur Entfaltung unseres Geschlechts ist, so ist er, sich selbst allein überlassen, ursprünglich nur tierisch belebt. Es ist die Sorge unseres Geschlechts, es ist das Ziel der Idee der Elementarbildung, es ist das Ziel der Frömmigkeit und der Weisheit, ihn menschlich und göttlich zu beleben.

Fassen wir jetzt diesen Gesichtspunkt in sittlicher, geistiger, häuslicher und bürgerlicher Hinsicht näher ins Auge und fragen wir uns:

I. Wie entfaltet sich das Fundament unseres sittlichen Lebens, die Liebe und der Glaube, tatsächlich, wahrhaft naturgemäß in unserem Geschlecht, und wie werden die ersten Keime unserer sittlichen und religiösen Anlagen durch den Einfluß menschlicher Sorgfalt und menschlicher Kunst im Kinde von seiner Geburt an naturgemäß belebt, genährt und in ihrem Wachstum also gestärkt, daß die letzten höheren Resultate der Sittlichkeit und Religiosität und ihr Segen als durch sie menschlich, aber wahrhaft und naturgemäß begründet und vorbereitet anzusehen sind? - so finden wir, es ist der gesicherte, ruhige Fortgenuß seiner physischen Bedürfnisse, was die ersten Keime der sittlichen Kräfte des Säuglings von seiner Geburt an naturgemäß belebt und entfaltet; es ist die heilige Muttersorge, es ist die instinktartig in ihm belebte Aufmerksamkeit auf augenblickliche Stillung jedes Bedürfnisses, dessen Nichtbefriedigung das Kind sinnlich zu beunruhigen geeignet ist, was wir bei ihm als die erste, aber wesentlichste Vorbereitung und Anbahnung des Zustandes anerkennen müssen, in dem sich die sinnlichen Keime des Vertrauens gegen die Quelle dieser Befriedigung und mit ihnen die ersten Keime der Liebe zu derselben entfalten, und es ist in der Belebung dieser ersten, sinnlichen Keime des Vertrauens und der Liebe, woraus auch die ersten, sinnlichen Keime der Sittlichkeit und der Religiosität hervorgehen und sich entfalten.

Darum ist die Entfaltung der stillen Ruhe und Befriedigung im Säugekind und ihre Benutzung für die Belebung der noch schlafenden Keime der Gefühle, welche uns von allen Wesen der Schöpfung, die nicht Mensch sind, unterscheidet, für die Bildung zur Menschlichkeit in der Erziehung unseres Geschlechts von der äußersten Wichtigkeit.

Jede Unruhe, die in diesem Zeitpunkte das vegetierende Leben des Kindes stört, legt den Grund zur Belebung und Stärkung aller Reize und Ansprüche unserer sinnlichen, tierischen Natur und zur Abschwächung aller wesentlichen Fundamente der naturgemäßen Entfaltung aller Anlagen und Kräfte, die das eigentliche Wesen der Menschlichkeit selber konstituieren.

Die erste und lebendigste Sorge für die Erhaltung dieser Ruhe in der frühesten Epoche des kindlichen Lebens ist von der Natur in das Herz der Mutter gelegt. Sie spricht sich in unserem Geschlecht allgemein durch die ihr innewohnende Mutterkraft und Muttertreue aus. Der Mangel dieser Kraft und dieser Treue ist mütterliche Unnatur; er ist eine Folge des widernatürlichen Verderbens des Mutterherzens. Wo dieses ist, da ist auch das wirksame Dasein der Vaterkraft, das bildende Dasein des Bruder- und Schwester-Sinnes und mit ihm der bildende Segen des häuslichen Lebens in seinem ersten, reinsten Belebungsmittel verlassen und dadurch untergraben. Dieser gründet sich in seinem Ursprung und in seinem Wesen auf das belebte Dasein der Mutterkraft und Muttertreue; und so wie die Sorge für die Ruhe des Kindes in der ersten Epoche seines Lebens im allgemeinen nur beim Dasein dieser Kraft und dieser Treue denkbar ist, so ist die Erhaltung dieser Kraft und dieser Treue nur durch die Fortsetzung der naturgemäßen Ausbildung seiner sittlichen Kraft denkbar.

Das Wesen der Menschlichkeit entfaltet sich nur in der Ruhe. Ohne sie verliert die Liebe alle Kraft ihrer Wahrheit und ihres Segens. Die Unruhe ist in ihrem Wesen das Kind sinnlicher Leiden oder sinnlicher Gelüste; sie ist entweder das Kind der bösen Not oder der noch böseren Selbstsucht; in allen Fällen aber ist sie die Mutter der Lieblosigkeit, des Unglaubens und aller Folgen, die ihrer Natur nach aus Lieblosigkeit und Unglauben entspringen.

