1826 Pestalozzis Schwanengesang (5/5)

Der Endpunkt der elementarisch genugtuend eingeübten, gemeinen Anschauungserkenntnisse des Lebens grenzt in jedem Fall an den naturgemäßen Anfangspunkt der elementarisch zu bildenden wissenschaftlichen Ansicht und Behandlung eben dieses Gegenstandes. Dieser Anfangspunkt aber geht durchaus und wesentlich nur von der einfachen Erweiterung des Anschauungskreises der Gegenstände, die der Zögling im Kreis seiner Umgebungen sich zum voraus schon eigen gemacht hat, hervor. Der naturgemäß erweiterte und durch die elementarische Entfaltung der Sprachkraft unterstützte und belebte Kreis der Anschauungserkenntnisse führt natürlicherweise zur Erweiterung des Stoffes der logischen Behandlung eben dieser Gegenstände, er führt zu Übungen, dieselben nach verschiedenen Gesichtspunkten und in verschiedenen Rücksichten geistig in sich selbst zusammenzustellen, zu trennen und zu vergleichen, d.i. sie als Übungen der Denk- und Urteilskraft zu benutzen und sich zur wissenschaftlichen Erkenntnis eben dieser Gegenstände zu erheben. So weitführend und tiefgreifend der Grundsatz im allgemeinen ist, daß die Elementarbildungsmittel in ihrem ganzen Umfang mit der Lage und mit den Umständen eines jeden ihrer Zöglinge in Übereinstimmung gebracht und darum in ihrer Anwendung bei ihnen in ihren verschiedenen Ständen ungleich benutzt werden müssen; so weitführend und tiefgreifend ist es hinwieder auch, in besonderer Rücksicht den Grad der Ausdehnung oder Beschränkung zu erforschen, in welchem die elementarischen Kunstmittel der Geistesbildung den einzelnen Menschen in den verschiedenen Ständen gegeben und eingeübt werden müssen. Würde man dem Stande der Landbauern in der Einübung der elementarischen Kunstbildungsmittel im allgemeinen den Grad der Ausbildung oder vielmehr der tieferen Begründung erteilen wollen, dessen der bürgerliche Erwerbsstand bestimmt bedarf, so würde dieser Stand die Übereinstimmung seiner Bildung mit seiner Lage, seinen Umständen, Kräften und Bedürfnissen in einem hohen Grad verlieren und in sich selbst verwirrt den Samen einer Gemütsstimmung entkeimen machen, der ihm die Schranken seines Standes und seiner Umstände zu seinem Unglück zur drückenden Last machen könnte und müßte. Der nämliche Fall ist es, wenn man dem Bürgerstand, der in der bürgerlichen Kunst- und Gewerbsindustrie den Wohlstand seines Hauses gründen und auf Kinder und Kindeskinder hinab erhalten und äufnen soll, allgemein und ohne Unterschied in der elementarischen Sprach-, Zahl- und Formlehre den Grad der Ausbildung erteilen und eigen machen, und überhaupt das Wissen dieses Standes nach vielseitigen Richtungen durch die Einübung seiner Kunstbildungsmittel in dem Grad ausdehnen wollte, in dem es den höheren und wissenschaftlich zu bildenden Ständen ausgedehnt eingeübt werden muß, damit sie in denselben Reiz und Mittel zu einer, ihnen in ihren Lagen und Umständen notwendigen und ihrer würdigen Ausbildung ihrer Kräfte finden, so würde man hinwieder den Bürgerstand durch die Heterogenität seiner Geistes- und Kunstbildung mit dem positiven Zustand seiner Lagen, Umstände und Verhältnisse, und mit den wesentlichsten und solidesten Segensquellen derselben in Widerspruch bringen.

Um aber den Grad zu bestimmen, in welchem die Kunstbildungsmittel dieser hohen Idee den Individuen aller Stände im allgemeinen eingeübt und gegeben werden sollen, muß man das Verhältnis der Natur und des Wesens einer jeden dieser, eine solide Kultur gleich ansprechenden Volksklassen genau ins Auge fassen; und dann fällt auf, daß die Geistesbildung der handarbeitenden Stände in einem weit kleineren Grad ein Resultat ihres Abstraktionsvermögens als ihres Anschauungsvermögens und ihrer Sinne- und Handübungen ist; daß folglich die Kunstmittel der Geistesbildung dieser Stände wesentlich und vorzüglich von Sinnen- und Handübungen ausgehen und auf dieselben gegründet werden müssen. Für den handarbeitenden Mann ist die genugtuende und kraftvolle Ausbildung seiner Sinne und Glieder zum Dienst alles dessen, was seinen Lebenssegen begründet, die Stufenleiter, auf welcher er sich zum richtigen und ihn in seinen Lagen und Verhältnissen segnenden Denken emporzuheben berufen ist. Die Ausbildung seines Abstraktionsvermögens muß aus dem, durch tägliche Übung gereiften Gebrauch seiner Organe und seiner Glieder hervorgehen und darauf begründet werden.

Die Kraft seines Abstraktionsvermögens muß aus der Reifung seiner Organe zum Sehen und Hören, und aus der Reifung seiner Glieder zum Tun und Handeln hervorgehen.

Das ist von den ersten Anfangspunkten seiner Kunstbildungsmittel gleich wahr. Auch sein Lesen- und Schreibenlernen ist diesem Gesichtspunkt unterworfen, und muß, wenn es ihm naturgemäß eingeübt werden soll, aus seinem gereiften Redenkönnen hervorgehen. Sein Redenlernen muß indes in den niederen Ständen weit weniger von den Kunstmitteln des Lesens und Schreibens unterstützt oder vielmehr verfeinert werden, als man dieses bei den sogeheißenen gebildeten Ständen zu glauben scheint und ausübt. Diese sind hundertmal im Fall, durchs Lesen und Schreiben zum Reden gebildet und darin beholfen zu werden. So widernatürlich dieses auch an sich ist, so schadet es den Kindern aus den diesfälligen Ständen dennoch weit weniger, als es den Kindern aus gemeinen, handarbeitenden Ständen schaden würde, wenn <<<>< dieses auch bei ihnen vielseitig der Fall wäre. Je größer und vielseitiger die Unnatur in der Führung eines Kindes im allgemeinen ist, desto weniger schadet ihm ein einzelner Punkt dieser Unnatur an sich selbst. Je einfacher und beschränkter der Stand eines Menschen ist, desto mehr bedarf er der höchsten Einfachheit und Beschränkung in den Kunstausbildungsmitteln seiner Erziehung. Der Landbauer, als solcher, bedarf der Sprach-, Zahl- und Formlehre nur in dem Grad, als er dadurch in den Stand gesetzt wird, die Mittel, die er als Bauer für die Gründung eines soliden Wohlstandes in seiner Hand hat, mit Erfolg dafür zu benutzen. Er muß Sprachkenntnisse und richtige Sprachkenntnisse besitzen, um sich über alles, was er in seiner Lage und in seinen Verhältnissen wissen soll, mit Bestimmtheit und Klarheit aussprechen zu können. Ebenso muß sein Denkvermögen durch die gereifte Kraft seines Anschauungsvermögens in den Stand gesetzt werden, alles, was ihm in seinem Kreis zur Verbesserung seiner Lage an der Hand liegt, richtig ins Auge zu fassen, wohl zu überdenken, um es mit Sicherheit segensreich benutzen zu können. Das heißt aber auch bestimmt, seine Anschauungskraft muß durch die Kunstmittel der Elementarbildung sehr viel weiter geführt werden, als es für ihn notwendig ist, sein Abstraktionsvermögen durch diese Kunstmittel weit zu führen. Seine Denkkraft darf durch die Weiterführung in den Übungen dieser Kunstformen zur Bildung des Abstraktionsvermögens nicht dahin gesteigert werden, um vielerlei Reize in ihn zu bringen, dieselbe außer dem Kreise und im Widerspruch mit seiner ländlichen Lage benutzen oder vielmehr damit brillieren zu wollen.

Die nämliche Ansicht findet diesfalls auch im allgemeinen in Rücksicht auf den Bürgerstand statt. Auch für diesen Stand müssen die elementarischen Kunstübungen zur Bildung des Abstraktionsvermögens im allgemeinen nicht über die Schranken der Bedürfnisse, welche die Bildung desselben zu seiner kraftvollen Tätigkeit fordert, gegeben und nicht auf den Grad gesteigert werden, auf dem es die Menschen, die durch ihre Bestimmung zu einem speziellen wissenschaftlichen Fache, das entweder ein tieferes Sprachstudium, höhere mathematische Fertigkeiten oder ausgedehnte, weit führende wissenschaftliche und Weltkenntnisse anspricht, bedürfen. Indessen sind die Bedürfnisse des Bürgerstandes in Rücksicht auf die ausgedehnteren oder beschränkteren Kunstausbildungsmittel des Abstraktionsvermögens individualiter so verschieden, daß es auch nur mit fester Rücksicht auf das Individuum, von dem in jedem Fall die Rede ist, möglich ist, diesen Grad für dasselbe mit Genauigkeit zu bestimmen.

Die höheren Stände hingegen, so wie jede einzelne Person, die durch ihren Stand, Rang oder ökonomischen Wohlstand ihre Zeit und ihre Kräfte, ohne Rücksicht auf diesfalls hemmende Schranken ihrer Lage, auf einen hohen Grad wissenschaftlicher Ausbildung zu verwenden imstande sind, oder dazu berufen scheinen, müssen in den soliden Kunstausbildungsmitteln des Abstraktionsvermögens, die in der elementarischen Behandlung der Zahl- und Formlehre liegen, auf einen, den höheren Ansprüchen ihrer Lage bestimmt genugtuenden Grad geführt werden, damit sie dadurch vor dem weitführenden und nicht nur ihnen selbst, sondern auch ihren Mitmenschen gefährlichen Unglück bewahrt werden, auf der Bahn des oberflächlichen Vielwissens und des armseligen Allwissens der Kraft-, Takt- und Charakterlosigkeit eines Zeitgeists zu unterliegen, dessen verderbensvolle Erfahrungen uns doch endlich zur Überzeugung gebracht haben sollten, daß der geistige Luxus unserer oberflächlichen Erkenntnisse, mit dem physischen Luxus unserer Tage vereinigt, (damit ich nicht mehr sage und nur den kleinsten, äußerlichen Teil ihres verderblichen Einflusses berühre) den (Nervus rerum)# allen Ständen und den niederen derselben besonders bis auf den letzten Heller aus den Händen spielt.

Alle diese Unterscheidungen des Grades, in welchem die Mittel der Elementarbildung den ungleichen Ständen gegeben werden müssen, haben ihr Fundament im Geist und Wesen von Bedürfnissen und Ansprachen der Menschennatur selber; und es ist vermöge dieses Zusammenhangs, daß diese Mittel, in welchem Grade sie auch immer den ungleichen Ständen und Individuen eingeübt werden müssen, sich auf der einen Seite in ihrem ganzen Umfang auch selber als Geist und Leben bewähren, indem sie auf der andern Seite zugleich geeignet sein müssen, mit sinnlicher, physischer Kraft ins Fleisch und Blut der Zöglinge, denen sie eingeübt werden, hinüberzugehen.

Es fällt auf, daß die Sorgfalt und Aufmerksamkeit, die die Übereinstimmung der Führung der Kinder jedes Standes hierin erfordert, bei ihnen von der Wiege auf stattfinden sollen. Das Bedürfnis dieser Vorbereitung aller Resultate der Elementarbildung von der Wiege an ist im ganzen Umfang ihrer Mittel allgemein. Ohne seine Befriedigung mangelt die Idee der Elementarbildung den naturgemäßen Anfangspunkt des soliden Einflusses auf das Wachstum aller unserer Kräfte und mit ihm auf die Sicherstellung des innigen Zusammenhangs derselben untereinander. Und da der Gang der Natur, in dessen Fußstapfen der Gang der Kunst ihr nachhelfend eintreten soll, den Anfangspunkt der soliden Entfaltungsmittel unserer Kräfte in der Einheit der Menschennatur besitzt und durch ihn allgemein, von der Wiege an, auf die Vereinigung und den Zusammenhang der Resultate aller Bildungsmittel unseres Geschlechts einwirkt, so ist offenbar, daß die Kunst, ebenso von der Wiege an, den Anfangspunkt aller ihrer Mittel in der Einheit der Menschennatur suchen und durch sie die Harmonie ihrer Resultate und ihre Übereinstimmung mit dem Gang der Natur zu erzielen trachten muß.

Der Mittelpunkt der Kraft der Idee der Elementarbildung zu allem diesem ruht wesentlich in diesem Gesichtspunkt, aus welchem sich denn auch die Notwendigkeit ergibt, den ganzen Umfang ihrer Mittel gemeinsam und im Zusammenhang untereinander von der Wiege an zu beleben, zu stärken und zu fördern und dieselben in ihrer Einfachheit selber in die Hand der Mütter zu legen, in denen der Trieb, nach ihnen zu haschen und sie zu ergreifen, schon zum voraus instinktartig belebt vorliegt und sie in den Stand stellt, sie für ihre Kinder in sittlicher, geistiger und Kunsthinsicht auf eine Weise zu benutzen, daß ihre Bildungskraft einfach und belebt auch in ihre Kinder übergeht und diese in den Stand setzt, nicht nur innerlich und naturgemäß belebt zu empfangen, was die Mütter ihnen also einüben, sondern sie noch dahin bringt, das, was ihnen beim festgehaltenen Organismus dieser Übungen beigebracht worden, ihren Geschwistern und jedem anderen Kinde selber wieder mitzuteilen, einzuüben und beizubringen; wodurch offenbar die Erziehungskräfte im häuslichen Leben in Millionen Menschen belebt werden könnten, in denen sie ohne die Erkenntnis und Benutzung dieser Grundsätze und Mittel unbelebt stocken bleiben und naturwidrig ausarten müßten.

Aber indem ich dieses annehme und festsetze, kann ich mir nicht verhehlen, man wird mir dagegen einwenden, es sei eine Torheit zu glauben, daß die Anerkennung der Idee der Elementarbildung jemals dahin wirken werde, daß diejenigen unserer Zeitmütter und Zeitväter, die nicht die Not dazu zwingt, sich je mit Ernst persönlich mit der Erziehung ihrer Kinder abgeben werden. Ich glaube das im allgemeinen selbst, und weiß sogar, daß es jetzt allgemein Mode und beinahe zu einer Ehrensache so vieler Eltern dieser Stände geworden, ganz treuherzig einzugestehen: sie verstehen nichts von der Erziehungskunst, sie müssen ihre Kinder bezahlten Händen anvertrauen, indessen lassen sie sich weder Mühe noch Geld dauern, hiefür gute Subjekte aufzufinden und auszuspüren. Und sie tun dieses wirklich auch gar oft mit dem Anschein großer Generosität, aber auch sehr oft mit unglaublichem Erfolg. Es ist nicht anders möglich.

Das Auffinden eines guten Erziehers ist für jemand, der nicht weiß, was ein guter Erzieher sein soll, ein Glück, wie das große Los in einer Lotterie; und obgleich, wie das Sprichwort sagt, oft auch eine blinde Kuh ein Hufeisen findet, so ist ein solcher Glücksfall dennoch immer eine Seltenheit, und es begegnet sehr vielen Leuten, die auf diesem Wege sich erziehungshalber des großen Loses in der Lotterie durch die Größe des Jahrlohns versichern wollen, daß sie mit dem größten Jahrlohn einen schlechteren Erzieher erhalten, als wenn sie selber aus Geiz den wohlfeilsten angestellt hätten. Dieses Unglück betrifft sehr viele Personen aus den höheren und sehr begüterten Ständen. Es ist aber auch sehr groß, so wie die Zahl der Menschen, welche die Irrtümer unserer Modeerziehung zum Nachteil ihrer Kinder mit schwerem Geld gekauft haben, und die Folgen ihrer Verirrung zum Teil mit lauten Äußerungen bejammern. Aber es ist auch hiermit, wie mit vielem anderen, noch nicht alle Tage Abend. Es kann eine Zeit kommen, daß edle Menschen aus allen und besonders aus den höheren Ständen durch ernstes Nachdenken über das, was ein guter Erzieher sein soll, dahin kommen werden, über diesen Gesichtspunkt richtiger zu urteilen, und mit einem, durch die Anschauung der Folgen der Elementarbildung belebten Vater- und Mutterherzen Hand bieten werden, dem Modeton der diesfälligen Unkunde eine bessere Mode zu substituieren. Die immer steigende, ökonomische Beschränkung, welche die großen, gegenwärtigen und unausweichlich noch zu erwartenden Folgen unserer allgemeinen, das Mark unserer Kräfte abschwächenden Zeitverkünstelung notwendig herbeiführen muß, kann sehr vieles zur Änderung des diesfälligen Modetons beitragen und dahin wirken, den wesentlichen Ursachen der sittlichen, geistigen und physischen Irreführung und Verwahrlosung von Millionen Kindern unserer Tage in den wichtigsten Angelegenheiten der Erziehung mit Erfolg ein Ziel zu setzen.

Wir dürfen die Möglichkeit dieses Begegnisses um so mehr mit etwas Zuversicht erwarten, da es unwidersprechlich ist, daß die Anerkennung der Vorzüge und der Bedürfnisse der naturgemäßen Erziehung, welche die Idee der Elementarbildung bezweckt, in ökonomischer Hinsicht allerdings zu einer soliden Erkenntnis der wahren Fundamente des Haussegens und der häuslichen Selbständigkeit und dadurch zu einer tieferen Erkenntnis der Mittel, sie zu begründen, naturgemäß und mit Sicherheit hinführt. Je näher wir die Natur dieses Segens ins Auge fassen, desto mehr muß es uns auffallen, daß wir desselben gegenwärtig mehr und dringender bedürfen, als es vielleicht in der Welt je der Fall war. Der Weltsinn unseres Verkünstelungsverderbens hat eine Höhe erreicht und von dieser Seite so tiefe Wurzeln gefaßt, wie dieses wenigstens in christlichen Zeitaltern kaum je der Fall war.

Das aber soll die Freunde der Menschheit und der Erziehung nichts weniger als mutlos machen. Es ist eben so wahr, da, wo die Verkünstelung ihre Abschwächungsgewalt auf das Höchste getrieben, da wird das Gefühl des Bedürfnisses einer, die geschwächten Kräfte solid wiederherzustellen fähigen Kunst in eben dem Grad groß, und führt in jedem Falle Umstände und Verhältnisse herbei, deren allgemein nachteiliges und drückendes Dasein den Segen wahrhaft naturgemäßer Bildungsmittel jedem auch nur in einem gewissen Grad unbefangenen Vater- und Mutterherzen auffallen machen muß. Dennoch aber dürfen wir uns freilich auch in dieser Rücksicht nicht blindlings täuschenden Hoffnungen überlassen. Die Schwierigkeiten der Allgemeinmachung der Idee der Elementarbildung sind ebenso groß, als das Verkünstelungsverderben, dem sie entgegenwirken sollten, dieses auch ist. Die bisher und gegenwärtig noch stattfindende und in einem so hohen Grad belebte, entgegengesetzte Richtung unserer selbst, unserer Neigungen und Ansichten gegen die wesentlichsten Teile der Idee der Elementarbildung, verschlingt alle Fundamente der Kräfte und Fertigkeiten, deren wir bedürfen, um über das Wesen dieser hohen Idee richtig zu urteilen, und von den Vorteilen derselben ergriffen, in den Stand gesetzt zu werden, die Mittel der Individualsorge für unsere sittliche, geistige und physische Existenz nicht von dem Übergewicht der Bildungs- und Abrichtungsmittel unserer Kollektivexistenz verschlingen zu lassen.

Offenbar ist, daß nur tiefergreifende, psychologische Grundsätze über das Wesen der Erziehung und der Menschenbildung imstande sein können, uns in diesem wesentlichen Bedürfnisse unserer Zeitlage wahre und solide Hilfe zu leisten, oder auch nur uns die Bahn zu eröffnen, auf welcher es allein möglich ist, diesem wichtigen Ziel mit gegründeter Hoffnung eines guten Erfolgs entgegenzuschreiten. Ich schreibe der Idee der Elementarbildung diese Kraft, gestützt auf die tatsächlich bestätigte Überzeugung zu, daß ihre Mittel die Individualsorge für die sittliche, geistige und physische Selbständigkeit unserer Kräfte beim Menschen in dem Grad auf sich selbst konzentrieren und in ihm selbst beleben, als die Routinemittel unseres Verkünstelungsverderbens die Fundamente dieser Sorge in ihm selbst abschwächen und dilapidieren. Sie können nicht anders; sie müssen dieses tun. Die Zeitbildung ist im allgemeinen ihres Einflusses und ihrer Mittel in jedem Stande weit mehr ein Resultat der Kollektivansprüche unseres Geschlechts, wie diese sich in der Laune und in der Willkür ihres Wechsels immer veränderlich aussprechen, als ein Resultat der guten Besorgung der allgemeinen Bedürfnisse der Menschennatur selber, wie diese sich bei jedem einzelnen Individuum, vermöge der ewigen Gesetze der Menschennatur selber aussprechen und aussprechen müssen. Unsere Zeitbildung ist im allgemeinen des Einflusses ihrer Mittel und ihrer Wirkungen unendlich mehr einmischend in das, was uns fremd ist, als bildend für das, was wir selbst sind, und was wir als selbständige Wesen um unserer selbst willen bedürfen und nötig haben.

Die Folgen dieses Umstands sind von der höchsten Wichtigkeit. Ganz gewiß hat die Unruhe unserer Tage und der ganze Umfang aller ihrer blutigen und windigen Erscheinungen ihre Quelle in der immer steigenden Abschwächung unserer Individualkräfte für unsere Selbsthilfe, die sich durch den Einfluß unseres Verkünstelungsverderbens mit jedem Tag verstärkt, zu suchen. Es ist unstreitig, wenn die allgemeine Anerkennung der Segenskräfte der Idee der Elementarbildung auch nur dahin wirken würde, die Individualbildungsmittel unseres Geschlechts von Millionen Menschen um ein Geringes, um ein sehr Geringes zu erhöhen, so würden die Segenskräfte, die in Millionen Individuen auch nur um dieses Geringe wahrhaft verstärkt würden, auch die Staatskräfte um ein Großes, um ein sehr Großes erhöhen. Diese große Idee würde aber, wenn die Zeitwelt einmal tiefer von ihr ergriffen und zu ihrer Benutzung reifer geworden wäre, die Individualkräfte der einzelnen Staatsglieder nicht um ein Geringes, sie würde sie um ein Großes, um ein recht Großes erhöhen. Sie könnte nicht anders. Der Weg der elementarischen Verstärkung der menschlichen Kräfte ist der Weg der Natur. Er ist göttlich gegründet, und das Gift des Verkünstelungsverderbens, dessen Opfer heute die Welt von den Täuschungen und dem Spielwerk des Papiergelds bis auf den Trug und die Täuschungen tausenderlei Papier- und Bücher-, selber Schulbücherspielwerke hinab früher oder später zu werden gefahret, hat in unserer Zeit und in unserer Mitte unaussprechlich tiefe Wurzeln gefaßt und eine Höhe seiner Vergiftungskünste erreicht, die die Welt, nach meinem Urteil, wenigstens in christlichen Zeitläufen im allgemeinen noch nie erlebt.

Das Wort, das ich dieser Idee halber ausgesprochen, ist groß, und ich möchte weder mich selbst darüber täuschen noch irgend jemand seinethalben irreführen. Ich werfe meinen Blick noch einmal auf den Geist, aus welchem die große Idee der Elementarbildung hervorgeht, und fasse ihn zuerst in sittlicher Hinsicht ins Auge. Ich muß es. Der Anfangs- und Mittelpunkt der Vereinigung aller Segensfundamente, die in den Kräften unserer Natur selbst liegen, geht von diesem Gesichtspunkt aus, und setzt die naturgemäße Entfaltung der Gemütlichkeit, die aus der Liebe und aus dem Vertrauen wesentlich hervorgeht, voraus; und indem sie durch ihr Bestreben den ganzen Umfang der Erziehungs- und Unterrichtsmittel durch ihre Vereinfachung den Wohnstuben aller Stände näher zu bringen sucht, ist sie dadurch offenbar geeignet, zur naturgemäßen Entfaltung der sittlichreligiösen Anlagen unseres Geschlechts die erste, segensvolle, menschliche Handbietung zu leisten. Weit entfernt, daß sie zu bloßen moralischen Wortlehren und einseitig belebter, geistiger Auffassung derselben hinlenke, und durch das Auswendiglernen sich mönchisch eingeübter, rabbinisch erläuterter, sektenartig belebter und kollektiv verhärteter Religionsmeinungen den heiligen Samen der wahren Religion in unbebauten Boden, zwischen Dornen und Disteln und in Wegen, wo ihn die Vögel auffressen und die Menschen zertreten, hinwerfe, und ohne tatsächliche, kraftvolle Belebung der Liebe und des Glaubens im Fleisch und Blut der Menschen und allfällig in den mißlichen, mit der Belebung des Fleisches und des Blutes innig zusammenhängenden Belebungsmitteln der Einbildungskraft ihr segens- und kraftloses Spiel treiben läßt, ist sie im Gegenteil geeignet, die wahren und ewigen Fundamente der Liebe und des Glaubens von der Wiege an durch tatsächliche Belebung ihrer selbst in der Wahrheit ihres reinsten menschlichen Anfangspunkts zu entfalten und das Emporheben der sinnlichen menschlichen Liebe und des sinnlichen menschlichen Glaubens zur höheren göttlichen Liebe und zum wahren Glauben naturgemäß menschlich zu begründen.

Je tiefer wir die Idee der Elementarbildung in ihrer Wahrheit und in ihrer Kraft von dieser Seite ins Auge fassen, desto mehr fällt es auf, daß sie in ihrem Wesen Geist und Leben ist, und in ihren Mitteln als eine, aus Glauben und Liebe hervorgehende und im Glauben und in der Liebe einwirkende, menschliche Handbietung und Vorbereitungsweise zum wahrhaft christlichen Fühlen, Denken und Handeln anzusehen ist und anerkannt werden muß; es fällt auf, daß sie geeignet ist, alles, was uns die Religion als Pflicht gebietet und so weit dieses durch die Kraft menschlicher Mitwirkung erzielt und befördert werden kann, von der Wiege an uns einzuüben, habituell und gleichsam zur andern Natur zu machen.

Es ist nicht anders möglich, als daß die Entfaltungsweise der menschlichen Kräfte, insofern sie in elementarischer Reinheit aus Liebe und Glauben hervorgeht, und das Wachstum ihrer Vorschritte im Glauben und in der Liebe zu erzielen sucht, nicht zur naturgemäßen, menschlich mitwirkenden Begründung des christlichen Denkens, Fühlens und Handelns hinführen müsse. Ich habe zwar oben gesagt, die religiöse Sittlichkeit gehe durchaus nicht von der menschlichen Kunst aus; sie habe eine tiefere Begründung und müsse von einem höheren Standpunkt aus ins Auge gefaßt werden. Der Gedanke ist richtig; aber er fordert eine nähere Bestimmung. Die religiöse Sittlichkeit fordert von der Wiege an menschliche Handbietung zur Angewöhnung alles dessen, was die Religion uns im Umfang aller unserer Verhältnisse, folglich in häuslicher und bürgerlicher Hinsicht zur menschlichen Pflicht macht. In dieser Rücksicht ist es unwidersprechlich, die Religion, die an sich selbst von einem höheren Standpunkt ausgeht, benutzt, vollendet und heiligt alle Resultate der menschlichen Kunst zur Begründung der sittlichen Angewöhnungen, die sie uns unumgänglich zur Pflicht macht. Aber an sich selbst gibt sie uns diese Angewöhnungen nicht. Sie übt sie uns an sich selbst nicht ein; sie unterrichtet uns nicht darin; aber sie benutzt dazu menschliche Handbietung im ganzen Umfang der Verhältnisse, die uns diesen Unterricht zu geben und uns diese Angewöhnungen einzuüben imstande und geeignet sind. Es versteht sich von selbst, die Religion bildet an sich keinen Kaufmann, keinen Gewerbsmann, keinen Gelehrten und keinen Künstler. Aber sie vollendet, was sie nicht gibt; sie heiligt, was sie nicht erschafft, und segnet, was sie nicht lehrt. Sie begründet, entfaltet und sichert die Gemütsstimmung, die den Stand des Kaufmanns, des Gewerbsmanns, und jeden anderen Stand im Innern seines Wesens erhebt, heiligt, reinigt und wahrhaft menschlich macht.

Die Religiosität, dieses höhere Resultat aller wahren menschlichen Bildung, ist durchaus kein Erzeugnis und kein Beförderungsmittel der sinnlichen Menschlichkeit und ihrer Bestrebungen, Mittel und Kräfte, als solcher; die Welt ist ihr nichts, aber sie braucht die Welt und alle ihre Mittel und Kräfte zum Dienst des Höheren und Göttlichen, das in ihr lebt, und dieses mit einer Aufmerksamkeit, Sorgfalt und Tätigkeit, als wäre sie im Dienst der Welt selber. Aber sie ist es nicht; sie darf es nicht sein. Die Religion macht uns das Sinnliche, Tierische unseres Fleisches und unseres Bluts, das den göttlichen Funken, der ihr zum Grunde liegt, ihn verderbend und auslöschend umhüllt, tief in uns selber fühlen und erhebt uns zum ernsten, unabläßlichen Kampf gegen dasselbe. Sie erkennt auch die sinnlichen Erscheinungen der Anfangspunkte der Liebe und des Vertrauens, insofern wir sie mit den Tieren des Felds gemein haben, so wenig als die intellektuellen und Kunstkräfte, die uns tierisch-sinnlich belebt und zum Teil instinktartig innewohnen, als Kräfte des inneren, göttlichen Funkens, aus welchem alle wahre Menschlichkeit und alle wahre Religiosität hervorgeht. Selber die Liebe, als bloßes sinnliches Wohlwollen ins Auge gefaßt, ist nicht Sittlichkeit, noch weniger Religiosität.

Denk' dir den höchsten Grad der sinnlichen Gutmütigkeit, des sinnlichen Wohlwollens der Liebe, denk' dir selbst das höchste Resultat aller menschlichen Ausbildungsmittel derselben, denk dir selber die noch so reizende, aber nur sinnlich, folglich nur selbstsüchtig belebte Erscheinung der Vater-, Mutter- und Kinderliebe im häuslichen Leben, denk' dir hinwieder das ebenso nur sinnlich belebte Wohlwollen auf Freunde, Nachbarn und Verwandte, selber auf Notleidende und Arme ausgedehnt, denk dir alles dieses bis zum Anschein der höchsten sinnlich belebten Aufopferungskraft erhoben und forsche ihm in seiner Wahrheit und in seinem Wesen nach; Du wirst, du mußt finden, es erzeugt durch ihre, sich selbst allein überlassenen Resultate durchaus kein sicheres Fundament der reinen, hohen Kraft der wahren Sittlichkeit - der Religiosität. Alle Resultate unserer nur sinnlich belebten Liebe und Zuneigung gegeneinander führen, vermöge der Selbstsucht, die ihnen allgemein zum Grunde liegt, unser Geschlecht nicht weiter, als daß wir unser Fleisch und Blut, d.i. uns selbst in unsern Kindern vorzüglich lieben.

Und in Rücksicht auf unser ganzes Geschlecht führen sie uns nicht weiter, als daß wir die lieben, die uns hinwieder lieben, und denen Gutes tun, die uns hinwieder Gutes tun; kurz nur dahin, daß wir in sinnlicher Beschränkung der selbstsüchtigen Gefühle, die in ihren letzten Folgen in jedem Fall zur Unmenschlichkeit führen, den Kitzel von Annehmlichkeiten suchen, die in ihrem Wesen nicht Sittlichkeit, nicht Geist und Leben, sondern sinnlicher, tierischer Natur sind. Noch mehr als die sinnliche Belebung der Liebe, ist die sich selbst überlassene Belebung und Entfaltung der intellektuellen Kräfte unseres Geschlechts an den Einfluß der tierischen Selbstsucht unserer Natur gebunden. Sie führt ohne höhere, innere Belebung von Kräften, die dem tierischen Einfluß unserer Selbstsucht mit höherer Kraft entgegenstehen, durchaus nicht zur Entfaltung des reinen, göttlichen Wesens unserer inneren Natur, sie führt nicht zum wahren, wirklichen Streben nach Vollendung unserer selbst, nach Vollkommenheit, ohne welche keine wahre, wirkliche Sittlichkeit denkbar ist. Noch viel weniger als beides, die sich selbst überlassene und nur sinnlich belebte Liebe und die ebenso sich selbst überlassene und nur sinnlich belebte Entfaltung der Geisteskraft führt die, wenn auch an sich noch so naturgemäße Entfaltung der Sinne und Glieder, die der menschlichen Kunst- und Berufskraft zum Grunde liegen, an sich zu irgendeinem reinen Resultat der wahren Sinnlichkeit. Sie ist an sich, isoliert ins Auge gefaßt, eine von Geist und Leben entblößte Ausbildung der Kräfte des Fleisches und des Bluts unserer Natur selber zur physischen Gewandtheit tierischer Anlagen und Kräfte.

Jede bloß sinnliche Formierung und Belebung einer zu entfaltenden, physischen Kraft gefährdet an sich selber das Übergewicht der geistigen Belebungsmittel derselben; und die Gemeinkraft, die in einer der Anlagen, aus deren Zusammensetzung sie hervorgeht, dem sinnlichen Übergewicht ihrer Belebung unterliegt, ist keine wahre Gemeinkraft der Menschennatur und darum auch durchaus nicht in der Wahrheit elementarisch begründet. Sie geht nicht im ganzen Umfang ihres Einflusses aus dem Streben nach sittlicher und geistiger Vollendung hervor.

Sie trägt das Gepräge der göttlichen Liebe und des göttlichen Glaubens, aus dem allein reines und ungeheucheltes Streben nach der wahren Vollendung unserer Kräfte, nach Vollkommenheit hervorgeht, nicht in sich selbst; im Gegenteil, sie trägt, vermöge ihrer Natur und ihres Wesens, den Samen der Zwietracht unserer Kräfte und Anlagen sinnlich belebt tief in sich selbst. Das Streben nach Vollkommenheit, nach Vollendung, das allein geeignet ist, den Samen der Zwietracht in uns selbst in seinem Wachstum wahrhaft abzuschwächen und zu vertilgen, geht nur aus dem ernsten Suchen des göttlichen Beistands und der göttlichen Gnade hervor. Die Wahrheit dieses Suchens führt untrüglich zur Andacht und zum Gebete; aber die Wahrheit der Andacht und die Wahrheit des Gebets ist ohne die Wahrheit des göttlichen Glaubens und der göttlichen Liebe undenkbar.

