1826 Pestalozzis Schwanengesang (3/5)

II.

Wie entfalten sich die Fundamente des geistigen Lebens des Menschen, die Fundamente seiner Denkkraft, seiner Überlegung und seines Forschens und Urteilens naturgemäß in unserem Geschlechte? Wir finden, die Bildung unserer Denkkraft geht von dem Eindruck aus, den die Anschauung aller Gegenstände auf uns macht und die, indem sie unsere inneren oder äußeren Sinne berühren, den, unserer Geisteskraft wesentlich innewohnenden Trieb, sich selber zu entfalten, anregen und beleben. Diese, durch den Selbsttrieb der Denkkraft belebte Anschauung führt ihrer Natur nach vor allem aus zum Bewußtsein des Eindrucks, den die Gegenstände der Anschauung auf uns gemacht haben, und mithin zur sinnlichen Erkenntnis derselben.

Sie erzeugt dadurch notwendig das Gefühl des Bedürfnisses von Ausdrücken, die die Eindrücke unserer Anschauung auf uns gemacht haben; und vor allem aus das Gefühl des Bedürfnisses der Mimik, zugleich, aber noch weit mehr und weit menschlicher das Gefühl des Bedürfnisses der Sprachkraft, deren Entfaltung den diesfälligen Gebrauch der Mimik sogleich überflüssig macht. Diese, der Ausbildung der Denkkraft wesentliche Sprachkraft unseres Geschlechts ist hauptsächlich als eine Dienstkraft der Menschennatur, um uns die durch Anschauung erworbenen Kenntnisse fruchtbar und allgemein zu machen, anzusehen. Sie bildet sich auch von Anfang an nur im festen Zusammenhang mit dem Wachstum und der Ausdehnung der menschlichen Anschauungserkenntnisse naturgemäß aus; und diese gehen ihr auch allgemein vor. Das menschliche Geschlecht kann über nichts naturgemäß reden, das es nicht erkannt hat. Es kann über nichts auf eine andere Weise reden, als wie es dasselbe erkannt hat. Was es oberflächlich erkannt, davon redet es oberflächlich; was es unrichtig erkannt, davon redet es auch unrichtig, und was diesfalls von Anfang wahr war, das ist es auch jetzt noch. Die Naturgemäßheit der Erlernung der Muttersprache und jeder anderen Sprache ist an die, durch Anschauung erworbene Erkenntnis gebunden, und der naturgemäße Gang der Kunst in der Erlernung von beiden muß mit dem Gange der Natur, nach welchem die Eindrücke unsrer Anschauungen in Erkenntnisse hinübergehen, wesentlich in Übereinstimmung stehen. Fassen wir diesen Gesichtspunkt in Rücksicht auf die Erlernung der Muttersprache ins Auge, so finden wir: Wie alles unterschieden und wesentlich Menschliche sich nur langsam aus dem Tierischen unserer sinnlichen Natur, aus dem es hervortritt, stufenweise entfaltet, so bildet sich auch die Muttersprache, sowohl in Rücksicht auf das Sprachorgan als auf die Erkenntnis der Sprache selber, in langsamen Stufenfolgen. Das Mutterkind kann so lange nicht reden, bis seine Sprachorgane gebildet sind. Es kennt aber auch anfänglich soviel als gar nichts und kann also über gar nichts reden wollen. Sein Wille und seine Kraft zum Reden bildet sich nur nach Maßgabe der Erkenntnis, die es allmählich durch die Anschauung gewinnt. Die Natur kennt keinen anderen Weg, das unmündige Kind reden zu lehren, und die Kunst muß in ihrer Nachhilfe zum nämlichen Ziele mit ihm eben diesen langsamen Weg gehen, aber es auch mit allen Reizen, die sowohl die Erscheinung der Gegenstände in den Umgebungen des Kindes, als in dem Eindruck des Klanges in der Verschiedenheit der Töne, deren die Sprachorgane fähig sind, auf dasselbe haben, zu begleiten und zu befördern suchen. Um das Kind reden zu lehren, muß die Mutter die Natur selber mit allen Reizen, die das Hören, Sehen und Fühlen etc. auf seine Organe hat, auf dasselbe einwirken machen. So wie das Bewußtsein dessen, was es sieht, hört, fühlt, riecht und schmeckt, in ihm belebt ist, so wird auch sein Wille, Ausdrücke für diese Eindrücke zu kennen und sie brauchen zu können, d.h. sein Wille, darüber reden zu lernen, sich in ihm immer stärker aussprechen, und seine Kraft, es zu können, sich bei ihm ausdehnen.

