"Über Gesetzgebung und Kindermord"

Pestalozzi geht in seinen Überlegungen aus vom gesunden Instinkt der menschlichen Natur und stellt fest:

"Bei seinen Sinnen tötet ein Mensch sein Fleisch und Blut nicht, und ein Mädchen, das bei seinen Sinnen ist, streckt seine Hand nicht aus gegen sein Kind und erwürgt nicht seinen Geborenen am Hals, bis er erblasst. Steck ein das Schwert deiner Henker, Europa! Es zerfleischt die Mörderinnen umsonst! Ohne stilles Rasen und ohne innere verzweifelnde Wut würgt kein Mädchen sein Kind, und von den rasenden Verzweifelnden allen fürchtet keine dein Schwert." (PSW 9, S. 8)

Was war es denn, das die Mädchen in Wut und Verzweiflung stürzte? Nach Pestalozzis Überzeugung waren es die falschen Gesetze und die verlogenen Sitten. Bekanntlich galt (bzw. gilt heute noch) dem Christen der uneheliche Beischlaf als sündhaftes Tun. Die Kirche hat diese moralische Norm aber nicht bloss als eine Lehre verkündet, sondern auch durch verschiedenste Sittengesetze mit Macht durchzusetzen versucht. Wer gegen das Keuschheitsgebot verstiess, musste vor Gericht erscheinen und wurde bestraft. Im Zuge der Reformation übernahm nun der Staat jene Rechte und Hoheiten, die bislang der Kirche zukamen. So kam es, daß der Staat selbst zum Sittenrichter wurde und nicht bloss Verstösse gegen gesellschaftliche Normen, sondern auch gegen moralische Gebote bestrafte. Wurde jemand des unehelichen Beischlafs überführt, erwarteten ihn hohe Geldstrafen und der Pranger. So war es in einer Stadt üblich, daß ein schwangeres Mädchen einen Tag lang an einen Pfahl gebunden wurde, und jeder Bursche durfte es mit Dreck bewerfen. Andernorts musste ein Mädchen auf den Knien öffentlich und unter dem Hohn und Gespött der Anwohner die schmutzigen Strassen der Stadt aufwaschen. Aber noch schlimmer zu ertragen war die soziale Isolation. Schwangere Mädchen galten als Schande der Familie, sie wurden oft von den eigenen Eltern verstossen und waren lebenslang der öffentlichen Verachtung preisgegeben. Sie hatten kaum mehr eine Möglichkeit, geheiratet zu werden, und auch ihr Kind war lebenslang gezeichnet und musste mit jeder nur möglichen Benachteiligung rechnen. So vermochte es nicht zu verwundern, daß die Angst vor einem solchen Leben viele Mädchen dazu trieb, ihr Kind entweder abzutreiben oder nach der Geburt umzubringen und zu beseitigen. Wurden sie aber dabei erwischt, erwartete sie ausnahmslos die Todesstrafe.

Pestalozzi deckt nun die Heuchelei und Lieblosigkeit, die sich hinter diesen Sitten verbergen, schonungslos auf: Erstens traf die Strafe zumeist nur die Mädchen, da sich die Burschen entweder herausreden oder aus dem Staube machen konnten, und zweitens traf sie zumeist auch nur die Armen, weil die Reichen Mittel und Wege fanden, um eine Schwangerschaft zu verhüten, um das Kind abzutreiben, um die Geburt des Kindes geschickt zu verheimlichen oder um sich von den Strafen loszukaufen.

Pestalozzi führt den Leser mit viel Einfühlungsvermögen in das seelische Erleben eines schwanger gewordenen Mädchens hinein:

"Gott! Du weisst, sie war geschaffen zu den reinsten Mutterfreuden, zu hängen am Kind ihres Herzens mit der Wonne und Liebe, mit der sie hing an dem Verbrecher, den sie edel und gut glaubte. Aber der Verführer hat ihr den Abgrund der Greuel der Menschheit eröffnet und die Unerfahrene hingestürzt in Tiefen und Elend und Sorgen, daß ihre ganzen Monate durch ihr Herz zitterte, bebte und klopfte, stärker bebte, zitterte und klopfte, als es zitterte, bebte und klopfte am Tage ihrer Enthauptung. Ihre ganzen Monate durch verfolgte die Elende das Bild des Verführers, an dem ihr Herz gehangen und dem sie jetzt fluchte in ihrem greulichen Jammer. Der Menschheit Stützen sinken dahin beim Mädchen, welches dem Jüngling, an dem sein Herz gehangen, jetzt fluchen muss, bei ihm stirbt jede Hoffnung, und jeder Gedanke an die Freuden der Mutter ist ihm erschütterndes Elend; wie eine Giftbeule, die Tod und Verderben droht, wächst in ihr das Kind des Verbrechers; sie trägt's und fühlt keine Mutterempfindung, sie fühlt nicht, daß das Kind ihres Herzens dennoch Gottes heilige Gabe und auch ihr Kind ist; sie fühlt nur den Greuel des Vaters und der Ängstigungen Menge und der Erwartungen Schrecknisse.