So innig hängt das Wesen der Idee der Elementarbildung mit dem Geist des Christentums, seines göttlichen Glaubens und seiner göttlichen Liebe zusammen. Auch erscheint die Elementarbildung in dieser Rücksicht in allen ihren Ansprüchen, Mitteln und Resultaten, wie ich schon mehrere Male gesagt habe, als eine, dem Geist des wahren Christentums und seinen göttlichen Mitteln zu unterordnende, menschliche Sorgfalt und Handbietung zur Entfaltung, Angewöhnung und Einübung alles Fühlens, Denkens, Wollens, Kennens und Könnens von dem, was die Ausübung der christlichen Pflichten im positiven, menschlichen Dasein von jedem Menschen nach seiner Lage und nach seinen Umständen und Verhältnissen wesentlich fordert, und wozu das Menschengeschlecht, ohne Mitwirkung einer solchen menschlichen und christlichen Sorgfalt und Kunst, ewig nie zu gelangen vermag. So entschieden ist, daß die Sittlichkeit und Religiosität auf der einen Seite an sich selbst nicht aus der menschlichen Kunst hervorgeht und ihrer an sich selbst nicht bedarf, aber auf der andern Seite, daß sie in ihrer göttlichen Reinheit und durch sie alle Resultate der wahren menschlichen Kunst, welche sie immer sein mögen, zu benutzen, zu stärken und zu heiligen geeignet ist; und ebenso gewiß ist, daß sie, in so fern sie nicht in der Allgemeinheit ihres inneren Wesens, sondern im positiven Zustand des bürgerlichen, gesellschaftlichen Lebens dastehend ins Auge gefaßt wird, der Mitwirkung und Handbietung der Kunst unumgänglich bedarf, indem sie vom Einfluß der menschlichen Selbstsucht und ihrer tierischen Sinnlichkeit einen tödlichen Einfluß auf ihr Wesen zu gefahren hat, und nicht genug auf ihrer Hut sein kann, die menschliche Kunst nur durch ihre Wahrheit und Solidität und nicht durch ihr Verkünstelungsverderben, das eine Folge unserer tierischen Natur ist, auf sich wirken zu lassen.

Ich fasse das Wesen dieses Gesichtspunktes noch einmal ins Auge.

Die Gemeinkraft des Menschengeschlechts ist, ohne einen Gemeingeist, der sie innerlich belebt und die verschiedenen Kräfte unserer Natur unter sich selbst vereinigt, ein Unding und nicht denkbar. Der Gemeingeist aber geht wesentlich aus der Einheit der Menschennatur hervor. Sie aber, die Einheit der Menschennatur, ist in ihrem Wesen die reine, göttliche Gnade, aus welcher alle menschlichen Kräfte, alle menschlichen Mittel und alle menschliche Sorgfalt, den Geist über das Fleisch herrschen zu machen, hervorgehen. Alle Belebungsmittel der Gemeinkraft unseres Geschlechts, die nicht aus dem Geist und Leben unseres inneren, göttlichen Wesens, sondern aus den sinnlichen Trieben des Fleisches und Blutes unserer tierischen Selbstsucht hervorgehen, sind nicht elementarisch.

So ist offenbar, daß die Wahrheit der elementarischen Bildung und des ganzen Umfangs ihrer Mittel aus dem heiligen, inneren Wesen des göttlichen Funkens, der in der Menschennatur liegt, hervorgeht, folglich mit dem Geist des Christentums in hoher Übereinstimmung steht. Hingegen ist ebenso unwidersprechlich, daß der ganze Umfang der Zeitbildungsmittel unseres Verkünstelungsverderbens und seiner Routinemittel nicht aus dem Wesen des göttlichen Funkens unserer inneren, höheren Natur, sondern aus dem Fleisch und Blut unserer tierischen, sinnlichen Erscheinung hervorgeht, folglich mit dem Geist und Wesen des wahren Christentums in vollkommenem Widerspruch steht und in allen seinen Resultaten den wesentlichen Fundamenten desselben mit den ganzen Reizen seines sinnlichen Verderbens entgegenwirkt.

Ich habe mein lebhaftes Gefühl über den Grad, in welchem das Verkünstelungsverderben unserer Zeit mit dem Geist des Christentums in Widerspruch steht, in dem Stammbuch einer Enkelin eines meiner unvergeßlichen Freunde mit folgenden Worten ausgedrückt: "Die Zeitwelt gefährdet die Religiosität und den Geist des Christentums vorzüglich durch Sitten, Gewohnheiten und Lebensweisen, die die Liebe der Selbstsucht, die Wahrheit dem Wortwesen, das Recht seinen Formen, die Pflicht der Konvenienz, die Humanität der Urbanität, das Gewissen dem Beispiel, das Göttliche dem Irdischen, die Kraft der Schwäche, die Vernunft der Einbildungskraft, die Realität der Traumsucht, den Segen der Welt der Abträglichkeit ihrer Geldjagd, und das Heil der Armen der Behaglichkeit der Reichen, den Ansprüchen der Glücksritter und Bavardagen von Leuten, die nicht wissen, wo das Brot herkommt, unterordnen." Ich halte mich gerne noch einen Augenblick bei diesem Gesichtspunkt auf.

So wie das Verkünstelungsverderben unserer Zeit mit allen Folgen der Abschwächung, Untergrabung und Verwirrung aller unserer Kräfte in sittlicher Hinsicht seine wesentlichen Quellen und Ursachen vorzüglich im Mangel der naturgemäßen, reinen Einfachheit des häuslichen Lebens und der ihm zum Grunde liegenden, wesentlichen Fundamente des kraftvollen Vater-, Mutter- und Kindersinns zu suchen hat, so hat dieses Verderben in geistiger Hinsicht seine Quellen und Ursachen hinwieder vorzüglich im Mangel einer psychologisch genugtuenden Organisation der Bildungsmittel der Anschauungs-, Sprach- und Denkkraft zu suchen. Diese Mittel aber stehen, eben wie die Kräfte, die ihnen zum Grunde liegen, im innigsten Zusammenhang nebeneinander.

Das Kind, dessen Anschauungsvermögen psychologisch genugtuend gebildet [worden ist], hat das Anfangsfundament der Bildung, sich richtig über die Anschauungsgegenstände auszudrücken, sowie richtig darüber zu denken, in sich selbst und ist dafür naturgemäß und solid vorbereitet. Sein Reden oder vielmehr seine Sprachkraft ist als Mittelstufe seiner Anschauungs- und seiner Denkkraft dadurch ebenso naturgemäß und solid begründet. Ihr natürliches Fundament, die Anschauungskraft ist nicht schweifend, zerstreut und dadurch irreführend und zum eitlen leeren Schwatzen hinlenkend; und ihre Denkkraft ist dieses gleichfalls auch nicht. Ihr so geführter Zögling ist durch seine diesfällige Bildung so wenig zum unbegründeten und gedankenlosen Urteilen als zum unbegründeten und gedankenlosen Schwatzen über nur oberflächlich und halb empfangene Anschauungsgegenstände angereizt. Und wir sehen bei einer, auch nur geringen Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand, daß das Herumschweifen und Ausschweifen der Anschauungs-, Sprach- und Denkkraft seine wesentliche und erste Quelle in dem Überfluß der Reize seiner sinnlichen Nahrung und im Mangel der geistig und gemütlich befriedigenden Belebung seiner Kräfte zu suchen hat, und daß das oberflächliche Schwatzen und Urteilen, das aus dem naturwidrig belebten, oberflächlichen Anschauen und Erkennen der Gegenstände hervorgeht und ihm eigen ist, mit der Naturwidrigkeit der Ausbildungsmittel der sittlichen und geistigen Fundamente des Erziehungswesens im allgemeinen innig zusammenhängt, so wie sich dieser Zusammenhang in den ersten und tieferen Ursachen unseres Verkünstelungsverderbens auffallend im ganzen Umfange der naturgemäßen wirksamen Mittel, den immer tiefer greifenden Resultaten unsers Verkünstelungsverderbens mit Erfolg entgegenzuwirken und dieselben in ihren ersten und wesentlichen Quellen stille zu stellen oder sie davon abzulenken, erprobet.

So wie wir gesehen, daß den Folgen der Unnatur unseres Verkünstelungsverderbens in sittlicher Hinsicht vorzüglich durch Mittel entgegengewirkt werden muß, die geeignet sind, die reinen Fundamente des häuslichen Lebens in ihrer tieferen Begründung wiederherzustellen, so ist ebenso wahr und unwidersprechlich, daß den Folgen unseres Verkünstelungsverderbens in intellektueller Hinsicht mit Erfolg nur durch Mittel entgegengewirkt werden kann, die geeignet sind, die Fundamente der naturgemäßen Anschauungs-, Sprach- und Denkkraft solid und genugtuend wiederherzustellen. Es ist unstreitig, ein Kind, dessen Anschauungs-, Sprach- und Denkkraft naturgemäß und genugtuend gebildet, trägt die wesentlichen und vorzüglichen Mittel, den Folgen der Unnatur und der Ausschweifung des Verkünstelungsverderbens in geistiger Hinsicht mit Erfolg entgegenzuwirken, in sich selbst, und ist für dieses wichtige Bedürfnis der Zeit in dieser Rücksicht wesentlich und wohl vorbereitet.

Auch ist ebenso wahr, was diesfalls den einzelnen Menschen zur Veredelung seiner selbst emporhebt oder zu seiner Entwürdigung herabsenkt, das erhebt oder entwürdigt unser Geschlecht ebenso in jeder Richtung in seinen kollektiven Verhältnissen. Das was in Rücksicht auf die Bildungsmittel des einzelnen Menschen auf den ganzen Umfang seiner Erziehung wahr ist, und ebenso, was diesfalls in Rücksicht auf die Wiederherstellung seiner selbst bei seinem Unterliegen unter den Folgen unseres Verkünstelungsverderbens bei ihm wahr ist, das ist noch in einem weit höheren Grad bei den konkreten Verhältnissen unseres Geschlechts in allen Ständen und Gemeinschaften, darin die Menschen untereinander verteilt sind und zusammenleben, gleich wahr, und was menschlicherweise davon zu reden, geeignet ist, solid mitzuwirken, den einzelnen Menschen in seinem Verderben wiederherzustellen, das ist auch, menschlicherweise davon zu reden, geeignet, solid mitzuwirken, das Menschengeschlecht im Verderben seiner Massaverhältnisse wiederherzustellen.

Fassen wir die Idee der Elementarbildung in intellektueller und Kunsthinsicht an sich und gesondert von ihrem inneren, ewigen Zusammenhange mit den sittlichen und religiösen Grundlagen unserer Natur ins Auge; so ist offenbar, daß so wie sie die wesentlichen Hauptteile der intellektuellen Bildung, die Anschauungs-, Sprach- und Denkkraft, sinnlich naturgemäß, d.i. in Übereinstimmung mit den Gesetzen, die ihnen in der tierischen Natur zum Grunde liegen, auszubilden und in ihrer einzelnen Ausbildung an sich zu vollenden sucht, so legt sie dadurch das äußere sinnliche und geistige, aber nicht das innere, sittliche, menschliche und religiöse Fundament der naturgemäßen Vereinigung von allen Grundteilen der Gesamtheit der intellektuellen Kunstbildungsmittel unseres Geschlechts. Fassen wir die Idee der Elementarbildung auch in Rücksicht ihres Einflusses auf die naturgemäße Entfaltung der sinnlichen, tierischen Neigungen und Kräfte unseres Fleisches und Bluts, mit welchen der göttliche Funken unserer inneren, wahren Natur gleichsam umhüllt in uns lebt, ins Auge, und fragen wir uns: Was ist der Einfluß des Lebens auf die Bildung dieser Hülle zu ihrer Übereinstimmung mit dem göttlichen Funken unserer inneren Menschennatur selber? so sehen wir, alles, was unser Fleisch und Blut sinnlich zum Glauben, zur Liebe und zum Denken und Arbeiten im Glauben und in der Liebe anreizt und bildet, ist geeignet, die tierische Hülle unseres Fleisches und Bluts mit dem göttlichen Funken unserer inneren Menschennatur in Übereinstimmung zu bringen. Und fragen wir uns dann: Was kann die Kunst des Menschengeschlechts dazu beitragen, diesen Gang der Natur in seinem Einfluß auf Übereinstimmung zu befördern und ihn darin zu behelfen? so zeigt sich, alles, was die menschliche Kunst zur Entfaltung des Denkens und Arbeitens im Glauben und in der Liebe beizutragen vermag, das ist auch geeignet, die tierische Hülle unseres Fleisches und Blutes mit dem göttlichen Wesen unserer inneren Natur menschlich zu befördern und ihr dafür behilflich zu sein. Alles, was uns wahrhaft menschlich zu bilden vermag, ist auch geeignet, das tierische Übergewicht des Fleisches und Bluts über den inneren Funken unserer wahren Menschennatur zu schwächen und dadurch die Übereinstimmung unseres sinnlichen, tierischen Wesens mit diesem göttlichen Funken, oder vielmehr die Unterordnung des ersten unter den letzten menschlich zu befördern und zu behelfen.

Dieser Gesichtspunkt ist im praktischen Leben des Menschen allgemein anerkannt. Jedermann weiß, daß die Erkenntnis der Wahrheit und die Einübung der Fertigkeiten, die die Ausübung unserer wesentlichsten Pflichten allgemein voraus setzt und anspricht, gleichsam zur anderen Natur gemacht und wie die Volkssprache sich ausdrückt, ins Fleisch und Blut hinübergebracht werden müssen. Das Wort, in succum et sanguinem vertere, drückt das Nämliche bestimmt aus.

Der Grad, in welchem die Kunst mit Erfolg zu diesem Ziel einwirken kann, hängt von dem Grad des Erfolgs ab, mit welchem sie imstande ist, alle einzelnen Grundteile, die die Menschlichkeit, oder welches ebensoviel ist, die Menschennatur in ihrem Wesen selber konstituieren, naturgemäß zu entfalten. Daher fällt ebensosehr auf, daß die Idee der Elementarbildung, welche die Nachhilfe der Kunst am vorzüglichsten anspricht, notwendig mit großer Aufmerksamkeit dahin trachten muß, die einzelnen Grundteile der intellektuellen Kraft, die Anschauungs-, Sprach- und Denkkraft einzeln in der möglichsten Vollendung auszubilden, welches nur dadurch erzielt werden kann, daß die Mittel ihrer Kunst mit dem Gange der Natur in der Entfaltung jeder dieser einzelnen Kräfte in genugtuende Übereinstimmung gebracht werden, oder welches ebensoviel ist, daß jedes ihrer diesfälligen Mittel den ewigen Gesetzen genau unterworfen werde, aus denen die naturgemäße Entfaltung jeder einzelnen dieser Kräfte allein hervorzugehen vermag. Diese Aufmerksamkeit der Idee der Elementarbildung ist darum wesentlich und wichtig, weil alles, was in seinen einzelnen Teilen nicht bis auf einen gewissen Grad vollendet ist, sich auch nicht naturgemäß zum Ganzen, davon es ein Teil ist, zusammengestaltet, und hinwieder weil alles, was in seinen einzelnen Teilen bildungshalber unvollendet ist, sich durchaus nicht naturgemäß an irgend etwas anderes, das naturgemäß vollendet gebildet ist, anschließt. Die vernachlässigte Anschauungskraft schließt sich nicht naturgemäß an die ausgebildete Sprachkraft, und die vernachlässigte Ausbildung der Denkkraft schließt sich nicht naturgemäß an die naturgemäß gebildete Anschauungskraft an. Nur Gleiches und Gleiches gesellt sich gerne; was aber ungleich ist, hat die Neigung zur Trennung in sich selbst, und wirkt, wenn es versucht wird zu vereinigen, widernatürlich und störend auf den Zweck der gesuchten Vereinigung.

Dieser Gesichtspunkt steht mit einem anderen, in pädagogischer Hinsicht ebenso wichtigen, im innigsten Zusammenhange. Jede nur oberflächlich erkannte, in ihren wesentlichen Teilen durch die Anschauung nicht begründete und durch die Denkkraft nicht erwogene Wahrheit steht in der Menschennatur wie in den Lüften; sie ist gar nicht geeignet, sich an andere Wahrheiten, mit denen sie in der Wirklichkeit im Zusammenhange steht, naturgemäß anzuschließen, und zahllose solche oberflächlich erkannte Wahrheiten haben auf die Ausbildung der Denkkraft weniger bildenden Einfluß als nur eine einzige, in der Anschauung genugsam begründete und von der Denkkraft in ihrer Vollendung erkannte Wahrheit. Oberflächlich erkannte Wahrheiten führen durchaus nicht zur Harmonie unserer Kräfte, diesem letzten Ziel sowohl des Naturganges in der Entfaltung derselben, als des ganzen Umfangs aller Kunstbildungsmittel, die die nämlichen Zwecke zu befördern geeignet sind. Die Harmonie unserer Kräfte geht nur aus der gleichartig guten und naturgemäßen Besorgung jeder einzelnen derselben wahrhaft und befriedigend hervor; und was diesfalls in Rücksicht auf die intellektuelle Ausbildung unserer Kräfte wahr ist, das ist auch in Rücksicht auf die Ausbildung der Anlagen, die unserer Kunstkraft zum Grunde liegen, gleich wahr. Die naturgemäß genugtuende Ausbildung jeder Anlage, die irgendein Fach der Kunst anspricht, muß der Ausbildung der Gemeinkraft, die ein jedes Kunstfach gemeinsam anspricht, einzeln hervorgehen. Wird irgendeine dieser Anlagen einzeln vernachlässigt, so wird die Erzielung der Erlernung des Kunstfaches im Ganzen seiner Ansprüche unnatürlich gelähmt und verspätet.

Wir haben diese Ansicht aber schon einmal berührt. Die Kunstkraft wird, eben wie die Geisteskraft nur durch die naturgemäße Ausbildung jedes einzelnen ihrer Grundteile Geist und Leben; ebenso werden die einzelnen Teile der Kunstkraft sowohl als diejenigen der intellektuellen, Geist und Leben und dadurch wirksame Mittel zur Entfaltung der Menschlichkeit selber. Es ist unstreitig, jedes einzelne Mittel der Kunstbildung wird nur insoweit, als es durch die Naturgemäßheit seiner Ausbildungsmittel in sich selbst zum Geist und Leben erhoben wird, mitwirkendes Mittel, die Menschlichkeit unserer Natur, oder vielmehr die Erhebung unseres Geschlechts zur Menschlichkeit durch die Kunst zu begründen, zu befördern, auszusprechen und darzustellen.

Fasse ich in dieser Rücksicht die Sprachkraft, oder vielmehr die Sprachlehre als Kunstausbildungsmittel ins Auge, so finde ich, die Kunst ihrer naturgemäßen Begründung geht in ihrem ganzen Umfange aus der Kunst der naturgemäßen Begründung der Anschauungskraft hervor, und nur durch Verbindung von beiden ist die Bahn zur naturgemäßen Entfaltung der Denk- und Urteilskraft auf eine solide, die Menschennatur in ihren wesentlichen Ansprüchen befriedigende Weise möglich. Diese letzte, die elementarische, oder was gleich viel ist, die naturgemäße Entfaltung der Denk-, Forschungs- und Urteilskraft fordert indes eine größere Handbietung der Kunst unseres Geschlechts, als die Ausbildung der Anschauungskraft. Die logischen Operationen des naturgemäßen Zusammensetzens (Zusammendenkens), Trennens und Vergleichens, die dem Kinde, dessen Denk- und Urteilskraft durch die Kunst naturgemäß gebildet und gestärkt werden soll, eingeübt und habituell gemacht werden, fordern freilich eine wesentliche, tiefe, psychologische Bearbeitung der Grundkräfte, die alles solide Zusammensetzen, Trennen und Vergleichen d.h. alle Fundamente des soliden Denkens naturgemäß zu beleben, zu stärken und in ihren Resultaten sicher zu machen geeignet sind. Sie fordern unstreitig eine tiefe, psychologische Bearbeitung der menschlichen Kräfte, die sich im Zählen und Messen aussprechen, und von denen die Zahl- und Formlehre ausgeht, deren geist- und kunstbildende Folgen sich in ihrem Einfluß auf alles menschliche Denken vom gemeinen Urteilen über einfach in der Anschauung liegende Gegenstände bis auf die höchste Stufe der reinen Wissenschaften zu erheben fähig sind.

So viel indes die Kunst der Elementarbildung auch von dieser Seite fordert, so gewiß ist sie erreichbar, und ich darf mit der Bescheidenheit, mit der ich über die Resultate meiner Lebensbestrebungen zu urteilen schuldig bin, dennoch das Wort aussprechen: Das Scherflein, welches die vereinigten Bemühungen derjenigen Glieder meines Hauses, welche die wesentlichen Fundamente der elementarischen Entfaltung der Denkkraft nicht vollkommen unter das Eis haben fallen lassen, hat ganz gewiß einen wesentlichen, der ernsten Prüfung würdigen Beitrag dazu geliefert, die Möglichkeit der höchsten Resultate der Idee der Elementarbildung von Seite ihres Einflusses auf die naturgemäße Entfaltung der menschlichen Denkkraft außer allen Zweifel zu setzen. Die Bahn, auf welcher diesfalls elementarisch vorgeschritten werden muß, ist diese: Die elementarische, nach berührten Grundsätzen bearbeitete Sprachlehre muß vermög der wesentlichen Eigenschaften aller ihrer Mittel, als naturgemäßes Bildungsmittel der Muttersprache dahin wirken, die Kräfte der Wohnstube in allen Ständen in der soliden Ausbildung der Anschauungskräfte der Kinder wesentlich zu erhöhen und dadurch die Lücken auf eine solide Weise auszufüllen, die zwischen der Ausbildung der Anschauungskraft und der Ausbildung der Denkkraft statt hat und die nur durch die naturgemäße Ausbildung der Sprachkraft ausgefüllt werden kann. Die Mittel, welche die elementarische Entfaltung der Sprachkraft den Müttern und dem ganzen Kreis der Hausgenossen, die, auf welche Weise dieses auch ist, mit den unmündigen Kindern einer Haushaltung in Berührung sind, dafür an die Hand gibt, sind von einer Natur, daß sie die diesfälligen Kräfte des Kindes in den Anfangspunkten ihrer ersten Entfaltung allgemein und zwar im festen Zusammenhang untereinander ergreifen, und geeignet sind, alles, was im Kind einer menschlichen Regsamkeit fähig, die Freude, die Liebe, die Aufmerksamkeit, die Tätigkeit, die Anstrengung, oder mit anderen Worten, sein Herz, seinen Geist und seine Hand naturgemäß zu beleben und so seine Kräfte allgemein und im Zusammenhange untereinander anzuregen, und das naturgemäße Wachstum derselben von ihren Anfangspunkten aus in ihrem ganzen Umfang bildend und stärkend vorzubereiten und anzubahnen.

Fassen wir die wesentlichen Grundsätze und Mittel der Elementarbildung in Rücksicht ihres Einflusses auf die Entfaltung der Kunstkraft ins Auge, so ergeben sich bei der elementarischen Führung des Kindes vollkommen die gleichen Resultate. Das Lesen- und das Schreibenlernen (damit ich von den geringsten und allgemeinsten Anfangspunkten der Schulkunst anfange) führt, wenn es in seinen Übungen wahrhaft naturgemäß behandelt wird, zu den nämlichen Resultaten, zu welchen das naturgemäße Redenlehren auch führt. Wo immer die Kunstmittel des Lesens und Schreibens nicht ebenso geeignet sind, den Geist, das Herz und die Hand des Kindes gemeinsam zu ergreifen und zu beleben, so sind sie insoweit nicht elementarisch genugsam gegeben und führen in den Stufenfolgen ihrer Anwendung nicht zu der Gemeinkraft der Menschennatur, die als das notwendige Resultat der naturgemäßen, elementarischen Führung unseres Geschlechts allgemein anzusehen, anzuerkennen und zu bezwecken ist. Man sieht aber auch wohl, daß dieses, und mit ihm der ganze Umfang der Resultate der elementarischen Bildung, ohne den Zusammenhang mit den aus Liebe und Glauben hervorgehenden Bildungsmitteln des häuslichen Lebens unerreichbar ist. Aber was immer dem häuslichen Leben eigen ist, das ist in jedem Fall auch als ein wesentliches Fundament jeder wahrhaft elementarischen Bildungsübung anzusehen.

Ich fasse die Schreibkunst von dieser Seite noch einmal ins Auge. Alles, was das Kind durch die Elementarbildungsmittel im Reden gewinnt, das gewinnt es auch im Schreiben. Jeder, dem Kind durch die Anschauung so klar gewordene Gegenstand, über den es sich mit Bestimmtheit aussprechen kann, hat das Geistige, das der Fähigkeit, sich über diesen Gegenstand mit eben dieser Bestimmtheit schriftlich auszudrücken, beiwohnt, schon zum voraus in sich selbst, und es fehlt ihm, dieses zu tun, nichts mehr und nichts anderes, als die Einübung der mechanischen Fertigkeiten der Schreibkunst, die das schriftliche Ausdrücken dessen, was es mündlich sagen kann, erfordert. Aber auch auf die Einübung dieser Fertigkeiten haben die Mittel der Elementarbildung einen entscheidenden und im Ganzen des Erziehungswesens sehr weitführenden Einfluß. Die elementarische Anführung zur Schreibkunst geht nicht von der Einübung der Buchstaben irgendeiner Sprache, sondern von der Festigkeit und Sicherheit in der Einübung vielseitiger und reiner Grundformen der geraden und krummen Linien in perpendikularer und horizontaler Richtung aus, und fordert mit genauem Augenmaß eingeübte Formen der abwechselnden Schiefheit derselben von oben bis unten, und in der Rundform die Einübung ihrer fortdauernden Beschränkung in eine sich immer verengernde, liegende und stehende, kurze und verlängerte Eiform. Sie sucht auch ohne alle Rücksicht auf die eigentliche Schönheit der in ihrem Wesen unästhetisch begründeten Formen der Buchstaben vorzüglich die bestimmte Deutlichkeit der in ihrem Wesen bizarren und willkürlichen Gestaltungen derselben und die Schnelligkeit in der Handführung des Kindes zu erzielen, d.h. es deutlich und schnell schreiben zu lehren. Die Schönheit des Schreibens ist nichts anderes als Zartheit in den Übergangsformen des Dicken zum Dünnen und des Geraden ins Schiefe. Übungen, die dieses erzielen, sind Übungen im Schönschreiben. Und so ist es, daß die Elementarbildung auch in Rücksicht auf die Einübung der Schreibkunst von den Anfangspunkten ausgeht, welche der naturgemäßen Ausbildung der Zeichnungskunst, d.i. der Kunst, alle Arten von Formen richtig und schön auszudrücken, zugrunde liegen. Der ganze Unterschied, der in der Art und Weise, wie diese Mittel auf die Ausbildung der Schreibkunst und auf die Ausbildung der Kunstkraft überhaupt einwirken, statt findet, ist, daß sie, die Schreibkunst, in ihrer höchsten Vollendung zur Verhärtung der Hand in ihrer Richtigkeit und selber in ihren Zartheitsformen, und hingegen die Kunst überhaupt und besonders die Zeichnungskunst zur ewig wachsenden Freiheit in allen Formen der Zartheit und der Schönheit hinführt. Eben so ist das, was ich in Rücksicht auf die naturgemäße Begründung des Lesenlehrens und der Schreibkunst gesagt, in Rücksicht auf den ganzen Umfang alles dessen, was zur naturgemäßen Entfaltung der Kräfte, die der Erlernung aller Kunst- und Berufsfächer zugrunde liegen, gleich wahr.

Es ist äußerst wichtig, daß die Mittel der Idee der Elementarbildung allgemein und auf jeder Stufe mit dem Grad der Empfänglichkeit der Kräfte, deren Entfaltung dafür erforderlich ist, in Übereinstimmung gebracht werden. Die Zeitwelt, die in der Unnatur der Routineverkehrtheit ihres Verkünstelungsverderbens wenig Rücksicht auf diese Übereinstimmung nimmt und durchaus keinen großen Takt weder für die Wichtigkeit, noch für die Natur dieses Gesichtspunkts hat, wird und muß die Ausführung desselben unendlich schwer finden. Aber den Gegenstand in seiner diesfälligen Wahrheit ins Auge gefaßt, ist nichts weniger als in dem Grad schwierig. Die elementarische Führung ist im ganzen Umfang ihrer Bildungs- und Unterrichtsmittel von einer Natur, daß der nach ihr geführte Zögling auf keiner Stufe seiner Bildung nur einen Schritt vorwärts kann, wenn er den vorhergehenden sich nicht vollständig eingeübt hat, so daß es für den Lehrer, den Grad seiner diesfälligen Kräfte zu bestimmen, gar nicht schwer ist. Dieser Grad zeigt sich ihm bei dieser Führung gleichsam von selbst; dieses aber ist bei der unzusammenhängenden Oberflächlichkeit der gewohnten Routinemittel freilich gar nicht der Fall. Im Gegenteil, bei dem Wirrwarr der Stufenfolgen jedes oberflächlichen und unnatürlichen Unterrichts ist es in jedem Falle sehr schwer, den Stufengang der Empfänglichkeit für jeden Unterricht, auf welchem das Kind steht, sowie den Grad der Urkraft, der dieser positiven Empfänglichkeit in ihm zum Grunde liegt, richtig zu bestimmen, und noch mehr, ihn wohl zu benutzen.

Doch ich schreite einmal zum endlichen Resultat meiner Ansichten über meinen Gegenstand, welches dahin geht, wenn die Idee der Elementarbildung im Wesen ihrer Ansprüche in ihrer Wahrheit erkannt und die Grundsätze ihrer naturgemäßen Ausführung richtig befolgt würden, so wäre nach meiner Überzeugung der Erfolg derselben in alledem unfehlbar, was wir als durch sie zu erzielen möglich ins Auge gefaßt und dargestellt haben. Das aber setzt freilich unbedingt voraus, daß erstlich der ganze Umfang der Ausführungsmittel dieser großen Idee auf Glauben und Liebe gebaut und dieses wesentliche Fundament derselben im ganzen Fortgang ihres Gebrauchs festgehalten werde, indem es dadurch allein möglich ist, den ganzen Umfang der Ausbildungsmittel unserer Kräfte und Anlagen unter sich selbst in Harmonie und in Übereinstimmung zu bringen und darin zu erhalten. Dieses wesentliche Ziel der Idee der Elementarbildung und alle Hoffnungen und Erwartungen, die wir darauf bauen, setzen dann ferner voraus, daß jedes einzelne der Kunstausbildungsmittel unserer Kräfte den ewigen Gesetzen, nach welchen die Natur selbst diese Kräfte entfaltet, mit Sorgfalt untergeordnet werde; ferner, daß die Ausbildung eines einzelnen Teils irgendeiner menschlichen Kraft nie als die Ausbildung dieser Kraft selber, sondern immer nur als ein zur Ausbildung derselben gehörendes Element angesehen und behandelt werde. Ebenso setzt es voraus, daß die Sorgfalt, den ganzen Umfang der Kunstausbildungsmittel unserer Kräfte innerlich aus der Einheit der Menschennatur hervorgehen zu machen, mit eben der Sorgfalt verbunden werde, diese Mittel auch äußerlich mit den Lagen, Verhältnissen, Umständen und Kräften der einzelnen Stände und Individuen, denen sie eingeübt werden müssen, sowie mit dem Grad der Ausdehnung und Beschränkung, in welchem dieses bei ihnen, vermöge ihrer Lage und ihrer Kräfte naturgemäß geschehen kann und geschehen soll, in Übereinstimmung gebracht werden; und ich muß bestimmt wiederholen, daß die Segenshoffnungen von dem Einfluß dieser hohen Idee in jedem Fall nur insoweit und nur in dem Grad zu erwarten sind, als diesen Bedingnissen in den Ausführungsmitteln ein Genüge geschieht.

Ich muß dieses umso notwendiger bestimmt und wiederholt äußern, da ich mir wohl bewußt bin, wie sehr ich die Segensresultate dieser hohen Idee nicht nur als für die Erzielung, Begründung und Sicherstellung der wesentlichen Endzwecke meiner Lebensbestrebungen weitführend und als hierfür tief in die Menschennatur eingreifend, sondern auch als in ihrem ganzen Umfang erreichbar und ausführbar dargestellt, und die Ahnung und Hoffnung, daß sie gleichsam mit aller Sicherheit erwartet werden dürfen, in diesen Bogen mit warmer Lebhaftigkeit rege zu machen gesucht habe.