So wichtig ist die Sorge für die Ruhe des Kindes und der sie sichernden Mutterkraft und Muttertreue, sowie für die Verhütung aller sinnlichen Reize zur Unruhe in dieser Epoche. Diese Reize gehen sowohl aus Mangel liebevoller Sorgfalt für die Befriedigung wahrer sinnlicher Bedürfnisse als aus Überfüllung mit unnützen, die tierische Selbstsucht reizenden, sinnlichen Genießungen hervor. Wo die Mutter dem nach ihr schreienden Wiegenkinde oft und unregelmäßig mangelt und das im Gefühl des Bedürfnisses, das sie stillen sollte, unbehaglich liegende Kind oft und viel so lange warten muß, bis dieses Gefühl ihm Leiden, Not und Schmerz wird, da ist der Keim der bösen Unruhe und aller ihrer Folgen in ihm in einem hohen Grad entfaltet und belebt, und die also verspätete Befriedigung seiner Bedürfnisse ist dann nicht mehr geeignet, die heiligen Keime der Liebe und des Vertrauens gegen die Mutter, wie es sollte, naturgemäß zu entfalten und zu beleben. Der erste Keim der tierischen Verwilderung, die böse Unruhe, tritt dann im Kind an die Stelle der durch Befriedigung zu erzeugenden Ruhe, in der sich die Keime der Liebe und des Vertrauens allein naturgemäß entfalten.

Die in den ersten Tagen belebte Unruhe des Wiegenkindes entfaltet dann so viel als notwendig die ersten Keime der empörten Gefühle der sinnlichen, physischen Selbstkraft und ihre Neigung zur tierischen Gewalttätigkeit und mit ihm die Hölle des unsittlichen, irreligiösen, das innere, göttliche Wesen der Menschlichkeit selber mißkennenden und verleugnenden Weltgeistes.

Das Kind, das aus Mangel an mütterlicher Befriedigung seiner Bedürfnisse durch seine Leiden innerlich empört wird, stürzt dann wie ein hungriges und durstiges Tier an die Brust seiner Mutter, an die es sich, sein Bedürfnis nur leicht fühlend, menschlich froh anlegen sollte. Sei die Ursache davon, was sie wolle, wo dem Kind die zarte Hand und das lächelnde Auge der Mutter mangelt, da entfaltet sich auch in seinem Auge und in seinem Munde das Lächeln und die Anmut nicht, die ihm in seinem beruhigten Zustande so natürlich ist. Dieser erste Zeuge des erwachenden Lebens der Menschlichkeit mangelt im beunruhigten Kinde; im Gegenteil, es erscheinen in ihm alle Zeichen der Unruhe und des Mißtrauens, welche die Entfaltung der Liebe und des Glaubens gleichsam im ersten Entkeimen stocken machen, verwirren und das Kind so im Wesen seiner ersten Entfaltung zur Menschlichkeit gefährden.

Aber auch das Überfüllen des Kindes mit sinnlichen Genüssen, für welche es im ruhigen, sinnlich nicht unnatürlich gereizten Zustande kein Bedürfnis in sich selbst fühlt, untergräbt den Segen der heiligen Ruhe, in dem sich die Keime der Liebe und des Vertrauens naturgemäß entfalten, und erzeugt hinwieder ebenso den Unsegen der sinnlichen Unruhe und der Folgen ihres Mißtrauens und ihrer Gewalttätigkeit. Die reiche Törin, die, in welchem Stande sie auch sei, ihr Kind täglich mit sinnlichen Genießungen überfüllt, bringt tierische Unnatur nach Gelüsten in dasselbe, die kein reales Fundament in den wirklichen Bedürfnissen der Menschennatur haben, sondern vielmehr in ihren Folgen der soliden Befriedigung derselben unübersteigliche Hindernisse in den Weg zu legen geeignet sind, indem sie die Kräfte, deren es zur sicheren und selbständigen Befriedigung dieser Bedürfnisse durch sein Leben unumgänglich bedarf, in ihm schon in der Wiege untergraben, verwirren und erlahmen machen und dadurch in ihm leicht und beinahe notwendig zu einer unversieglichen Quelle immer wachsender Unruhen, Sorgen, Leiden und Gewalttätigkeiten ausarten. Die wahre mütterliche Sorge für die erste, reine Belebung der Menschlichkeit im Kind, aus der das höhere Wesen seiner Sittlichkeit und Religiosität, menschlicherweise davon zu reden, hervorgeht, beschränkt ihre Sorgfalt auf die reelle Befriedigung seiner wahren Bedürfnisse. Die erleuchtete und besonnene Mutter lebt für ihr Kind im Dienst ihrer Liebe, aber nicht im Dienst einer Laune und seiner tierisch gereizten und belebten Selbstsucht.

