1826 Pestalozzis Schwanengesang (1/5)

Vorrede

Ich habe seit einem halben Jahrhundert mit unermüdeter Tätigkeit gesucht, die Mittel des Volksunterrichts, besonders in ihren Anfangspunkten so viel mir möglich zu vereinfachen, und mein Scherflein dazu beizutragen, dieselben dem Gange, den die Natur in der Entfaltung und Ausbildung der Kräfte der Menschennatur selbst geht, näher zu bringen, und durch diese ganze Zeit mit glühendem Eifer für die Erzielung dieses Endzwecks gearbeitet; aber freilich auch vieles sehr ungeschickt angegriffen und behandelt, und mir dadurch unendliche Leiden zugezogen,; aber sie auch mit standhafter Geduld bis jetzt getragen, ohne jemals von der ernsten Bestrebung nach meinem Ziele abzulassen. Bei diesem Gange meines Lebens konnte ich nicht anders, als auf der einen Seite über den Gegenstand meiner Bestrebungen wichtige Erfahrungen machen; andererseits auch zu einigen Resultaten gelangen, die den Freunden der Menschheit und der Erziehung durchaus nicht gleichgültig sein können. Ich bin nun achtzig Jahre alt, und in diesem Alter hat jeder Mensch Unrecht, wenn er sich nicht jeden Tag so viel als auf dem Todbette liegend ansieht. Ich habe das seit einiger Zeit mehr als je gefühlt. Ich wollte also nicht länger säumen, dem Publikum sowohl über meine diesfälligen Erfahrungen als über ihre gelungenen und mißlungenen Resultate noch vor meinem Absterben eine, so viel mir möglich klare und bestimmte Rechenschaft zu geben. Ich gab meiner Schrift deshalb auch den Titel, den sie trägt.

Freunde der Menschheit! Nehmet es dafür an, und fordert in schriftstellerischer Hinsicht nicht mehr von mir, als ich zu leisten imstande bin. Mein Leben hat nichts Ganzes, nichts Vollendetes hervorgebracht; meine Schrift kann auch nichts Ganzes und nichts Vollendetes leisten. Gönnet ihr, wie sie ist, Eure prüfende Aufmerksamkeit und würdigt sie in alledem, was Ihr darin als der Menschheit segenbringend erkennen werdet, Eurer menschenfreundlichen Mitwirkung und einer Teilnahme, die der Gegenstand selber, unabhängend von dem Wert meiner persönlichen Bestrebungen, verdient. Ich wünsche nichts so sehr, als in allem dem, was irgend jemand besser als ich versteht, widerlegt und die Menschheit dadurch besser beholfen zu sehen, als ich es zu tun vermochte. Ich weiß nicht, ob es notwendig ist, noch beizufügen, daß ein Mensch in meinem Alter sich oft und gerne wiederholt, und wenn er sich sogar dem Tode nahe fühlt oder gar auf dem Todbette befindet, sich in Gegenständen, die ihm noch vorzüglich am Herzen liegen, nicht genug wiederholen und nicht satt werden kann, davon zu reden, bis sein Atem ihm selber ausgeht. Das nimmt ihm auch kein Mensch übel, sondern man wird allgemein davon gerührt. Ich hoffe also, in meinem Alter und in meiner Lage auch Verzeihung zu erhalten, wenn ich mich in diesen Bogen zum Teil sehr oft wiederholt, zum Teil sehr vieles vergessen habe, das eigentlich hierher gehörte und unter anderen Umständen hierher gebracht worden wäre, und glaube jetzt nichts weiter sagen zu müssen, als, wer nähere und bestimmtere Kunde von dem Gange meiner pädagogischen Versuche, seit dem ich an der Spitze meiner Erziehungsanstalten gestanden, wünscht, den muß ich bitten, die gleichzeitig mit dieser Schrift herauskommende Geschichte meiner diesfälligen Bestrebungen zu lesen. Pestalozzi.

Prüfet alles, behaltet das Gute, und wenn etwas Besseres in euch selber gereift, so setzet es zu dem, was ich euch in diesen Bogen in Wahrheit und Liebe zu geben versuche in Wahrheit und Liebe hinzu. Die Idee der Elementarbildung, für deren theoretische und praktische Erheiterung ich den größten Teil meiner reiferen Tage, mir selber in ihrem Umfange mehr und minder bewußt, verwendet, ist nichts anderes als die Idee der Naturgemäßheit in der Entfaltung und Ausbildung der Anlagen und Kräfte des Menschengeschlechts.