Unter diesen Umständen muß ich natürlich und notwendig voraussehen und für gewiß annehmen, jeder Leser, der sie mit Umsicht und ernster Aufmerksamkeit gelesen, wird, wenn er dieses auch zwei und dreimal getan, am Ende über den Kontrast dieser Darstellung mit dem wirklichen Mißlingen meiner Bestrebungen nur staunen und mich fragen:

Aber, Pestalozzi, wenn das im ganzen Umfang deiner geäußerten Ansichten wirklich also wäre, wie könnte es möglich sein, daß deine zwanzigjährigen, diesfälligen Lebensbestrebungen keinen anderen Erfolg gehabt hätten, als denjenigen, den du mit uns und wir mit dir vor unseren Augen sehen? Ich antworte hierüber mit Bestimmtheit. So wie ich in diesen Bogen dem Publikum meine Ansichten und meine Überzeugung über den inneren Wert der Idee der Elementarbildung dargelegt, so fest bin ich entschlossen, ihm sowohl den Unwert, die Schwächen und die Fehler meiner Bestrebungen an sich selbst, als auch die äußeren Gründe ihres unausweichlichen Mißlingens, wo nicht in ihrem ganzen Umfange, doch in ihren eigentlichen Urquellen unverhohlen vor Augen zu legen. Ich wollte diese Darlegung auch wirklich mit den gegenwärtigen Bogen vereinigen, und sie lag schon beinahe ein Jahr lang zur Publizierung bereitet. Umstände, die ich hier nicht berühre, haben ihren Druck verhindert. Sie wird aber von diesen Bogen getrennt, besonders gedruckt erscheinen, und es ist mir gegenwärtig wirklich nicht unangenehm, meinen Schwanengesang, den ich auf eine Art mit den Gefühlen eines Sterbenden dem Herzen der Menschen- und Erziehungsfreunde nahe bringen will, von einer Geschichte getrennt zu haben, deren tiefe Kränkungen und Leiden mit den Gefühlen, die ich in diesen Bogen in mir selber rein erhalten möchte, nicht in einem mich vollkommen beruhigenden Einklang stehen. Die Hindernisse, die meinen zwanzigjährigen Bestrebungen, die Idee der Elementarbildung theoretisch und praktisch ins Licht zu setzen, im Wege standen, und endlich die so viel als gänzliche Auflösung meiner Anstalt in Iferten herbeiführten, liegen erstlich in dem Kontrast, den der Anspruch an reine Naturgemäßheiten im Erziehungs- und Unterrichtswesen mit dem hohen Grad des Verkünstelungsverderbens, in welches unsere Zeiterziehung und unser Zeitunterricht versunken, macht, oder vielmehr in den Ursachen, die dem Verwilderungs- und Verkünstelungsverderben unseres Geschlechts allgemein unter allen Himmelsstrichen zugrunde liegen. Der Sinn des Fleisches ist allgemein wider den Sinn des Geistes, - er ist allgemein wider das innere göttliche Wesen aller Grundlagen der höheren Menschennatur. Der sinnliche, tierische Mensch erkennt in aller Welt die Dinge nicht, die des Geistes Gottes sind und mit dem inneren Funken des ewigen, göttlichen Wesens, der in unserer Natur liegt, in wahrer, kraftvoller Übereinstimmung stehen. Er schwebt in aller Welt, unter allen Himmelsstrichen und unter allen Umständen und Verhältnissen, in sinnlicher Abschwächung der Früchte des Glaubens und der Liebe, in tierisch belebtem Widerspruch der Ansprüche seines Geistes mit den Ansprüchen seines Fleisches und des daraus erzeugten Unterliegens seiner Vernunft unter seinen Gelüsten umher. Alle Kraft der Anstrengung, die die Wahrheit in der Liebe, im Denken und im Handeln anspricht, und ebenso alle Anstrengung der Kunstkraft, die der Segen der menschlichen Tätigkeit auf gleiche Weise allgemein anspricht, ist der tierischen Natur unseres Geschlechts fremd und umbehaglich; folglich liegt das erste Hindernis der Anerkennung der Idee der Elementarbildung und der Neigung, sich ihre Bildungsmittel einzuüben, in der ungebildeten, sinnlichen Natur unseres Geschlechts selber. Der Sinn des Fleisches führt unser Geschlecht auf keine Weise zu der wahren Kunst, aus welcher die Bildungsmittel der Idee der Elementarbildung naturgemäß allein hervorgehen, sondern vielmehr zu dem Verkünstelungsverderben, das der Ausbildung unseres Geschlechts zur wahren Kunst mit allen Reizen unserer tierischen Sinnlichkeit entgegenwirkt.

Das ist in allen Epochen des Menschengeschlechts allgemein gleich wahr. Der Geist der Torheit und der Sünde liegt in unserem Fleisch und in unserem Blut, und wirkt mit allen seinen Reizen der Entfaltung unserer Kräfte zur Weisheit und zur Tugend, zur Liebe und zum Glauben entgegen. Die wahre Kunst unseres Geschlechts, die die Idee der Elementarbildung bezweckt, geht auf keine Weise aus diesem Sinn hervor. Dieser wirkt im Gegenteil mit dem ganzen Umfang seiner mächtigen, sinnlichen Reize auf die Erzeugung unseres Verkünstelungsverderbens, das der Entfaltung des Resultats der Idee der Elementarbildung seiner Natur nach entgegensteht, und entgegenstehen muß. Wir wissen auch alle, in welchem Grad dieses Verkünstelungsverderben in der Epoche, in der wir leben, und in welche mein Tun und Lassen hineingefallen, nicht nur allgemein tief eingewurzelt, sondern noch durch die Resultate des großen Begegnisses, das die Welt gleichsam aus allen ihren Angeln zu heben drohte, auf eine Weise belebt worden, die alles Entgegenwirken gegen die Folgen der Leidenschaften, die in diesem Zeitpunkt zügellos belebt wurden, fruchtlos und unwirksam zu machen in einem hohen Grad geeignet war. Ich habe aber über diesen Gesichtspunkt in gegenwärtigen Bogen so viel als alles gesagt, was ich darüber zu sagen habe. Die Hindernisse, die meinen Bestrebungen, diese hohe Idee theoretisch und praktisch ins Licht zu setzen, im Wege standen, liegen ferner in mir selber und in den speziellen Umständen der zwanzigjährigen Epoche meines Aufenthalts in Burgdorf und Iferten, deren Geschichte ich getrennt von den gegenwärtigen Bogen publizieren werde. In Rücksicht auf die Hindernisse, die in mir selber lagen, habe ich keine Ursache, mich über dieselben in diesen gegenwärtigen Blättern, und zwar wie dieselben einerseits in der individuellen Eigenheit meines Charakters und anderseits in den Umständen und Verhältnissen meiner Jugendjahre und meiner Erziehung lagen, nicht offen und bestimmt zu erklären.

Ich tue dieses auch ungesäumt.

Ich war von der Wiege an zart und schwächlich, und zeichnete mich durch viele Lebendigkeit in der Entfaltung einiger meiner Kräfte und Neigungen sehr frühe aus; aber so wie ich an einigen einzelnen Gegenständen und Gesichtspunkten warmes Interesse nahm, zeigte ich mich eben so frühe und in eben dem Grad auf alles, was nicht mit meinen Augenblickslieblingsgegenständen auf irgendeine Art belebt zusammenhing, äußerst unaufmerksam und gleichgültig. Was mein Gefühl ansprach, dafür war ich in jedem Fall schnell und warm belebt. Die Eindrücke der diesfälligen Gegenstände griffen in jedem Fall tief in mein Inneres und stärkten sich sehr oft und sehr leicht zur Unauslöschlichkeit in mir selbst. Andere Gegenstände hingegen, die sogleich bei ihrer Erscheinung eine ernste, aber anhaltende und kaltblütige Aufmerksamkeit in ihrer Beobachtung und Erforschung ansprachen, so wichtig und so bildend sie auch für mich hätten sein können, machten selten einen solchen überwiegenden Eindruck auf mich. Im Gegenteil, es ist auffallend, alles, was mein Herz ansprach, schwächte den Eindruck dessen, was meinen Kopf erheitern und in bildender Tätigkeit beleben sollte, sehr oft und schnell. Meine Imagination drückte sich bald vorherrschend in mir aus und war meiner Geistes- und Kunstbildung in allem, was mein Herz nicht sehr interessierte, in einem hohen Grad hinderlich. Ich muß es gerade heraus sagen, ich zeigte mich in Gegenständen dieser letzten Art schon sehr frühe und gar oft unverzeihlich unaufmerksam, zerstreut und gedankenlos. Alles, was bildend auf die Entfaltung meiner Überlegung, meines Nachdenkens und meiner Umsicht und Vorsicht wirken sollte und mir mangelte, hatte natürlich auch sehr frühe auf die Schicksale meines Lebens Einfluß. Was ich schon als Kind vornahm, fehlte sehr oft. Ich stieß mit meinem Kopf auch in hundert und hundert Kleinigkeiten mehr als kein anderes Kind an die Wand. Aber es machte mir nichts. Ich besaß mit meiner Unvorsichtigkeit einen Leichtsinn, daß mir das Fehlschlagen von Dingen, die andern Kindern schwer zu Herzen gegangen wären, gewöhnlich so viel als nichts machte. Was hinter mir war, wenn es mich selbst betraf, war mir, so sehr ich es vorher gewünscht oder gefürchtet hatte, sobald ich darüber ein paarmal eingeschlafen, wie wenn es nicht geschehen wäre. So wenig machten Glück und Unglück für mich selbst Eindruck. Die Folgen dieser Eigenheiten meiner Grundlagen stärkten sich in ihrem Wachstum und wirkten in Rücksicht auf die Bildung meiner selbst zu einem praktisch tätigen Leben von Jahr zu Jahr um so mehr nachteilig und verderblich auf mich, da meine Erziehung eigentlich wie dazu ge- macht schien, dieselbe auf eine ganz außerordentliche Weise zu nähren und zu stärken.

Mein Vater starb mir sehr frühe, und ich mangelte von meinem sechsten Jahre an in meinen Umgebungen alles, dessen die männliche Kraftbildung in diesem Alter so dringend bedarf. Ich wuchs an der Hand der besten Mutter in dieser Rücksicht als ein Weiber- und Mutterkind auf, wie nicht bald eins in allen Rücksichten ein größeres sein konnte. Ich kam, wie man bei uns sagt, jahraus jahrein, nie hinter dem Ofen hervor; kurz, alle wesentlichen Mittel und Reize zur Entfaltung männlicher Kraft, männlicher Erfahrungen, männlicher Denkungsart und männlicher Übungen mangelten mir in dem Grad, als ich ihrer bei der Eigenheit und bei den Schwächen meiner Individualität vorzüglich bedurfte.

Auf der anderen Seite aber lebte ich vom Morgen bis am Abend in Umgebungen, die mein Herz in einem hohen Grad belebten und ansprachen. Meine Mutter opferte sich mit gänzlicher Hingebung ihrer selbst und unter Entbehrungen alles dessen, was in ihrem Alter und in ihren Umgebungen Reize hätte haben können, der Erziehung ihrer drei Kinder auf, und war in ihrer edlen Hingebung von einer Person unterstützt, deren Andenken mir ewig unvergeßlich sein wird. Mein Vater, der in den wenigen Monaten, seitdem sie in unsere Dienste trat, von der seltenen Kraft und Treue dieses Dienstmädchens überzeugt und ergriffen war, ließ es, von den Folgen, die sein naher Hinschied auf seine verwaiste und unbemittelte Haushaltung haben mußte, beängstigt, vor sein Todbett zu sich kommen und sagte zu ihr: "Babeli, um Gottes und aller Erbarmen willen, verlasse meine Frau nicht; wenn ich tot bin, so ist sie verloren, und meine Kinder kommen in harte, fremde Hände. Sie ist ohne Deinen Beistand nicht im Stande, meine Kinder beieinander zu erhalten." Gerührt, edel und in Unschuld und Einfalt bis zur Erhabenheit großherzig, gab sie meinem sterbenden Vater das Wort: "Ich verlasse Ihre Frau nicht, wenn Sie sterben. Ich bleibe bei ihr bis in den Tod, wenn sie mich nötig hat." Ihr Wort beruhigte meinen sterbenden Vater; sein Auge erheiterte sich, und mit diesem Trost im Herzen verschied er. Sie hielt ihr Versprechen, und blieb bei meiner Mutter bis an ihren Tod. Sie half ihr ihre drei Kinder, die damals eigentlich arme Waisen waren, durchschleppen durch alle Not und durch allen Drang der schwierigsten Verhältnisse, die sich nur denken lassen, und zwar mit einer Ausharrung, mit einer Aufopferung und zugleich mit einer Umsicht und Klugheit, die um so bewundernswürdiger ist, da sie von aller äußeren Bildung entblößt, vor wenigen Monaten vom Dorf weg nach Zürich kam, um daselbst einen Dienst zu suchen.

Die ganze Würde ihres Benehmens und ihrer Treue war eine Folge ihres hohen, einfachen und frommen Glaubens. So schwer auch immer die gewissenhafte Erfüllung ihres Versprechens war, so kam ihr doch nie der Gedanke in die Seele, daß sie aufhören dürfe oder aufhören wolle, dieses Versprechen ferner zu halten. Die Lage meiner verwittibten Mutter forderte die äußerste Sparsamkeit; aber die Mühe, die unser Babeli sich gab, diesfalls beinahe das Unmögliche zu leisten, ist fast unglaublich. Um einen Korb Kraut oder Obst einige Kreuzer wohlfeiler zu kaufen, ging sie wohl drei- bis viermal auf den Markt und paßte auf den Augenblick, wo die Marktleute gerne wieder heimgehen wollten. Diese äußerste Sparsamkeit, ohne welche das Einkommen meiner Mutter zur Bestreitung der Ausgaben für ihre Haushaltung nicht hingereicht hätte, erstreckte sich auf alle Teile derselben. Wenn wir Kinder auch nur einen Tritt auf die Gasse tun oder an irgendeinen Ort hinwollten, an dem wir nichts zu tun hatten, so hielt uns das Babeli mit den Worten zurück: "Warum wollt Ihr doch unnützerweise Kleider und Schuhe verderben? Seht, wie Eure Mutter, um Euch zu erziehen, so viel entbehrt; wie sie Wochen und Monate lang an keinen Ort hingeht und jeden Kreuzer spart, den sie für Eure Erziehung notwendig braucht!" Von sich selbst und von dem, was es für die Haushaltung tat und wie es sich für dieselbe aufopferte, redete das edle Mädchen mit uns nie ein Wort. So eingeschränkt man in unserer Haushaltung lebte, so strengte man sich zur Bestreitung aller so geheißenen Ehrenausgaben beinahe immer über Vermögen an, und tat hierin ohne alles Verhältnis mehr als bei anderen Ausgaben. Trinkgelder, Neujahrsgeschenke und dergleichen sparte man nicht. Wenn die Mutter und das Babeli es auch noch so ungern sahen, daß ein unvorhergesehener Fall eine solche Ausgabe herbeiführte, so wurde sie doch immer sehr ehrenhaft bestritten. Ich und meine zwei Geschwister hatten immer sehr schöne Sonntagskleider; aber wir durften sie nur wenig tragen und mußten sie, sobald wir heim- kamen, wieder ablegen, damit sie recht lang als Sonntagskleider getragen werden können. Erwartete die Mutter einen Besuch, so wurde die einzige Stube, die wir hatten, mit aller Kunst, die uns möglich war, in eine Besuchstube umgewandelt.

Mein Großvater war Dorfpfarrer, der sich noch in der treuen Sorgfalt für die Erhaltung der halbtoten Überreste der besseren alten Schulzeit wohlgefiel und seinen Schulmeister zum gemeinen, ernsten Fleiß in den harten Formen des Lesen-, Schreiben-, und Auswendiglernens ihrer Gebete, Bibelsprüche und Katechismusfragen anhielt. Er verband seine diesfällige Schulbesorgung mit der in der alten Zeit ebenso allgemeinen Pflicht der Seelsorger, die Hausbesuchungen nicht nur in zufälligen Umständen von Krankheiten und Unglücken, sondern in einer regelmäßigen Ordnung das Jahr durch zu halten. Er hielt darüber seine ordentlichen Verzeichnisse, darin der Zustand einer jeden Haushaltung umständlich beschrieben war, wodurch er allem, was in sittlicher und häuslicher eben wie in religiöser Hinsicht in jedem Hause not tat, nicht nur mit väterlicher Sorgfalt, sondern auch mit bestimmter Sachkenntnis nachfragen konnte. Dadurch hatten diese Besuche einen reellen Einfluß auf die Schulkinder. Seine Schule, so schlecht sie in Kunsthinsicht dastand, war mit der sittlichen und häuslichen Bildung des Volks in einem belebten Zusammenhang, der auf die Einübung der Aufmerksamkeit, des Gehorsams, der Tätigkeit und Anstrengung und hiermit auf die wesentlichsten Fundamente der Erziehung kraftvoll und real einwirkte. Bei den wiewohl geschwächten Überresten der alten besseren Zeit, war unser Landvolk auch noch in diesen Tagen in den meisten unserer Dörfer im allgemeinen brav, voll Natursinn, Lebenstakt und einer einfachen, unschuldigen Tätigkeit, und in seiner Unwissenheit und Beschränkung mit einem einfachen, aber regen Sinn für alles, was im Wesen brav, gut, recht und wahr ist, belebt, der sich in den ausgezeichneteren Menschen dieser Zeit auch in den niedersten Hütten der Landleute gegen jede Art von grellen Erscheinungen des Unrechts, der Lügen, der Lieblosigkeit und Hartherzigkeit, von wem diese auch immer herkamen, mit unbefangenem und sorgenfreiem Mut, Eifer und Widerstand äußerte. Die Lauheit und Gleichgültigkeit für alles, was recht oder unrecht, gut oder böse ist, hatte unter dem Landvolk durchaus noch nicht allgemein Fuß gegriffen, und dieser Sinn war auch in den Landschulen, ungeachtet ihrer Beschränkung, ihres Zurückstehens und ihrer steigenden, inneren Abschwächung, dennoch durch vielseitige alte Übungen und Formen mit einem, im Wesen wirklich psychologischen Takt bis auf einen gewissen Punkt unterhalten und geschützt.

In den Stadtschulen hingegen waren die Überreste der guten, alten Zeit nicht mehr in eben dem Grad belebt und unterstützt. Einseitig den Mangel an guter, wissenschaftlicher Bildung erkennend, aber den Zusammenhang ihres Segens mit der Wohnstubenbildung des Volks und mit den Kräften und Fertigkeiten, welche die tätige tägliche Ausübung dieser Erkenntnisse im häuslichen Leben voraussetzen und fordern, eben so von Jahr zu Jahr mehr mißkennend, hatte sich in der städtischen Erziehung eine Gleichgültigkeit, Unkunde und Unaufmerksamkeit auf den inneren Zusammenhang aller wesentlichen häuslichen und Schulbildungsmittel mit der aus diesem Zusammenhange allein entspringenden sittlichen, geistigen und physischen Gemeinkraft in der Erziehung eingeschlichen, der die Fundamente der alten bürgerlichen Erziehung und der Realvorzüge, die dieselbe in der Vorzeit von der Erziehung unseres Landvolks hatte, in einem hohen Grad verschwinden gemacht. Die Stadt litt in häuslicher und bürgerlicher Hinsicht zuerst darunter. Die tieferen Fundamente der Vorzüge des Stadtlebens vor dem Landleben verschwanden vielseitig. So wie ehemals die Kraft und die Bildung des Landvolks von der Stadt ausging und in ihren Segensresultaten denn hinwieder sich in der Stadt konzentrierte, so ging jetzt die wachsende Abschwächung und das wachsende Verderben des Landvolks vielseitig von der Stadt aus. Auch war es unter den Pfarrern der damaligen Zeit allgemeine Klage: Omne malum ex urbe.

Indessen fiel mir frühe auf, daß der Fehlerhaftigkeit der ländlichen Erziehung allgemein und in ihrem Wesen unendlich leichter zu helfen sein könnte, als derjenigen der städtischen. Dabei war mir das Landvolk lieb. Ich bedauerte den Irrtum und die Ungewandtheit, in denen seine noch belebtere Naturkraft unbeholfen dastand, und es erregte sich sehr frühe in meinen jugendlichen Jahren ein lebendiger Gedanke, ich könnte mich fähig machen, diesfalls mein Scherflein zur Verbesserung der ländlichen Erziehung beizutragen. Es schien mir schon in meinen Jugendjahren heiter, dieses müsse in Kunsthinsicht durch die höchstmögliche Vereinfachung der gewohnten Schulunterrichtsmittel des Schreibens, Lesens und Rechnens angebahnt werden. Doch, ehe ich hierin weiter schreite, muß ich vorher die Geschichte meiner eigenen weiteren Erziehung und des Einflusses umständlicher darlegen, den ihr einseitiges Gute und ihr vielseitiges Fehlerhafte auf meine Bestrebungen, durch Vereinfachung der gemeinen Unterrichtsmittel die Kräfte der Wohnstubenbildung des Volks von neuem zu beleben und den Landschulen dadurch einen Teil des Segens der Vorzeit wiederzugeben, hatte.

Mein jugendlicher Charakter war, wie ich eben gesagt, gefühlvoll, vom Eindruck jeder Augenblickserscheinung gewaltsam hingerissen; dabei in seiner Tätigkeit voreilend und unüberlegt. Ich sah die Welt nur in der Beschränkung der Wohnstube meiner Mutter und in der eben so großen Beschränkung meines Schulstubenlebens; das wirkliche Menschenleben war mir beinahe so fremd, als wenn ich nicht in der Welt wohnte, in der ich lebte. Ich glaubte alle Welt wenigstens so gutmütig und zutraulich als mich selbst. Ich war also natürlich, von meiner Jugend auf, das Opfer eines jeden, der mit mir sein Spiel treiben wollte. Es lag nicht in meiner Natur, von irgend jemand etwas Böses zu glauben, bis ich es sah oder selber Schaden davon hatte; und so wie ich meinen Mitmenschen in allen Stücken mehr zutraute, als ich sollte, so traute ich auch mir selbst mehr Kräfte zu, als ich hatte, und hielt mich zu vielem vollkommen fähig, wozu ich eigentlich ganz untüchtig war. Das führte mich durch eine blinde Gutmütigkeit vom Anfang meines Jünglingsalters bis auf den heutigen Tag zu einer Reihe von übereilten Handlungen und Unternehmungen, die mein gänzliches Zugrundegehen, oder wenigstens das gänzliche Stillstehen meiner Lebenszwecke alle Augenblicke hätten herbeiführen können, und doch, Gott sei es gedankt, nie vollends herbeigeführt haben. Dieses Letzte war bestimmt nur dadurch möglich, da das immerwährende Mißlingen meines Tuns indes immer auch eine Seite hatte und mit Umständen und Resultaten begleitet war, die mich wieder befriedigten und in mir selber erhoben. Mitten im Drange meiner Lebensbestrebungen und im Mißlingen derselben erhielt mich dabei auch mein Leichtsinn bei Fällen lachend und froh, wo bald jeder andere sich zu Tode gegrämt hätte.

Merkwürdig ist mir, daß eine Menge Anekdoten, die man sich in meiner Familie von meinem Ahnherrn väterlicher Seite, dem Archidiakon Ott, gar oft erzählte, eine ganz auffallende Ähnlichkeit seines Charakters und seiner Eigenheiten mit dem meinigen zeigen, und eine Idee sehr zu bestätigen scheinen, daß nämlich Familiencharaktere gar oft nach mehreren Generationen mit Überspringung vieler Zwischenglieder in auffallender Ähnlichkeit wieder erscheinen. Gutmütig und leichtsinnig wie ich, war er in wirtschaftlichen Angelegenheiten ebenso ungewandt und ebenso nachlässig, aber da er nicht, wie ich, außer das Gleis des gewohnten bürgerlichen Lebens hinaustrat, sondern wie andere seinesgleichen die gewohnte Laufbahn von den Professorstellen bis zur Chorherrnstelle ordentlich mitmachte, waren die Folgen seiner diesfälligen Schwäche nie so grell auffallend und drückend, wie es bei mir der Fall war. Doch einmal spielte ihm seine gutmütige Leichtgläubigkeit auch in ökonomischer und häuslicher Hinsicht einen ärgerlichen Streich. Er besuchte eine im höchsten Grad als ein Erzschalk berüchtigte Witwe seiner Gemeinde als ihr Seelsorger in der gutmütigen Absicht, sie durch seine Vorstellungen dahin zu bringen, mehr auf alles Böse, das man von ihr rede, aufmerksam zu sein und für ihren guten Namen besser Sorge zu tragen. Aber das schlaue Weib konnte den guten Chorherrn bald überreden, es geschehe ihr in allem, was man von ihr sage, das größte Unrecht; sie sei noch in ihrem besten Alter, und ihre Verwandten, die sie gerne erbten, suchen mit dieser Verschreiung nichts anderes, als zu verhüten, daß sie eine anständige Heirat finde usw. Das trieb sie mit einer Besonnenheit und konsequenten Kunst, daß der gute Mann zuletzt an alles, was sie ihm hierüber angab, bald wie ans Evangelium glaubte, und sie am Ende selber heiratete. Aber wenige Wochen nach der Hochzeit kam er dahin, die Größe des Fehlers, den er durch diese Heirat begangen, so tief zu fühlen, daß er an die Außenseite seiner Studierstube einen Zettel anheftete, folgenden Inhalts:

"Aus Sodom ging einst aus, der gute fromme Lot, In Sodom geht jetzt ein, der Narr, der Chorherr Ott." Die Farce endigte sich bald mit einer Scheidung. Mit aller Gutmütigkeit und Bescheidenheit, die ihm eigen war, hatte auch er eine viel zu große Vorstellung von sich selbst und vom Grad seiner Kultur. Eine von ihm besorgte und mit Anmerkungen begleitete Ausgabe von Flavius Josephus und einige antiquarische Nachforschungen hatten ihm seiner Zeit eine Art von literarischem Ruf erworben, der ihn aber in seinem diesfälligen Zutrauen auf sich selber viel zu weit und dahin führte, daß er eine große Reihe seiner späteren Jahre bis in sein höchstes Alter an einem weitläufigen, sich in viele Foliobände ausdehnenden, so betitelten Clavis des Flavius Josephus arbeitete und die größten ökonomischen Hoffnungen auf die Ausgabe desselben setzte, an deren Erfüllung er gar nicht zweifelte, da sein Sohn beim Bischof von Canterbury als Bibliothekar in großem Ansehen stand. Dieser aber starb sehr frühzeitig, und das Werk meines Ahnherrn war bei den Vorschritten der Zeit in der diesfälligen Literatur immer unbedeutender; er fand am Ende durchaus keinen Verleger dazu, wenn er ihm auch das Manuskript umsonst gegeben hätte.

Wahrlich, das hätte mir mit einigen Versuchen meiner Sprachübungen, für die ich ganze Riese Papier überschrieb, ohne daß ich jetzt einen Bogen davon druckwürdig achte, sehr leicht begegnen können. Doch ich fand in meinen Umgebungen hierüber so harte Zurechtweisungen, daß ich bis auf den heutigen Tag nie auch nur versucht wurde, mich hierin großen träumerischen Hoffnungen zu überlassen. Diese Ähnlichkeit mit mir sprach sich bei ihm in den vielseitigsten Richtungen auffallend aus. Eben wie ich die Irrtümer und Schwächen seiner Zeitwelt tief fühlend und mit warmem Herzen an der Hoffnung teilnehmend, sein Scherflein insonderheit in Rücksicht auf die Klarheit und Einfachheit des Religionsunterrichts beizutragen, schloß er sich an die Bemühungen Turrettinis, Werenfels' und Osterwalds enge an und stand in naher Verbindung mit diesen Männern, ob ich gleich nicht glaube, daß er in wissenschaftlicher Hinsicht einigen von ihnen gleich kam.

Indes war er dabei von einiger Eitelkeit in der Neuerungssucht so wenig frei und gegen Andersdenkende ebenso schonungslos, als ich dieses beides in einigen Epochen meines Lebens auch war. Folgender Umstand gibt über seine diesfällige Schonungslosigkeit gegen die steifen Orthodoxen seiner Zeit einiges Licht. Sein Haus war, wie es seit der Reformation in Zürich bei allen kulturhalber sich auszeichnenden Männern der Fall war, für alle bildungshalber wohl empfohlenen Menschen ein offenes Haus. Unter den Fremden, die ihn oft besuchten, kam einmal auch ein Sohn von Ostervald, und mein Chorherr, der wußte, daß allemal, wenn Fremde zu ihm kommen, ein steifer wortklauberischer Theologe Schweizer, der ein wenig Französisch sprach, sich zudrängte und den Fremden ausfragte, wer er sei und woher er komme, instruierte den jungen Osterwald, der kein Wort deutsch konnte, wenn ein dicker alter Mann, der zu ihm komme, ihn fragen werde, wer er sei, so soll er ihm antworten: "Ich bin klein Ketzerlein, und mein Vater ist ein großer Ketzer." Launige Antworten waren seine Lieblingssache, und er versäumte keine Gelegenheit, die sich ihm darbot, mit Worten, die, indem sie das Gefühl der Menschen ansprachen, in ihnen Gedanken anregten, die die Worte, die er aussprach, eigentlich nichts weniger als ganz ausdrückten. Er liebte überhaupt das Winken weit mehr als das Erklären; er verstand es aber auch besser und brauchte übrigens dieses Talent mit einer Gutmütigkeit, daß ihm nicht leicht jemand etwas übel nahm, das er sagte. Er ergriff jede, auch die unbedeutendste Gelegenheit zu launigen Ausdrücken.

Einmal begegnete ihm in einem engen Gäßchen ein dicker, großer Küfer, der in seinem festen Bürgermarsch hart beinahe an ihn anstieß, ehe er ihm auswich. Mein Chorherr stellte sich, redete ihn an und sagte ihm ganz ernsthaft: "Meister Küfer, Ihr habt doch wohl getan, daß Ihr mir ausgewichen." Der dicke Küfer, der das schwache, alte Männchen sich so stellen sah, mußte lachen und sagte: "Aber, Herr Chorherr, wenn ich Euch nicht ausgewichen wäre, was hättet Ihr denn auch wohl getan?" Mein Chorherr antwortete ihm ganz ruhig: "Dann wäre ich Euch ausgewichen." Einmal zeigte sich diese Laune sogar in einem Augenblick, wo er einen Verbrecher zum Galgen begleiten mußte. Es war ein abscheulicher Bube; was der Chorherr auch immer zu ihm sagte, schüttelte er nur den Kopf und wollte nichts von ihm hören. Mein Chorherr ließ aber nicht nach; er redete ihm ununterbrochen zu. Das machte den Kerl ärgerlich; es war dazu noch Regenwetter; sie kamen jetzt zu einer Pfütze, und mein Kerl stampfte mit einem Fuß so stark darein, daß mein Chorherr über und über mit Kot bespritzt ward. Dieser aber kehrte sich ganz ruhig zu ihm hin und sagte ihm: "Du, wenn wir jetzt wieder zurückkommen, so mach' es denn doch noch einmal also!" Diese Laune verließ ihn auch in seinen spätesten Jahren nicht und unter keinen Umständen. Bei einer Antisteswahl hatte er einige Hoffnung, zu dieser Stelle gewählt zu werden. Aber ein junger, rüstiger, kraftvoller Mann, der Herr Antistes Wirz, ward ihm vorgezogen. Der würdige neue Antistes wollte dem alten Chorherrn eine Höflichkeit erzeigen, und ließ ihm sagen: er wolle ihm die Dienstagspredigt, die seiner Stelle oblag, gerne abnehmen; eine Predigt mehr oder minder mache ihm gar nichts. Aber mein alter Chorherr verstand das nicht so; er ließ ihm antworten:''er verkaufe seine Erstgeburt nicht um ein Wirzstöcklein. *) Dieses Launenhafte in seinen Antworten war ihm so natürlich und es erhielt seine Heiterkeit in dem Grad, daß er oft sagte, er glaube, er sei darum so alt geworden, weil er etwas leichtsinnig sei, und alles lieber etwas zu leicht als etwas zu schwer auf die Achseln nehme. Und es ist sicher, daß ich dieses mit Recht auch von mir sagen kann. Ich wäre bei allem, was mir begegnet, sicher nicht so alt geworden als ich wirklich bin, wenn ich nicht einen im höchsten Grad leichten Sinn gehabt hätte. Die Ähnlichkeit des Charakters dieses Mannes mit dem meinigen scheint mir wirklich auffallend.

Doch ich kehre wieder zu mir selber zurück. Da mir die männliche Kraftbildung meines ersten Jugendlebens in meinem häuslichen Leben, wie ich gesagt habe, ganz mangelte, so war ich in allen Knabenspielen der ungewandteste und unbehilflichste unter allen meinen Mitschülern, und wollte dabei doch immer auf eine gewisse Weise mehr sein als die anderen. Das veranlaßte, daß einige von ihnen gar oft ihr Gespötte mit mir trieben. Einer, der sich hierin gegen mich auszeichnete, hängte mir den Übernamen: "Heiri Wunderli von Thorliken" an. Die meisten aber liebten doch meine Gutmütigkeit und meine Dienstgefälligkeit, aber kannten allgemein meine Einseitigkeit und Ungewandtheit, so wie meine Sorglosigkeit und Gedankenlosigkeit in allem, was mich nicht sehr interessierte. Obgleich einer der besten Schüler, beging ich denn doch mit einer unbegreiflichen Gedankenlosigkeit Fehler, deren sich auch keiner der schlechteren von ihnen schuldig machte. Indem mich das Wesen der Unterrichtsfächer meistens lebendig und richtig ergriff, war ich für die Formen, in denen es erschien, vielseitig gleichgültig und gedankenlos. Mitten indem ich in einigen Teilen eines bestimmten Unterrichtsfaches hinter meinen Mitschülern weit zurückstand, übertraf ich sie in einigen andern Teilen derselben in einem seltenen Grad. Das ist so wahr, daß ich einst, da einer meiner Professoren, der sehr wohl Griechisch verstand, aber durchaus kein rhetorisches Talent hatte, einige Reden von Demosthenes übersetzte und drucken ließ, die Kühnheit hatte, mit den beschränkten Schulanfängen, die ich im Griechischen besaß, eine dieser Reden auch zu übersetzen und im Examen als Probestück meiner diesfälligen Vorschritte niederzulegen. Ein Teil dieser Übersetzung wurde im Lindauer Journal einem Aufsatze, Agis betitelt, beigedruckt. Meine Übersetzung war auch unstreitig in Rücksicht auf Feuer und rednerische Lebendigkeit besser als die des Herrn Professors, ungeachtet ich ohne alle Widerrede noch so viel als nicht griechisch konnte, hingegen der Herr Professor wohl. So wie ich in einzelnen Teilen meiner Unterrichtsfächer ohne alles Verhältnis weniger als in anderen, Vorschritte machte, so war mir überhaupt, ich darf nicht einmal sagen, das eigentliche Verstehen, sondern vielmehr das gefühlvolle Ergriffenwerden von den Erkenntnisgegenständen, die ich erlernen sollte, immer weit wichtiger als das praktische Einüben der Mittel ihrer Ausübung. Dabei aber war mein Wille, einige Erkenntnisgegenstände, die mein Herz und meine Einbildungskraft ergriffen, ausüben zu wollen, ob ich gleich die Mittel, sie praktisch ausüben zu können, vernachlässigte, dennoch in mir selbst enthusiastisch belebt, und unglücklicherweise war der Geist des öffentlichen Unterrichts in meiner Vaterstadt in diesem Zeitpunkt in einem hohen Grad geeignet, diesen träumerischen Sinn, sich für die Ausübung von Dingen, die man sich gar nicht genugsam eingeübt, lebendig zu interessieren und dafür fähig zu glauben, bei der Jugend meiner Vaterstadt allgemein sehr belebt. Ihre bessere Jugend nährte diesen träumerischen Sinn, selber Lavater nicht ausgenommen, allgemein. Die Geschichte des ungerechten Landvogts würde die Wahrheit dieser Äußerung in Rücksicht auf den Bildungsgang Lavaters auf eine sehr merkwürdige Art ins Licht setzen, wenn sie nicht in Vergessenheit gebracht worden wäre.