Die Naturgemäßheit der Sorgfalt, mit der sie die Ruhe des Kindes befördert, ist nicht geeignet, seine Sinnlichkeit zu reizen, sondern nur seine sinnlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Sie, die Naturgemäßheit der mütterlichen Sorgfalt, wenn sie schon instinktartig in ihr belebt ist, steht dennoch mit den Ansprüchen ihres Geistes und ihres Herzens in Harmonie; sie ist geistig und herzlich begründet und instinktartig nur belebt, also durchaus nicht eine Folge des Unterliegens ihrer edleren, höheren Anlagen unter den sinnlichen Gelüsten ihres Fleisches und ihres Blutes, sondern nur eine Mitwirkung ihres Fleisches und ihres Blutes zum Resultat der Bestrebungen ihres Geistes und ihres Herzens.

Auf dieser Bahn ist es, daß der Einfluß der Mutterkraft und der Muttertreue bei ihrem Säuglinge die ersten Spuren der Liebe und des Glaubens naturgemäß entfaltet und zugleich den segensvollen Eindruck der Vaterkraft, des Bruder- und Schwestersinnes vorzubereiten und zu begründen und so allmählich den Sinn der Liebe und des Vertrauens über den ganzen Kreis des häuslichen Lebens auszudehnen geeignet ist. Die sinnliche Liebe und der sinnliche Glaube an die Mutter erhebt sich auf dieser Bahn zu einer menschlichen Liebe und zu einem menschlichen Glauben. Von der Liebe zur Mutter ausgehend, spricht er sich in der Liebe zum Vater und zu seinen Geschwistern und im Glauben an sie aus.

Der Kreis der menschlichen Liebe und des menschlichen Glaubens des Kindes dehnt sich immer mehr aus. Wen die Mutter liebt, den liebt ihr Kind auch. Wem die Mutter traut, dem traut es auch. Selber wenn die Mutter von einem fremden Manne, den es noch nie gesehen, sagt: "Er liebt dich, du mußt ihm trauen, er ist ein guter Mann, gib ihm dein Händchen!", so lächelt es ihn an und gibt ihm gerne das Händchen seiner Unschuld. So hinwieder, wenn sie zu ihm sagt: "Du hast einen Großvater in fernen Landen, dem du lieb bist", so glaubt es an seine Liebe; es redet gerne mit der Mutter vom Großvater, glaubt an seine Liebe und hofft auf sein Erbe. Und ebenso wenn sie zu ihm sagt: "Ich habe einen Vater im Himmel, von dem alles Gute kommt, das du und ich besitzen", so glaubt das Kind auf das Wort seiner Mutter an ihren Vater im Himmel. Und wenn sie als Christin zu ihm betet und in der Bibel liest und an den Geist der Liebe, der in seinem Wort herrscht, glaubt und von ihm belebt ist, so betet das Kind mit seiner Mutter gerne zu ihrem Vater im Himmel, glaubt an das Wort seiner Liebe, dessen Geist es im Tun und Lassen seiner Mutter schon in seiner sinnlichen Unmündigkeit erkennen lernt. So ist es, daß das Kind des Menschen an der Hand seiner Mutter sich naturgemäß vom sinnlichen Glauben und von der sinnlichen Liebe zur menschlichen Liebe und zum menschlichen Glauben und von diesen zum reinen Sinn des wahren christlichen Glaubens und der wahren christlichen Liebe erhebt. Und diese Bahn ist es auch, in welcher die Idee der Elementarbildung das sittliche und religiöse Leben des Kindes von der Wiege auf menschlich zu begründen, zum Ziel ihrer Bestrebungen zu machen sucht.

Ich schreite weiter und frage mich:

II. Wie entfalten sich die Fundamente des geistigen Lebens des Menschen, die Fundamente seiner Denkkraft, seiner Überlegung und seines Forschens und Urteilens naturgemäß in unserem Geschlechte? Wir finden, die Bildung unserer Denkkraft geht von dem Eindruck aus, den die Anschauung aller Gegenstände auf uns macht und die, indem sie unsere inneren oder äußeren Sinne berühren, den unserer Geisteskraft wesentlich innewohnenden Trieb, sich selber zu entfalten, anregen und beleben.