Aber auch nur von ferne das Wesen und den Umfang der Ansprüche der diesfälligen Naturgemäßheit zu ahnen, fragt sich vor allem aus: Was ist die Menschennatur? Was ist das eigentliche Wesen, was sind die unterscheidenden Merkmale der menschlichen Natur, als solcher? Und ich darf mir keinen Augenblick vorstellen, daß irgendeine von den Kräften und Anlagen, die ich mit den Tieren gemein habe, das echte Fundament der Menschennatur, als solcher, sei. Ich darf nicht anders, ich muß annehmen, der Umfang der Anlagen und Kräfte, durch welche der Mensch sich von allen Geschöpfen der Erde, die nicht Mensch sind, unterscheidet, sei das eigentliche Wesen der Menschennatur. Ich muß annehmen, nicht mein vergängliches Fleisch und Blut, nicht der tierische Sinn der menschlichen Begierlichkeit, sondern die Anlagen meines menschlichen Herzens, meines menschlichen Geistes und meiner menschlichen Kunstkraft seien das, was das Menschliche meiner Natur, oder, welches ebensoviel ist, meine menschliche Natur selber konstituieren; woraus dann natürlich folgt: die Idee der Elementarbildung sei als die Idee der naturgemäßen Entfaltung und Ausbildung der Kräfte und Anlagen des menschlichen Herzens, des menschlichen Geistes und der menschlichen Kunst anzusehen. Die Naturgemäßheit, welche diese Idee in den Entfaltungs- und Bildungsmitteln unserer Kräfte und Anlagen anspricht, fordert demnach ebenso gewiß in ihrem ganzen Umfange die Unterordnung der Ansprüche unserer tierischen Natur unter die höheren Ansprüche des inneren, göttlichen Wesens der Anlagen und Kräfte unsers Herzens, unseres Geistes und unserer Kunst; das heißt im Wesen nichts anderes als die Unterordnung unseres Fleisches und unseres Bluts unter unseren Geist. Es folgt ferner daraus: der ganze Umfang der Kunstmittel in der naturgemäßen Entfaltung der Kräfte und Anlagen unseres Geschlechts setze, wo nicht eine deutliche Erkenntnis, doch gewiß ein belebtes, inneres Gefühl von dem a Gange, den die Natur in der Entfaltung und Ausbildung unserer Kräfte selbst geht, voraus. Dieser Gang ruht auf ewigen, unabänderlichen Gesetzen, die im Wesen jeder einzelnen menschlichen Kraft selbst liegen und in jeder derselben mit einem unauslöschlichen Trieb zu ihrer Entfaltung verbunden sind. Aller Naturgang unserer Entfaltung geht wesentlich aus diesen Trieben hervor. Der Mensch will alles, wozu er in sich selbst Kraft fühlt, und er muß, vermöge dieser innewohnenden Triebe, das alles wollen.

Das Gefühl dieser Kraft ist der Ausdruck der ewigen, unauslöschlichen und unabänderlichen Gesetze, die in ihrer menschlichen Anlage dem Gange der Natur in ihrer Entfaltung zu Grunde liegen.

