"Die Abendstunde eines Einsiedlers" (1780)
Zur Einführung
Einer der Wenigen, die noch an Pestalozzi glaubten, als er gegen 1780 erneut scheiterte und seine Armenanstalt schließen mußte, war der Basler Ratsschreiber Isaak Iselin. Dieser veröffentlichte in seiner ethisch-politischen Zeitschrift "Ephemeriden der Menschheit" im Mai 1780 Pestalozzis erste bedeutende Arbeit: "Die Abendstunde eines Einsiedlers". Pestalozzi hatte dieser Schrift bewußt eine programmatische Funktion zugedacht. "Sie ist Vorrede zu allem, was ich schreiben werde", lesen wir in seinem Brief vom 29. Sept. 1780 an Isaak Iselin [PSB 3, S. 96.]. Tatsächlich sind hier viele der tragenden Gedanken des späteren Pestalozzi im Ansatz vorweggenommen. In seinem Roman "Lienhard und Gertrud" hat er dann die in dieser Schrift entwickelten Grundsätze ins konkrete Leben zu übersetzen gesucht.
In der "Abendstunde" sieht Pestalozzi das individuelle und gesellschaftliche Leben des Menschen in fünf konzentrischen Kreisen, drei äußerern und zwei innerern
. Der erste und zugleich wichtigste der äußeren Kreise ist die Familie. In den nähesten Lebensverhältnissen des Hauses und der Wohnstube erfährt der einzelne Mensch durch die Auseinandersetzung mit der dinglichen und personalen Umwelt sich selbst; hier entfalten sich seine Kräfte, hier bildet sich echter Wahrheitssinn, und hier findet er Erfüllung seines irdischen Daseins in der liebenden Begegnung mit seinen Angehörigen und durch den "stillen Genuß" des häuslichen Glücks und der inneren Ruhe. Der nächste Kreis ist gegeben durch das Leben im Beruf. In der Sorge um das tägliche Brot nimmt der Einzelne Anteil an einem Bereich eines größeren gesellschaftlichen Zusammenhangs, ohne die Verwurzelung im engen Kreis aufzugeben. Den äußersten Kreis bildet die Gesellschaft, bzw. der Staat. Auch er soll auf den engsten Kreis bezogen bleiben. Er soll nicht nur das häusliche Glück des Einzelnen sichern, er soll selbst eine Familie im Großen verkörpern: Fürst und Untertan sollen wie Vater und Kinder zueinanderr stehen. Pestalozzi schrieb die "Abendstunde" noch vor den Umwälzungen im Gefolge der Französischen Revolution, aber von der in dieser Schrift von seiner darin sichtbaren politischen Position eines aufgeklärten Absolutismus sollte sich Pestalozzi auch in den folgenden Jahren nur halbherzig lösen.
Der einzelne Mensch steht nun nicht nur im Zentrum dieser drei äußeren Lebenskreise, welche freilich ineinander fließen, sondern er begegnet zwei weiteren "Kreisen" in sich selber. Da ist er vorerst mit einer Welt von Trieben, Bedürfnissen, Instinkten und Anlagen konfrontiert, mit denen er durch die Auseinandersetzung mit den äußeren Kreisen in ein angemessenes Verhältnis kommen muß. Und im Innersten seines Wesens findet der Mensch zuletzt Gott. Darum ist für Pestalozzi zur Zeit der "Abendstunde" Gott "die nächste Beziehung der Menschheit", und darum darf jeder Mensch seinem "inneren Sinn" als einem "sicheren Leitstern" vertrauen. Der Glaube an Gott und an die Unsterblichkeit sind folglich dem Menschen natürlich, und die Sünde besteht im Nichthören auf die eigene innere Stimme. Der Unglaube ist somit das Unnatürliche.
Die Erziehung muß deshalb danach trachten, den Kindersinn des heranwachsenden Menschen zu erhalten, damit dieser als ein Kind seines Gottes seine künftigen Familien-, Berufs- und Staatspflichten erfüllt. Und insofern sich in der Familie das grundlegende Verhältnis zwischen Vater bzw. Gott und Menschen bzw. Kind widerspiegelt, wird sie zum Modell für den idealen Staat, in welchem der Fürst als Vater seine Regierungspflichten in liebender Verantwortung für seine Untertanen und sein Staatswesen wahrnimmt.