Diese, durch den Selbsttrieb der Denkkraft belebte Anschauung führt ihrer Natur nach vor allem aus zum Bewußtsein des Eindrucks, den die Gegenstände der Anschauung auf uns gemacht haben, und mithin zur sinnlichen Erkenntnis derselben. Sie erzeugt dadurch notwendig das Gefühl des Bedürfnisses von Ausdrücken, die die Eindrücke unserer Anschauung auf uns gemacht haben; und vor allem aus das Gefühl des Bedürfnisses der Mimik, zugleich, aber noch weit mehr und weit menschlicher das Gefühl des Bedürfnisses der Sprachkraft, deren Entfaltung den diesfälligen Gebrauch der Mimik sogleich überflüssig macht.

Diese der Ausbildung der Denkkraft wesentliche Sprachkraft unseres Geschlechts ist hauptsächlich als eine Dienstkraft der Menschennatur, um uns die durch Anschauung erworbenen Kenntnisse fruchtbar und allgemein zu machen, anzusehen. Sie bildet sich auch von Anfang an nur im festen Zusammenhang mit dem Wachstum und der Ausdehnung der menschlichen Anschauungserkenntnisse naturgemäß aus; und diese gehen ihr auch allgemein vor. Das menschliche Geschlecht kann über nichts naturgemäß reden, das es nicht erkannt hat. Es kann über nichts auf eine andere Weise reden, als wie es dasselbe erkannt hat. Was es oberflächlich erkannt, davon redet es oberflächlich; was es unrichtig erkannt, davon redet es auch unrichtig, und was diesfalls von Anfang wahr war, das ist es auch jetzt noch.

Die Naturgemäßheit der Erlernung der Muttersprache und jeder anderen Sprache ist an die durch Anschauung erworbene Erkenntnis gebunden, und der naturgemäße Gang der Kunst in der Erlernung von beiden muß mit dem Gange der Natur, nach welchem die Eindrücke unsrer Anschauungen in Erkenntnisse hinübergehen, wesentlich in Übereinstimmung stehen. Fassen wir diesen Gesichtspunkt in Rücksicht auf die Erlernung der Muttersprache ins Auge, so finden wir: Wie alles unterschieden und wesentlich Menschliche sich nur langsam aus dem Tierischen unserer sinnlichen Natur, aus dem es hervortritt, stufenweise entfaltet, so bildet sich auch die Muttersprache, sowohl in Rücksicht auf das Sprachorgan als auf die Erkenntnis der Sprache selber, in langsamen Stufenfolgen. Das Mutterkind kann so lange nicht reden, bis seine Sprachorgane gebildet sind. Es kennt aber auch anfänglich soviel als gar nichts und kann also über gar nichts reden wollen. Sein Wille und seine Kraft zum Reden bildet sich nur nach Maßgabe der Erkenntnis, die es allmählich durch die Anschauung gewinnt. Die Natur kennt keinen anderen Weg, das unmündige Kind reden zu lehren, und die Kunst muß in ihrer Nachhilfe zum nämlichen Ziele mit ihm eben diesen langsamen Weg gehen, aber es auch mit allen Reizen, die sowohl die Erscheinung der Gegenstände in den Umgebungen des Kindes als in dem Eindruck des Klanges in der Verschiedenheit der Töne, deren die Sprachorgane fähig sind, auf dasselbe haben, zu begleiten und zu befördern suchen. Um das Kind reden zu lehren, muß die Mutter die Natur selber mit allen Reizen, die das Hören, Sehen und Fühlen etc. auf seine Organe hat, auf dasselbe einwirken machen. So wie das Bewußtsein dessen, was es sieht, hört, fühlt, riecht und schmeckt, in ihm belebt ist, so wird auch sein Wille, Ausdrücke für diese Eindrücke zu kennen und sie brauchen zu können, d.h. sein Wille, darüber reden zu lernen, sich in ihm immer stärker aussprechen und seine Kraft, es zu können, sich bei ihm ausdehnen.