Diese Gesetze, die wesentlich aus der Eigenheit jeder einzelnen menschlichen Anlage hervorgehen, sind eben wie die Kräfte, denen diese Gesetze innewohnen, unter sich wesentlich verschieden; aber sie gehen alle, eben wie die Kräfte, denen sie innewohnen, aus der Einheit der Menschennatur hervor, und sind dadurch, bei aller ihrer Verschiedenheit, innig und wesentlich untereinander verbunden und eigentlich nur durch die Harmonie und das Gleichgewicht, in dem sie in unserem Geschlecht beieinander wohnen, für dasselbe wahrhaft und allgemein naturgemäß und menschlich bildend. Es ist eine, sich in allen Verhältnissen bewährende Wahrheit, nur das, was den Menschen in der Gemeinkraft der Menschennatur, d.h. als Herz, Geist und Hand ergreift, nur das ist für ihn wirklich, wahrhaft und naturgemäß bildend; alles, was ihn nicht also, alles, was ihn nicht in der Gemeinkraft seines Wesens ergreift, ergreift ihn nicht naturgemäß und ist für ihn, im ganzen Umfang des Wortes, nicht menschlich bildend. Was ihn nur einseitig, d.i. in einer seiner Kräfte, sei diese jetzt Herzens-, sei sie Geistes- oder Kunstkraft, ergreift, untergräbt und stört das Gleichgewicht unserer Kräfte und führt zur Unnatur in den Mitteln unserer Bildung, deren Folge allgemeine Mißbildung und Verkünstelung unseres Geschlechts ist. Ewig können durch die Mittel, welche die Gefühle meines Herzens zu erheben geeignet sind, die Kräfte des menschlichen Geists an sich nicht gebildet, und ebensowenig können durch die Mittel, durch welche der menschliche Geist naturgemäß gebildet wird, die Kräfte des menschlichen Herzens an sich naturgemäß und genugtuend veredelt werden.

Jede einseitige Entfaltung einer unserer Kräfte ist keine wahre, keine naturgemäße, sie ist nur Scheinbildung, sie ist das tönende Erz und die klingende Schelle der Menschenbildung und nicht die Menschenbildung selber.

Die wahre, die naturgemäße Bildung führt durch ihr Wesen zum Streben nach Vollkommenheit, zum Streben nach Vollendung der menschlichen Kräfte. Die Einseitigkeit ihrer Bildung aber führt ebenso durch ihr Wesen zur Untergrabung, zur Auflösung und endlich zum Absterben der Gemeinkraft der Menschennatur, aus der dieses Streben allein wahrhaft und naturgemäß hervorzugehen vermag. Die Einheit der Kräfte unserer Natur ist unserem Geschlecht als wesentliches Fundament aller menschlichen Mittel zu unserer Veredlung göttlich und ewig gegeben; und es ist auch in dieser Rücksicht ewig wahr: Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden. Tut er es in Rücksicht seiner Bildung, so macht er, nach welcher Richtung er es auch tue, Halbmenschen aus uns, bei denen kein Heil weder zu suchen noch zu finden ist.

Jedes einseitige Übergewicht in der Bildung unserer Kräfte führt zum Selbstbetrug grundloser Anmaßungen, zur Mißkennung seiner Schwächen und Mängel und zur harten Beurteilung aller derer, die nicht mit den irrtumsvollen Ansichten unserer Einseitigkeit übereinstimmen. Das ist bei Menschen, die Herzens und Glaubens halber überschnappen, ebenso wahr als bei denen, die ihrer Geisteskraft in liebloser Selbstsucht einen ähnlichen Spielraum der Unnatur und ihres Verderbens eröffnen. Alles einseitige Übergewicht einer einzelnen Kraft führt zur Aufgedunsenheit ihrer Ansprüche, die im Innern ihres Wesens lahm und tot ist. Das ist von der Liebe und vom Glauben ebenso wahr als von der Denk-, Kunst- und Berufskraft unseres Geschlechts. Die inneren Fundamente der häuslichen und bürgerlichen Segnungen sind in ihrem Wesen Geist und Leben, und die äußeren Fertigkeiten, deren Ausbildung das häusliche und bürgerliche Leben auch anspricht, sind ohne das innere Wesen der Fundamente ihres Segens unserem Geschlecht ein Mittel der gefährlichsten Täuschungen und Quellen der vielseitigsten häuslichen und bürgerlichen Unbefriedigtheit und aller Leiden, Kränkungen und Verwilderungen, die sie ihrer Natur nach zur Folge haben und haben müssen.