Der Zeitpunkt war indes bei allen diesen Fehlern, rücksichtlich des öffentlichen Unterrichts, in meiner Vaterstadt in wissenschaftlicher Hinsicht ausgezeichnet gut. Bodmer, Breitinger, später Steinbrüchel und viele andere Professoren und Gelehrte dieser Zeit waren in einem hohen Grad ausgezeichnet wissenschaftlich gebildete Männer, obgleich sie, wo nicht alle, doch weitaus die meisten eine für das praktische Leben, wozu die Jünglinge unserer Stadt hätten gebildet werden sollen, nicht genugsam gegründete Geistesrichtung belebte. Unabhängigkeit, Selbständigkeit, Wohltätigkeit, Aufopferungskraft und Vaterlandsliebe war das Losungswort unserer öffentlichen Bildung. Aber das Mittel, zu allem diesem zu gelangen, das uns vorzüglich angepriesen wurde, die geistige Auszeichnung war ohne genugsame und solide Ausbildung der praktischen Kräfte, die zu allem diesem wesentlich hinführen, gelassen. Man lehrte uns träumerisch in wörtlicher Erkenntnis der Wahrheit Selbständigkeit suchen, ohne uns das Bedürfnis lebendig fühlen zu machen, was zur Sicherstellung sowohl unserer inneren, als unserer äußeren, häuslichen und bürgerlichen Selbständigkeit wesentlich notwendig gewesen wäre.

Der Geist des Unterrichts, den wir genossen, lenkte uns mit vieler Lebendigkeit und reizvoller Darstellung dahin, die äußeren Mittel des Reichtums, der Ehre und des Ansehens einseitig und unüberlegt geringzuschätzen und beinahe zu verachten. Man lehrte uns mit einer diesfalls stattfindenden Oberflächlichkeit annehmen und beinahe blindlings glauben, durch Sparsamkeit und Einschränkung alle Vorzüge des bürgerlichen Lebens, ohne in den wesentlichen Segnungen des gesellschaftlichen Zustandes dadurch beeinträchtigt zu werden, entbehren zu können, und führte uns in Träume von der Möglichkeit des häuslichen Glücks und der bürgerlichen Selbständigkeit hinein, ohne große bürgerlich gebildete Erwerbs- und Verdienstskräfte zu besitzen. Das ging so weit, daß wir uns in Knabenschuhen einbildeten, durch die oberflächlichen Schulkenntnisse vom großen griechischen und römischen Bürgerleben uns solid für das kleine Bürgerleben in einem der schweizerischen Kantone und ihren zugewandten Orten vorzüglich gut vorbereiten zu können. Dieser Aufflug zur Bildung eines solchen hohen Träumersinns war um so ansteckender, weil die Abschwächungsquellen des alten Schweizergeistes und seiner Einfalt, Würde und Treue in allen unseren bürgerlichen Institutionen in diesem Zeitpunkt schon sichtbar und auffallend tiefe Wurzel gefaßt, und folglich der Wunsch, dem sinkenden, guten Geist unseres Vaterlands wieder aufzuhelfen, so wie den diesfälligen Übeln, die jeder edlen Schweizerseele zu Herzen gingen, mit Ernst und Kraft in ihren tieferen Wurzeln entgegenzu- wirken, vielseitig aus reinem, vaterländischem Herzen hervorging. Aber es mangelte der diesfälligen Speise, die uns in diesem Zeitpunkt aufgetragen wurde, die Einfachheit und Unschuld des Natursinns und der Naturkraft, die dem alten vaterländischen Geiste, den wir wieder herstellen wollten, zugrunde lag. Die Schriften, die man uns zur Belebung dieses Sinnes in die Hand spielte und empfahl, waren bei allem Guten, das sie hatten, Produkte der tiefen Zeitverkünstelung, in der wir lebten, und der Unnatur ihres Verderbens. Sie waren eigentlich dazu gemacht, uns in einem hohen Grad selber zu verkünsteln, den Bonsens unserer Väter in uns selber umzukehren und uns sogar gegen die wesentlichen Ansprüche der Kunstlosigkeit und Einfachheit in den ersten Ansichten des gemeinen Lebens nicht nur zu verwirren, sondern selber zu verhärten.

Die Erscheinung Rousseaus war ein vorzügliches Belebungsmittel der Verirrungen, zu denen der edle Aufflug treuer, vaterländischer Gesinnungen unsere vorzügliche Jugend in diesem Zeitpunkt hinführte, der dann durch den bald darauf folgenden großen, leidenschaftlichen Weltgang in unserer Mitte vielseitig in steigende Einseitigkeit, Unbesonnenheit und Verwirrung hinüberging, und durch die Miterscheinung von Voltaire und seiner verführerischen Untreue am reinen Heiligtum des religiösen Sinnes und seiner Einfalt und Unschuld mitwirkte, eine für den wirklichen Segen unserer altväterisch reichsstädtisch geformten Vaterstadt ganz unpassende neue Geistesrichtung zu erzeugen, die weder das alte Gute, das wir hatten, zu erhalten noch irgend etwas solid Besseres zu erschaffen geeignet und geschickt war. Auch bei mir war die Erscheinung Rousseaus der Anfangspunkt der Belebung der bösen Folgen, die die nahende Weltverwirrung auf die Unschuld des Hochflugs zugunsten der Erneuerung der altvaterländischen Schweizergesinnungen beinahe auf die ganze edlere Jugend meines Vaterlands hatte. So wie sein Emil erschien, war mein im höchsten Grad unpraktischer Traumsinn von diesem ebenso im höchsten Grad unpraktischen Traumbuch enthusiastisch ergriffen. Ich verglich die Erziehung, die ich im Winkel meiner mütterlichen Wohnstube und auch in der Schulstube, die ich besuchte, genoß, mit dem, was Rousseau für die Erziehung seines Emils ansprach und forderte. Die Hauserziehung sowie die öffentliche Erziehung aller Welt und aller Stände erschien mir unbedingt als eine verkrüppelte Gestalt, die in Rousseaus hohen Ideen ein allgemeines Heilmittel gegen die Erbärmlichkeit ihres wirklichen Zustandes finden könne und zu suchen habe. Auch das durch Rousseau neu belebte, idealisch begründete Freiheitssystem erhöhte das träumerische Streben nach einem größeren, segensreichen Wirkungskreise für das Volk in mir. Knabenideen, was in dieser Rücksicht in meiner Vaterstadt zu tun notwendig und möglich sei, brachten mich dahin, den Stand eines Geistlichen, zu dem ich früher hinlenkte und bestimmt war, zu verlassen, und den Gedanken in mir entkeimen zu machen, es könnte möglich sein, durch das Studium der Rechte eine Laufbahn zu finden, die geeignet wäre, mir früher oder später Gelegenheit und Mittel zu verschaffen, auf den bürgerlichen Zustand meiner Vaterstadt und sogar meines Vaterlandes einigen tätigen Einfluß zu erhalten. Aber ein Umstand, der mir nahe ans Herz ging, zernichtete diesen Plan glücklicherweise für mich in seinem ersten Ursprunge.

Der Freund, an dessen Kraft mich meine mir selbst wohl bewußte Einseitigkeit und praktische Schwäche in meinen weitführenden Endzwecken hoffnungs- und vertrauensvoll anschloß, litt schon eine Weile an einer Brustkrankheit, die wir lange für unbedeutend hielten; diese aber nahm in diesem Zeitpunkt eine sehr ernste Richtung und war bald entscheidend tödlich. Sowie er das sah, ließ er mich zu sich kommen und sagte mir: "Pestalozzi! ich sterbe, und Du, für Dich selbst gelassen, darfst Dich in keine Laufbahn werfen, die Dir bei Deiner Gutmütigkeit und bei Deinem Zutrauen gefährlich werden könnte. Suche eine ruhige, stille Laufbahn und lasse Dich, ohne einen Mann an Deiner Seite zu haben, der Dir mit ruhiger, kaltblütiger Menschen- und Sachkenntnis mit zuverlässiger Treue beisteht, auf keine Art in ein weitführendes Unternehmen ein, dessen Fehlschlagen Dir auf irgendeine Weise gefährlich werden könnte! "

Sein Tod ging mir nahe ans Herz. Ich glaubte seinem Rat in seiner ganzen Ausdehnung folgen zu wollen, aber ich trug dabei nicht genugsam Sorge dafür, den Quellen der Gefahren, vor denen er mich warnte, die in mir selbst lagen und tief eingewurzelt waren, mit ernster, kraftvoller Sorgfalt entgegenzuwirken. Ich warf mich zwar auf den alten Plan, verbesserte und vereinfachte Unterrichtsmittel in die Wohnstube des Volks zu bringen mit gedoppelter Lebendigkeit zurück und hoffte auf diese Weise in einer ruhigen, glücklichen, häuslichen Laufbahn dem Zustand des gemeinen Volks durch meinen Einfluß auf die Vereinfachung seines Unterrichts und eine tiefer begründete Bildung seines ökonomischen Erwerbs im Stillen wohltätig auf meine Umgebungen wirken zu können. Aber ich kannte den Weg, den ich mir vornahm, so wenig als mich selber, und ahnte nicht, wohin er mich führen werde. So wie ich war, konnte ich ihn nicht einmal ahnen, und nahm in der Blindheit meiner Begeisterung über diesen in mir neu belebten Plan plötzlich den Entschluß, mich ganz dem Landbau zu widmen. Der große Ruf, den Tschiffeli als Landwirt hatte, veranlaßte mich, bei ihm Rat, Wegweisung und Bildungsmittel für diesen Zweck zu suchen. Er nahm mich mit großem Wohlwollen auf, aber die Landwirtschaft, wie er sie betrieb, sowie seine Lebens- und Weltansichten überhaupt, waren in der großen Ausdehnung seiner vielseitigen Kenntnisse und Bestrebungen in praktischer Hinsicht so wenig solid, als ich im Zustand meiner Unwissenheit fähig, aus dem großen äußeren, praktisch scheinbaren Tableau des Feldbaus, das bei ihm vor meinen Augen stand, und aus den großen Ansichten und Aussichten, mit denen dieser edle Mann mein Herz nährte und meinen Kopf zu erheitern suchte, eigentlich Nutzen zu ziehen und mich praktisch für den Landbau zu bilden. Ich ging mit vielen einzelnen, großen und richtigen Ansichten und Aussichten über den Landbau als ein ebenso großer landwirtschaftlicher Träumer von ihm weg, wie ich mit vielen einzelnen, großen und richtigen, bürgerlichen Kenntnissen, Ansichten und Aussichten als ein bürgerlicher Träumer zu ihm hin kam. Mein Aufenthalt bei ihm führte mich nur dahin, mich durch seine diesfällig kühnen und großen, aber in der Verwirklichung schwierigen und zum Teil unausführbaren Pläne in den gigantischen Ansichten meiner Bestrebungen von neuem wieder zu beleben und zugleich in der Gedankenlosigkeit über ihre Ausführungsmittel in eine Verhärtung verfallen zu machen, deren Folgen schon in den ersten Jahren meiner ländlichen Laufbahn auf das ökonomische Unglück meines Lebens entscheidend einwirkten, und mein Herz bis auf den heutigen Tag vorzüglich darum mit Wehmut erfüllen, weil sie das Schicksal einer der reinsten, edelsten Seelen, die ich je auf Erden gesehen, an meiner Seite für ihre ganze Lebenszeit unglücklich machten.

Ich hatte unter den Jünglingen Zürichs viele Freunde und gelangte durch einen derselben mit dieser Person, die seine Schwester war, in Bekanntschaft. Sie nahm an meinen Plänen warmen Anteil. Ich liebte sie, aber meine Wünsche fanden Schwierigkeiten. Ich war arm und sie, oder vielmehr ihre Eltern, sehr wohlhabend. Gedankenlos, unbesonnen und blind meinen Wünschen nachstrebend, kam ich zu meinem Ziele und träumte mit dieser Verheiratung mir einen Himmel auf Erden. Mein Glaube an die sichere und große Erfüllung meiner menschenfreundlichen und pädagogischen Zwecke stieg zu einer Scheinüberzeugung empor, daß ich den Gedanken, sie könnte mir auf irgendeine Weise noch fehlen, mir nicht einmal einfallen ließ. Ich hatte Kredit, ich hatte Geld, ich war geliebt, und es zeigte sich sogar in Geldsachen kein Schatten einiger Bedenklichkeit in meinen Umgebungen. Tschiffelis und mehrerer Berner Krapp-Pflanzungen, die man damals so viel als vollkommen geraten ansah, erregten großes Aufsehen, und im Vertrauen auf die Kenntnisse und Erfahrungen, die ich mir im Feldbau bei Tschiffeli erworben, verband sich ein sehr reiches Haus meiner Vaterstadt für einen Versuch in dieser Pflanzung mit mir, und es schien sich einen Augenblick alles zu vereinigen, um mich ohne Rücksicht auf den eigentlichen Zweck der Krapp-Pflanzung im allgemeinen, zum höchsten Gipfel meiner landwirtschaftlichen und menschenfreundlichen Hoffnungen empor zu heben.

Ich war bei meinen Nachforschungen nach einer, in landwirtschaftlicher Kultur noch in einem hohen Grade zurückstehenden Gegend, in der ich mich einkaufen wollte, durch Hrn. Pfarrer Rengger in Gebensdorf mit dem Zustand des Birrfelds bekannt, auf welchem seit undenklichen Zeiten ein paar tausend Jucharten fast immer brach lagen und die meiste Zeit vom Kloster Königsfelden als eine schlechte, dürre Schafweide benutzt wurden und nicht anders benutzt werden konnten, weil der ganze Umfang dieser großen Heide nur an ihren äußersten Grenzen einige wenige Jucharten schlechtes Mattland, so wie nur wenige unbedeutende Wasserquellen hatte. Das Mißverhältnis der Matten und der Äcker war im ganzen Umfang dieses Bezirks so groß, daß man wohl dreißig Juchart trockenes Ackerland auf eine Juchart schlechtes, trockenes Mattland zählen konnte. Dabei waren die Besitzer dieser großen Weide allgemein so arm, daß sie durchaus nicht imstande waren, durch Ankauf von Heu und Stroh etwa allmählig etwas zur Verbesserung ihrer öde liegenden Kornfelder beizutragen. Aber wenige Jahre, ehe ich diese Gegend kennenlernte, hatte man im Dorfe Lupfig, das an Birr, woselbst ich mich einkaufen wollte, anstoßt, eine Mergelgrube entdeckt, die zur künstlicheren Anlegung von Matten ganz ausgezeichnete Wirkung hatte, und zugleich zeigte sich, daß in den trockensten Gegenden des kalkartigen Bodens, der am Fuß des Brunegger Gebirges hinter Birr liegt, die Esparsette ohne Dünger mit entschiedenem Erfolg gebaut werden könnte. Der damalige Pfarrer von Birr, Herr Frölich, den ich durch Hrn. Pfarrer Rengger kennengelernt, war ein mit dem Wesen der Landwirtschaft sehr vertrauter und für die Verbesserung dieser Gegend sich wirklich interessierender Mann.

Dieser machte mich mit den wichtigen Umständen, die ich eben des Birrfelds halber berührt, näher bekannt, und überzeugte mich bald, daß die wesentlichen Mittel, welche eine solide Verbesserung dieser Gegend im Großen herbeiführen müssen, mit Sicherheit zur augenblicklichen und leichten Benutzung schon an der Hand liegen. Gestützt auf die ökonomischen Kräfte und Mitwirkung, die mir das Verhältnis mit dem Handelshause, das sich zu diesen Endzwecken mit mir verband, vollkommen zuzusichern schien, nahm ich augenblicklich den Entschluß, sechs- bis achthundert Juchart von diesem Land um den Spottpreis, um den es damals zu haben war, so geschwind als es tunlich zusammenzukaufen, und fing sogleich, nachdem ich gegen hundert Juchart desselben beieinander hatte, mit dem Bau eines Hauses an, dessen Anlage für das Wesen meiner Zwecke so unüberlegt, so unpassend und zweckwidrig war, als der Ankauf des großen Landstrichs, den ich mir vornahm, an sich vollkommen wohl berechnet und in seinen ökonomischen Vorteilen unfehlbar gewesen wäre. Aber in der Ausführung hätte auch dieser Plan dennoch sehr große, und ich bin jetzt überzeugt, unübersteigliche Schwierigkeiten gehabt. Die Zahl der Güter, die bis nahe an die Orte Birr, Lupfig und Brunegg in diesem Fall in meine Hände gefallen wären, hätten die anstoßenden Acker in wenig Jahren in ihrem Preis zehn und mehrmal höher, als sie in diesem Zeitpunkt standen, steigen gemacht; dadurch hätten sich diese an mich anstoßenden Dörfer plötzlich ihrer nächsten Güter um einen toten Pfennig beraubt gesehen; dieses aber hätte die Bernsche Regierung notwendig zu ihren Gunsten mir und meinem Unternehmen ungeneigt und entgegen wirkend machen müssen.

Die Sache aber nahm plötzlich eine andere Wendung. Mein unvorsichtiger und zweckwidriger Hausbau und das öffentliche Urteil über den Mann, dem ich in der Besorgung meines ganzen Unternehmens ein sehr großes Vertrauen schenkte, der aber, obgleich in gewissen wesentlichen Rücksichten für mich außerordentlich brauchbar, allgemein verhaßt und gefürchtet war, nahm demselben in der ganzen Nachbarschaft schnell das öffentliche Vertrauen. Das Handelshaus, mit dem ich für mein Unternehmen verbunden war, bekam von allen Seiten und selber vom Pfarrer Frölich, der mir im Anfang diesen Ankauf geraten, aber auch den Mann, dem ich in der Ausführung meines Plans mein Vertrauen schenkte, sehr haßte, den Bericht, mein ganzes Unternehmen sei, wie ich es führe, ein Narrenstreich, und das Haus werde, wenn es meiner Handlungsweise nicht Einhalt tue, das Geld, das es darein setze, ganz sicher alles verlieren. Bestürzt über diese Nachrichten, aber liebreich und sorgfältig, sandte es zwei achtungsvolle Männer meiner Vaterstadt, die in Rücksicht auf landwirtschaftliche Kenntnisse allgemein das größte Vertrauen hatten, zu mir, um den Zustand der Unternehmung zu untersuchen und ihm davon Bericht zu erteilen. Ich weiß nicht, ob ich sagen soll, glücklicher- oder unglücklicherweise für mich, war diesen Herren der kalkartige Boden, den ich angekauft hatte, in Rücksicht seiner Eigentümlichkeit und der Leichtigkeit, durch Mittel, die an Ort und Stelle vorhanden waren, verbessert zu werden, durchaus nicht bekannt. Der große Teil des Landes, der zum Teil viele Jahre nicht gepflügt wurde, war fast wie der Boden einer Steingrube, ohne Spur von nahrhafter Erde, und auch im gepflügten Land war nach ein paar Regentagen, die darüber gingen, in seiner Oberfläche fast nichts zu sehen, als die Menge kleiner weißer Kalksteine, die den Boden bedeckten. Sie erstaunten über die Unvorsichtigkeit meiner Ankäufe, noch mehr aber über die Unpassendheit und Kostbarkeit der Anlage des Wohngebäudes, das ich angefangen, und hatten in letzter Rücksicht auch vollkommen recht. Auf ihren Bericht hin hielt das mit mir verbundene Haus das Unternehmen für vollkommen verloren, zog sich mit einigem Verlust zurück und überließ mir die weitere Ausführung desselben allein. Ich für mich hielt das Unternehmen durchaus noch nicht als entschieden gefehlt. Es war es auch in seinem Wesen wirklich nicht. Der Preis der Juchart, die ich im Durchschnitt allgemein zu zehn Gulden gekauft hatte, stieg von Jahr zu Jahr und steht jetzt notorisch und allgemein auf zwei-, drei- bis vierhundert Gulden; er wäre auch, wenn ich meine Ankäufe fortgesetzt hätte, weit schneller so hoch gestiegen.

Der Boden meines Guts war gegen allen Anschein gut und leicht verbesserbar. Die dürren Äcker verwandelten sich schnell in blühende Esparsettenfelder; kurz, der Grund des Fehlschlagens meines Unternehmens lag nicht in ihm, er lag wesentlich und ausschließlich in mir und in meiner, zu jeder Art von Unternehmung, die praktisch ausgezeichnete Kräfte anspricht, prononcierten Untüchtigkeit. Jedermann kannte dieselbe, nur ich selbst nicht.

Der Traum meines Lebens, die Hoffnungen eines großen, segensvollen Wirkungskreises um mich her, das in einem ruhigen, stillen, häuslichen Kreis seinen Mittelpunkt finden sollte, war nun völlig dahin. Mein Notzustand, den täglich wachsenden Ansprachen meines unausgebauten Hauses und Guts ein Genüge zu leisten, stieg immer in dem Grad, als ich mich in den Mitteln, ihm abzuhelfen, ungeschickt benahm. Meine Gemahlin litt unter diesen Umständen tief; aber weder in mir, noch in ihr, schwächte sich auch unter denselben der Vorsatz, unsere Zeit, unsere Kräfte und den Überrest unseres Vermögens der Vereinfachung des Volksunterrichts und seiner häuslichen Bildung zu widmen. Das aber half bei der Ungeschicklichkeit und Ungewandheit, mit der ich mich auch jetzo noch in den Anbahnungs- und Vorbereitungsmitteln zu meinen Zwecken benahm, gar nichts; im Gegenteil, es verführte mich noch, und das um so mehr, da ich bei den Grundübeln, die meine erste Unternehmung scheitern machten und noch unerkannt und ungebessert in mir selbst lagen, für ein neues Unternehmen, zu dem mich meine Traumsucht hinführte, unglücklicherweise noch eine nur verführerische und im Grunde zu nichts helfende Handbietung fand. Ich versuchte nämlich, mitten indem der Zustand meiner ländlichen Unternehmung mich ökonomisch schon sehr drückte und immer mehr zurückbrachte, eine Armenanstalt zu begründen, die dem ganzen Umfang der träumerischen Hoffnungen, welche ich mir in meinen früheren Jahren davon machte, entsprechen sollte. Der Glaube an meine Fähigkeit, diesfalls etwas leisten zu können, das für meine Zwecke in einem großen und weitführenden Umfange einzuwirken geeignet sei, belebte mich forthin mit einer unübersteiglichen Gewalt. Ich wollte mein Gut zu einem festen Mittelpunkt meiner pädagogischen und landwirtschaftlichen Bestrebungen, um derentwillen ich meine Vaterstadt verließ, erheben. Aber außer den diesfälligen Schwierigkeiten, die in mir selbst lagen, und den ungünstigen, ökonomischen Umständen, in denen ich mich jetzo schon befand, standen mir noch äußere Schwierigkeiten im Weg, die ich nicht ahnte und denen ich um meines individuellen Charakters willen in einem ganz außerordentlichen Grad unterlag. Ich wollte bei alle diesem träumerisch in allen Rücksichten das Höchste, indessen mir ebenso in allen Rücksichten die Kräfte, Fähigkeiten und Fertigkeiten mangelten, von denen die gute Besorgung der ersten und niedersten Anfangspunkte und Vorbereitungsmittel des Hohen und Großen, das ich suchte, allein mit Erfolg auszugehen vermag.

Diese unglückliche Hinlenkung, in allem was ich vornahm, die oberste Stufe der Leiter, die zu meinen Zwecken hinführen sollte, zu erklimmen, ehe ich auf den unteren Stufen derselben festen Fuß gefaßt, und zugleich die Oberflächlichkeit in den Mitteln, den allgemein anerkannten und von mir tief zu Herzen genommenen Mängeln der Volkserziehung in allen Anfangspunkten mit nötiger praktischer Sachkenntnis und Sorgfalt entgegenzuwirken, abzuhelfen, konnte nichts anderes als auf das Fehlschlagen auch dieses gegenwärtigen Plans einen entscheidenden Einfluß haben. Der herrschende Zeitgeist belebte und stärkte diese Ursachen des Fehlschlagens, die in mir selbst lagen, in einem sehr hohen Grade; er konnte nicht anders, er mußte es. Die Keime zur Entfaltung vor Scheinsurrogaten der alten, kraftvollen Erziehungsfundamente, diese böse Quelle der Verkünstelungsverwirrungen und das allgemeine Bestreben des pädagogischen Jahrhunderts, in den höheren Stufen der Bildung zu glänzen, ehe dem Bedürfnis einer soliden Begründung ihrer niederen Stufen ein Genüge geschehen konnte, war, ohne daß ich es ahnte, wußte und glaubte, in der höchsten Übereinstimmung mit der Fehlerhaftigkeit meines ganzen Benehmens; und es war doch eben diese Richtung des Zeitgeists, der ich durch meine Bestrebungen mit enthusiastischer Begeisterung entgegen wirken zu können glaubte. So groß, unaussprechlich groß war bei der Eigenheit meines Sinns der Kontrast dessen, was ich wollte, mit dem, was ich tat, und mit dem, was ich konnte, der aus dem Mißverhältnis meiner gemütlichen Belebung und meiner geistigen Kraftlosigkeit und bürgerlichen Ungewandtheit hervorging und hervorgehen mußte. Ich ahnte die Schwierigkeiten, die die allgemeine Verkünstelung, die in der Zeiterziehung herrscht, jeder wahrhaften und soliden Vereinfachung der Erziehung und des Unterrichts auch in den niedersten Ständen, folglich auch meinem neuen Versuche in den Weg zu legen so vorzüglich geeignet war, nicht einmal von ferne. Ich fühlte durchaus nicht, wie ich sollte, daß, wo immer der Geist der Zeit irgendeiner guten Richtung des Erziehungswesens im Allgemeinen in allen Ständen entgegen ist, da ist er es auch in jedem Einzelnen, und in den niedersten Volksklassen wie in den höheren. Das arme und in Niedrigkeit lebende Volk kann unendlich schwer einfach und naturgemäß erzogen werden, wo die Erziehung aller derer, die nicht arm und nicht in der Not sind, in einem hohen Grad naturwidrig und verkünstelt ist. Dieser Umstand legte natürlich der Ausführung meines pädagogischen Plans zahllose, von mir nicht vorgesehene Schwierigkeiten in den Weg.

Um sie aber in ihr wahres Licht zu setzen, muß ich auf den eigentümlichen Ursprung meines diesfälligen Versuchs zurückkehren. Ich trat öffentlich mit einem Plan zur Errichtung eines Armenerziehungshauses auf, dessen Ansichten und Grundsätze auch beim Mißtrauen gegen meine praktische Tüchtigkeit in ökonomischer Hinsicht dennoch vielseitig gefiel, und besonders in Zürich, Bern und Basel viele edle, vaterländische Männer so warm ansprach, daß ich zum Anfang desselben sogleich eine, mich im Verhältnis meiner Zwecke täuschende und irreführende Handbietung fand, und mir ebenso, auf diese Handbietung gestützt, von allen Seiten arme Kinder in diese Anstalt angeboten wurden. Aber unter diesen waren sehr viele im höchsten Grad verwilderte, und was noch schlimmer war, viele selber im Bettelstand in einem sehr hohen Grad verzärtelte und dabei protegierte und durch frühere Unterstützung anspruchsvolle und anmaßliche Kinder, denen die kraftvolle Bildung, die ich ihnen nach meinen Zwecken geben wollte und geben sollte, zum voraus verhaßt war. Diese sahen den Zustand, in dem sie bei mir waren, als eine Art Erniedrigung gegen denjenigen, in dem sie sich vorher befanden, an. Mein Haus war alle Sonntage von Müttern und Verwandten solcher Kinder, die den Zustand derselben ihren Erwartungen nicht genugtuend fanden, voll. Alle Anmaßungen, die sich verzogenes Bettelgesindel in einem Hause, das weder öffentlichen Schutz, noch imponierendes Ansehen in seinem äußeren hatte, erlaubt, wurden von ihnen gebraucht, um ihre Kinder in ihrer Unzufriedenheit zu bestärken, und einige wagten es sogar, mir geradezu zu sagen, der Herr von A., der Herr von B. und der Herr von C., auf dessen Rat sie mir ihre Kinder übergeben, werde ihre diesfälligen Klagen gewiß eben so wahr finden als sie selber. Und es war wirklich so. Hie und da spürte ich gar bald den Einfluß solcher protegierten Bettelväter und Bettelmütter auf Personen, die mir diese Kinder übergeben oder empfohlen hatten. Andere, ganz verwilderte Kinder wurden mir bei Nacht und Nebel, so bald sie gebildet waren, in ihren Sonntagskleidern entführt, und ich fand an den Orten ihrer Wohnung gar oft eine merkliche Unbereitwilligkeit der Behörden, sie mir mit Vertrauen, ohne Umschweife und Weitläufigkeiten, wieder zuführen zu lassen.

Doch diese Schwierigkeiten wären nach und nach mehr oder minder zu überwinden gewesen, wenn ich meinen Versuch nicht in einer, mit meinen Kräften ganz unverhältnismäßigen Ausdehnung zu betreiben gesucht und mit einer beinahe ganz unglaublichen Gedankenlosigkeit gleich im Anfang in eine Unternehmung hätte verwandeln wollen, die absolut solide Fabriks-, Menschen- und Geschäftskenntnisse voraussetzte, die mir in eben dem Grad mangelten, als ich ihrer bei der Richtung, welche ich meiner Unternehmung jetzt erteilte, dringend bedurfte. Ich, der ich das Voreilen zu den höheren Stufen des Unterrichts vor der soliden Begründung der Anfangspunkte ihrer niederen Stufen so allgemein mißbilligte und als das Grundübel der Zeiterziehung ansah, auch ihm in meinem Erziehungsplan selber mit allen Kräften entgegenwirken zu wollen glaubte, ließ mich durch die Vorspiegelung der größeren Abträglichkeit der höheren Zweige der Industrie, ohne weder sie, noch die Mittel ihres Erlernens und Einführens auch nur von ferne zu kennen, dahin lenken, im Spinnen- und Webenlehren meiner Schulkinder eben die Fehler zu begehen, die ich, wie ich eben gesagt, im Ganzen meiner Erziehungsansichten so sehr verwarf, mißbilligte und für den Haussegen aller Stände gefährlich achtete. Ich wollte das feinste Gespinst erzwingen, ehe meine Kinder auch nur im Groben einige Festigkeit und Sicherheit in ihre Hand gebracht, und ebenso Musselintücher verfertigen, ehe meine Weber sich genugsam Festigkeit und Fertigkeit im Weben gemeiner Baumwollentücher erworben. Geübte und gewandte Fabrikanten gehen bei einem solchen verkehrten Benehmen zugrunde; wie vielmehr mußte ich damit zugrundegehen, der ich in der Beurteilung alles dessen, was es hierzu forderte, so blind war, daß ich bestimmt sagen muß, wer nur einen Faden des Meinigen in seine Hand nahm, war sogleich imstand, den halben Wert desselben darin für mich verschwinden zu machen.

Auch steckte ich, ehe ich mich versah, in unerschwinglichen Schulden, und der größere Teil des Vermögens und der Erbhoffnungen meiner lieben Frau war gleichsam in einem Augenblick in Rauch aufgegangen. Unser Unglück war entschieden.

Ich war jetzt arm. Die Größe und Schnelligkeit meines Unglücks war nebenbei auch dadurch herbeigeführt, daß ich in diesem Unternehmen, wie in dem ersten, leicht, sehr leicht ein ungeprüftes Vertrauen erhielt. Mein Plan fand bald einen Grad von Zutrauen, das er bei ernster Aufmerksamkeit auf mein früheres diesfälliges Benehmen bei der gegenwärtigen Unternehmung gar nicht verdient hatte. Man ahnte bei allen schon gemachten Erfahrungen meiner diesfälligen Fehler dennoch den Grad meiner Kraftlosigkeit in allem praktischen Tun noch nicht so groß, als er wirklich war. Ich genoß eine Weile auch jetzo noch ein dem Anschein nach weitführendes Vertrauen. Aber da mein Versuch, wie er mußte, schnell scheiterte, verwandelte sich das in meinen Umgebungen in einem ebensowenig genugsam überlegten Grad des Gegenteils in eine völlig blinde Wegwerfung auch des letzten Schattens der Achtung meiner Bestrebungen und des Glaubens an meine Tüchtigkeit zur Erzielung irgendeines Teils derselben. Es ist der Weltlauf, und es ging mir, wie es jedem, der also durch seinen Fehler arm wird, geht. Ein solcher Mensch verliert auch mit seinem Geld gemeiniglich den Glauben und das Zutrauen zu dem, was er wirklich ist und wirklich kann. Der Glaube an die Kräfte, die ich für meine Zwecke wirklich hatte, ging jetzt mit dem Glauben an diejenigen verloren, die ich mir, in meinem Selbstbetrug irrend, anmaßte, aber wirklich nicht hatte. Ich kann es niemand verargen, die Kräfte, die ich für meine Zwecke wirklich besaß, hatten Lücken, ohne deren genugtuende Ausfüllung sie segenslos in mir selbst lagen. Ich hatte leider schon zweimal in entscheidenden Augenblicken den Rat vergessen, den mir der erste Freund meiner Jugend auf seinem Todbette dieser Lücke halber gab. Ich schäme mich, oder vielmehr es betrübt mich im Innersten. Das große Unglück meiner Lebenstage bis auf diese Stunde ist eine bestimmte Folge dieses unverzeihlichen Fehlers. Mein Versuch scheiterte auf eine herzzerschneidende Weise. Meine Frau hatte im Übermaß ihres Edelmuts ihr Vermögen beinahe ganz für mich verpfändet. Personen, deren Namen ich verschweigen muß, mißbrauchten vielseitig mit Härte und zum Teil mit Gefährde ihren Edelmut. Doch es ergreift mich eine unwiderstehliche Wehmut, ich muß das Nähere und Drückendste dieser Umstände und ihrer Folgen mit Stillschweigen übergehen. Ich beklage nur meine Gemahlin, die, indem sie sich mir aufopferte, alles verlor, was ihr edles Herz hätte glücklich machen und was sie durch ihre Verheiratung mit mir an meiner Seite zu wirken und zu genießen hoffte. Doch, gottlob! Was ich ihr durch meine Fehler entriß, das gab ihr Gott auf eine gewisse Weise durch Freunde wieder, die bis an ihr Grab ihr vieles ersetzten, was sie durch mich verloren, und sie in vielem trösteten, in was sie durch mich betrübt wurde. Sie genoß in der langen Reihenfolge ihrer Leidensjahre eine teilnehmende Aufmerksamkeit und Sorgfalt von einigen edlen Freundinnen, die ihr die Leiden ihrer Tage mit einem Zartgefühl erleichterten, für die ich ihnen und der ob der Unschuld und dem Edelmut mit göttlicher Kraft waltenden Vorsehung bis auf meinen letzten Atemzug nicht genug danken kann. Auch ich besaß in meinem Unglück noch viele Freunde; aber ich hatte beinahe bei ihnen allen auch die letzte Spur irgendeines Funkens von Vertrauen verloren. Sie liebten mich nur noch hoffnungslos; im ganzen Umfang meiner Umgebungen ward das Wort allgemein ausgesprochen, ich sei ein verlorener Mensch, es sei mir nicht mehr zu helfen.