Auch den Reiz der Töne muß die Mutter zu diesem Zwecke benutzen. Wenn und insoweit es ihr daran liegt, ihr Kind geschwind reden zu lehren, muß sie ihm die Sprachtöne bald laut, bald leise, bald singend, bald lachend usw., immer wechselnd mit lebendiger Munterkeit und so vor die Ohren bringen, daß es die Lust, sie ihr nachzulallen, notwendig in sich selbst fühlen muß; und ebenso muß sie ihre Worte mit dem Eindruck der Gegenstände, deren Namen sie dem Kind ins Gedächtnis bringen will, begleiten. Sie muß ihm diese Gegenstände in den wichtigsten Verhältnissen und in den verschiedensten und belebendsten Lagen vor die Sinne bringen und vor den Sinnen festhalten und in der Einübung der Ausdrücke derselben nur in dem Grad vorschreiten, in welchem ihr Eindruck durch die Anschauung im Kinde selber gereift ist. Die Kunst oder vielmehr die erleuchtete Muttersorge und Muttertreue kann die Langsamkeit dieses Naturganges in der Erlernung der Muttersprache vergeschwindern und beleben, und es ist eine Aufgabe der Elementarbildung, die Mittel dieser Vergeschwinderung und Belebung zu erforschen und den Müttern mit Klarheit und Bestimmtheit in Reihenfolgen geordneter Übungen vor die Augen zu legen, die dieses zu erzielen geeignet sind. So wie die Kunst dieses tut, wird sich ganz gewiß das Herz der Mutter für diese Mittel offen und bereitet finden, sie mit inniger Liebe zu ergreifen und für ihr Kind zu benutzen.

Die naturgemäße Erlernung jeder andern als der Muttersprache geht diesen langsamen Gang gar nicht. Das Kind, das eine fremde, sei es eine alte oder eine neue, Sprache lernt, hat

  1. schon gewandte Sprachorgane. Es hat bei jeder fremden Sprache nur einige wenige, dieser Sprache eigene Töne seinen an sich im allgemeinen schon kraftvollen Sprachorganen einzuüben.
  2. sind in dem Alter, in dem ein Kind fremde, neue oder alte Sprachen lernt, Millionen Erkenntnisse durch die Anschauung auf eine Weise in ihm zum gereiften Bewußtsein gelangt, daß es sie in der Muttersprache mit der höchsten Bestimmtheit auszudrücken imstande ist. Daher denn auch die Erlernung jeder neuen Sprache in ihrem Wesen für dasselbe nichts anderes ist, als die Erlernung, Töne, deren Bedeutung ihm in der Muttersprache bekannt ist, in Töne, die ihm noch nicht bekannt sind, umzuwandeln. Die Kunst, diese Umwandlung durch mnemonische Mittel zu erleichtern und in psychologisch geordnete Reihenfolgen von Übungen zu bringen, welche die Verdeutlichung und Erheiterung der Begriffe, deren wörtliche Erkenntnis dem Kind mnemonisch erleichtert wird, naturgemäß und notwendig zu ihrer Folge haben muß, ist hinwieder als eine der wesentlichsten Aufgaben der Idee der Elementarbildung anzusehen. Das Bedürfnis einer psychologischen Begründung der Anfangspunkte der Sprachlehre wird allgemein gefühlt, und ich glaube bei meinen schon vor einem halben Jahrhundert begonnenen und ununterbrochen betriebenen Versuchen, den Volksunterricht in seinen Anfangspunkten zu vereinfachen, zu einigen naturgemäßen, diesfalls fruchtbaren Mitteln, dieses wichtige Ziel zu erreichen, gekommen zu sein.

Um aber den Faden meiner Darlegung der Idee der Elementarbildung nicht aus den Händen zu verlieren, kehre ich zum Gesichtspunkt zurück, daß die von der Anschauung ausgehende Geistesbildung in der naturgemäßen Sprachlehre ihren ersten Kunstbehelf suchen muß. Dieser Behelf geht, als zur Verdeutlichung der Erkenntnisse dienend, aus der Anschauung hervor. Die Geistesbildung aber erfordert ihrer Natur nach weiterführende Fundamente. Sie fordert Kunstmittel zur naturgemäßen Entfaltung der Kräfte, die durch die Anschauung erkannten und in sich zum klaren Bewußtsein gebrachten Gegenstände selbständig zusammenzustellen, zu trennen und zu vergleichen und dadurch die Anlage, über sie, über ihr Wesen und über ihre Beschaffenheit richtig zu urteilen, zur wirklichen Denkkraft zu erheben.

Die Geistesbildung und die von ihr abhängende Kultur unseres Geschlechts fordert fortdauernde Ausbildung der logischen Kunstmittel zur naturgemäßen Entfaltung unserer Denk-, Forschungs- und Urteilskräfte, zu deren Erkenntnis und Benutzung sich das Menschengeschlecht seit Jahrtausenden erhoben. Diese Mittel gehen in ihrem Wesen und Umfange aus der uns innewohnenden Kraft hervor, die durch die Anschauung zum klaren Bewußtsein gekommenen Gegenstände in uns selbst frei und selbständig zusammenzustellen, zu trennen und zu vergleichen, d.h. logisch ins Auge zu fassen und zu bearbeiten und uns dadurch zur gebildeten menschlichen Urteilskraft zu erheben.