Nun kann der Einzelne allerdings nur dann zur inneren Ruhe kommen und damit zum Segen für seine Mitmenschen werden, wenn seine naturgegebenen Anlagen auf natürlichem Weg zu wahrer Menschenweisheit "emporgebildet" werden. Ausgangspunkte für die Entfaltung der menschlichen Anlagen sind dabei die liebende Beziehung zwischen Mutter und Kind und das konkrete Leben in den nähesten Verhältnissen der Familie. In der Auseinandersetzung mit dem, was dem heranwachsenden Menschen in der erlebten Wirklichkeit begegnet, findet er Wahrheit und bildet sich in ihm Kraft.
Die Schule, die bloß unverwertbares Vielwissen erzeugt, die leere Worthülsen statt Realkenntnisse vermittelt, die jede Einzelerscheinung in starre Systeme preßt und sie dadurch aus ihrem natürlichen Zusammenhang herausreißt, diese Schule führt den Menschen weg vom Weg der Natur und verkünstelt ihn. Was dem Menschen zum Wohle gereicht, ist eine natürliche Entwicklung seiner Möglichkeiten, er vervollkommnet sich in der Erhaltung und Entfaltung seiner Lebenssubstanz und nicht durch schulisches Lernen.
Im Ganzen ist der Grundton der "Abendstunde" optimistisch und wurzelt in Pestalozzis Sicht des Menschen als göttlichem Ebenbild. Das Böse wird hier aber nicht wie in der traditionellen Sicht des Christentums als Ausdruck einer Ur-Schuld oder als Verlockung des Teufels gesehen, sondern als Mangel des Guten, als störender Einfluß auf die natürliche Emporbildung der in der Menschennatur vorhandenen Anlagen. Entsprechend sind auch die pädagogischen Mittel: Wachsen lassen, behüten, ausbilden, nicht hemmen, nicht voreilen. Die Antithese zu dieser harmonistischen Sicht des Menschen, die einerseits geprägt ist durch Pestalozzis pietistisch beeinflusste Lebenserfahrungen und andererseits durch seine Aufnahme rousseauschen Gedankenguts, findet sich dann 1787 in der sog. Philosophie des Leutnants in "Lienhard und Gertrud", wonach die Meisterung der naturgegebenen Selbstsucht im Zentrum des pädagogischen Bemühens stehen muss.
Bei der Anmerkung des Herausgebers der Ephemeriden am Schluß der "Abendstunde" handelt es sich um eine Passage aus Pestalozzis Brief vom 9. Juni 1779 an Isaak Iselin [PSB 3, S. 77-80.]. Pestalozzi selbst bezeichnet diesen Brief als den wichtigsten, den er jemals geschrieben habe, und legt seinem väterlichen Freund gegenüber seine Vorstellungen von Religion und Gesellschaft dar. Er ist überzeugt, daß gesellschaftliche Gerechtigkeit vom Einzelnen Selbstüberwindungen erfordert, die aber nicht - wie die Aufklärer glaubten - aus verstandesmäßiger Einsicht, sondern einzig um der Liebe willen geleistet werden kann. Und weil die Religion, insbesondere das Christentum, den Menschen zur Liebe bildet, betrachtet Pestalozzi die Lehre von Jesus Christus als "reine Gerechtigkeit bildende Volksphilosophie" [PSB 3, S. 78.]. So lesen wir an andern Stelle des in der Anmerkung nur teilweise abgedruckten Briefes.
"Religion ist Bildung zur Menschenliebe, folglich zum reinen gegenseitigen Sinn des Vater- und Kinderverhältnisses, zu ihrer gegenseitigen Gerechtigkeit. Großer Gedanke der Religion, daß wir Kinder Gottes sind, bildet uns zu Brüdern, und Brudersinn und Liebe ist einzige Quelle wirkender Menschengerechtigkeit." [PSB 3, S. 78.]
Grosse Verwirrung stiftete die falsche Lesart der Kritischen Werkausgabe (PSW 1, S. 281), wo - Pestalozzis Gedankengang ins Gegenteil verkehrend - zu lesen ist, Jesu Lehre sei "keine Gerechtigkeit bildende Volksphilosophie". Anhand des noch vorhandenen Brieforiginals lässt sich einwandfrei feststellen, dass Pestalozzi "reine" und nicht "keine" geschrieben hat.
