Das ging so weit, daß meine besten Freunde, beklemmt von diesem Urteil und voll von Mitleid, wenn sie mich oben an einer Gasse erblickten, sich in eine andere zurückzogen, damit sie nicht in die Lage kommen, mit einem Menschen, dem durchaus nicht zu helfen sei, ein sie nur schmerzendes und mir selbst nichts helfendes Wort zu verlieren; und Buchhändler Füssli, der beinahe noch der einzige Mensch war, mit dem ich über meine Lage ein herzliches und teilnehmendes Wort reden konnte, sagte mir in diesem Zeitpunkt gerade heraus: meine alten Freunde halten es beinahe allgemein für ausgemacht, ich werde meine Tage im Spital, oder gar im Narrenhause enden. Dieser liebenswürdige, für mich, ach, zu frühe gestorbene Freund nahm innigen herzlichen Anteil an meinem Schicksal, und in eben der Stube, in der er mir dieses sagte, ereignete sich in gleichem Zeitpunkt ein Umstand, der plötzlich eine Besserung meiner ökonomischen Lage und das Ende der traurigen Verhältnisse der Meinigen herbeizuführen geeignet schien. Füssli war wahrer Freund der alten bürgerlichen Anmaßungslosigkeit und selber des veralteten Überrestes der Einfachheit der Vorzeit in den Formen des öffentlichen Stadtdienstes; und man war eben im Begriff, die krummen Wächter vor dem Rathaus und unter den Toren in eine, den damals entkeimenden, republikanisch herrschaftlichen Modeansichten des Regierungsdienstes angemessene Form umzugestalten. Diese Neuerung hatte mit dem erwachenden Modegeist des Militärprunks ohne Militärkraft engen Zusammenhang und war von Einfluß habenden Personen unterstützt, die an der Paradestellung müßiggängerischer bürgerlicher und bäurischer Soldaten mehr Freude hatten und ihr Dekorum und ihren Prunk besser zu beurteilen wußten und höher schätzten als den Wert des Bürgerfleißes und der Bürgerehre, von denen der häusliche Segen der Vaterstadt von Alters her ausging und sich in der Vorzeit jahrhundertelang allgemein blühend erhielt. Diese Maßregel, wie sie geschah, mißfiel sehr vielen altväterisch denkenden Bürgern, und auch mir. Ich machte in einem launigen Augenblick einen diese Neuerung ins Lächerliche ziehenden kleinen Aufsatz, der eben auf Füsslis Tisch lag, als dieser mit seinem Bruder, dem Maler, der, so viel ich weiß, jetzo noch in hoher Achtung in London lebt, über mein trauriges Schicksal redete und bejammerte, daß er durchaus kein Mittel kenne, mir, wie ich sei, und wie ich mich benehme, aus meiner Lage zu helfen. Der Maler nahm in eben diesem Augenblick die "Schnurre" über die Umstaltung der krummen, staubigen und ungekämmten Stadtwächter unter unsern Toren in gerade gekämmte und geputzte in die Hand, las sie mehrere Male durch, und sagte dann zu seinem Bruder: "Dieser Mensch kann sich helfen, wie er will; er hat Talente auf eine Art zu schreiben, die in dem Zeitpunkt, in dem wir leben, ganz gewiß Interesse erregen wird; muntere ihn dazu auf und sage ihm von meiner Seite, er könne sich als Schriftsteller ganz gewiß helfen, wenn er nur wolle!" Mein Freund ließ mich auf der Stelle zu sich kommen und jubelte indem er mir das sagte und hinzusetzte:

"Ich kann gar nicht begreifen, wie es möglich war, daß mir das nicht von mir selbst in Sinn kam." Mir war es, wie wenn er mir einen Traum erzählte.

Ich hatte mich im Drange meiner Schicksale kulturhalber so vernachlässigt, daß ich bald keine Zeile mehr schreiben konnte ohne Sprachfehler darin zu begehen, und glaubte, was Füssli auch immer sagte, mich dazu gänzlich unfähig. Doch die Not, von der man sonst so oft sagt, sie sei ein böser Ratgeber, war mir jetzt ein guter. Marmontels Contes moraux lagen eben, als ich heimkam, auf meinem Tische; ich nahm sie sogleich mit der bestimmten Frage, ob es vielleicht möglich sei, daß ich auch so etwas machen könne, in die Hand, und nachdem ich ein paar dieser Erzählungen gelesen und wieder gelesen, schien es mir doch, das sollte nicht ganz unmöglich sein. Ich versuchte fünf oder sechs dergleichen kleine Erzählungen, von denen ich nichts mehr weiß, als daß mich keine von ihnen ansprach; die letzte war Lienhard und Gertrud, deren Geschichte mir, ich weiß nicht wie, aus der Feder floß, und sich von sich selbst entfaltete, ohne daß ich den geringsten Plan davon im Kopf hatte, oder auch nur einem solchen nachdachte. Das Buch stand in wenigen Wochen da, ohne daß ich eigentlich nur wußte, wie ich dazu gekommen. Ich fühlte seinen Wert, aber doch nur wie ein Mensch, der im Schlafe den Wert eines Glücks fühlt, von dem er eben träumt. Ich wußte kaum, daß ich wachte; doch fing ein erneuerter Funke von Hoffnung an, sich in mir zu regen, daß es möglich sein möchte, meine ökonomische Lage auf dieser Bahn zu bessern und den Meinigen erträglicher zu machen. Ich zeigte meinen Versuch einem Freunde Lavaters, der auch mein Freund war. Dieser fand ihn interessant, aber sagte dennoch: "So wie das Buch sei, könne es nicht gedruckt werden; es sei unerträglich inkorrekt und unliterarisch, und werde durch die Umarbeitung von einem Menschen, der schriftstellerische Übung habe, sehr gewinnen, mit Hinzusetzen, er wolle es, wenn es mir recht sei, einem Freund übergeben, den er hierzu sehr fähig glaube." Anmaßungslos, wie ein Kind, antwortete ich ihm: "Das sei mir sehr recht", und übergab ihm die drei oder vier ersten Bogen des Buchs zu einer solchen Umarbeitung auf der Stelle. Aber wie erstaunte ich, als er mir diese Bogen mit ihrer Umarbeitung wieder zurückgab. Es war eine eigentliche theologische Studentenarbeit, die das reine Naturgemälde des wahren Bauernlebens, wie es von mir in seiner nackten, aber treuen Gestalt einfach und kunstlos dargestellt war, in frömmelnde Kunstformen umwandelte und die Bauern im Wirtshause eine steife Schulmeistersprache reden machte, die von der Eigentümlichkeit meines Buchs auch keinen Schatten mehr übrig ließ.

Das konnte mir nicht behagen.

Der Freund, der diesem jungen Menschen diesen Auftrag gegeben, schämte sich jetzt des Erfolgs selber, und ich bedankte mich der weiteren Umarbeitung meines Buchs. Ich wollte dasselbe durchaus nicht so verkrüppelt gegen mich selbst, wie es mir in dieser Umarbeitung in die Augen fiel, in die Welt hinausschicken, und entschloß mich wenige Tage hernach auf Basel zu reisen, um mich mit Herrn Ratsschreiber Iselin, den ich als Mitglied der helvetischen Gesellschaft in Schinznach kennengelernt und über alles hoch achtete, über mein Buch und über die Art seiner Herausgabe in allen Rücksichten zu beraten. Ich warf in dieser Angelegenheit mein Augenmerk vorzüglich auch darum auf ihn, weil ich von ihm sicher war, daß er in der Beurteilung des Tons meines Buchs weniger kleinstädtische Rücksichten nehmen werde, als ich dieses von den meisten meiner übriggebliebenen Freunde voraussah und zu besorgen hatte. Aber sein Urteil und sein Benehmen übertraf dennoch alle meine Erwartung. Der Eindruck, den es auf ihn machte, war ganz außerordentlich. Er sprach geradezu aus: "Es hat in seiner Art noch keines seinesgleichen, und die Ansichten, die darin herrschen, sind dringendes Bedürfnis unserer Zeit; dem Mangel orthographischer Richtigkeit", setzte er hinzu, "ist leicht abzuhelfen", und übernahm die Sorge hierfür, so wie diejenige für die Ausgabe desselben und für ein anständiges Honorar, das mir dafür gebühre, sogleich selber.

Doch sagte er dieses letzterenhalber noch zu mir: "Es wird wahrscheinlich nicht bedeutend sein, weil Sie als Schriftsteller neu sind und noch keinen Namen haben." Er schrieb auch sogleich an Decker nach Berlin, der mir einen Louisdor für den Bogen bezahlte, dabei aber versprach, wenn der Abgang des Buches eine zweite Auflage notwendig mache, so wolle er mir für den Bogen abermal so viel zahlen. Ich war unaussprechlich zufrieden. Ein Louisdor für den Bogen war mir in meinen Umständen viel, sehr viel.

Das Buch erschien und erregte in meinem Vaterland und in Deutschland allgemein ein ganz ausgezeichnetes Interesse. Bald alle Journale machten seine Lobrede, was fast noch mehr ist, bald alle Kalender wurden davon voll; was mir aber das Unerwartetste war, die Ökonomische Gesellschaft in Bern erkannte mir gleich nach seiner Erscheinung ein Dankschreiben mit ihrer großen goldenen Medaille zu, die ich aber, so sehr sie mich freute, und so gern ich es getan hätte, in meiner Lage nicht behalten konnte, sondern nach einigen Wochen um den Geldwert in ein Kabinett verkaufen mußte. Ich kannte den Wert meines Buchs in seinen Hauptansichten selbst noch gar nicht, und dachte nichts weniger, als daß es eine geratene, malerische Darstellung des ganzen Umfangs der Grundsätze und Gesichtspunkte der Idee der Elementarbildung sein könnte, die ich zwanzig bis dreißig Jahre später als das Fundament aller naturgemäßen Erziehungs- und Unterrichtsmittel zu erkennen anfing und seither in der ganzen Zeitfolge meiner pädagogischen Bestrebungen sowohl in ihrem Wesen immer tiefer zu erforschen als in ihrer Ausübung und Einführung praktisch zu erproben gesucht habe. Ich dachte nicht einmal, daß es als ein wirklich geratenes Gemälde des Ideals und der inneren Grundsätze und Gesichtspunkte des Erziehungsversuchs angesehen werden könnte, den ich lange, ehe ich dieses Buch geschrieben, auf meinem Gut unternommen, aber höchst unglücklich ausgeführt habe. Es war sowohl das eine als das andere wirklich, und zwar in beiden Rücksichten in einem hohen Grad, und in einer hohen, umfassenden Wahrheit. Ich kannte damals das Wort:

"Idee der Elementarbildung" gar nicht, und hatte es mit Bewußtsein auch noch nie aussprechen gehört. Aber das Wesen dieser Idee, wie sie im niederen, gemeinen Volk beim fast gänzlichen Mangel aller nötigen Kunstmittel allein ausgeführt werden kann, und wie ich es schon damals, aber freilich wörtlich unbewußt in mir trug, ist im Bild der Gertrud in seiner Vollendung dargestellt.

Meine und der Meinigen Freude war über diesen Erfolg unaussprechlich groß. Es hatte auch wirklich den Anschein eines soliden Einflusses auf die Verbesserung meiner ökonomischen Lage, indem es die Aufmerksamkeit einiger bedeutender Menschenfreunde auf mich erneuerte und belebte. Aber so wenig als ich den Erfolg dieses Buchs, so wie er wirklich war, erwartete, ebensowenig ahnte in meinen Umgebungen irgend jemand die innere wesentliche Tendenz desselben, und das innere Leben der Bestrebungen, die in mir selbst lagen, und mir die äußere Hülle seiner Form, beinahe selbst unbewußt, in die Feder legten. Aber weniger noch, als ich selbst, ahnten meine Umgebungen seinen inneren Wert und seine innere Tendenz. Es hatte auch in ökonomischer Hinsicht keine bedeutenden Folgen für mich. Man sah es in meinen nächsten Umgebungen, die in ökonomischer Hinsicht allein einen wesentlichen Einfluß auf mich hätten haben können, bloß als einen die Lesesucht des damaligen Zeitgeschlechts lebhaft ansprechenden Roman an und äußerte von allen Seiten, das Buch zeige klar, daß ich einige Anlagen fürs Romaneschreiben habe, und wenn ich doch jetzt nur die Gnade hätte, dieses Talent Tag und Nacht fleißig und ordentlich zu gebrauchen, um mir und meiner Haushaltung einen besseren Mundvoll Brot zu verschaffen, als man mich einen essen sah. Man äußerte sogar hie und da laut, es sei schlecht von mir, wenn ich nicht suche, durch diesen einzigen Weg, der mir noch offen sei, auch wieder zum Stand eines ehrenfesten Bürgers meiner lieben Vaterstadt zu gelangen, den ich gegenwärtig in einem so hohen Grad allgemein verloren.

Aber es lag durchaus nicht in meiner Natur, diesen Rat, so wie er mir gegeben war, zu befolgen. Ich vermochte es auch in der größten Not nicht, diesen Brotverdienst, zu dem man mich dabei noch einseitig und hie und da bitter und leidenschaftlich hinwies, zum belebenden Fundament meiner Tätigkeit und meiner Anstrengung zu machen. Ich wollte mehr, ich wollte durchaus mit meiner Lebenstätigkeit auf den mir zu Herzen gehenden Zustand der Volkskultur meines Vaterlands Einfluß suchen und durch das Talent, das man mir jetzt eingestand, den Volkssegen durch Volkswahrheit besser zu begründen trachten, als ich ihn um mich her begründet sah. Lavater fühlte mitten in meiner Lage mehr als irgendjemand in meinen Umgebungen, daß ich einiges Talent und einige Kräfte hierfür besitze, die man mit Unrecht in mir in dem Grad übersah und verschmähte, in dem es wirklich geschah. Er sagte einmal zu meiner Frau: "Wenn ich ein Fürst wäre, ich würde Pestalozzi in allem, was das Landvolk und die Verbesserung seines Zustandes betrifft, zu Rate ziehen, aber ihm nie einen Heller Geld anvertrauen." Ein andermal sagte er zu mir selbst: "Wenn ich nur einmal eine Zeile ohne einen Schreibfehler von Ihnen sehe, so will ich Sie zu vielem, zu sehr vielem fähig glauben, was Sie gerne täten und gerne wären." Sein Urteil war eine Zwischenstimme zwischen dem um mich her feststehenden Glauben an meine allgemeine und unbedingte Unbrauchbarkeit zu irgendetwas besserem und reellem als zum Romaneschreiben. Aber diese Ansichten von Lavater verschollen beim Unglauben, der über mich herrschte, in meinen Umgebungen wie die Stimme eines Rufenden in der Wüste.

Man lobte indessen mein Buch forthin. Aber es ekelte mir ob den Ansichten und Grundsätzen, von denen die Lobreden ausgingen, die man mir seinethalben machte. Es war mir besonders ärgerlich zu sehen, wie sein Einfluß in einigen anmaßlichen Zirkeln meiner näheren Umgebungen dahin wirkte, die Quellen des wachsenden sittlichen und bürgerlichen Verderbens unseres Landvolks einseitig und ausschließlich in den Dorfvorgesetzten, wie mein Hummel einer war, zu suchen, und diese freilich äußerst fehlerhafte Unterstufe des öffentlichen Einflusses auf den Volkszustand als die einzige und erste Ursache des wachsenden Verderbens in den Dörfern anzusehen, und diese Unterbeamteten dem Volk selber als die diesfälligen einzigen Landessündenböcke in die Augen fallen zu machen. Dieser Ton wollte in diesem Zeitpunkt allgemein einreißen und wirkte selbst für den Augenblick dahin, einigen gutmütigen, aber schwachen Volksfreunden die höheren Ursachen, ohne deren kraftvolleren Einfluß gar keine Hummel auf den Dörfern aufkommen könnten, aus den Augen zu rücken. Nichts konnte meinem Herzen und dem inneren Streben meiner selbst mehr zuwider sein, als diese Folgen des verkrüppelten Beifalls meines Buches. Sie empörten mich, und so wie ich bin, wollte ich sogleich diesem einseitigen Eindruck desselben mit aller meiner unbefangenen Offenherzigkeit und Lebhaftigkeit durch das einfachst möglichste Mittel entgegenwirken. Ich schrieb, von dieser Ansicht belebt "Christoph und Else", darin ich den Zusammenhang der höheren, aber auch dadurch hochbemäntelten und hochverschleierten Ursachen des Volksverderbens mit den nackten, unbemäntelten und unverschleierten Ursachen desselben, wie diese sich auf den Dörfern in den schlechten, hummelartigen Vorgesetzten aussprechen und offenbaren, dem kultivierten Publikum meines Vaterlands und selber den gradsinnigen und in ihrer Art aufgeklärten Landsleuten desselben in die Augen fallen machen wollte. Ich ließ zu diesem Endzweck eine Bauernhaushaltung Lienhard und Gertrud miteinander lesen und sich über die Geschichte desselben und die Personen, die darin auftreten, Sachen sagen, von denen ich dachte, daß sie nicht jedem meiner Mitbürger, wenn er es auch schon gerne wollte, von selbst zu Sinne kommen könnten. Aber das Buch mißfiel. Es wurde nicht gelesen und sein Verleger wollte die Fortsetzung desselben nicht übernehmen.

Ich fuhr indes fort, in eben dem Geist zu schreiben, der in Christoph und Else in meinen Umgebungen so auffallend mißfiel, und mir hingegen in meinem Innersten in eben dem Grad immer lieber wurde, als er mißfiel. Ich schrieb in diesem Zeitpunkt sukzessive die Figuren zu meinem ABC-Buche, die später als meine Fabeln betitelt zum Vorschein kamen - ferner eine Broschüre über Gesetzgebung und Kindermord - und meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts. Einige kleine Aufsätze von mir erschienen in Iselins Ephemeriden und in einem von mir herausgegebenen Schweizerblatt. In diesem Zeitpunkt entfaltete sich in mir der Gedanke, ich könne die Gesichtspunkte, die, so wie ich sie in Christoph und Else darzustellen gesucht habe so sehr mißfielen, durch einen Versuch der geschichtlichen Fortsetzung von Lienhard und Gertrud selber besser erreichen. Die drei späteren Teile von diesem Buche sind als eine bestimmte Folge dieses Vorsatzes, und in dieser Rücksicht, in Verbindung mit dem ersten Teil als eigentlich für die kultivierten Stände geschrieben anzusehen, dahingegen der erste Teil an sich von mir immer als ein von den anderen gesondertes, in die Hand der gemeinen Haushaltungen gehörendes Volksbuch betrachtet und behandelt worden ist. Aber auch diese, wie alle meine bisherigen schriftstellerischen Arbeiten brachten mir sehr wenig Gewinn. Ich verstand den Buchhandel ebensowenig als alles, was ich bisher in ökonomischer Rücksicht vornahm, und verdiente in der ganzen Zeit meiner Not bis auf den Zeitpunkt, in welchem mein Freund Schmid mit Herrn v. Cotta ein für mich und meine Zwecke sehr vorteilhaftes Verkommnis zustandebrachte, ich möchte fast sagen, nicht Brot und Wasser. Dieser dauernde Zustand meiner ökonomischen Verlegenheit machte mit den, im gleichen Zeitpunkt allgemein steigenden Bezeugungen der Achtung von den bedeutendsten Personen meines Zeitalters, einen, mein Gefühl tief drückenden Kontrast. Ich war schon lange mit dem Finanzminister, Grafen von Zinzendorf in Verhältnissen; der wie ich die Wiederherstellung der häuslichen Volkserziehung als das einzige Mittel der immer steigenden Volksverwilderung und des damit innig verbundenen Volksunglücks mit Erfolg entgegenwirken zu können ansah, und in Lienhard und Gertrud eine für das Volk allgemein verständliche und in einzelnen Haushaltungen brauchbare Wegweisung, sich in sehr vielen Rücksichten, in denen sie gegenwärtig unbeholfen und zum Teil verwahrlost dastehen, selber zu helfen, erkannte.

Seine Bekanntschaft erregte in ökonomischer Hinsicht sehr große Hoffnungen in mir. Ich kam in diesem Zeitpunkt ebenso mit mehreren Menschenfreunden von höheren Ständen, die in dieser Rücksicht mit mir von meinen Bestrebungen träumerische Hoffnungen nährten, in nähere Bekanntschaft. Diese Hoffnungen steigerten sich in mir etwas später im höchsten Grad, als ich mit dem Grafen von Hohenwart in Florenz, und durch ihn mit dem Großherzog Leopold, nachherigem römischen Kaiser, bekannt wurde. Dieser nahm ein ganz außerordentliches Interesse an meinen Ansichten für die Volksbildung und selber an den in meiner Hand und auf meinem Gut gescheiterten Versuchen. Meine Briefe wurden auf seinen Befehl immediat an Se. Kais. Königl. Hoheit selbst adressiert und regelmäßig vom Herrn Grafen von Hohenwart an mich beantwortet. Meine Aussichten zu einer praktischen Anstellung für meine Zwecke waren groß und schienen mir nicht mehr zu fehlen. Ich sollte eben meinen definitiven Plan der Ausführung einer Anstalt nach meinen Ansichten an den Großherzog einsenden, als das Schicksal ihn auf den kaiserlichen Thron versetzte, womit dieses Verhältnis seine Endschaft erreichte.

Merkwürdig ist in ökonomischer Hinsicht für mich der Umstand: Mehrere Personen aus meinem Vaterlande, die nach Florenz reisten, versicherten mich, man habe ihnen daselbst bestimmt gesagt, der Großherzog habe mir eine große goldene Medaille mit seinem Bildnisse zugesandt. Ich habe sie aber sicher nicht erhalten. Es begegnet indes an den Höfen guter, wohlwollender und zutrauensvoller Fürsten nicht selten etwas von dieser Art. Dieses Mißlingen aller meiner diesfälligen Hoffnungen machte mich auch in diesem Zeitpunkt sehr leidend. Doch, die Zeit meines Leidens ist vorüber. Ich klage nicht mehr, im Gegenteil, ich erkenne die Ursache meiner unglücklichen Schicksale mit Wehmut in mir selbst. Aber ich erkenne auch den Zusammenhang des Einflusses dieser Schicksale auf den ganzen Umfang der Bildungsmittel zu dem, wenn auch noch so unvollkommenen Grad der Ansichten und Grundsätze der Idee der Elementarbildung, zu welchem Gottes ob mir waltende Vorsehung mich in Übereinstimmung mit mir selbst, beides, sowohl durch den lebendigsten Drang meiner Wünsche und meiner Neigungen, als durch denjenigen meiner Not hinführte. Diese Ansichten und Grundsätze sind die einzige Frucht meiner Lebensbestrebungen, sie sind der einzige Trost und die einzigen Freuden meines hinschwindenden Erdenlebens: sie sind das Einzige, was meine ermattete Tatkraft auf Erden, noch wie in meinem Jünglingsalter, mit Feuer und Flamme ergreift, wenn und wo ich die Möglichkeit, darin einen Schritt weiter zu kommen, vor meinen Augen sehe. Dieses Feuer und diese Flamme wird auch nicht in mir erlöschen, bis ich meine Augen schließe. Ich erkenne mit innerer Erhebung meines Herzens: weniger Widerwärtigkeiten und ein glücklicheres Schicksal hätten diese Flamme, die meinen ursprünglichen Bestrebungen zum Grunde liegt, nicht in diesem Grad lebendig erhalten. Ich tröste mich also darüber vollkommen, daß auch in diesem Zeitpunkt mein ökonomischer Zustand sich auf eine sehr drückende Weise verschlimmerte.

Der Besitz meines Landguts erhöhte diesen Druck von Jahr zu Jahr immer mehr. Es kostete mich jährlich große Summen und trug mir eigentlich so viel als nichts ein. Ich bin nicht zum Landwirt geboren, und man kann unmöglich schlechter dazu erzogen werden, als ich dazu erzogen worden bin; meine Frau war es ebensowenig, aber wenn wir es auch gewesen wären, so entriß mir meine Armut die Mittel zu, ich will nicht sagen, großen Verbesserungen, sondern nur zur Erhaltung desselben in einer niederen gemeinen Abträglichkeit. Ich mußte gar oft noch das Heu und Stroh, das darauf wuchs, verkaufen, um den dringenden Notbedürfnissen jedes gegenwärtigen Augenblicks abzuhelfen, und so wie vom Anfang, seit dem ich das Gut besaß, mein Zutrauen von meinen Umgebungen mißbraucht wurde, so wurde meine Not von denselben jetzt noch doppelt mißbraucht. Mein Freund Battier sah den ganzen Umfang meiner Lage, meiner Bedrängnisse und des Mißbrauchs, den meine Umgebungen jetzt auch noch von diesen machten, und wollte mir mit treuem Freundesherzen darin helfen. Er schlug mir vor, meinen mich immer mehr drückenden und aussaugenden Hof um jeden Preis zu verkaufen, und bot mir an, wenn auch derselbe noch so wenig gelte, so wolle er so viel hinzuschießen, daß ich ein Kapital von 1000 Louisdor für meine Familie in sichere Hand anlegen und von dem Zins desselben unterstützt, mich einem stillen, ruhigen Schriftstellerleben überlassen könne. Dieser Vorschlag schien einerseits von einer Natur, daß ich ihn dankbar hätte annehmen sollen. Aber da auf der anderen Seite alle Güter um meinen Hof herum schon damals sehr beträchtlich in ihrem Wert stiegen, und ich mit vollkommener Sicherheit voraus sah, auch der Preis der meinigen werde in sehr kurzer Zeit in diesem Grad und so weit steigen, daß der diesfalls zu hoffende Vorteil bestimmt diejenige Summe weit übertreffen werde, die Battier bei der Annahme des von ihm gemachten Vorschlags mir nachschießen zu müssen in den Fall gekommen wäre, so wollte ich durchaus nicht an meinem besitzenden Eigentum durch Annahme seiner Wohltätigkeit mehr verlieren, als ich bei Erhaltung desselben schon wirklich in meiner Hand besaß. Meine Frau und ich entschlossen uns fest, lieber im Besitz des Hofs im Drang aller fortdauernden Beklemmungen zu leben, als durch Annahme dieser Wohltätigkeit im Grunde eigentumshalber noch hinter den Zustand des Realvermögens zurück gesetzt zu werden, das wir wirklich besaßen. Wir wollten durchaus nicht, um jährlich ein größeres Einkommen zu haben, die sichere Aussicht, unser Kapitaleigentum von Jahr zu Jahr ohne alles Verhältnis stärker steigen zu sehen, verlieren, und zogen die Fortdauer unserer gegenwärtigen Not der Erlösung aus derselben um diesen Preis vor. Wir hatten auch, von einer wichtigen Seite betrachtet, ganz recht. Mein Sohnessohn genießt jetzt die Folgen dieses Entschlusses und zugleich ist auch die Richtigkeit der großen ökonomischen Folgen, die mein ursprünglich projektierter, sehr großer Güterankauf, freilich unter anderen Händen gehabt hätte, jetzt vollkommen erwiesen. Aber damals hielt außer mir beinahe auch kein Mensch eine so außerordentliche Erhöhung des Güterwerts in diesen Gegenden möglich.

Battier hielt meinen Entschluß, seine Anerbietungen nicht anzunehmen, für einen unvernünftigen Eigensinn und war zu dieser Ansicht vorzüglich durch folgenden Umstand hingelenkt und darin gestärkt. Ein reicher, aargauischer Baumwollenhändler, dem er den Auftrag gab, über den Zustand des Hofs und seinen Wert sichere Informationen zu nehmen, mag sehr bald gesehen haben, daß der Ankauf desselben für einen toten Pfennig eine gute Spekulation hätte werden können, und ließ sich durch Bauern, deren Besitzungen an meine Güter anstießen und die sie durch ihre Verschreiung auch wieder um einen wohlfeilen Preis zurückkaufen zu können hofften, kanzleische Zeugnisse von dem Unwert derselben geben, die sich alle sehr bereitwillig hierfür zeigten. Natürlicherweise stieg der Zustand meiner Not nach diesem Vorfall noch mehr und dauerte in immer steigendem Wachstum bis auf den Zeitpunkt der schweizerischen Revolution fort.

Ich hatte inzwischen immer noch einige Freunde, die mein Tun und Leben von ökonomischer Seite zwar wie alle Welt mißbilligten, aber besonders seit der Erscheinung von Lienhard und Gertrud in Rücksicht auf meine pädagogischen und menschenfreundlichen Ansichten eine große Aufmerksamkeit auf mich warfen und auch mit mir über meine damaligen Ansichten, von den Fundamenten des wahren bürgerlichen Wohlstands und den diesfälligen Zeitbedürfnissen meines Vaterlandes zwar nichts weniger als allgemein, aber doch vielseitig gleich dachten. Verschiedene von diesen hatten bei der schweizerischen Revolution großes Volkszutrauen und folglich Einfluß in die damaligen Regierungsmaßregeln. Sie säumten auch nicht, meiner ökonomischen Not abhelfen zu wollen, und boten mir zu diesem Endzweck mit freundschaftlicher Teilnahme Handbietung zu einträglichen und politischen Stellen, wozu sie mir unter den damals obwaltenden Umständen gar leicht hätten helfen können. Aber glücklicherweise erinnerte ich mich in diesem Zeitpunkt des Worts meines gestorbenen Freundes, daß ich bei meinem Charakter auf jeder bürgerlich gefährlichen Laufbahn ohne einen kaltblütigen, gewandten und in seiner treuen Anhänglichkeit sicheren Geschäftsmann alles gefahren würde, und wies die mir diesfalls geschehenen Anträge mit Standhaftigkeit von der Hand. Ich sagte dem Manne, der in dieser Epoche in der Schweiz die erste Rolle spielte, da er mir seinen ganzen Einfluß zu einer solchen Laufbahn anbot, zur Antwort: "Ich will Schulmeister werden." Und ich fand hierfür schnell eine so passende Handbietung, daß ich nie eine solche hoffen zu dürfen geglaubt hätte. Einige meiner alten Freunde munterten mich sehr auf, meinem Vorsatz getreu zu sein, und meine Aufmerksamkeit und Tätigkeit für das Volkswohl gänzlich nur auf die Erziehung zu beschränken, boten mir aber auch ihre Hilfe für diesen Zweck mit dem ausgezeichnetsten Wohlwollen und Zutrauen beinahe unbedingt an.

Man kennt meinen Ruf nach Stans, und meine Schilderung der wenigen, mühseligen, aber mich in mir selbst beglückenden Tage, die ich in diesem Orte zubrachte. Das Wesen meiner Bestrebungen, den Volksunterricht in seinen untersten Stufen zu vereinfachen und dadurch die wesentlichen Mittel desselben seinen Wohnstuben selber näher zu bringen, ging daselbst in einem, mich zum Entzücken erhebenden Leben in mir auf. Ich stand als Armenvater im Kreise meiner Kinder. Ich hatte in eigentlicher wissenschaftlicher und Kunstbildung nichts, ich hatte nur die Vaterkraft meines Herzens, und zwar so, wie sie sich in der Eigenheit meiner Persönlichkeit beschränkt aussprach, für sie. Der Geist des häuslichen Lebens, dieses ewige Fundament aller wahren Menschenbildung, aller wahren Erziehung, entfaltete seine Segenskraft einfach und wahrhaft naturgemäß durch meine Liebe, meine Hingebung und Aufopferung. Das war in seinen Folgen nicht gering. Er erheiterte in mir selbst nicht bloß die naturgemäßen Resultate, die dieses Leben, wo es immer ist, auf die Ausbildung der vorzüglichsten Fundamente der Segnungen des häuslichen Lebens, - der Liebe, des Denkens und Arbeitens, hat. Dieses Leben tat mehr, es setzte die speziellen Ansichten meiner Bestrebungen, den ganzen Umfang der Unterrichtsmittel des Volks zu vereinfachen und sie dadurch dem Innern der Wohnstube desselben näher zu bringen, in ihren ersten Anfangspunkten tatsächlich in ein entscheidendes Licht. Noch war der Begriff von der Elementarbildung und von einer aus ihr notwendig hervorgehenden naturgemäßen Erziehungs- und Unterrichtsmethode von mir und in meinen Umgebungen nicht ausgesprochen; aber ein wesentliches Resultat ihrer Kraft zeigte sich tatsächlich in unserer Mitte. Kinder lehrten Kinder; Kinder lernten gerne von Kindern, und vorgerücktere Kinder zeigten minder vorgerückten gerne und gut, was sie mehr wußten und besser konnten als sie. Wenn eines auch noch so klein war, wenn es auch nur einige Buchstaben mehr kannte, so setzte es sich zwischen zwei andere, umhalste sie mit beiden Händen, und zeigte ihnen mit Schwester- und Bruderliebe, was es mehr konnte als sie. - Damals sprach auch noch kein Mensch von einem Enseignement mutuel; aber sein wahrer ursprünglicher Geist entfaltete sich an meiner Seite und unter meinen Kindern in seinen zartesten Elementen.