Diese Mittel der Kunst, das Denkvermögen unseres Geschlechts zur gebildeten Urteilskraft zu erheben, sie in ihrem Wesen zu erforschen und zur allgemeinen Brauchbarkeit und Anwendbarkeit auszuarbeiten, ist hinwieder eine der wesentlichsten Bestrebungen der Idee der Elementarbildung. Und da die Kraft, durch die Anschauung deutlich erkannte Gegenstände logisch zu bearbeiten, offenbar in der gebildeten Kraft, zu zählen und zu messen, ihre erste, naturgemäßeste Anregung und Belebung findet, so ist klar, daß in der vereinfachten Bearbeitung der Zahl- und Formlehre das vorzüglichste Mittel zu diesem wichtigen Zweck der Menschenbildung gesucht und anerkannt werden muß und warum die Idee der Elementarbildung die psychologisch bearbeitete und vereinfachte Zahl- und Formlehre, in Verbindung mit der ebenso vereinfachten Sprachlehre, gemeinsam als das tiefste, einwirkendste, allgemeine Fundament der naturgemäßen Kunstausbildung der menschlichen Denkkraft anerkennt und anspricht.

In Rücksicht auf die elementarisch zu bearbeitende Zahl- und Formlehre ist der Eindruck merkwürdig, den unsere ersten Versuche darüber schon in Burgdorf auffallend allgemein machten. Noch merkwürdiger aber ist, wie unwidersprechlich die späteren Resultate dieser in Burgdorf höchst einseitig begonnenen und später in einen so tödlich serbenden [] Zustand versunkenen Versuche es allein möglich machten, daß meine so lange in sich selbst zerrüttete, ganze Reihen von Jahren in offenem Aufruhr um ihre Erhaltung kämpfende und am Rande ihres Abgrunds gestandene Anstalt sich bis auf diese Stunde zu erhalten vermochte [] und gegenwärtig, bei der immer wachsenden Abschwächung und beinahe vollkommenen Zernichtung aller ihrer äußeren Mittel, in der Errichtung einer Anstalt von Erziehern und Erzieherinnen, mitten im Anschein ihres nahen Erlöschens, noch einen hohen Funken innerer Lebenskraft zeigt, dessen bedeutende Erscheinung die Hoffnung ihrer Errettung auch jetzt nicht ganz in mir auszulöschen vermag.

III. Wenn wir uns drittens fragen: Wie entfalten sich die Fundamente der Kunst, aus denen alle Mittel, die Produkte des menschlichen Geistes äußerlich darzustellen und den Trieben des menschlichen Herzens äußerlich Erfolg und Wirksamkeit zu verschaffen, hervorgehen und durch welche alle Fertigkeiten, deren das häusliche und bürgerliche Leben bedarf, gebildet werden müssen? - so sehen wir sogleich, diese Fundamente sind innerlich und äußerlich, sie sind geistig und physisch. Aber wir sehen auch ebensowohl, daß das innere Wesen der Ausbildung aller Kunst- und Berufskräfte in der Ausbildung der geistigen Kraft der Menschennatur, in der Ausbildung seiner Denk- und seiner Urteilskraft, die in ihrem Wesen von der naturgemäßen Ausbildung seiner Anschauungskraft ausgeht, besteht. Wir können die Wahrheit nicht verkennen, daß, wer zum Rechnen und Messen und dem diesfalls beiwohnenden Zeichnen wohl, d.h. naturgemäß und genugtuend angeführt ist, die inneren, wesentlichen Fundamente aller Kunst und aller Kunstfertigkeit in sich selbst trägt und daß er nur noch die äußeren Kräfte seiner Sinne und Glieder in Übereinstimmung mit seiner innerlich entfalteten Kunstkraft für den bestimmten Zweck der Fertigkeiten derjenigen Kunst, die er erlernen will, mechanisch auszubilden notwendig hat.

So wie die elementarisch bearbeitete Zahl- und Formlehre ihrer Natur nach als die eigentliche Gymnastik der geistigen Kunstkraft angesehen werden muß, so müssen hingegen die mechanischen Übungen der Sinne und der Glieder, die zur Ausbildung der äußeren Kunstfertigkeiten notwendig sind, als die physische Gymnastik der Kunstkraft angesehen und erkannt werden.