Auch den Reiz der Töne muß die Mutter zu diesem Zwecke benutzen. Wenn und insoweit es ihr daran liegt, ihr Kind geschwind reden zu lehren, muß sie ihm die Sprachtöne bald laut, bald leise, bald singend, bald lachend usw., immer wechselnd mit lebendiger Munterkeit und so vor die Ohren bringen, daß es die Lust, sie ihr nachzulallen, notwendig in sich selbst fühlen muß; und ebenso muß sie ihre Worte mit dem Eindruck der Gegenstände, deren Namen sie dem Kind ins Gedächtnis bringen will, begleiten. Sie muß ihm diese Gegenstände in den wichtigsten Verhältnissen und in den verschiedensten und belebendsten Lagen vor die Sinne bringen und vor den Sinnen festhalten, und in der Einübung der Ausdrücke derselben nur in dem Grad vorschreiten, in welchem ihr Eindruck durch die Anschauung im Kinde selber gereift ist. Die Kunst oder vielmehr die erleuchtete Muttersorge und Muttertreue kann die Langsamkeit dieses Naturganges in der Erlernung der Muttersprache vergeschwindern und beleben, und es ist eine Aufgabe der Elementarbildung, die Mittel dieser Vergeschwinderung und Belebung zu erforschen und den Müttern mit Klarheit und Bestimmtheit in Reihenfolgen geordneter Übungen vor die Augen zu legen, die dieses zu erzielen geeignet sind. So wie die Kunst dieses tut, wird sich ganz gewiß das Herz der Mutter für diese Mittel offen und bereitet finden, sie mit inniger Liebe zu ergreifen und für ihr Kind zu benutzen.

Die naturgemäße Erlernung jeder andern als der Muttersprache, geht diesen langsamen Gang gar nicht. Das Kind, das eine fremde, sei es eine alte oder eine neue, Sprache lernt, hat 1. schon gewandte Sprachorgane. Es hat bei jeder fremden Sprache nur einige wenige, dieser Sprache eigene Töne seinen, an sich im allgemeinen schon kraftvollen Sprachorganen einzuüben. 2. Sind in dem Alter, in dem ein Kind fremde, neue oder alte Sprachen lernt, Millionen Erkenntnisse durch die Anschauung auf eine Weise in ihm zum gereiften Bewußtsein gelangt, daß es sie in der Muttersprache mit der höchsten Bestimmtheit auszudrücken imstande ist. Daher denn auch die Erlernung jeder neuen Sprache in ihrem Wesen für dasselbe nichts anderes ist, als die Erlernung, Töne, deren Bedeutung ihm in der Muttersprache bekannt ist, in Töne, die ihm noch nicht bekannt sind, umzuwandeln. Die Kunst, diese Umwandlung durch mnemonische Mittel zu erleichtern und in psychologisch geordnete Reihenfolgen von Übungen zu bringen, welche die Verdeutlichung und Erheiterung der Begriffe, deren wörtliche Erkenntnis dem Kind mnemonisch erleichtert wird, naturgemäß und notwendig zu ihrer Folge haben muß, ist hinwieder als eine der wesentlichsten Aufgaben der Idee der Elementarbildung anzusehen. Das Bedürfnis einer psychologischen Begründung der Anfangspunkte der Sprachlehre wird allgemein gefühlt, und ich glaube bei meinen schon vor einem halben Jahrhundert begonnenen und ununterbrochen betriebenen Versuchen, den Volksunterricht in seinen Anfangspunkten zu vereinfachen, zu einigen naturgemäßen, diesfalls fruchtbaren Mitteln, dieses wichtige Ziel zu erreichen, gekommen zu sein.