Diese höchsten Segenstage gingen schnell vorüber. Die Wendung des Kriegs vertrieb mich von Stans, das der Eigenheit meiner Kräfte, meiner Schwäche und meiner Zwecke eine so vorzüglich passende Laufbahn anbot. Ich war tief in mir selber erschüttert und hatte wohl recht, obgleich ich noch nicht wußte und nicht ahnte, warum. Mir stand jetzt immediat nach meiner Entfernung von Stans die eigentliche zwanzigjährige Epoche bevor, in der ich in Burgdorf die Idee der Elementarbildung mit einigem Bewußtsein ihrer weitführenden Tiefe und ihres weitführenden Umfangs ins Auge zu fassen anfing und unvorbereitet und unreif sehr bald mein Scherflein zu ihrer praktischen Ausführung beizutragen suchte.

Diese Epoche ist nun vorüber, und ich habe in den ersten Bögen der gegenwärtigen Schrift den Geist dieser hohen Idee, so viel meine zwanzigjährigen Versuche und Erfahrungen dieselbe in mir selbst haben erheitern mögen, meiner Zeitwelt, ich muß fast sagen, mit enthusiastischer Belebung meiner Gefühle darzulegen und die großen, segensreichen Resultate, die bei ihrer sorgfältig begründeten Einführung nach meinem Urteil notwendig aus ihr hervor gehen mußten, umständlich in die Augen fallen zu machen, aber, zugleich auch unverholen die Ursachen des großen, vielseitigen Mißlingens meiner diesfälligen Bestrebungen, die sowohl in mir selbst als in meinen Umgebungen und in den Zeitumständen lagen, mit unbefangener Wahrheitsliebe darzulegen gesucht.

Aber ich bin weit entfernt, zu glauben, daß ich der diesfälligen Aufgabe schon wirklich ein Genüge geleistet. Nein, nein; die Frage aber: Pestalozzi, wenn alles wäre, wie du gesagt hast, warum bist du denn mit deinen Bestrebungen nicht weiter vorgerückt, als dieses wirklich geschehen? - ist bei fernem nicht beantwortet. Ich habe zwar bis jetzt den Einfluß, den mein individueller Charakter und meine Jugenderziehung auf meine Lebensbestrebungen haben mußten, darzulegen gesucht, aber ebenso notwendig ist es jetzt auch, durch die Geschichte meiner diesfälligen zwanzigjährigen Versuche den Einfluß darzulegen, den die Umstände, Lagen und Verhältnisse, unter denen diese Versuche stattfanden, auf das Mißlingen derselben hatten. Und es liegt meinem Herzen nahe, daß dieses letzte, eben wie das erste, mit Gewissenhaftigkeit und Offenherzigkeit geschehe, damit weder die Folgen, die die Eigenheiten und Schwächen meiner Individualität auf dieses Mißlingen hatten, noch die Fehler und Mißgriffe, die in den zwanzig Jahre dauernden Versuchen ihrer praktischen Ausführung ihrem guten Erfolg so nachteilig waren, dahin wirken können, den wahren Wert und die Wichtigkeit meiner jetzt zur Lieblingsidee gewordenen Ansicht der Elementarbildung in den Augen des Publikums zu schwächen oder gar verschwinden zu machen. Ich stehe also, nachdem ich die Geschichte meiner Jugendjahre und meiner Jugenderziehung dargelegt, auf dem Punkt, zu zeigen, wie die praktische Laufbahn meiner diesfälligen Bestrebungen sich in Burgdorf in einem blinden und kühnen Hochflug gestaltete und in Iferten von den Folgen dieses fundamentlosen Hochflugs sich immer mehr verirrend mich hundert und hundertmal an den Rand des äußersten Verderbens hinführte, aber dabei dennoch meine Überzeugung von den Segensfolgen dieser hohen Idee in mir selber nichts weniger als schwächte, sondern vielmehr immer stärkte und durch tausenderlei Erfahrungen auf die tiefere Erkenntnis sowohl ihres Wesens als ihrer Ausführungsmittel bildend auf mich einwirkte.

Ich kam über mein Schicksal, das mich von Stans wegführte, innig bewegt nach Burgdorf, und fand da nicht mehr den einfachen, liebevollen, meiner Individualität eigenen und mich gleichsam seligmachenden Boden, den ich daselbst hatte und für meine Zwecke segensvoll und für die Dauer benutzen zu können glaubte. Doch ich fand mich in meine Lage, ich suchte im Anfange meiner Ankunft in Burgdorf nichts anderes, nichts mehr und nichts größeres, als in einer Winkelschule dieses Orts den Faden meiner beschränkten Bestrebungen für die Vereinfachung des Volksunterrichts in seinen allgemeinen Anfangspunkten so gut als mir immer möglich, wieder anzuknüpfen. In diesem Verhältnis lernte ich Herrn Fischer, einen literarisch sehr gebildeten Menschenfreund kennen, dem die Regierung das landvögtliche Schloß in dieser Stadt zur Errichtung eines Schulmeisterseminariums übergeben hatte. Aber er starb, ehe er es angetreten. Die Begeisterung, die ich vom Augenblicke an in der Erziehungslaufbahn in Stans zeigte und worüber meine vom Gurnigel aus geschriebenen Briefe Licht geben, sowie mein früheres enthusiastisches Streben nach einer pädagogischen Laufbahn, die mehrere Glieder der Regierung kannten, veranlaßte dieselben, meinen diesfälligen Eifer zu belohnen. Sie übergab mir das Schloß, meine pädagogischen Absichten und Versuche in Verbindung einer Erziehungsanstalt, die ich darin etablieren sollte, fortzusetzen, und bot mir dafür ganz außerordentliche Vorteile und Handbietungen an. Aber der Boden, den ich jetzt betrat und durch die Annahme des Schlosses betreten mußte, war bei den Eigenheiten, Lücken und Schwächen, die für die große, selber literarisch weitführende, pädagogische Unternehmung in mir liegen, in dem Grad mißlich und ungünstig, als derjenige, den ich mit Stans verlassen mußte, passend und günstig dafür war. Ich mußte mich in demselben so viel als notwendig schnell in mir selber verlieren, und konnte nur spät, sehr spät wieder dahin kommen, mich in Rücksicht auf die ursprünglichen Endzwecke meiner Lebensbestrebungen wieder mit mir selbst in Übereinstimmung zu bringen. Ich bin der helvetischen Regierung für ihre Sorgfalt für mich und für ihr Zutrauen herzlichen Dank schuldig; aber sie hatte in ihrer diesfälligen Gunstbezeugung so Unrecht, als ich in der Annahme derselben.

Was ich oben in der Beschreibung meiner Eigenheiten und meines jugendlichen Lebensgangs gesagt habe, beweist hinlänglich, in welchem Grad mir beinahe alles, vorzüglich aber die wissenschaftlichen Kenntnisse und Fertigkeiten mangelten, die zu einem genugtuenden und ehrenhaften Vorsteher einer Erziehungsanstalt, wie diejenige war, die mir jetzo gleichsam wie ein Deus ex machina in die Hände fiel, wesentlich notwendig gewesen wären. Ich fühlte zwar gar wohl, in welchem Grad mir vieles, sehr vieles hierfür mangelte; aber die Ehrenhaftigkeit meines Rufs schmeichelte mir armem Neuling in der Weltehre in einem Grad, daß ich mich selbst nicht mehr kannte und kaum daran dachte, was es brauche, eine Ehre, die das bloße Glück einem darwirft, in die Dauer zu erhalten, und in die Länge ihrer würdig dastehen zu können. Ich überließ mich kindisch der eitlen Hoffnung, was ich nicht könne, darin können und werden mir unter den günstigen Umständen, in denen ich mich in meiner Stellung befand, andere gerne und wohl helfen. Das aber ist in jedem Fall ein böser Trost. Wer sich, weil er in einer Sache, die er als Pflichtstelle erkennt und übernommen, nicht selber helfen kann, einen Gehilfen suchen muß, der das für ihn tue, was er selber tun sollte und nicht selber kann, der macht sich sicher sehr bald zum Knecht seines angestellten Gehilfen, der ihm, so wie die Welt ist, in tausend Fällen gegen einen, nur so weit hilft, als er seinen Vorteil dabei findet, und hingegen auch wieder so weit enthilft, als er sich selber dadurch Nachteil und Schaden zu verhüten im Stande ist oder auch nur verhüten zu können vermeint. Ich habe es erfahren; aber zu spät. Das ganze Unglück meiner letzten zwanzig Jahre hat seinen Ursprung in Umständen, die die Verspätung dieser Erkenntnis in mir verursachten.

Es ist jetzt überstanden, und so wie ich gegenwärtig, nach vollendeter einstweiliger Auflösung meiner Anstalten in Iferten mit Demut, Ergebung und Glauben einen physischen, häuslichen und bürgerlichen Ruhepunkt auf dem Gute meines Sohnsohns im Aargau gesucht habe, so suche ich in literarischer und pädagogischer Hinsicht auch einen Ruhepunkt, und frage mich in eben dieser Stimmung: Ist dann der Zweck meines Lebens wirklich verloren gegangen? Ich fasse den Umfang und die Natur meiner Lebensbestrebungen noch einmal ins Auge. Ich habe das Vergangene, ich habe das, was hinter mir ist, in mir selbst überwunden. Der Herr hat geholfen; er, der das zerkleckte Rohr nicht zerbricht und den glimmenden Docht nicht auslöscht, wird ferner helfen. Ein Gefühl innerer Erhebung ergreift mich. Gerührt wie in der Stunde der erhebendsten Andacht, spreche ich aus und danke es Gott: Der Zweck meines Lebens ist nicht verloren gegangen. Nein, meine Anstalt, wie sie in Burgdorf gleichsam aus dem Chaos hervorging und in Iferten in namenlosen Unförmlichkeiten gestaltete, ist nicht der Zweck meines Lebens. Nein, nein, beide sind in ihren auffallendsten Erscheinungen Resultate meiner Individualschwächen, durch welche das äußere meiner Lebensbestrebungen, meine vielseitigen Versuche und Anstalten sich selber untergraben und ihrem Ruin entgegengehen mußten. Meine Anstalten und alle äußere Erscheinungen ihrer Versuche sind nicht meine Lebensbestrebungen. Diese haben sich im Innern meiner selbst immer lebendig erhalten und sich auch äußerlich in hundert und hundert geratenen Resultaten ihres inneren Wesens in der ganzen Wahrheit ihrer ewig bleibenden Segensfundamente erprobt.

Das vorübergehende Stillstellen des schimmernden Truges so vieler ihrer äußeren Erscheinungen ist durchaus nicht dem inneren Unwert meiner Bestrebungen, es ist der Disharmonie meiner Kräfte zu diesen Unternehmungen und der Heterogenität des mit mir zu meinen Endzwecken verbundenen Personals, so wie der gänzlichen Unpassendheit unserer Umgebungen zu unseren Bestrebungen zuzuschreiben. Alle äußeren Gestaltungen meiner Unternehmungen und Anstalten forderten den höchsten Grad der kraftvollen Regierungsfähigkeit, den je menschliche Unternehmungen erfordern konnten, und ich bin der allerunfähigste Mensch zum Regieren. Auch liegt in meiner Natur nicht die geringste Neigung dazu. Ich weiß, daß ich willenshalber zum Dienen geboren, aber dabei nichts weniger als zum Dienenkönnen erzogen und gebildet worden, und meinte bei meiner Dienstunfähigkeit durch meine Dienstbereitwilligkeit erzielen zu können, was in dieser Welt nur, wenn es, beides, zugleich wohlregiert und wohlbedient wird, erzielt werden kann.

Ich muß hier wiederholen, was ich in der langen Reihe meiner Unglücksjahre hundert- und hundertmal im Stillen zu mir selber sagte: Mit dem ersten Tritt, den mein Fuß auf die Schloßtreppe von Burgdorf gesetzt, habe ich mich in mir selber verloren, indem ich eine Laufbahn betreten, in der ich äußerlich nichts anderes als unglücklich werden konnte, da ich mich durch die Annahme der Stelle, die mich in dieses Schloß führte, in eine Lage gesetzt, die die mir mangelnde Regierungskraft wesentlich und notwendig voraussetzte.

Indes war es nicht meine Regierungsunfähigkeit allein, was das momentane gänzliche Fehlschlagen meiner Versuche und endlich das gänzliche Auflösen meiner bisherigen Anstalten herbeiführte und so viel als notwendig machte; meine Dienstunfähigkeit in der Stelle, in der ich mich jetzt befand, trug ebensoviel dazu bei. Es mangelten mir in allen positiven Wissenschaften im gleichen Grad selber die ersten Anfangskenntnisse und Anfangsfertigkeiten, die zur persönlich guten Bedienung des Hauses, dem ich dienend vorstehen sollte, in irgendeinem Fache derselben notwendig gewesen wären, und ich ließ mich als Führer eines Etablissements anstellen oder vielmehr an die Wand stellen, das nicht anders als durch eine Vereinigung von Männern, die in sehr verschiedenen Wissenschaften tiefe Kenntnisse und ausgezeichnete Unterrichtsfähigkeiten besitzen, in reiner Übereinstimmung ihrer Gesinnungen und Zwecke hätte geführt werden müssen, wenn es auch nur in seinen Anfangspunkten einen guten, soliden Fuß gewinnen und wahrhaft tief greifende Wurzel fassen sollte. Ebenso forderte die Natur meines Etablissements, beinahe wie keines anderen, daß seine Führer alle, vom ersten bis zum letzten, ein Herz und eine Seele hätten sein sollen. Ich wußte das wohl, aber ich vermischte in meinem Träumersinne die öde Leerheit eines großen Meinungsvereins mit der Realkraft von Männern, die durch den Besitz aller nötigen Anlagen, Kenntnisse und Fertigkeiten, die das Geschäft, um dessentwillen sie sich vereinigt haben, anspricht, die Mittel einer gesicherten Ausführung desselben zum voraus in sich selbst tragen. Ich war in meiner Stellung so sehr ein Kind, daß ich Luftschlösser, die meine Traumsucht in den Wolken schaffte, als auf ewigen Felsen gebaut, und träumerische Lobreden über die Solidität dieser Schlösser als Beweise ihrer festen Begründung ansah. Ebenso sah ich im ganzen großen Zeitpunkt meiner diesfälligen Verirrungen einige Glückszufälle, die mir wie das große Los in einer Lotterie zufielen, auf eine Weise an, oder ließ sie vielmehr nicht nur gebrauchen, als wenn sie für mein Leben gesicherte Ressourcen meiner Unternehmung gewesen wären, ich ließ sie sogar auf eine, dieselbe tief untergrabende Weise verschwenden. Selber die grelle Heterogenität, die in den Charakteren des Personals meines Hauses stattfand, erregte im Anfang unserer Vereinigung nicht einmal die fernste Ahnung in mir, daß der Tod meiner Unternehmung früher oder später notwendig aus ihr werde hervorgehen müssen.

Doch, wer sollte es glauben! Das alles ist im Gewicht der Ursachen, welche die Erreichung meiner Hoffnungen in Iferten unmöglich machten, nicht das Allerbedeutendste. Das Allerbedeutendste in den Ursachen ihres unausweichlichen Mißlingens ist unser Unternehmen selber. Wir fingen es an, ehe wir uns auch nur im Traume dessen bewußt waren, was es sein und werden sollte, selber ehe wir wußten, was wir eigentlich wollten. Unser Unternehmen an sich, wie es in Burgdorf entkeimte, in Buchsee sich zu gestalten anfing und in Iferten in abenteuerlicher Unförmlichkeit mit sich selbst kämpfend und sich selbst gegenseitig zerstörend Wurzel zu fassen schien; dieses Unternehmen war an sich, in seiner planlosen Entstehung, auch unabhängend von meiner persönlichen Untüchtigkeit, unabhängend von der Heterogenität der Personen, die daran Teil nahmen, unabhängend von dem gegenseitigen Widerspruche der Mittel, durch die wir dasselbe zu erzielen suchten, selber unabhängend von dem Widerspruche, in dem es mit dem Routinegang der Erziehung und mit der Allgewalt des Zeitgeistes in Opposition stand, ein unausführbares Unding. Wenn wir alle unsere Fehler nicht gehabt hätten, wenn alle Umstände, die uns zuwider waren, nicht gewesen wären, ich sage sogar, wenn wir alle Gewalt, alle Geldmittel und alles Vertrauen besessen und uns auch in wissenschaftlicher Hinsicht nichts gemangelt hätte, was uns hierfür nach einzelnen Rücksichten notwendig gewesen wäre, so hätte das Unternehmen, wie es in allen seinen Teilen zusammengekrüppelt entkeimen, wachsen, sich erhalten und zur Reifung bringen sollte, dennoch notwendig scheitern müssen. Es war ein babylonischer Turmbau, in welchem ein jeder seine eigene Sprache redete und keiner den anderen verstand.

Unstreitig waren dabei einzelne große Kräfte in unserer Mitte; aber eine Gemeinkraft für unsere Zwecke war nicht da. Es war an keine zu denken. Wenn unsere einzelnen Kräfte auch noch so groß gewesen wären, wir hätten in ihnen und durch sie zu keiner Gemeinkraft des Hauses gelangen können. Die Wahrheit muß auf jedem Blatte der Geschichte unserer Vereinigung beinahe auch dem Blinden in die Augen fallen und spricht sich in den letzten Tagen derselben als eine schrecklich gereifte Frucht der Verirrungen, deren Dasein und deren Wahrheit wir so lange nicht genugsam erkannt haben, aus. Es ist keine Gemeinkraft in der Natur denkbar, die etwas an sich Widernatürliches zur Naturgemäßheit in ihren Mitteln und Wirkungen zu umschaffen vermag, und eine in alle Weltverhältnisse zugleich naturgemäß und befriedigend eingreifende und allen Bedürfnissen des Erziehungswesens in allen Lagen gleich genugtuende, aus einem einzigen Hause und aus einer Verbindung weniger einzelner Menschen hervorgehende Erziehungsmethode ist ein wesentliches Unding. Was der Menschheit in allen Verhältnissen zu dienen geeignet sein soll, muß aus allen Verhältnissen der Menschheit selber hervorgehen. Was auf Millionen Menschen segnend einwirken soll, dessen Kunstbeförderungsmittel müssen aus Resultaten von Kräften, Maßregeln und Mitteln hervorgehen, die zum voraus in gesonderten Abteilungen in und für Millionen genugsam vorbereitet vorliegen und in Übereinstimmung mit ihnen gebraucht und benutzt werden können.

Wenn wir jetzt diese unumstößlichen Fundamente jedes, ins Große und Allgemeine der Volksbildung einzugreifen bestimmten Versuchs mit dem wirklichen Zustand unseres Unternehmens in seinem Ursprunge ins Auge fassen, so fällt auf, daß uns von den berührten wesentlichen Bedürfnissen einer solchen Unternehmung so viel als alles mangelte. Wir können uns nicht verhehlen, die naturgemäßen Anknüpfungspunkte des unermeßlichen Guten, das wir suchten, waren in unserer Mitte nirgends da; hingegen die Trennungspunkte und Zerreißungsmittel des wenigen Guten, das wir wirklich besaßen, waren so belebt in unserer Mitte, daß sie wohl nirgends in der Welt auf eine beunruhigendere und sich selber gegenseitig zerstörendere Weise nebeneinander gefunden werden möchten. Indes ist gleich wahr, daß mitten unter allen diesen Umständen, sowohl aus den wesentlichen Fundamenten unserer Bestrebungen als selber aus den Verirrungen und Irrwegen, auf denen wir sie zu erzielen suchten, Reize, Mittel und Resultate hervorgingen, deren, die Menschennatur in ihren Kräften allgemein belebender Einfluß an sich selbst geeignet ist, Millionen Menschen in ihren Verhältnissen fähig zu machen, einzelne Teile unserer Bestrebungen und einzelne Resultate unserer Versuche mit gesegnetem Erfolg zu benutzen, die sich in unserer Mitte in ihren Segenskräften nicht naturgemäß und befriedigend entfalten konnten, indem wir widernatürlich, im Großen unvorbereitet und mittellos, erzwingen wollten, was sich nur im Kleinen vorbereiten, durch Zeit und Wartung zum gesunden Wachstum des Einzelnen und durch dieses allmählich zur Reifung und Vollendung des Ganzen erheben läßt. Inzwischen ist das Unternehmen, in dessen tausendfachen Wirbeln ich bis auf die Stunde seiner erreichten Endschaft fortschwimmen mußte, wohin mich die Gewalt des Stroms meines Lebens fortriß, durchaus nicht als das Werk meines Herzens und nicht einmal als das Werk meiner Traumsucht anzusehen. Ich träumte in meinem Leben nie, was ich unter den Umständen und Verhältnissen, an die ich angekettet war, gleich kopflos und zum Teil beinahe auch herzlos mit Händen und Füßen und noch mit etwas mehr mitmachen und mitbefördern mußte. Wahrlich, ich war auf der Galeerenbank meines Institutes selber vielseitig außer mich selbst und außer die Eigenheit der Kräfte und Anlagen, mit denen ich zum Dienst der Menschheit in meinen Umgebungen etwas Wesentliches hätte leisten können, wenigstens in gewissen Epochen, so viel als ganz hinausgeworfen und in meiner Wegwerfung dennoch drückend wider mich selbst mißbraucht.

Das Wesen meiner Bestrebungen und der Mittelpunkt meiner Kraft bestand von jeher in dem in mir auf eine seltene Weise belebten Naturtrieb, den Volksunterricht in seinen wesentlichen Teilen und vorzüglich in seinen Anfangspunkten zu vereinfachen. Diese aber mir selbst eigentümlichen Bestrebungen datieren sich gar nicht von meinem Leben in Burgdorf, sie datieren sich vom ersten jugendlichen Aufschwung der Volks- und Kinderliebe, die, verbunden mit meiner Traumsucht und Ungewandtheit in allem praktischen Tun des Lebens, das Eigentümliche meines Charakters ausmachte, aber auch das Eigentümliche meiner Schicksale durch mein ganzes Leben herbeiführte und herbeiführen mußte. Aber sie waren schon in dieser Zeit so tief belebt und mit einem diesfälligen, psychologisch begründeten und, ich möchte sagen, instinktartig höher strebenden Takt verbunden, daß ich ohne alle Anmaßung mit Bestimmtheit sagen darf, der hohe, große Gedanke von der Idee der Elementarbildung, den ich in meinen späteren Jahren in seiner psychologischen Tiefe zu erforschen und durch die höchste Vereinfachung seiner Ausführungsmittel den Wohnstuben des Volks näher zu bringen gesucht, diese hohe Idee lag schon tief in meiner Seele entfaltet, als ich Lienhard und Gertrud schrieb. Ich hatte zwar das Wort''Idee der Elementarbildung "" in diesem Zeitpunkt noch nie ausgesprochen, ich glaube nicht einmal vor meinen Ohren erschallen gehört; aber das höchste Resultat, das diese Idee im Menschengeschlecht auch in den niedersten Verhältnissen hervorzubringen vermag, lag damals schon in einem hohen Grad und mit tiefer Belebung in meiner Individualität. Gertrud ist, wie sie dasteht, ein Naturkind, in dem die Natur die wesentlichen Resultate der Elementarbildung, ohne den Genuß irgendeines ihrer Kunstmittel zu besitzen, in reiner Höhe dargestellt, und dieses bestimmt in der Eigenheit der Gestaltung, in welcher es sich in den niederen Ständen allein wahrhaft auszubilden vermag. Kurz, die Resultate der Idee der Elementarbildung lagen, da ich ihr Bild entwarf, in ihrem inneren Wesen in einem Grad der Vollendung in mir, in dem ich durch alles Nachdenken und alle Erfahrungen meiner diesfälligen Versuche bis heute wesentlich nicht weiter habe kommen können; wohl aber bin ich seither durch den Wirrwarr meiner so vielseitig unnatürlichen und unpsychologischen Erziehungs- und Unterrichtsversuche in mir selbst von dem belebten Gefühl der reinen, hohen Wahrheit dieses Jugendgemäldes der Elementarbildung abgelenkt und in großen, dieser hohen Idee gewaltsam entgegenwirkenden Irrwegen herumgetrieben worden.

Aber alle Umtriebe, die im Chaos dieser Bestrebungen statt fanden und um mich her und mit mir gespielt wurden, haben es mit allen ihren, zum Teil herzzerschneidenden Folgen doch nicht vermögen, das Wesen der Anfangsbestrebungen meiner jugendlichen Jahre für die Vereinfachung des ganzen Umfangs der häuslichen Erziehungs- und Unterrichtsmittel, deren Geist ich in diesem Buche so lebendig dargelegt, in mir selber zu verdunkeln, will geschweigen auszulöschen. Ich mußte beim Scheitern der äußeren Erscheinung meiner Anstalt notwendig wieder auf dieses Ursprüngliche meiner Lebensbestrebungen zurückkommen. Es hatte durchaus nichts anderes und nichts Entgegengesetztes in mir ein mich in meinem Innersten tief ergreifendes Interesse erregt. Es konnte es auch nicht, und das um so weniger, da mitten in den Folgen, Verirrungen und Umtrieben der äußeren Erscheinung meiner Lebensbestrebungen sehr viele Resultate derselben den Wert meiner diesfälligen ursprünglichen Ansichten in ein helles und entscheidendes Licht zu setzen geeignet waren.

Es ist nicht nur unwidersprechlich, daß in der langen Dauer unserer elementarischen Bestrebungen in jeder Epoche Zöglinge aus denselben hervorgegangen, die die weitführende Kraft einzelner unserer elementarischen Mittel und Übungen außer allen Zweifel setzten; sondern daß selber die Wirkung dieser einzelnen Übungen auf das Eigentümliche und Spezielle meiner Lebensbestrebungen - auf die Vereinfachung der gewohnten, allgemeinen Unterrichtsmittel und die daraus notwendig entspringende Erhöhung und Verstärkung der Kräfte der Wohnstube, von den darüber urteilsfähigen Eltern unserer Zöglinge so viel als allgemein, so wie von Männern, die in Rücksicht auf die naturgemäßen und psychologischen Fundamente allen Erziehungs- und Unterrichtswesens als kompetente Richter angesehen werden müssen, vielseitig und fortdauernd anerkannt worden ist.

Genugtuende Belege dieser Ansicht mangeln in keiner Epoche unserer so lange dauernden Bestrebungen. Man frage selbst in Iferten nach, ob es nicht wahr sei, daß in den letzten Zeiten mehrere von den Töchtern, die in der Zahl- und Formlehre nach Schmids Grundsätzen geführt worden, sich zu einem Grad allgemeiner pädagogischer Kraft erhoben haben, die diese Stadt, bei aller anderwärtigen Mißkennung unserer Grundsätze und unseres Tuns dennoch dahin gebracht, daß das einstweilige Stillstellen unserer Töchteranstalt allgemeines Bedauern erregte. Man frage in den verschiedenen Verhältnissen, in welche die vorzüglicheren, bei uns gebildeten Zöglinge eingetreten, man frage selber in der polytechnischen Schule in Paris nach, wie sich verschiedene derselben darin ausgezeichnet haben. An mehreren Orten Deutschlands, vorzüglich in Preußen, stehen Männer an der Spitze von Erziehungsanstalten, die einen großen Teil ihrer pädagogischen Kraft den elementarischen Bildungsmitteln, die sie bei uns genossen, danken.

Auch ist es eine auffallende Erscheinung, daß zwei, durch einen, sich in Amerika befindenden Herrn Neef nach diesen Grundsätzen gebildete Zöglinge sich gegenwärtig in Paris in einer, vom mathematischen Studio am meisten entfernt scheinenden Wissenschaft, in der Chemie, vorzüglich auszeichnen. Ich füge diesen Tatsachen noch diese einzige bei, daß die neulichen Bemühungen, unsere elementarischen Grundsätze und Mittel durch ein französisches Journal dem Publikum umständlich und vielseitig bekannt zu machen, in Paris und London von Personen, die in Rücksicht auf psychologische und pädagogische Ansichten und Bestrebungen unstreitig als Männer vom ersten Gewicht anerkannt werden müssen, unseren diesfälligen Zwecken, auf das Fundament ihnen bekannt gewordener Belege von unseren diesfälligen Erfahrungen und Resultaten einen sehr hohen Grad von Aufmerksamkeit und Beifall geschenkt, und daß sogar Männer von eben diesem Gewicht aus Nordamerika und Brasilien zur Beförderung unserer Ansichten und Bestrebungen in ihrem Lande wirklichen Anteil an unserem Vorhaben genommen und uns dasselbe mit ihrem tätigen Einfluß zu unterstützen bestimmt versprochen. Alle diese, den Wert unserer diesfälligen Bestrebungen erheiternde Tatsachen sind sämtlich im namenlosen Wirrwarr unseres Aufenthalts in Burgdorf und Iferten erzielt worden.

Indes mußte dieser, dem Wesen unseres Tuns im Allgemeinen tödliche Wirrwarr einmal sein Ende erreichen; und es ist unter diesen Umständen meine vollkommene Überzeugung, daß das einstweilige Stillstellen meiner Anstalten in Iferten wahrlich als eine glückliche Notwendigkeit, das innere Wesen meiner Bestrebungen auf ein gereinigteres Fundament zu bauen, und gar nicht als ein Zeichen ihres Unwerts und der Unmöglichkeit der Erzielung ihrer segensvollen Resultate anzusehen ist. Nein, so wenig als die Natur selbst und ihr, auf ewigen Fundamenten gegründeter Gang in der Entfaltung unserer Kräfte zugrundegehen kann, so wenig kann irgendein Scherflein, das den Gang der Kunst in den Erziehungs- und Unterrichtsmitteln des Menschengeschlechts dem göttlich gegründeten Gange der Natur näher zu bringen, wahrhaft und kraftvoll geeignet ist, wie ein nichtiges Phantom wieder verschwinden, wenn es die Richtigkeit und Wichtigkeit seiner Resultate vor den Augen irgendeiner Zeitwelt, wie diese auch immer beschaffen sein mag, in dem Grad zu Tage gefördert und als solid und ausführbar dargestellt hat, als dieses bei einigen unserer wesentlichen, elementarischen Versuche der Fall ist.

Es ist eine, jeder ernsten Prüfung vorliegende Tatsache, daß die Resultate meiner Lebensbestrebungen im ursprünglichen Fundament ihrer Eigenheit noch fest und unerschütterlich dastehen und zur weiteren Bearbeitung vorliegen. Ihre möglichen, wahrscheinlichen und zum Teil gewissen Folgen sind von einer Wichtigkeit, daß ich, ohne Gefahr, jemals dieser Äußerung halber beschämt zu werden, offen aussprechen darf, nicht wenige Resultate unserer Anstalten und Versuche sind geeignet, die Kräfte der Menschennatur im Zustande der Erschaffung, in dem sie sich durch die Verkünstelungsmaßregeln unserer Zeit befinden, mit mächtiger Kraft real und naturgemäß zu ergreifen, und sie, ich möchte fast sagen, zu einer menschlichen Wiedergeburt und zu einem erneuerten Leben zu erwecken, indem sie uns in der äußeren und inneren Anschauungskraft, die in unserer Natur liegt, gleichsam die Urquelle alles unseres soliden Wissens, Kennens und Könnens in ihren Anfangspunkten naturgemäß erkennen, benutzen und in dem Grad ergreifen und festhalten gelehrt, in welchem die Routinemittel unserer Zeiterziehung und unseres Zeitunterrichts uns vielseitig davon abgelenkt und entfernt haben.

So wenig ist die Idee der Elementarbildung, auch nur so weit als sie in unserer Hand liegt, ein Luftschloß. Sie kann es nicht sein, und wenn ihr Wesen fest gehalten wird, so kann sie es nie werden. Dieses liegt in der Menschennatur selber, und ihre Resultate sprechen sich kunstlos in allen Hinsichten und nach allen Richtungen im wirklichen Leben aller Stände einzeln von selbst aus. Jede also aus der Natur hervorgehende, gute Erziehungsmaßregel, jede reine Handlung der Liebe, des Vertrauens und des Glaubens, jede Erkenntnis der Wahrheit und des Rechts, jede Fertigkeit der wahren Kunst, in welcher Form und Gestalt sie sich auch immer äußere, ist in seinem Wesen ein Resultat dieser hohen Idee. Ob der glänzende, liebende, ob der einsichtsvolle, lenkende Mensch, ob der kunstfertige Arbeiter des Zusammenhangs seines Glaubens, seiner Liebe, seines Denkens, seiner Kunst und seines Könnens, Kennens und Wissens mit dem Wesen der Idee der Elementarbildung und ihrer Kunstmittel wirklich bewußt sei und denselben deutlich erkenne, darauf kommt es nicht an. Die Resultate der entfalteten sittlichen, geistigen und Kunstkräfte, wie sie im wirklichen Leben ohne alle Kunst hervorgehen, sind einfache Wirkungen der menschlichen Grundkräfte, die durch die Hinzusetzung der Übungen der elementarischen Kunstbildungsmittel durchaus nicht in ihr erzeugt, sondern nur beholfen, d.i. in ihrer Erscheinung und Entfaltung erleichtert, belebt, gestärkt und in einen, sich untereinander gegenseitig unterstützenden und belebenden Zusammenhang gebracht werden. Die Welt ist voll der einzelnen Resultate des Naturgangs dieser elementarischen Entfaltung, die in der Einfachheit unverkünstelter Sitten, Zeiten und Stände in allen Ständen einzeln, ohne alle Kunst in hoher, innerer Auszeichnung sich vielseitig nach Umständen und Bedürfnissen von selbst zu Tage fördern; und es ist auffallend, in welchem Grad sich diese, von der Kunst ganz unbeholfen und dennoch mit den höchsten Resultaten der Idee der Elementarbildung übereinstimmenden Erscheinungen des gemeinen Naturgangs in der Entfaltung unserer Kräfte in einzelnen, einfach und kunstlos wohlerzogenen Menschen nach der Eigenheit ihres Genies und ihrer Individualität ungleich, aber immer in Übereinstimmung mit ihrem Individualcharakter aussprechen und darlegen. Hier siehst du einen Menschen mit sehr schwachen Geisteskräften und ohne alle Kunstfertigkeiten, mit einer ausgezeichnet tiefen, sich selber bis zur Begeisterung erhebenden, sittlichen und religiösen Kraft als ein eigentliches Genie des Glaubens, der Gottesfurcht und der Menschenliebe; dort findest du einen anderen, der in sittlicher Hinsicht wenig belebt, und in religiöser Hinsicht von innerer Begeisterung ferne ist, mit ausgezeichneter Kraft und hoher, geistiger Belebung für die tiefere Erforschung wissenschaftlicher Gegenstände gleichsam von der Natur erschaffen und in sich selbst dafür begeistert, vor dir steht; dort findest du wieder einen anderen, der ohne besonderes, sittliches Interesse und ohne eigentliche ausgezeichnete Fähigkeit für die Nachforschung wissenschaftlicher Gegenstände, ein wahres Genie irgendeiner Kunst und dafür innerlich in sich selbst so belebt ist, daß ihn die geringfügigsten Gelegenheiten, die sein diesfälliges Genie ansprechen, mit hoher, innerer Gewaltsamkeit ergreifen und mit Leichtigkeit zu Resultaten von entscheidendem Erfolg hinführen. Wer den Gang der Welt in der Naturbelebung der allgemeinen Fundamente der elementarischen Entfaltung unserer Kräfte in ihrer Wahrheit erkennen will, der muß sie in der Verschiedenheit solcher auffallenden Erscheinungen, sowohl in Rücksicht auf die Genialität einzelner Individuen, als mit Rücksicht auf tatsächliche Resultate dieser Verschiedenheit der menschlichen Anlagen, ins Auge fassen. Der Kulturgang des Menschengeschlechts im Allgemeinen findet in solchen genialischen Menschen die natürlichen Stütz- und Anknüpfungspunkte der naturgemäßen Beförderungsmittel des wahren Naturgangs, durch welchen es möglich ist, den Kunstausbildungsmitteln der Idee der Elementarbildung leichten und folgereichen Eingang zu verschaffen, und folglich den Segen ihrer allgemeinen Ausbreitung allmählig mit merklicher Sicherheit ihres Erfolgs anzubahnen und zu befördern. Die naturgemäße Entfaltung der menschlichen Kräfte, die den elementarischen Bildungsmitteln allgemein zum Grunde liegt und zum Grunde gelegt werden muß, geht in ihren wesentlichsten Punkten weit mehr aus dem Leben als aus der Kunst hervor. Alle ihre Kunstbildungsmittel sind der höheren Bedeutung des Lebens untergeordnet und ihre großen Resultate gehen im Allgemeinen mehr aus der tatsächlichen Belebung der Kräfte der Menschennatur als aus dem Einfluß wissenschaftlicher und Kunstbildungsmittel hervor.