Das Gleichgewicht der Kräfte, das die Idee der Elementarbildung so wesentlich fordert, setzt ihren Anspruch an die naturgemäße Entfaltung einer jeden der einzelnen Grundkräfte unserer Natur voraus. Jede derselben entfaltet sich nach ewigen, unveränderlichen Gesetzen, und ihre Entfaltung ist nur insoweit naturgemäß, als sie mit diesen ewigen Gesetzen unserer Natur selber in Übereinstimmung steht. In jedem Falle und in jeder Art, in der sie mit diesen Gesetzen in Widerspruch kommt, ist sie unnatürlich und naturwidrig. Die Gesetze, die der naturgemäßen Entfaltung jeder einzelnen unserer Kräfte zugrunde liegen, sind an sich wesentlich verschieden. Der menschliche Geist bildet sich durchaus nicht naturgemäß nach den Gesetzen, nach welchen das menschliche Herz sich zur reinsten Erhabenheit seiner Kraft emporhebt; und die Gesetze, nach welchen sich unsere Sinne und Glieder naturgemäß ausbilden, sind ebenso wesentlich von denen verschieden, die die Kräfte unseres Herzens und unseres Geistes naturgemäß auszubilden geeignet sind.

Aber jede dieser einzelnen Kräfte wird wesentlich nur durch das einfache Mittel ihres Gebrauches naturgemäß entfaltet. Der Mensch entfaltet das Fundament seines sittlichen Lebens, die Liebe und den Glauben, nur durch die Tatsache der Liebe und des Glaubens selber naturgemäß.

Hinwieder, der Mensch entfaltet das Fundament seiner Geisteskraft, seines Denkens, nur durch die Tatsache des Denkens selber naturgemäß.

Und ebenso entfaltet er die äußeren Fundamente seiner Kunst- und Berufskräfte, seine Sinne, Organe und Glieder, nur durch die Tatsache ihres Gebrauches naturgemäß.

Auch wird der Mensch durch die Natur jeder dieser Kräfte in sich selbst angetrieben, sie zu gebrauchen. Das Auge will sehen, das Ohr will hören, der Fuß will gehen und die Hand will greifen. Aber ebenso will das Herz glauben und lieben. Der Geist will denken. Es liegt in jeder Anlage der Menschennatur ein Trieb, sich aus dem Zustande ihrer Unbelebtheit und Ungewandtheit zur ausgebildeten Kraft zu erheben, die unausgebildet nur als ein Keim der Kraft und nicht als die Kraft selbst in uns liegt.

Aber so wie sich beim Kinde, das noch nicht gehen kann, die Lust zum Gehen augenblicklich mindert, wenn es bei seinen ersten Versuchen auf die Nase fällt, so mindert sich die Lust zum Glauben in ihm, wenn die Katze, gegen die es das Händchen ausstreckt, es kratzt, und das Hündchen, das es anrühren will, es anbellt und ihm die Zähne zeigt. Hinwieder mindert sich die Lust, seine Denkkraft tatsächlich durch ihren Gebrauch zu entfalten, in ihm notwendig, wenn die Mittel, durch die man es denken lehren will, seine Denkkraft nicht reizend ansprechen, sondern mühselig belästigen und eher einschläfern und verwirren, als aufwecken und in Übereinstimmung unter sich selbst beleben. Der Gang der Natur in der Entfaltung der menschlichen Kräfte ist, sich allein überlassen, langsam vom Sinnlich-Tierischen unseres Geschlechts ausgehend und von ihm gehemmt. Wenn er sich zur Entfaltung des Menschlichen im Menschen erheben soll, so setzt er einerseits die Handbietung einer erleuchteten Liebe, deren Keim sinnlich beschränkt, instinktartig im Vater-, Mutter-, Bruder- und Schwester-Sinn unserer Natur liegt, andererseits die erleuchtete Benutzung der Kunst, die sich die Menschheit durch Jahrtausende von Erfahrungen erworben, voraus.

Die Idee der Elementarbildung ist also näher bestimmt nichts anderes als das Resultat der Bestrebungen des Menschengeschlechts, dem Gange der Natur in der Entfaltung und Ausbildung unserer Anlagen und Kräfte die Handbietung angedeihen zu lassen, die ihm die erleuchtete Liebe, der gebildete Verstand und der erleuchtete Kunstsinn unsers Geschlechts zu erteilen vermag. So heilig und göttlich der Gang der Natur in den Grundlagen zur Entfaltung unseres Geschlechts ist, so ist er, sich selbst allein überlassen, ursprünglich nur tierisch belebt. Es ist die Sorge unseres Geschlechts, es ist das Ziel der Idee der Elementarbildung es ist das Ziel der Frömmigkeit und der Weisheit, ihn menschlich und göttlich zu beleben.

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