Die elementarische Ausbildung der Kunstkraft, wovon die Berufskraft nur als eine spezielle, auf den Stand und das Verhältnis eines jeden Individuums passende Anwendung dieser Kraft angesehen werden muß, ruht also auf zwei in ihrem Wesen verschiedenen Fundamenten, und ihre naturgemäßen Mittel gehen aus der Belebung und Ausbildung zweier voneinander verschiedener Grundkräfte, der geistigen und der physischen, hervor, werden aber auch nur durch die gemeinsame und mit ihnen verbundene Belebung und Ausbildung der drei Grundkräfte der Kultur unseres Geschlechts Mittel der wahren, menschlichen Bildung oder, welches ebensoviel ist, wirkliche und naturgemäße Bildungsmittel des Eigentümlichen der Menschlichkeit, das in unsrer Natur liegt. Ich habe das Wesen der elementarischen Ausbildung dieser Mittel in ihren sittlichen und geistigen Fundamenten berührt; ich berühre es noch in ihrem physischen. Wie der wesentliche Reiz der Ausbildung unsrer sittlichen und geistigen Kräfte in ihrem Naturtrieb, sich selber zu entfalten, selbst liegt, so liegen die wesentlichen Reize zur naturgemäßen Ausbildung der Kunstkraft auch in physischer Hinsicht in dem Selbsttrieb dieser Kräfte, sich selber zu entfalten, der auch in dieser Hinsicht im Wesen unserer Sinne, Organe und Glieder liegt und, geistig und physisch belebt, uns die Neigung zur Anwendung dieser Kräfte so viel als notwendig macht.

Von Seite dieser Belebung hat die Kunst eigentlich wenig zu tun. Der physische Antrieb, Sinne und Glieder zu gebrauchen, ist wesentlich tierisch und instinktartig belebt. Die Unterordnung seiner instinktartigen Belebung unter die Gesetze der sittlichen und geistigen Fundamente der Kunst ist das, was die elementarische Bestrebung zur naturgemäßen Entfaltung unsrer diesfälligen Kraft eigentlich zu tun hat, und hierin wird sie vorzüglich von der Gewaltskraft, die in den Umständen und Verhältnissen eines jeden Individuums und in dem Einfluß des häuslichen Lebens, in dem sich diese Gewaltskraft in sittlicher, geistiger und physischer Hinsicht im Umfang ihrer Mittel konzentriert, unterstützt und belebt. Die sorgfältige und weise Benutzung der Bildungsmittel des häuslichen Lebens ist also in physischer Hinsicht so wichtig, als sie es in sittlicher und geistiger Hinsicht auch ist. Die Ungleichheit dieser Mittel wird durch die Verschiedenheit der Lagen und Verhältnisse des häuslichen Lebens, in welchem sich jedes Individuum persönlich befindet, bestimmt; aber mitten im Wirrwarr der Verschiedenheit der Bildungsmittel zur Anwendung der Grundkräfte unserer Natur ist das Wesen der Entfaltung dieser Mittel in physischer eben wie in sittlicher und geistiger Hinsicht ewigen und unveränderlichen Gesetzen unterworfen, folglich allenthalben sich selbst gleich.

Es geht in der Bildung des Kindes von der Aufmerksamkeit auf die Richtigkeit jeder Kunstform zur Kraft in der Darstellung derselben, von dieser zum Bestreben, jede in Rücksicht auf Richtigkeit und Kraft wohl eingeübte Form mit Leichtigkeit und Zartheit darzustellen, hinüber und von der eingeübten Richtigkeit, Kraft und Zartheit derselben schreitet es zur Freiheit und Selbständigkeit in der Darstellung seiner Formen und Fertigkeiten empor. Das ist der Gang, den die Natur in der Ausbildung unseres Geschlechts zur Kunst allgemein geht und allgemein gehen muß; und indem sie in der Stufenfolge ihrer Bildungsmittel dem Zöglinge die Fertigkeit in der Richtigkeit, Kraft und Zartheit bis auf einen gewissen, gegenseitig gleichförmigen Grad der Vollendung einzeln einübt, kommt sie auch dahin, daß die Resultate dieser einzelnen Übungen unter sich in Übereinstimmung und Harmonie gelangen und dadurch sich zu einer Gemeinkraft der Kunst erheben, ohne welche der Mensch weder sich selbst durch die Kunst veredeln, noch selber zu einem soliden, in ihm selbst wahrhaft begründeten Streben nach der Vollkommenheit irgendeiner wirklichen Kunst zu gelangen vermag.