In diesem Gesichtspunkte liegt das große und tiefgreifende Erleichterungsmittel der elementarischen Bildungs- und Erziehungskunst. Jeder einzelne Mensch kann in seiner Lage und in seinen Umständen ohne alle Kenntnis der Idee der Elementarbildung und ihrer Mittel das Seine zur naturgemäßen Entfaltung der Kräfte unseres Geschlechts in tausend einzelnen Gesichtspunkten, Verhältnissen und Anlässen beitragen. Darum ist es aber auch die Pflicht jedes erleuchteten Menschenfreundes, die Naturbasis aller wahren Kunstmittel dieser hohen Idee, die in allem Volke liegt, und sich in allen Ständen und Verhältnissen in tausend und tausend Taten der Erziehung und des Unterrichts ohne alle Kunst naturgemäß ausspricht, anzuerkennen und anerkennen zu machen. Ohne die mitwirkende Anerkennung und Benutzung dieser Naturbasis der Elementarbildung, die in allem Volke liegt, ist es gänzlich unmöglich, die Kunstmittel dieser hohen Idee, besonders in ihren Anfangspunkten, naturgemäß und mit gesegnetem Erfolg zu erforschen, zu bearbeiten, zu benutzen und der Menschheit in allen Ständen in wirklich genugtuenden Tatsachen vor die Sinne zu bringen. Aber allenthalben, wo dieses mit Glauben und Liebe geschieht, finden die Kunstmittel dieser Idee in der Menschennatur selbst offenen Zugang. Wo diese Naturbasis der Kunst immer erkannt und mit Sorgfalt und Ernst benutzt wird, da wird sie auch in allen ihren Erscheinungen als göttlich und als heilige Führerin und Lehrerin von alle dem anerkannt, was die Kunst selbst in ihren höchsten Resultaten zur Bildung unseres Geschlechts beizutragen imstande ist und anspricht. Alle Bestrebungen, die Idee der Elementarbildung durch die Kunst, ohne sorgfältige Aufmerksamkeit, auf diesen allgemeinen, tatsächlichen Gang der Natur in der Entfaltung unserer Kräfte zu bauen, führen in ihren Folgen zu Luftschlössern, die oberflächliche, verkünstelte und träumerische Menschen ebenso leicht zu Gelüsten, Ansprachen, Handlungen, Maßregeln und Versuchen hinführen, durch die sie, anstatt den Segen ihrer Mitmenschen zu befördern, Verwirrung, Unglück und Elend unter ihnen vielseitig hervorbringen.

Aller mögliche Vorschritt in den Ausführungsmitteln irgendeiner, tief in die Menschennatur eingreifenden Bestrebung hängt von den Vorschritten in der immer heiteren Erkenntnis des Wesens der Idee selber und der Mittel ihrer Ausführung ab. Ohne immer wachsende Klarheit in der Theorie dieses und ähnlicher Gegenstände haben dieselben durchaus kein Fundament eines inneren, sich untereinander gegenseitig unterstützenden und belebenden Zusammenhangs. Der Vorschritt in der Theorie steht indes in allen ihren Teilen mit der Fortdauer und dem Wachstum der allgemeinen Tätigkeit in der Ausführung eines solchen Gegenstandes im innigsten Zusammenhange. Wir dürfen in keinem einzelnen Fache unserer praktischen Versuche stille stehen. Allenthalben bildet und stärkt die Fortdauer des Tuns die Kraft des Könnens, und das belebte Dasein des Beispiels und tatsächlicher Erfahrungen weckt die Aufmerksamkeit und das Interesse aller sich ihnen nähernden Kreise. Sei auch dein Beitrag zu diesen Erfahrungen noch so klein und geringfügig, sobald er als Resultat und im Zusammenhange mit dem Geist und den Mitteln der Idee der Elementarbildung dasteht, ist er die Aufmerksamkeit und das Interesse der Umgebungen, in denen er dasteht, in dieser Rücksicht zu erregen fähig und geeignet, und je größer und bedeutender ein solcher, als Erfahrungssache dastehender Beitrag an sich ist, desto bedeutender und folgereicher ist auch sein Eindruck auf seine Umgebungen. Indes ist hierbei noch vorzüglich ins Auge zu fassen, nur das Vollendete wirkt allgemein im Großen; nur dieses hat unwiderstehliche Kraft. Hieraus fließt natürlich die Notwendigkeit, die tatsächlichen elementarischen Beispiele und Erfahrungen einzeln zum möglichsten Grad ihrer Vollkommenheit zu erheben. Ich kann mich nicht enthalten, den Gesichtspunkt, daß die große Naturbasis der Idee der Elementarbildung von dem einfachen Gange der Natur in der Entfaltung unserer Kräfte, die in allem Volke liegt, ausgehe, durch ein tatsächliches Beispiel ins Licht zu setzen, das auf eine auffallende Weise heiter macht, wie weit der einzelne Menschen selber in den vorzüglicheren Kunstmitteln des Erziehungswesens hinzuführen geschickt ist. Ein kleiner, armer Junge hatte in einem Kloster, in dem er als Bettelknabe aufgenommen wurde, das Unglück, daß er an eine brennende Laterne anstieß, die von der Bühne herab ins Stroh fiel und es anzündete, wodurch ein sehr beträchtliches Klostergebäude verbrannte. Der arme Junge ward jetzt von jedermann beinahe als ein Scheusal ins Auge gefaßt; niemand wollte ihn mehr in sein Haus hineinlassen; er litt lange Hunger und Mangel; zuletzt lief er davon und irrte bettelnd herum; endlich erbarmte sich eine Glasersfrau seiner und nahm ihn auf. Er lernte ihr Handwerk so wohl, daß sie ihn sehr ungern wieder von sich ließ. Er fing an, sich zu fühlen, wollte mehr als sein Handwerk lernen, durchreiste Italien und einen Teil Frankreichs, ging selber nach England, lernte mehrere Sprachen geläufig und hatte sich eine große Gewandtheit erworben, mit Menschen aller Art umzugehen. Nun war ihm auch sein Handwerk nicht mehr genug. Der Gedanke kam in ihn, als Kammerdiener könnte er es bei seiner Bildung noch viel weiter bringen, als durch sein Reisen auf seinem Handwerk; zugleich trieb ihn eine Art von Wehmut wieder nach seinem Vaterlande zurück, wo er sich für diesen Dienst geradezu bei dem Abt des Klosters meldete, dessen Wirtschaftsgebäude er verbrannt hatte. Die Bildung, Freimütigkeit und Gewandtheit des Mannes machte den Abt aufmerksam; er stellte ihn sogleich als Kammerdiener an, und fand eine so ausgezeichnet gewandte Dienstfähigkeit und Dienstbereitwilligkeit in ihm, daß er eine eigentlich väterliche Zuneigung gegen ihn gewann. Nach wenigen Dienstjahren verheiratete er sich, nahm einen Gasthof zu Lehen, zeigte auch auf demselben seine ausgezeichnet allgemeine praktische Kraft; was aber das Wichtigste ist und warum ich eigentlich von ihm rede, ist dieses: er schickte keines seiner Kinder in die Schule, und gab ihnen in allen Fächern mit einem Erfolg selbst Unterricht, der außerordentlich war und das Erstaunen der ganzen Gegend erregte. Seine fünf Töchter redeten alle Sprachen, die der Vater konnte, geläufig, und waren in allen Teilen der Bildung, in denen sich der Vater auszeichnete, auf eine Weise geübt, als wenn sie durch alle Schulen gelaufen und selber in den höheren Kreisen des Bürgerstands mehr als schulgerecht gebildet worden wären. In allem, was sie angriffen, verständig und vom Morgen bis am Abend tätig, war ihnen dabei auch die niederste Arbeit nicht zu gering. Bürgerlich gekleidet, zogen sie, wenn sie auf dem Felde arbeiteten, ihre Oberröcke aus, schürzten sich nach bäuerischer Weise zur ländlichen Arbeit, und im Gasthofe, bei Fremden, zeigten sie ein Benehmen und einen Anstand, den man neben ihrer Gewandtheit in bäuerischen Arbeiten nicht möglich glauben sollte. Es war, wie wenn sie dem Vater in den Augen ansähen, was er nur wünschte, und wenn er pfiff, so sprang nicht nur eine, es sprangen zwei und drei seiner Töchter daher, zu sehen, was ihm lieb sei und was er befehle, und richteten es mit einer Sorgfalt, Genauigkeit und Tätigkeit aus, die durch die höchsten Resultate der raffiniertesten Kunstbildung nur selten erzielt wird.

So richtig dieses Beispiel des sich selbst Überlassenen, von der Kunst unbeholfenen Gangs der Natur in der Entfaltung unserer Kräfte auch immer da ist, wo er im einzelnen Menschen innerlich stark und kraftvoll belebt und äußerlich von den Umständen begünstigt wird, so ist gleich wahr, daß es in Rücksicht auf das, was die Massa des Volks kulturhalber in allen Ständen bedarf, nichts bedeutet. Die Erscheinung solcher Menschen ist in dieser Rücksicht, was einzelne süße Tropfen Wassers, die in die bitteren, ungenießbaren Fluten gesalzener Meere hineinfallen. Sie verlieren sich im Volk als rari nantes in gurgite vasto. Das Volk bedarf in allen Ständen und unter allen Umständen der Mittel der Kunst zu seiner Bildung, sonst wird es bei alle dem, was zur Entfaltung seiner Kräfte in ihm selbst liegt, sehr leicht und so viel als allgemein ein Opfer der sinnlichen tierischen Reize, beides, zur Verwilderung und zur Verkünstelung, die ohne ein kraftvolles, sittlich und geistig wohl begründetes Gegengewicht, beide gleich sowohl auf den Wegen ihrer sinnlichen Kraftstärkung als auf denjenigen ihrer sinnlichen Abschwächung zur Unmenschlichkeit hinführet. So offenbar ist, daß das Beispiel einzelner Menschen, die sich durch den bloßen Einfluß des Lebens, ohne alle Kunstmittel zu ausgezeichnet hohen, menschlichen Kräften erheben, durchaus nichts, weder gegen das Bedürfnis der Idee der Elementarbildung, noch gegen den Wert derselben beweist.

Sie, die Elementarbildung ist eine wesentliche und dringende Nachhilfe des, von der wahren Kunst unbeholfenen, in einzelnen Fällen einzelne Menschen zwar oft vortrefflich bildenden, aber in tausenden gegen einen die Masse des Volks unnatürlich mißbildenden wirklichen Zeitlebens, wie es sich in seinen Folgen, beides, in Rücksicht seines Einflusses auf die Verwilderung und auf die Verkünstelung des Menschengeschlechts allgemein ausspricht, und ich möchte fast sagen, in jedem Zeitgeist und in jeder Epoche aller menschlichen Jahrbücher dokumentierlich gleich darlegt. Und fassen wir nun den positiven Zwang der Entfaltung des, von der Natur unbeholfenen Lebens, wie es, seltene Fälle ausgenommen, im allgemeinen ist, und hingegen des, von den Mitteln der elementarischen Bildung unterstützten und beholfenen Lebens, wie es seiner Natur nach allgemein in allen Ständen einzuwirken fähig ist, gegenseitig ins Auge, so finden wir, in der ersten Epoche des Lebens mangelt dem Kind, das dem großen Naturgang in der Entfaltung seiner Kräfte kunstlos Überlassen wird, vor allem aus im allgemeinen eine Mutter, welche die Reize zu dem, was sie ihrem Kinde naturgemäß sein sollte, belebt, ruhig und gereift in gebildeter Entfaltung ihrer Kräfte mit Bewußtsein in sich selbst trägt. Ihr Kind gefahret ebenso im allgemeinen durch die gegenseitig sich selbst überlassene instinktartige Belebung dieser Triebe, alle Augenblicke in ihrem wahrhaft naturgemäßen Einfluß auf die Belebung seiner Kräfte gestört, verwirrt und anstatt durch dieselbe naturgemäß gebildet, durch sie naturwidrig verbildet zu werden. Unter diesen Umständen wird das unnatürlich geführte Kind durch die Ansprüche seiner Mißbildung, an denen die Mutter selber Schuld ist, ihr sehr bald selber zur Last.

Sie ergreift, wenn sie gutmütig ist, selber unnatürliche und dem Kinde durch seine Sinnlichkeit schädliche Stillungsmittel seiner unnatürlich belebten Unruhe; wenn sie aber leidenschaftlich ist, so versucht sie die Unruhe ihres Kindes durch Äußerungen ihrer eigenen Unruhe und ihrer eigenen Unbehaglichkeit zu stillen. Sie schieltet und straft das Kind, das nichts verschuldet, das nur so ist, wie es unter ihrer Führung hat werden müssen. Sie straft die Unschuld. Sie legt den ersten Samen der Leidenschaft, sie legt den ersten Samen des Verlustes der Unschuld in das arme Geschöpf. Das Göttliche und Reine, das aus der ruhigen Selbsttätigkeit der Kräfte der Kinder selbst hervorgeht, verliert sich allmählich. Das Leidenschaftliche und Ungöttliche, das aus der unnatürlich belebten, sinnlichen und tierischen Natur hervorgeht, verstärkt sich von Tag zu Tag. Die natürliche Entfaltung seiner Anschauungskraft wird verwirrt. Der bildende Einfluß zweckmäßig vor die Sinne gebrachter Gegenstände der Anschauung wird vielseitig im Kind still gestellt und diese Gegenstände selber ebenso vielseitig seinen Sinnen entrückt und ihm hingegen die Menge dasselbe mißbildender Gegenstände mit unnatürlich belebten Reizen vor die Sinne gebracht, folglich die naturgemäße Ausbildung der Anschauungskraft gleichsam in ihrem Ursprung unnatürlich verwirrt, und dadurch die naturgemäße Entfaltung der Sprachkraft ebenso wie diejenige der Denkkraft, deren erste Fundamente beiderseits in der naturgemäßen Entfaltung der Anschauungskraft liegen, wo nicht gänzlich unmöglich gemacht, doch ihrer naturgemäßen Entfaltung schon in diesem Zeitpunkt so viel als unübersteigliche Hindernisse in den Weg gelegt, und damit so viel als alles zernichtet, wodurch das naturgemäß geleitete, häusliche Leben im Alter der Unmündigkeit selber das Kind zur naturgemäßen Benutzung der Schuljahre vorbereiten und ihm segenreich machen konnte.

Sehen wir das Kind also aus der Epoche der Wohnstubenbildung austreten, so liegen in ihm keine natürlich belebten Reize für irgend etwas, das die Schulbildung ihm naturgemäß geben sollte. Es hat keine naturgemäß belebte Anfangspunkte für das, was es in der Schule naturgemäß fortsetzen sollte. Es kommt in eine neue Welt, die für dasselbe durchaus keinen geistig und gemütlich, wohl aber einen leidenschaftlich belebten Zusammenhang mit seiner Mißbildung hat. Es tritt eigentlich für die Vorschritte der Mißbildung, die es in der Schulführung zu machen Gelegenheit hat, wohl vorbereitet in die Schule. Seine Hausmißbildung kommt mit der Hausmißbildung der ganzen Schar seiner Mitschüler in belebten Zusammenhang; und da die Mißbildung aller in ihrem Wesen allgemein gleichen Ursprungs und gleicher Natur ist, so wird sie auch sehr leicht allgemein ansteckend. Die Frechheit unter vielen Kindern ist bald allgemein erzeugt, wo die Bescheidenheit in jedem einzelnen nicht zum voraus schon kraftvoll belebt ist. Ebenso sind der böse Mutwille, die schamlose Leichtfertigkeit, das böse Verhöhnen, Beleidigen und Kränken der Schwachheit und der Armut und alle Fehler der Lieblosigkeit und Hartherzigkeit in der Epoche der Schulzeit in den Herzen der Kinder leicht ansteckend, wenn im häuslichen Leben nicht schon zum voraus Anmut, Liebe, Friede und Ruhe, die dem kindlichen Alter so natürlich sind, in den einzelnen Schulkindern kraftvolle Nahrung gefunden und ihnen im belebten Kinder-, Bruder-, und Schwestersein habituell und gleichsam zum Bedürfnis und zur anderen Natur gemacht worden. Ebenso sind in geistiger Hinsicht die Zerstreuung, Gedankenlosigkeit, Unaufmerksamkeit, Unvorsichtigkeit und Übereilung unter dem Haufen der Schulkinder bald allgemein ansteckend, wenn die Aufmerksamkeit, das Überlegen und Nachdenken durch die Hausbildung der Einzelnen in ihnen noch keine kraftvolle Wurzel gefaßt hat.

Hinwieder sind in physischer Hinsicht Trägheit, Gemächlichkeit, sinnliche Lüsternheit und ihre Folgen, diese Hindernisse der Entfaltung der Gewandtheit, Anstrengung und Ausharrung in der bürgerlichen und häuslichen Tätigkeit in den Schuljahren ebenso ansteckend, wenn die häusliche Bildung ihren kindlichen, liebenden Sinn nicht zum voraus zur physischen Entfaltung und Belebung ihrer Glieder und zur Teilnahme an verschiedenen Arten der ihnen zukommenden, häuslichen Tätigkeit und selber zur eifrigen Anstrengung und Ausharrung in derselben gereizt und angewöhnt hat. Der Schulmeister kann unter diesen Umständen, so gerne er auch wollte, durchaus nicht naturgemäß auf die Fortbildung der sittlichen, geistigen und physischen Kräfte seiner Kinder einwirken: weil der Punkt dieser Bildung, der ihnen im häuslichen Leben schon hätte gegeben werden sollen, in ihnen nicht, wie er sollte, schon naturgemäß entfaltet und belebt vorliegt. Er kann sich unter diesen Umständen durchaus nicht als väterlicher Erzieher seiner Kinder fühlen und denken, im Gegenteil, er muß soviel als notwendig als mühseliger Unterrichter und Abrichter von Kindern, deren Geist, Herz und Hand ferne von ihm und von alle dem ist, was er ihnen einüben sollte, ansehen und fühlen, und ist, um auch nur einen Scheinerfolg seiner Unterrichts- und Abrichtungsmittel sicherzustellen, in der traurigen Lage, zu Mitteln der höchsten Unnatur seine Zuflucht zu nehmen und seine Kinder durch Belohnungen, durch eitle Ehre und Ruhm zu dem hinzulocken, was sie, wenn sie im häuslichen Leben naturgemäß erzogen und für das, was sie in der Schule lernen sollten, wohl vorbereitet worden wären, in seinen Elementen schon in sich selber tragen und in den Bildungsübungen seiner Vorschritte gerne und mit Freude sich selber eigen machen würden. Ebenso muß er sie mit der rohen Gewalt unnatürlicher Schulstrafen von Dingen abhalten, die im anderen Falle ihnen weder von selbst schon zur eingewurzelten Übung geworden, noch auch so leicht durch das Beispiel anderer ansteckend auf sie hätten wirken können. Und treten solche erziehungshalber im häuslichen Leben nicht nur verwahrloste, sondern selber mißbildete Kinder in diesem Zustand aus den Kinderschulen in höhere und überhaupt in die verschiedenartigen Bildungs- und Unterrichtsanstalten für das wissenschaftliche oder praktische, bürgerliche Leben, so ist die in diesem Zeitpunkt sehr belebt wachsende Kraft ihrer physischen Entfaltung sehr geeignet, allen Reizen der Zügellosigkeit, Selbstsucht, Frechheit und Gewalttätigkeit des sinnlichen Lebens und seiner tierischen Ansprüche in einem hohen Grad starke, leidenschaftliche und gefährliche Nahrung zu geben, und sie dahin zu führen, auf das Fundament oberflächlicher Kenntnisse, unreifer Entfaltungen und halberlernter Kunst- und Berufsfertigkeiten anmaßungsvolle, alle Subordination mißkennende und auf leere Luftschlösser gebaute Ansprüche zu machen, deren Folgen wir in unserem Zeitalter in einem hellen Licht oder vielmehr in grellen Erscheinungen als eine Hauptursache des vielseitigen Unglücks unserer Tage erkennen gelernt haben. Fassen wir endlich diese, auf einer solchen Bahn erwachsene Menschen als Väter und Mütter in häuslicher, als Geschäftsmänner in bürgerlicher und Berufshinsicht ins Auge, so erscheinen die Folgen ihrer, in der ersten Stufe ihres jugendlichen Lebens nicht naturgemäß genossenen Bildung nur erst in ihrem grellsten Licht oder vielmehr in ihren weitführenden, traurigen Wirkungen. Im Verderben des positiven Lebens unseres unnatürlich verkünstelten Zeitgeists und des durch ihn gewaltsam belebten und gestärkten, allgemein sinnlichen Weltgeistes aufgewachsen, mangeln ihnen die wesentlichsten soliden Kenntnisse, Neigungen und Fertigkeiten, die eine gute, naturgemäße Erziehung im Vaterhause und eine darauf gebaute, gute naturgemäße Schul- und Berufsbildung sowohl im Knaben- als im Jünglingsalter ihnen gegeben oder vielmehr sie dazu vorbereitet hätte. Die reinen, menschlichen Beweggründe und Antriebe zur Erfüllung ihrer häuslichen und bürgerlichen Pflichten haben in ihnen selbst keine naturgemäße, reelle Begründung. Sie finden nur in ihrer Verwilderung und ihrer Verkünstelung, so wie in Reizen, die dieses doppelte Verderben in ihnen stärken und beleben, Beweggründe zur segenslosen Scheinerfüllung der Pflichten, auf deren äußerliche Erfüllung ihre Verhältnisse wider ihren Geist und wider ihr Herz zwingend einwirken. Sie können in dieser Lage dem Schein nach oft recht viel Gutes tun, das sich aber auch nur durch das Sprichwort:''Die Not bricht Eisen"" in seiner Wahrheit erklären läßt. Die wesentlichen Fundamente alles wahrhaft häuslichen und bürgerlichen Guten mangeln ihnen im ganzen Umfange. Die Pflichten und Rechte, die die Menschlichkeit anspricht, sind ihnen ganz untergeordnete Beweggründe ihres, sie auf keine Weise menschlich erhebenden und menschlich befriedigenden Weltsinns. Die Quellen der Liebe sind in ihnen verödet, und von der Wahrheit fragen sie in dieser Verödung:

Was ist sie? Und wie sie sind, fragen sie das mit Recht. Die Wahrheit an sich, in ihrer Reinheit, ist ihnen nichts und kann ihnen nichts sein. Sie ist nicht in ihnen. Der ganze Umfang der Dienst- und Notpflichten ihrer Sinnlichkeit hat weder in ihr noch in der Liebe ein Fundament der Reize, die sie anspricht; darum ist ihre Erfüllung auch in ihrem häuslichen und in ihrem öffentlichen Leben segenslos.

Doch ich mag das Bild der Folgen, die aus dem Mangel einer soliden, naturgemäßen Begründung des Erziehungswesens im häuslichen Leben in den ersten Kinderjahren bei dem Verkünstelungsverderben der Zeit so allgemein sind, nicht weiter ausführen; ich setze im Gegenteil, dieses Bild zu mildern, noch hinzu, diese unglücklichen Folgen des Mangels einer guten, naturgemäßen häuslichen Erziehung in den ersten kindlichen Jahren können freilich in den folgenden Jahren durch den Einfluß der Religion in einzelnen Fällen in einem hohen Grad gemildert und zum Teil wirklich ausgelöscht werden. Sie erscheinen also im wirklichen Leben bei weitem nicht allgemein in einem so grellen Lichte. Aber wenn der Mensch schon in seinen späteren Jahren, auf welche Weise und durch welche Mittel es auch geschehen mag, dahin kommt, ganz einzusehen, was ihm zur soliden Begründung des häuslichen und bürgerlichen Segens seines Lebens mangelt, und wenn er auch wirklich dahin kommt, diesen Mangel mit bitteren Tränen zu beweinen, so ist er doch in seinen Folgen bis auf einen gewissen Punkt so viel als unauslöschlich bleibend in ihm. Wenn er auch dahin kommt, seine Unfähigkeit, sein Brot auf eine, sein Herz selber befriedigende Weise zu verdienen und seine Kinder zu allem Guten und Segensreichen, dessen sie bedürfen, zu erziehen und den Armen um sich her mit dem besten Herzen zu dienen, ganz einzusehen, so hat er um deswillen die gebildeten Kenntnisse und Fertigkeiten, die hierfür notwendig sind, doch nicht in sich selber, und bleibt in dieser Rücksicht hinter dem Zustand, zu welchem er durch eine, von der Wiege an durchgeführte, elementarische Führung gekommen wäre, bis an sein Grab zurück.

Ich verfolge meinen Weg, und so wie ich eben versucht habe, den positiven Gang des von der Kunst unbeholfenen Lebens, wie es, seltene Fälle ausgenommen, sich in seinen Folgen allgemein ausspricht, darzulegen, so fahre ich fort, das von den Mitteln der wahren, naturgemäßen und elementarischen Bildung unterstützte Leben, wie es wirklich ist und in seinen Folgen notwendig sein muß, auf eben diese Weise ins Aug' zu fassen.

In der ersten Epoche des kindlichen Lebens ist keine elementarische, naturgemäße Bildung denkbar, ohne eine Mutter, die das Wesen der Mittel dieser Bildung entweder in ihren höheren Herzens- und Geistesanlagen individuell in sich selbst trägt, oder sie wirklich durch die solide Erlernung derselben sich genugtuend eingeübt hat. Das Wesen dieser Mittel ist seiner Natur nach geeignet, wahrhaft bildend auf ihr Kind einzuwirken und ebenso die Reize zu seiner Mißbildung allgemein stille zu stellen und zu schwächen. Das große erste Gesetz dieser Bildung ist die Ruhe des unmündigen Kindes. Diese muß durch die Mutter auf alle Weise befördert werden, und es liegt in der Natur ihres untergeordneten Instinkts selber, daß diese Ruhe ihr heilig sei. Sie tut alles, diese Ruhe zu fördern und ihre Störung zu verhüten. Es liegt im Naturgang ihrer Führung, daß sie alles tue, es zu stillen und nicht unnatürlich zu stören oder stören zu lassen. Die Sorge dieser Handlungsweise der Mutter führt dahin, daß die erste Belebung der Kräfte ihres Säuglings nicht aus äußeren, zufälligen und zur Unruhe führenden, sinnlichen Reizen, sondern aus dem Selbsttrieb, welcher der Entfaltung aller seiner Kräfte allgemein zum Grunde liegt, selbst hervorgehe, und sich ruhig und still durch ungestörtes und unverwirrtes Anschauen seiner Umgebungen in ihm selber entfalte, bilde und stärke. Bei dieser Führung wird das Kind, das von seiner Mutter zu keiner unnatürlichen Unruhe gereizt, sondern vielmehr durch sie vor ihren mißbildenden und irreführenden Reizen geschützt wird, ihr auch nicht leicht zur Last; und sie kommt so leicht weder in den Fall, in blinder Gutmütigkeit, unnatürliche und dem Kinde schädliche Stillungsmittel seiner gereizten Unruhe zu gebrauchen, noch in gereizter Leidenschaftlichkeit der Unruhe des Kinds durch Äußerungen ihrer eigenen Unruhe Einhalt zu tun und dasselbe in diesem Gemütszustande zu schelten, zu strafen, seine Unschuld zu kränken und den Samen der Leidenschaft in ihm zu reizen und zu beleben.

Das Reine und Göttliche, das aus der ruhigen Selbsttätigkeit der Kräfte des Kindes selbst hervorgeht, wird durch das diesfällige Benehmen der Mütter von Tag zu Tag in ihm immer mehr gestärkt. Seine Anschauungskraft wird durch dasselbe naturgemäß entfaltet und dadurch die Entfaltung seiner Sprachkraft naturgemäß begründet. Die Gegenstände, die dieses bezwecken, werden ihm mit Sorgfalt und Kunst in Übungen, die stufenweise aufeinander folgen und sich so fortschreitend begründen, vor die Sinne zur Anschauung gebracht, und dadurch wird sein solides Redenlernen ein notwendiges und unfehlbares Resultat seiner Anschauungsübungen und ihres in der Natur der Dinge selbst liegenden Zusammenhangs, über dessen Eindruck es sich wörtlich ausdrücken, d.i. reden lernen soll, und ebenso wird dadurch die naturgemäße Entfaltung der Denkkraft mit derjenigen der Anschauungskraft so innig verbunden und so einfach und naturgemäß aus ihr hervorgehen gemacht, daß die Zwischenstufe der zu bildenden Sprachkraft als ein mechanisches, an sich lebloses Ausdrucksmittel des Geistes und des Lebens dieses innigen Zusammenhangs der Anschauungs- und der Denklehre und ihres gegenseitigen Einflusses aufeinander angesehen werden kann; wodurch es dann auffällt, daß durch die solide, elementarische Führung des Kinds dasselbe in seiner häuslichen Bildung schon in seiner Unmündigkeit auf eine solide Weise zu einer segensvollen Benutzung seiner Schuljahre und Schulführung vorbereitet und tüchtig gemacht wird. So wie es bei dieser Führung aus der bisher genossenen, häuslichen Bildung in die Schulführung hinübergeht, findet es sich in alle dem, was die erste Stufe dieser Führung ihm einüben soll, durch das, was es in den bisherigen Übungen seines häuslichen Lebens schon genossen, vorzüglich und gut vorbereitet. Das, was die naturgemäß begründete Schulführung ihm geben will und geben soll, findet durch seine häusliche Führung in ihm schon belebte Reize, es selber zu wollen und sogar nach ihm zu haschen.

Die Anfangs- und Anknüpfungspunkte dessen, was es in der Schule lernen soll, sind durch die Anschauungserkenntnisse seines häuslichen Lebens vorbereitet und vorliegend. Es findet sich sehr leicht in alles, was es in der neuen Welt, in die es jetzt eintritt, naturgemäß lernen und sich einüben sollte. Alles in dieser Laufbahn naturgemäß zu Erlernende hat einen innig belebten Zusammenhang mit dem, was es in seiner häuslichen Führung sich naturgemäß eingeübt und eigen gemacht hat. Diese steht mit alle dem, was ihm in der Schule eingeübt werden soll, in innigstem Zusammenhang. So wie die Mißbildung schon im häuslichen Leben verwilderter und verkünstelter Kindern bei denjenigen ihrer Mitschüler, die für die diesfälligen Fehler in beiden Rücksichten schon merklich empfänglich sind, leicht ansteckend wird, so wird auch die Bildung der, im häuslichen Leben gemütlich und geistig für die Schuljahre wohl vorbereiteten Kinder für diejenigen ihrer Mitschüler, die in ihrem häuslichen Kreise mehr und minder auch gemütlich und verständig erzogen worden, ich darf nicht sagen, ansteckend, aber doch reizend und anziehend. Unfehlbar wird der elementarisch gebildete Schulmeister schnell auf sie aufmerksam werden, und ihre Mitschüler auf ihre vorzügliche Fähigkeit im Erlernen, auf ihr anmutsvolles, liebreiches Benehmen aufmerksam machen. Er wird sie bald brauchen können, schwächeren Kindern in seinen Schulübungen nachzuhelfen und ihnen zu dienen, und da jeder Massaverein nur durch das Vorschreiten seiner einzelnen Glieder in den Zwecken seines Vereins wahrhaft vorschreitet, so ist es natürlich, daß jede elementarisch zu bildende Schule die Sicherheit und Solidität ihres allgemeinen Vorschreitens durch Einfluß einzelner, im häuslichen Leben schon im Geist einer elementarischen Schulführung geführter Kinder zu suchen hat und zu finden imstande ist. Wahrlich, es lassen sich große Hoffnungen auf diese Ansicht bauen. Wenn die Unnatur aller Torheit und Schwäche durch einige Anhängsel von Bonbons und Zieraten, wie man sieht, zu leicht ansteckend werden könnte, warum sollte doch die Naturgemäßheit wahrer und kraftvoller Erziehungsmaßregeln durch ihre unfehlbare Segensfolgen nicht auch für die Massa des Volks in allen Ständen und in allen Altern anziehend, überzeugend und hinreißend, oder welches ebensoviel ist, in gewissen Rücksichten ansteckend werden können? Und wie sollte es möglich sein, daß dieses in einer elementarisch wohl zu begründenden Schule nicht vorzüglich der Fall sein sollte? Es ist nicht anders möglich; alle einzelnen, im häuslichen Leben zur elementarischen Führung wohl vorbereiteten Kinder werden und müssen auf die Massa der mit ihnen elementarisch zu bildenden Schulkinder einen wesentlich segensvollen Einfluß haben.