So gingen der Elenden ihre Monate vorüber; sie schmachtete nach Hilfe und Rat, aber Verzweiflung im Herzen nahm ihr in jedem Augenblicke Kraft zum Entschluss und zernichtete jeden Vorsatz zur Rettung; Scham und Angst und inneres Beben des Herzens hemmten den Mund. Sie durfte nicht reden. Vor ihren Gespielen, vor ihrer frommen Mutter durfte sie's nie wagen, hierüber den Mund zu öffnen. Zehnmal versuchte sie es und wollte es wagen, der liebsten Gespielin ihren Jammer zu klagen, aber allemal erstarrte auf ihrer Zunge das Wort - sie konnte nicht reden. Tränen flossen von ihren starren Augen und rollten über ihre blassen kalten Wangen, dann entfloh sie ihren Gespielen; sie entfloh dem Antlitz der innig geliebten Mutter und dem Auge des gefürchteten Priesters, trug's mit sich selber, wollt's immer noch sagen, schob's immer doch auf. - Und plötzlich war sie da, die Stunde des Schmerzes der Mutter und die Stunde der letzten Verzweiflung. Die stählte den Arm der Mutter, zu würgen das Kind und zu stampfen mit ihrem Fuss gegen sein Herz. -- Ihr war's, das zeugte sie bei Gott in der Stunde des Todes, ihr war's, als sie würgte und stampfte, sie würgte mit der Hand den Verbrecher und stampfte mit dem Fuss gegen sein Herz. Jetzt war's geschehen; das Kind ihres Herzens war tot; sie sah's und sank mit Todesgeschrei und der ersten Mutter- und Mörderempfindung in Ohnmacht!" (PSW 9, S. 8 f.)

Pestalozzi rechtfertigt damit den Kindsmord nicht und richtet sich auch nicht gegen eine Bestrafung der Kindsmörderinnen. Die Todesstrafe allerdings lehnt er ab. Er ist indessen überzeugt, daß dem Kindsmord durch die Androhung von Strafen nicht Einhalt geboten werden kann. Vielmehr müssen die Ursachen, die den Kindsmord begünstigen, beseitigt werden. Dazu gehört zuerst einmal die Abschaffung der Sittengerichte, denn die Angst vor deren Strafen ist nach Pestalozzis Überzeugung die wichtigste Ursache des Kindsmords. Er fordert diese Abschaffung der Sittengerichte aber nicht nur aus Gründen der Zweckmässigkeit, sondern aus grundsätzlichen Überlegungen heraus: Der Staat ist eine Institution des gesellschaftlichen Zustandes und darf deshalb nur solche Vergehen bestrafen, welche gegen Bestimmungen verstossen, die den gesellschaftlichen Zustand aufrechterhalten. Ein uneheliches Kind ist aber für den Staat - sofern es gut erzogen ist - genau so viel wert wie ein eheliches. Die Frage des unehelichen Beischlafs betrifft daher keine gesellschaftliche, sondern eine sittlich-religiöse Norm, also jenen Bereich, den Pestalozzi später (in den ‚Nachforschungen') dem sittlichen Zustand zuordnet. Gegen Verstösse im sittlichen Bereich darf nach seiner Überzeugung der Staat nicht strafend eingreifen; dessen Aufgabe erschöpft sich darin, die Erziehung zu einem sittlichen Leben zu begünstigen.

Statt Bestrafung wegen des unehelichen Beischlafs brauchen die schwangeren Mädchen vielmehr Hilfe. So schlägt Pestalozzi vor, der Staat solle edle Männer als 'Gewissensräte' bestimmen, die zur strengsten Verschwiegenheit verpflichtet sind und denen sich die schwangeren Mädchen in ihrer Not anvertrauen können. Sie sollen die Frage der Vaterschaft untersuchen und dahin wirken, daß der Vater zu seinem Kind steht und daß die Eltern ihr Kind erziehen, auch wenn sie nicht heiraten wollen. Die Einrichtung von Findelhäusern für uneheliche Kinder lehnt Pestalozzi ab, denn er weiss, daß eine gute Mutter und eine gute Wohnstube für das gesunde Gedeihen des Kindes stets das Beste bleiben wird.

Über diese konkreten Massnahmen hinaus fordert Pestalozzi eine fundamentale sittliche Erneuerung des Volks, was nur durch eine gerechte Gesetzgebung und durch das gute Beispiel der Regierenden zu erreichen ist. Diese wahre, sittliche Kultur kann nur vom engen Kreis der Familie ausgehen, weshalb die Massnahmen des Gesetzgebers auf die Förderung der häuslichen Tugenden abzielen müssen. Was Pestalozzi darunter versteht, hat er in ‚Lienhard und Gertrud' breit dargelegt. In der Wohnstube ist auch eine natürliche sexuelle Aufklärung und Erziehung möglich. Wichtig ist ein das Schamgefühl achtendes, aber natürliches Verhältnis zum Bereich des Geschlechtlichen sowie ein einfaches Leben ohne aufreizenden Luxus.

Pestalozzi Abhandlung gipfelt im Satz:

"Die Ausbildung des gemeinen Mannes zu der frommen Weisheit eines reinen und glücklichen Hauslebens, ist das einzige Mittel, den Verbrechen des Volkes Einhalt zu tun. - Diese aber ist nur durch die innere Veredelung der höheren Stände und der Macht, in deren Hand der gesetzgeberische Wille gelegt ist, zu erzielen möglich." (PSW 9, S. 181)

Mit andern Worten: Der Regent muss im wahren Wortsinne ein Christ sein.

"Er opfert sich seinem Volk - und weiss, daß ohne dieses Opfer des Herrschers keine die Menschheit befriedigende Gesetzgebung möglich (ist)." (PSW 9, S. 172)

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