Um aber den Faden meiner Darlegung der Idee der Elementarbildung nicht aus den Händen zu verlieren, kehre ich zum Gesichtspunkt zurück, daß die von der Anschauung ausgehende Geistesbildung in der naturgemäßen Sprachlehre ihren ersten Kunstbehelf suchen muß. Dieser Behelf geht, als zur Verdeutlichung der Erkenntnisse dienend, aus der Anschauung hervor. Die Geistesbildung aber erfordert ihrer Natur nach weiterführende Fundamente. Sie fordert Kunstmittel zur naturgemäßen Entfaltung der Kräfte, die durch die Anschauung erkannten und in sich zum klaren Bewußtsein gebrachten Gegenstände selbständig zusammenzustellen, zu trennen und zu vergleichen, und dadurch die Anlage, über sie, über ihr Wesen und über ihre Beschaffenheit richtig zu urteilen, zur wirklichen Denkkraft zu erheben.

Die Geistesbildung und die von ihr abhängende Kultur unseres Geschlechts fordert fortdauernde Ausbildung der logischen Kunstmittel zur naturgemäßen Entfaltung unserer Denk-, Forschungs- und Urteilskräfte, zu deren Erkenntnis und Benutzung sich das Menschengeschlecht seit Jahrtausenden erhoben. Diese Mittel gehen in ihrem Wesen und Umfange aus der uns innewohnenden Kraft hervor, die durch die Anschauung zum klaren Bewußtsein gekommenen Gegenstände in uns selbst frei und selbständig zusammenzustellen, zu trennen und zu vergleichen, d.h. logisch ins Auge zu fassen und zu bearbeiten und uns dadurch zur gebildeten menschlichen Urteilskraft zu erheben. Diese Mittel der Kunst, das Denkvermögen unseres Geschlechts zur gebildeten Urteilskraft zu erheben, sie in ihrem Wesen zu erforschen und zur allgemeinen Brauchbarkeit und Anwendbarkeit auszuarbeiten, ist hinwieder eine der wesentlichsten Bestrebungen der Idee der Elementarbildung. Und da die Kraft, durch die Anschauung deutlich erkannte Gegenstände logisch zu bearbeiten, offenbar in der gebildeten Kraft, zu zählen und zu messen, ihre erste, naturgemäßeste Anregung und Belebung findet, so ist klar, daß in der vereinfachten Bearbeitung der Zahl- und Formlehre das vorzüglichste Mittel zu diesem wichtigen Zweck der Menschenbildung gesucht und anerkannt werden muß, und warum die Idee der Elementarbildung die psychologisch bearbeitete und vereinfachte Zahl- und Formlehre, in Verbindung mit der ebenso vereinfachten Sprachlehre, gemeinsam als das tiefste, einwirkendste, allgemeine Fundament der naturgemäßen Kunstausbildung der menschlichen Denkkraft anerkennt und anspricht.

In Rücksicht auf die elementarisch zu bearbeitende Zahl- und Formlehre ist der Eindruck merkwürdig, den unsere ersten Versuche darüber schon in Burgdorf auffallend allgemein machten. Noch merkwürdiger aber ist, wie unwidersprechlich die späteren Resultate dieser in Burgdorf höchst einseitig begonnenen und später in einen so tödlich sterbenden Zustand versunkenen Versuche es allein möglich machten, daß meine, so lange in sich selbst zerrüttete, ganze Reihen von Jahren in offenem Aufruhr um ihre Erhaltung kämpfende und am Rande ihres Abgrunds gestandene Anstalt sich bis auf diese Stunde zu erhalten vermochte *) und gegenwärtig, bei der immer wachsenden Abschwächung und beinahe vollkommenen Zernichtung aller ihrer äußeren Mittel, in der Errichtung einer Anstalt von Erziehern und Erzieherinnen, mitten im Anschein ihres nahen Erlöschens, noch einen hohen Funken innerer Lebenskraft zeigt, dessen bedeutende Erscheinung die Hoffnung ihrer Errettung auch jetzo nicht ganz in mir auszulöschen vermag.

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