Doch, ich bin aus dem bestimmten Zusammenhang des Bildes, das ich darlegen wollte, etwas herausgefallen. Ich dachte mir eine Elementarschule, die von Kindern zusammengesetzt wäre, welche sämtlich schon zum voraus eine elementarisch wohlbegründete, häusliche Erziehung genossen hätten; und von einer solchen Schule wäre wohl unendlich mehr zu erwarten, als ich eben sagte. Die Frechheit, die Gedankenlosigkeit, Sorglosigkeit, Untätigkeit und Ungewandtheit, und mit einem Wort, die Fehler, die unter einem Haufen von Kindern, welche im häuslichen Leben nicht naturgemäß zu einer, diesen Fehlern entgegengesetzten Gemütsstimmung und Lebensweise gebildet werden, sind in Kindern, die im häuslichen Leben in der Kraft wahrhaft elementarischer Bildungsmittel naturgemäß erzogen worden, ich will nicht sagen, in ihren Wurzeln vertilgt, aber ganz gewiß der belebenden Reize beraubt, die sie im entgegengesetzten Falle so leicht ansteckend machen. Solche Kinder sind beim Eintreten in die Schuljahre und in die Schulstube eines lieblichen, freundlichen und wohlwollenden Benehmens, eben wie eines überlegten, besonnenen, tätigen, fleißigen Lebens gewohnt. Rohheit, Unbesonnenheit und Müßiggang ist auf keine Weise in ihr Fleisch und Blut eingewurzelt; wohl aber ist ihnen der milde sanfte Geist, die belebte Aufmerksamkeit, Überlegung und Tätigkeit eines naturgemäßen, unverdorbenen Wohnstubenlebens von der Wiege an eingeübt und natürlich geworden. Die wesentlichen Anfangspunkte alles dessen, was sie in der Schule lernen und worin sie sich in derselben weiter bilden sollen, sind schon wesentlich in ihnen belebt und von der Wiege an eingeübt. Der Schulmeister hat in sehr vielen Rücksichten nur mit Sorgfalt auf das fortzubauen, wozu im häuslichen Leben die wirklichen Fundamente schon gelegt sind, und wozu sie jetzt im Schulleben nicht eigentlich erst empfänglich gemacht, sondern in ihrer gebildeten Empfänglichkeit nur gestärkt und weitergeführt werden dürfen. Der Schulmeister fühlt sich unter diesen Umständen als väterlicher Fortsetzer und Mithelfer der Erziehung von Kindern, die ihm innerlich wahrhaft nahe und mit dem ganzen Umfange seiner naturgemäßen Schulmittel in Übereinstimmung stehen und mit Geist, Herz und Hand freiwillig und mit Lust und Liebe daran teilnehmen. Er hat durchaus, um die soliden Wirkungen der elementarischen Führung seiner Schulstube mit Sicherheit zu erzielen, nicht nötig, zur Unnatur von Schulbelohnungen und Schulstrafen seine Zuflucht zu nehmen, davon die einen das Herz der Kinder durch Sinnlichkeit und Ehrgeiz verderben, die anderen dasselbe durch Kränkungen erniedrigen und mißstimmen.

Häuslich elementarisch wohlgebildete Kinder tragen den Reiz, sich selbst in alle dem weiterzuführen, was schon angefacht und belebt in ihnen liegt, in sich selbst, und wollen in alle dem gerne weiter, was in seinen früheren Stufen im häuslichen Leben schon Reize für sie hatte und sie belebt ansprach, was in der elementarischen Führung wesentlich und soviel als notwendig ist. Kommen dann also elementarisch gebildete, angehende Jünglinge aus den Knabenschulen in höhere, wissenschaftliche Bildungsanstalten oder als Lehrlinge in die Werkstätte bürgerlicher Berufe, so sind sie durch die naturgemäße Führung ihres Kindes- und ihres Knabenalters in einem hohen Grad fähig gemacht, diese Anstalten und Werkstätte für ihr künftiges Leben segensvoll zu benutzen. Freche Rohheit, Mutwille, blinde Anmaßung und tolle Kühnheit, die in diesem Alter so leicht einen, in verschiedenen Farben und Gestalten sich entfaltenden, aber in allen Formen gleich unnatürlichen und verderblichen Burschengeist erzeugt, hat in ihrer häuslichen und in der, aus derselben hervorgegangenen und auf sie gegründeten, elementarischen, häuslichen und Schulbildung ein kraftvolles Gegengewicht gegen diese, dem allgemeinen Segen des häuslichen und bürgerlichen Lebens in allen Ständen so tödlich ans Herz greifende Ausartung des in diesem Alter lebendig erwachenden Kraftgefühls der Menschennatur.

Der elementarisch wohlerzogene Jüngling fühlt sich über die Reize der jugendlichen Tollkühnheit und der bösen Kühnheit ihrer Ansprüche in sich selbst hocherhaben. Interesse seines Geistes und seines Herzens lenken ihn mit Kraft von den Reizen des blinden Aufschwungs solcher jugendlichen Anmaßungen und Ansprüche weg. Er hat in sich selber höhere Ansprüche des Geistes und des Herzens, denen er mit ernster Kraft, besonderer Ruhe und innerer Stille entgegenstrebt. Die Vorbereitung auf die praktische Laufbahn seines künftigen Lebens, die ihm nahe bevorsteht, verschlingt sein ganzes Interesse, begründet und bildet die ganze Tätigkeit dieser Epoche; und so tritt er im gereiften Segensgenuß der naturgemäßen Bildungsmittel seiner häuslichen Erziehung, seiner Schuljahre, seiner Standes- und Berufsbildung als Vater und Bürger in die Laufbahn, für welche die Epoche seines früheren Lebens als wesentliche Vorbereitungsmittel ihres gesegneten Erfolgs angesehen werden müssen. Seine Stellung ist jetzt der Anfangspunkt von Pflichten, zu deren Erfüllung er von seiner Wiege an bis zu dem Endpunkt seiner diesfälligen Bildung naturgemäß ist vorbereitet worden. Er genießt als Vater und Bürger ihren bleibenden Segen in vollem Maße bis an sein Grab. Er besitzt durch seine, von der Wiege an solid begründeten und ausgebildeten Erkenntnisse, Neigungen und Fertigkeiten ein naturgemäß begründetes Gegenmittel und Gegengewicht gegen die Reize und Folgen, die das Verderben der Verwilderung und Verkünstelung unseres Zeitgeistes und seines ihn allgemein begründenden Weltsinns, beides, sowohl auf die Schwäche als auf die Rohheit der sich selbst überlassenen, sinnlichen Menschennatur allgemein hat. Die Pflichten seiner Lage und seiner Verhältnisse sind mit der Richtung seines Geistes und seines Herzens und mit den Fertigkeiten und Gewohnheiten seines Lebens in Übereinstimmung. Sie müssen die Beweggründe zu ihrer Erfüllung nicht außer sich in Reizen und Trieben suchen, die das Verderben der Verwilderung und Verkünstelung in der Menschennatur allgemein erzeugen und stärken. Sie finden in sich selbst in der bestehenden Richtung ihres Geistes und ihres Herzens, sie finden in den Urteilen ihres Geistes, in den Neigungen ihres Willens, in den Fertigkeiten ihres Tuns und Lassens innerlich belebte Beweggründe zur segensvollen und sie befriedigenden Erfüllung der Pflichten ihrer Lage und ihrer Verhältnisse. Sie fühlen sich als Menschen, als Väter, als Bürger, in der Erfüllung dieser Pflichten ebenso gesegnet und glücklich, als sie dadurch Segen, Wohlstand und Befriedigung in ihren Umgebungen und Verhältnissen verbreiten. Die hohen, heiligen Fundamente des Guten, das sie tun, gehen in ihnen aus Liebe und Glauben hervor. Sie sprechen zur Wahrheit nicht: Was bist du? und zum Recht nicht:

Was willst du? Ihr Herz ist ferne von den Lügen. Darum erkennen sie auch die Fundamente der Wahrheit, die ihnen dient und deren sie bedürfen, vielseitig mit vieler Sicherheit in sich selbst, und was recht ist, sagt ihnen ihr Gewissen mit innerer, göttlicher Stimme. Die Wahrheit, die in ihrer Reinheit ihren Geist und ihr Herz anspricht, ist ihnen alles. Sie ist in ihnen selber in ihrer Liebe und in ihrem Glauben begründet. Sie glauben an die Wahrheit, weil sie sie lieben, und lieben sie, weil sie an sie glauben. Hierin liegen die letzten und höchsten Segnungen der Naturgemäßheit in der Entfaltung der Kräfte und Anlagen der Menschennatur, deren Erkenntnis und Erforschung die Idee der Elementarbildung nachstrebt.

Ich habe das Weitführende dieser hohen Idee und ihres häuslichen und bürgerlichen Einflusses auf die solide Begründung des öffentlichen und Privatwohlstandes unseres Geschlechts mit Wärme für die Anerkennung der Wahrheit dieser Ansichten zu beleben gesucht. Ich wiederhole es jetzt nicht. Im Gegenteil, ich halte es für meine Pflicht, so viel an mir ist, zu verhüten, daß diese meine Lieblingsansichten nicht einseitig und oberflächlich ins Auge gefaßt und dadurch träumerische und eitle Hoffnungen auf dieselben gebaut werden, deren Mißlingen nicht anders als dahin wirken könnte, dem realen Vorschritt dieser hohen Idee, sowohl in ihrer Erkenntnis als in ihrer praktischen Ausführung und Benutzung wesentliche Hindernisse in den Weg zu legen. Sie, diese hohe Idee, ist in ihren Ausführungsmitteln eigentlich noch nicht da. Die Mittel ihrer Kunst, wenn ich sie auch nur in geistiger Hinsicht als Mittel der Anschauungslehre, Sprachlehre und Denklehre ins Auge fasse, sind sämtlich noch nicht genugtuend in unseren Händen. Ihre Ausarbeitung ist das erste, womit ihre Einführung auch nur von ferne angebahnt werden kann. Selber die Zahl- und Formlehre, die in Rücksicht auf ihre Brauchbarkeit weit mehr als alles, was wir elementarisch Bearbeitetes in unserer Hand haben, ihrer Vollendung nahe gebracht, ist in dem Zustande, in welchem die Kunstmittel der elementarischen Anschauungslehre hilflos, verödet und unausgearbeitet noch so viel als ein Traum in unserer Mitte dastehen, ohne ihren naturgemäßen Boden. Sie geht immediat aus den ersten Anfangsübungen der Anschauungslehre hervor und alle Vorschritte ihrer Übungen sollen mit den Vorschritten der elementarischen Sprachlehre gleichen Schritt halten. Sie, die Übungen der Zahl und Formlehre, werden nur dadurch, was sie ihrer Natur nach sein sollen, naturgemäße Übungen der elementarisch zu begründenden Denklehre.

Die Bearbeitung der diesfalls so vielseitig mangelnden, elementarischen Anfangsübungen in allen Fächern der Geistesbildung ist dringend und dem Anschein nach so schwierig, daß wenige Menschen sich beim Anblick des Anfangs ihrer Bedürfnisse nicht von der Teilnahme an ihrer Bearbeitung abschrecken ließen. Auch die im gewohnten Gange ihres Lebens tätigsten Menschen scheuen Arbeiten, die mit ihrem Routinefleiß nicht in Übereinstimmung sind, oder gar mit ihm im Widerspruche stehen. Sie achten gewöhnlich ihre Mühseligkeiten ohne alles Verhältnis größer, als sie wirklich sind. Dieses ist in Rücksicht auf das gegenwärtig ins Auge gefaßte, vorzügliche Bedürfnis der Idee der Elementarbildung bestimmt der Fall. Das innere Fundament aller Ansprüche, die die Idee der Elementarbildung erheischt, so wie aller Resultate, die sie hervorzubringen geeignet ist, liegt in uns selbst; es offenbart sich allgemein in allem Volk und erscheint dem geübten Auge eines psychologischen Forschers allgemein sichtbar. Die Mittel der Übereinstimmung der Kunst mit dem Gange der Natur liegen in ihren wesentlichen Fundamenten offenbar in uns selber. Ihre ausgeführte Bearbeitung hängt also wesentlich und vorzüglich von unserer Bestrebung, sie ausarbeiten zu wollen, ab. Auch wird ihre Bearbeitung dadurch jedem unverdorbenen Vater- und Mutterherzen und auch jedem Erzieher, in dem ihr Fundament innerlich belebt ist, in der Ausübung ihrer Anfangspunkte wesentlich und sehr erleichtert. Das ist so wahr, daß hie und da wesentliche Teile dieser als Kunstprodukt noch nicht bearbeiteten Mittel in allen mehr und minder naturgemäß geführten Erziehungs- und Unterrichtsanstalten selber unbewußt wirklich ausgeübt werden. Wer diesfalls auch keine Spur der Kunst in sich und für sich hat, wird durch die treue Benutzung des kunstlosen Zwangs der Natur der Dinge, der belebt in ihm liegt, gleichsam zum voraus kunstfähig; und es ist auch in dieser Rücksicht wahr, wer in dem wenigen, das er hat, treu ist, wird dadurch über vieles gesetzt und zu vielem hinkommen, das er nicht hat. Das ist um so auffallender, da alle, auch die höchsten Resultate der Elementarbildung aus den gewonnenen, äußerst einfachen Anfangspunkten ihrer ersten Bildungsmittel gleichsam von selbst herausfallen und also die fortschreitende Anwendung ihrer Bildungskraft Stufe für Stufe immer leichter werden muß.

Das naturgemäße Wachstum der Vorschritte dieser hohen Idee hängt also, wie so viel anderes Gute, das der Mensch sich einüben und eigen machen soll, von dem wahren, belebten Glauben und der treuen, dankbaren Benutzung alles dessen ab, was von dem, das er weiter sucht und wonach er weiterstrebt, schon in ihm selber liegt. Das allervorzüglichste und wesentlichste Bedürfnis, das diese hohe Idee diesfalls anspricht, besteht ohne allen Widerspruch darin, daß diese Mittel in den ersten Anfangspunkten, wie ihrer die Kinder von der Unmündigkeit an bis ins siebente und achte Jahr bedürfen, in der möglichsten Vollendung ausgearbeitet und zur unbedingten Benutzung also vorgelegt werden können. Das kann uns aber bei den Erfahrungen und Versuchen, die wir diesfalls so viele Jahre gemacht haben, unmöglich schwer fallen. Und da das, was später darauf folgt und ebenso notwendig zu bearbeiten ist, wesentlich und allgemein aus der Vollendung dieser Anfangspunkte oder vielmehr aus der durch sie im naturgemäßen Stufengange ihres Wachtums belebten und gestärkten Menschennatur selber hervorgeht, so kann die Bearbeitung der Kunstübungsmittel, die diese Idee für die Bildung der Kinder in ihrem späteren Alter anspricht, Männern, die mit der Bearbeitung der ersten Stufe dieses Bildungsgangs mit sich selber im Reinen sind, unmöglich schwer fallen; obgleich auch bestimmt wahr ist, daß das, was wir bisher zur elementarischen Bearbeitung der Anschauungslehre, der Sprachlehre, der Denk- und der Kunstlehre im allgemeinen erreicht, uns kaum an den Grenzpunkt dessen, was die elementarische Bearbeitung jeder einzelnen Wissenschaft und Kunstlehre auf die Fundamente der wesentlichen, elementarischen Grundsätze und Mittel anspricht und erfordert, erhoben hat. Es ist offenbar, daß wir, um auch nur auf die Anfänge dessen, was in dieser letzten Rücksicht zu tun wesentlich notwendig ist, das mitwirkende, tätige Interesse der allgemeinen Kultur und Humanität unseres Zeitalters, wo dieses sich immer in der Reinheit seiner Ansichten und Mittel mit dem Wesen der Idee der Elementarbildung harmonisch bewährt, dringend notwendig haben, und die Aufmerksamkeit der Menschen- und Erziehungsfreunde für diesen Zweck allgemein ansprechen müssen.

Ich komme aber in der Ansicht des ganzen Umfangs der Ausarbeitungsbedürfnisse der Kunstmittel, die die Idee der Elementarbildung anspricht, immer auf den Gesichtspunkt zurück, daß dieselbe die feste Anerkennung eines, in allem Volke liegenden Gangs der Natur in der Entfaltung unserer Kräfte als das ursprüngliche Fundament und gleichsam als die Urquelle aller und jeder Kunstmittel der Elementarbildung, folglich auch als den Hauptgesichtspunkt ihrer Ausarbeitungsmittel voraussetzt und wesentlich aus demselben hervorgeht.

So wie ich eine, auf dieses Fundament gebaute, sorgfältige Ausarbeitung der Kunstmittel und Bildungsübungen, die die elementarische Entfaltung der Geisteskraft in Rücksicht auf die naturgemäße Begründung der Anschauungslehre, der Sprachlehre und der Denklehre anspricht, als dringend notwendig erachte, wenn die Kunstmittel der elementarischen Geistesbildung nicht bloß zu oberflächlichen, der Menschennatur nicht genugtuenden, sondern sie vielmehr verwirrenden und zur Unnatur unseres Verkünstelungsverderbens lockenden Maßregeln hinführen sollen; so halte ich es aus eben diesen Gründen für notwendig, daß zur soliden Anbahnung der Ausführung dieser hohen Idee ungesäumt eine Anzahl Jünglinge und Töchter eigentlich zur vollständigsten und solidesten Benutzung und Anwendung des ganzen Umfangs dieser ausgearbeiteten Mittel erzogen und gebildet werden. Wenn solche Anstalten für diesen Zweck ihrer progressiv wirkenden Bestimmung auch nur mäßig entsprechen, so werden ganz sicher Personen aus ihnen hervorgehen, welche die wichtigen Resultate, die wir mitten in unserem babylonischen Turmbau aus dieser Idee hervorgehen gesehen, auf eine, unsere Versuche ohne alles Verhältnis weit übertreffende Weise hervorzubringen imstande sind. Auch die schwächeren von ihnen werden in ihrem Einflusse auf die Bildung der Jugend mit ihren Zöglingen solider zu Werke gehen und weiter als wir vorschreiten. Genialische Köpfe unter ihnen werden die Jugend durch die elementarischen Mittel, die ihnen vorbereitet in die Hand gelegt werden, mit einer Kraft ergreifen, deren Folgen, wenn sie in ihrem ganzen Umfange benutzt werden, nicht zu berechnen sind. Solche wohlorganisierte Anstalten für elementarisch gebildete Erzieher und Erzieherinnen werden also, ihrer Natur nach und so viel als unfehlbar, dahin wirken, alle, zur Vollendung gebrachten Mittel der Elementarbildung und folglich den ganzen Umfang ihrer Resultate in die Wohnstuben des Volks zu bringen und so die Anfänge der elementarischen Bildung, von der Wiege an bis ins 7te und 8te Jahr, zum Eigentum des häuslichen Lebens zu machen; wodurch die Segensfolgen dieses Unterrichts in ihren wesentlichen Anfangspunkten Millionen Menschen in einem Zeitpunkt zuteil werden, in welchem zahllose Kinder aller Stände beim gewohnten Routinegange unserer Erziehungsweise teils zu keiner anderen, als zu einer sinnlichen tierischen Belebung ihrer Kräfte gereizt, zur Verwilderung hinsinken, teils aber dem Trugschein einer bösen Verkünstelung preisgegeben werden, indem sie in der Entfaltung ihrer Kräfte außer sich selbst und außer den Gang der Natur hinausgeworfen, alle Fundamente der Einheit ihrer selbst in sich selbst und die daraus herfließende Befriedigung ihrer selbst mit sich selbst so viel als notwendig verlieren müssen. Die geometrische Progression, die in den Ansteckungsmitteln der Volksmißbildung in so vielseitigen Rücksichten zum Entsetzen auffällt und bekannt ist, ist wahrlich in den Segenswirkungen der soliden Bildung des Volks ebenso möglich und denkbar; so wie es offenbar die eigentliche Bestimmung der Idee der Elementarbildung ist, durch die tiefe Kraft ihres Geistes und ihrer Ausführungsmittel diese Progression in der Volksbildung möglich zu machen und zu begründen. Auch bedürfen wir ihrer auffallend, um durch ihren Einfluß der diesfälligen Progression der ansteckenden Zeitreize des Verkünstelungsverderbens der Erziehung und des Unterrichts ein helfendes Gegengewicht entgegensetzen zu können.

Der Geist und das Wesen der Mittel, zu diesem Ziel zu kommen, liegt allseitig im Innern der Menschennatur und ist durch den Gang der Natur, nach welchem sich unsere Kräfte allgemein entfalten, in allen Menschenseelen bis auf einen gewissen Punkt schon zum voraus in einem dunkeln Bewußtsein vorhanden. Es braucht eigentlich nichts, als daß das dunkle Bewußtsein dieser Mittel in der Seele des Menschen durch eine äußere Darstellung des Organismus, der sie zu einer klaren Idee erhebt, dem Menschen lebendig vor die Sinne gebracht werde. Geschieht dieses, wie es geschehen kann und geschehen soll, so fühlt jedes Menschenkind diese Mittel als in ihm selbst liegend, und wird von ihnen ergriffen. Dadurch ist offenbar, daß ihr wesentlicher und notwendiger Einfluß dahin wirken müßte, zahllose schlafende Kräfte im Menschengeschlecht zu erwecken und millionenfach in unserem gegenwärtigen Zustand verwickelte und verdunkelte Ansichten des Erziehungswesens zu entwirren und theoretisch und praktisch in ein heiteres Licht zu setzen. Die Möglichkeit einer solchen Progression des Einflusses gereifter, elementarischer Bildungsmittel geht indes gar nicht von großen und schon in ihren Keimen Aufsehen erregenden Anfangspunkten aus. Wir wissen ja, selbst das Himmelreich ist in den Anfangspunkten seines Einflusses dem Samenkorn gleich, das das kleinste unter allen Samenkörnern, aber geschickt ist, zu einem Baum aufzuwachsen, unter dem die Vögel des Himmels nisten. Aus allen, tief in die Menschennatur eingreifenden Keimen der menschlichen Bildung, die einen inneren tief belebenden Geist haben, gehen vielseitige unscheinbare, kleine Bildungsmittel hervor, die durch ihre innere Wirkung eine solche geometrische Progression zu erzeugen und äußerlich auffallen zu machen fähig und geeignet sind. Der Weg zur Vollendung ist in allen Gegenständen, die eine progressive Entfaltung ansprechen, der nämliche. Alles Große in der Welt geht aus kleinen, aber in ihrem Wachstum in einem hohen Grad kraftvollen und wohlbesorgten Keimen hervor; und was in seinen Keimen vollendet ist, das trägt auch die wesentlichen Mittel der Vollendung seiner Resultate in sich selbst; so wie das, was in seinen Keimen schwach, gehemmt und beengt ist, auch den Keim seines Verderbens in sich selbst trägt. Auch sind alle Bestrebungen, irgendeine weitgreifende Unternehmung im Großen auszuführen, ehe ihre Ausführungsmittel in ihren einzelnen Anfangspunkten genugsam vorbereitet sind, im nämlichen Falle.

Ist dieses wahr oder nicht wahr? - Wenn es wahr ist, dürfen wir säumen, einem Ziel entgegen zu streben, dessen Wichtigkeit besonders in unserem Zeitpunkte außer allem Zweifel liegt? Ich glaube sagen zu dürfen, die Zeit ist, beides, sowohl zum Gefühl des Bedürfnisses der Weiterführung der diesfälligen Versuche als zu einer merklich erheiterten Kenntnis ihrer wesentlichsten Mittel gereift. Möchte eine solche, in die bestehende Zeitkultur vielseitig und tief eingreifende Anbahnung von psychologisch wohlgeordneten Versuchen zur Weiterführung der Ausarbeitungsmittel dieser hohen Idee nur bald und kraftvoll stattfinden. Wenn es mir anstände, so würde ich am Ende meiner Laufbahn diesfalls sagen: Aude sapere, incipe! Ich darf dieses Wort nicht aussprechen, aber ich darf doch wünschen: möchten es Männer tun, deren Worte von höherer Bedeutung und von höherem Einfluß sind, als die meinigen. Und dieser Äußerung darf ich noch getrosten Mutes als beweisbare Tatsache beifügen, einige durchaus nicht unbedeutende, sondern vielmehr sehr wesentliche Mittel einer soliden Fortsetzung der Versuche, die Erziehung und den Unterricht allgemein elementarisch zu begründen, sind zum Teil ausgearbeitet, zum Teil zu ihrer weiteren Ausführung solid vorbereitet in unseren Händen. Und wenn man einst sehen wird, was Jünglinge und Töchter, welche auch nur diese jetzt schon wirklich ausgearbeiteten Mittel dieser hohen Idee sich solid eigen gemacht, in den Anfangspunkten der sittlichen, geistigen und Kunstbildung unseres Geschlechts dadurch leisten werden, daß sie dieselben im Kreise des häuslichen Lebens Kindern, von der Wiege an bis ins 6te und 7te Jahr, teilhaft machen werden; so wird man die Zeugnisse über das, was wir bisher durch unsere diesfällige Bestrebungen errungen zu haben glauben, nicht mehr in dem Grad, wie es wirklich geschehen, weder bezweifeln noch belächeln, und eben so auch die Hoffnungen, die wir uns darauf zu bauen erlaubt haben, in eben diesem Grad übertrieben finden.

Nein - nein, was auch immer die Ursache davon sein mag, daß diese Hoffnungen jetzt so lange und immer mehr in diesem Lichte angesehen und behandelt wurden; so sind sie doch ganz gewiß nicht in dem Grad aus der Luft gegriffen, als man es allgemein wähnte und allgemein wähnen muß, so lange man nicht dahin kommt, einzusehen, daß die Veredlung der sittlichen und auch der intellektuellen und Kunstkräfte unserer Natur unser Geschlecht in wirtschaftlicher und dadurch in häuslicher und bürgerlicher, folglich auch in staatswirtschaftlicher Hinsicht unendlich weiterführen würde und führen müßte, als auch die größtmöglich denkbaren Resultate der veredelten Schafzucht oder irgendeines anderen Geschöpfs der Erde, das nicht Mensch ist, je führen können und je führen werden. Aber wir sind leider von dieser Überzeugung noch sehr entfernt und scheinen uns auch jetzo noch, je länger je mehr, davon zu entfernen. Ich kann indes gar nicht in Abrede sein, diese Hoffnungen haben sich auch in mir sehr lange nicht zu heiteren Begriffen gestaltet. Ich trug das Fundament derselben, den inneren Wert der elementarischen Führung, lange nur ahnend in dunkeln Begriffen an mir selbst, aber diese Ahnungen begeisterten mich von dem ersten Augenblick, indem sie sich in mir entfalteten, und rissen mich mit unwiderstehlicher Gewalt zum unaufhaltsamen Streben ihrer soliden Erkenntnis und, ich gestehe jetzt gerne, zu einem Wirbel bloß empirischer und oberflächlicher, aber ununterbrochener, immer fortdauernder diesfälliger Versuche, die aber endlich nicht anders als dahin wirken konnten, mich wenigstens in Rücksicht auf einen Teil dieser hohen Idee zu bestimmten klaren Begriffen zu erheben, wodurch sich dann der Wirbel meiner dunkeln Gefühle über dieselben allmählig in einen sich immer weiter ausdehnenden Kreis mehr oder minder ganz heiterer Begriffe über meinen Gegenstand umwandelte, die mich insoweit der diesfälligen Reifung meiner Begriffe allmählich immer näher brachten, aber auch den Durst nach fortdauerndem Wachstum in dieser Reifung immer mehr in mir belebten und eigentlich unauslöschlich machten, dabei mich aber auch in dieser Rücksicht zu einer einseitigen Gewaltsamkeit in meinen diesfälligen Bestrebungen hinrissen, die vielseitig mißfiel und mißfallen mußte. Und es ist dabei gar wohl möglich und sogar wahrscheinlich, daß ich in der Begeisterung über die Wichtigkeit und Erreichbarkeit meiner Zwecke und meiner Bestrebungen den Grad meiner Reifung für dieselben überschätze.

Doch es sei. Das Leidenschaftliche dieses Dursts ist zwar unstreitig eine Folge von unglücklichen Schicksalen, die vom Eigentümlichen meiner Fehler und Schwächen herrührten und mit ihnen innig zusammenhingen. Aber es ist dabei gleich wahr, daß dieser Durst, der mich unwiderstehlich zwingt, bis in mein Grab in diesen Bestrebungen zu verharren, ein inneres, großes Fundament von segensreichen, in die Menschennatur eingreifenden Wahrheiten, Kräften und Erfahrungen in mir selbst hat, dessen Gewicht ich noch um so mehr größer, bedeutender und weiterführend fühle, da ich durch die ganze Zeit meiner diesfälligen Bestrebungen Schmid an meiner Seite hatte, der in dem bestimmten Punkt meiner diesfälligen Einseitigkeit und Schwäche eine überwiegende und mir äußerst hilfreiche Kraft besitzt und Lücken in mir selber ausfüllt, die ich ohne seinen Beistand ewig nie auszufüllen imstande gewesen wäre. Ich wäre ganz gewiß, ohne Verbindung mit diesem Manne, bei fernem nicht dahin gekommen, den Ton meines Schwanengesangs in die Höhe zu stimmen, in der er wirklich dasteht, und keine Besorgnis in mir erregt, sondern mich ganz ruhig und ohne alle Besorgnisse aussprechen läßt: Gottlob! daß alle Widerwärtigkeiten dieses Lebens es nicht vermögen, diesen Durst in mir auszulöschen. Auch wenn ich ihn nicht mehr werde befriedigen können, so sage ich dennoch, gottlob! daß er in mir nicht ausgeloschen. Es ist für mich bei aller meiner Schwäche kein Geringes, daß ich mir im ganzen Umfange meiner Bestrebungen durch mein Leben immer gleich und dem ursprünglichen Zweck derselben, die wesentlichen Mittel einer naturgemäßen Erziehung und eines naturgemäßen Unterrichts in die Wohnstuben des Volks selber zu bringen, immer treu geblieben. Es schien mir selber die höchste Unnatur, wenn bei diesen inneren Fundamenten der Begeisterung meiner Bestrebungen und unter den Umständen, unter denen ich in den höchsten Erwartungen in allem Unglück und in allen Widerwärtigkeiten dennoch immer und immer kraftvoller gestärkt wurde, dieser Durst bis auf meinen letzten Atemzug je erlöschen konnte. Aber meine Pflicht ist, nicht bloß zu sorgen, daß er nicht in mir erlösche; das gibt sich von selbst, aber etwas anderes gibt sich dieses Dursts halber nicht von selbst: nämlich, daß er nicht unwirksam auf den weiteren Erfolg meiner Bestrebungen, nur mich selber verzehre.

Nein, ich muß dahin trachten, in den wenigen mir übergebliebenen Tagen keinen Augenblick mehr vorbeigehen zu lassen, ohne mein Möglichstes dazu beizutragen, das jetzt so tief eingewurzelte und allgemein um mich her verbreitete Vorurteil tatsächlich mit Erfolg zu entkräften, es sei einmal Zeit, daß ich meine gänzliche Unfähigkeit für die praktische Ausführung alles dessen, was ich diesfalls so lange mit so viel Anstrengungen versucht, anerkenne und mich am Ende meines Lebens nicht länger mit einer fruchtlosen Mühseligkeit quäle, deren Zweck- und Erfolglosigkeit mir doch einmal in die Augen fallen sollte. O nein, sie fällt mir nicht in die Augen, und die Zumutung, in der man sich bemüht, sie gegen mich geltend zu machen, ist in dem Umfange, in dem man es tut, grundlos. Ich darf in dieser Stunde mit dem ruhigsten Ernst aussprechen, ich bin für einige sehr bedeutende und wesentliche Teile der hohen Idee der Elementarbildung vielleicht reifer geworden, als es wenige sind und als ich es ohne die Widerwärtigkeiten und Unglücke meines Lebens selber nie geworden wäre. Ich sehe diese, wenn auch wenige und nur einzelne Resultate meines Tuns, als gereifte Früchte am Baum meines Lebens, noch fest stehen und lasse sie mir ohne Widerstand von keinem gut oder bös gemeinten Wind so leicht von mir wegblasen.

Ich sage noch einmal, diese zwar wenigen und einzelnen Früchte meiner Lebensbestrebungen sind, nach meinem innersten Gefühl, auch in ihrer Beschränkung ihrer Reifung in einem Grad nahe, daß es meine heiligste Pflicht ist, für ihre Erhaltung zu leben, zu kämpfen und zu sterben. Die Stunde, in der ich ihrethalben Ruhe suchen darf und Ruhe suchen will, hat noch nicht geschlagen. Es hat aber eine andere für mich geschlagen. Die Stunde der Notwendigkeit ihrer ernsten Prüfung hat für mich gegenwärtig laut, und ich spreche es mit Wehmut aus, für mich, oder vielmehr für das Scherflein, das ich für die Äufnung und Beförderung der Idee der Elementarbildung noch beizutragen imstande bin, hilferufend geschlagen. Diese Prüfung ist für mich jetzt das Eins, das Not tut; und wenn ich nur dahin komme, daß ich sie erhalte, aber auch so erhalte, daß sie selber geprüft werden darf, so habe ich nichts weiter zu wünschen. Darum ende ich auch meinen Schwanengesang mit den Worten, mit denen ich ihn angefangen:

Prüfet alles, behaltet das Gute, und wenn etwas Besseres in euch selber gereift, so setzet es zu dem, was ich euch in diesen Bogen in Wahrheit und Liebe zu geben versuchte, in Wahrheit und Liebe hinzu, und werft wenigstens das Ganze meiner Lebensbestrebungen nicht als einen Gegenstand weg, der, schon abgetan, keiner weiteren Prüfung bedürfe! - Er ist wahrlich noch nicht abgetan, und bedarf einer ernsten Prüfung ganz sicher, und zwar nicht um meiner und um meiner Bitte willen.

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