Dieser naturgemäße Gang der Entfaltung der mechanischen Fundamente der Kunstkraft ist mit dem Gange der Natur in der Entfaltung der inneren, geistigen Fundamente derselben in vollkommener Übereinstimmung und bahnt ihr überhaupt den naturgemäßen Weg, mit den Fundamenten der Herzens- und Geistesbildung in Harmonie zu gelangen und so die naturgemäßen Bildungsmittel der Liebe und des Glaubens mit den naturgemäßen Bildungsmitteln der Kunstkraft (eben wie dieses auch in Rücksicht auf diejenigen der Denkkraft der Fall ist) zu vereinigen, ohne welche das Gleichgewicht unsrer Kräfte, dieses hohe Zeugnis der aus der Einheit unseres Wesens hervorgehenden Gemeinkraft unserer Natur, im allgemeinen in ihren ersten Begründungsmitteln nicht einmal denkbar, viel weniger erreichbar ist.

Ich fasse dieses hohe Zeugnis der wahrhaft entfalteten Gemeinkraft unserer Natur, das Gleichgewicht der sittlichen, geistigen und physischen Kräfte unseres Geschlechts, oder welches ebensoviel ist, das Gleichgewicht unserer Herzens-, Geistes- und Kunstkräfte, noch einen Augenblick von einer seiner wesentlichsten Seiten näher ins Auge.

Wenn es auch wahr und unwidersprechlich ist, daß jedes Übergewicht einer einzelnen unserer Kräfte über die andere den Segen der Gemeinkraft, der aus der Übereinstimmung von allen allein zu entspringen vermag, stört und entkräftet, so ist zwar gleich wahr, daß das Übergewicht der sinnlichen Reize und der sinnlichen Neigung zur Belebung der Kräfte des Herzens, der Liebe und des Glaubens, bei großer Schwäche und bei großer Verwirrung der Denk- und der Tatkraft noch mit einem ernsten Streben nach göttlicher und menschlicher Handbietung zur Stärkung einer frommen, liebenden und gläubigen Seele begleitet sein kann. Ein solcher Mensch, bei dem das Gleichgewicht der Kräfte von dieser Seite verloren gegangen, kann aber bei allem seinem ernst gemeinten Streben nach Stärkung seiner ihm mangelnden Geisteskräfte und bei allem seinem kraft- und fundamentlosen Hinstreben nach Erkenntnis der Wahrheit in seinen träumerischen Verirrungen sich immer mehr vertiefen und zur wirklichen Erkenntnis der Wahrheit und des Rechts und zur Ausübung aller Pflichten, die diese Erkenntnis ansprechen und voraussetzen, dennoch in einem hohen Grade unfähig werden. Er kann sogar durch die, wenn auch noch so sehr ursprünglich aus redlichem Herzen hervorgegangene Gewaltsamkeit seines Fühlens, Denkens und Handelns, mit der er auf der einen Seite unnatürlich nach dem strebt, was er auf der anderen Seite um der Schwäche und der Täuschung willen, unter denen er es besitzt, in sich selber mißkennt und verachtet, das innere, wahre, heilige und göttliche Wesen seiner Liebe und seines Glaubens in sich selber abschwächen und dadurch in einen Zustand der Ohnmacht und in Widerspruch seiner selbst mit sich selbst geraten, der in einem äußersten Grad bedauernswürdig und menschlicherweise davon zu reden, unheilbar werden kann. Doch, Gott ist in den Schwachen mächtig. Wer Ihn und durch Ihn göttliche und menschliche Handbietung zur Stärkung der ihm mangelnden Kräfte sucht, der hat die innere Fähigkeit zur Belebung, Stärkung und Wiederherstellung derselben nicht in dem Grad verloren und kann sie niemals in dem Grad verlieren, wie dieses bei Menschen, denen bei aller Schwäche einiger ihrer wesentlichen Kräfte der heilige Trieb, Handbietung zur Stärkung derselben im frommen Glauben an Gott und in reiner Liebe zu ihren Mitmenschen zu suchen, mangelt, vielseitig und sehr leicht der Fall ist. Sie, die tierische Befriedigung im Genusse der sinnlichen Folgen überwiegender Geistes-, Kunst- und Berufskräfte, führt durch ihr Wesen dahin, das Gefühl des Mangels von Liebe und Glauben und mit ihm das Streben, dieses Gleichgewicht der Kräfte durch Stärkung der Liebe und des Glaubens in sich selber wiederherzustellen, im Innersten der Menschennatur auf eine Weise zu ersticken, die seine Wiederherstellung, menschlicherweise davon zu reden, so viel als unmöglich macht. Die diesfällige Zerstörung des Gleichgewichts der Kräfte führt in ihren äußersten Folgen einen Zustand der Verstockung herbei, der bei allen Schwachheitsverirrungen der geistlosesten Liebe und des kraft- und tatenlosesten Glaubens nicht denkbar ist.