Fabeln. Figuren zu meinem ABC-Buch oder zu den Anfängen meines Denkens.

Johann Heinrich Pestalozzi

Mit e. Nachwort hrsg. v. Heinrich Billen. München: Deutscher Taschenbuch Verl. 1993. 388 S. (dtv klassik, Bd. 2323).

Mit e. Nachwort hrsg. v. Heinrich Billen. München: Deutscher Taschenbuch Verl. 1993. 388 S. (dtv klassik, Bd. 2323).

Mit der von Heinrich Billen besorgten Edition von Pestalozzis "Fabeln", so der eingängige Titel der Schrift in ihrer 2. Fassung von 1803, liegt eine vollständige Edition dieser Schrift vor. Die Textedition folgt aber nicht der 2. Fassung, sondern der 3. Fassung aus der Cotta-Ausgabe von 1823, die auch der Edition in der Kritischen Ausgabe (PSW 11, S. 87359) zugrundeliegt. Sowohl in ihrer 1. Fassung von 1797 als auch in ihrer 3. Fassung von 1823 trägt die Schrift den nicht ohne weiteres verständlichen Titel "Figuren zu meinem ABCBuch oder zu den Anfangsgründen meines Denkens". Der Herausgeber begründet seine Entscheidung für die 3. Fassung in der editorischen Nachbemerkung (S. 378379) mit Pestalozzis zum Teil umfangreichen Zusätzen zu zahlreichen Fabeln, die Pestalozzi für jedes tiefere Verständnis für unverzichtbar hielt. Anders als in der Kritischen Ausgabe ist der Text der Fabeln den heute gültigen orthographischen Regeln angepaßt. Bei den Fabeln handelt es sich um insgesamt 279 kurze Geschichten, die letztlich jede für sich allein gelesen werden können. Als Beispiel kann die kurze Geschichte "Das Schuhmass der Gleichheit" mit dem Zusatz von 1823 angeführt werden:

"Ein Zwerg sagte zum Riesen: "Ich habe mit dir gleiches Recht." Der Riese erwiderte: "Freund! das ist wahr; aber du kannst in meinen Schuhen nicht gehen." Das sollte man dem Dorfvogt antworten, der eine Stadtpolizei auf seinem Dorfe haben möchte, und dem Stadtburgermeister, der eine Macht vor seinem Rathaus und vor dem Stadttor, auf Kosten der Stadt, in fürstlicher Parade aufziehen zu machen gelüstete". (S. 99-100)

Die Fabeln, kurze lehrhafte Erzählungen zumeist aus dem Tier und Pflanzenreich sind häufig dem bäuerlichen Lebenskreis entnommen und haben fast immer einen gesellschaftspolitischen Hintergrund. Ihre Entstehungszeit zeitgleich und in engem Zusammenhang mit den "Nachforschungen" und der Schrift "Ja oder Nein" betont diesen Zusammenhang.

In einem ausführlichen Nachwort (S. 343-374) gibt Billen eine Interpretation und Einschätzung dieser Schrift, die das Lesen der einzelnen "Fabeln" dann auch sinnvoll macht. Billen betont vor allem den Zusammenhang zwischen den "Nachforschungen", die er einer gründlichen Interpretation unterzieht, und den Fabeln: letztere seien der Versuch, die in begrifflichdiskursiver Sprache entworfene Gedankenwelt der Nachforschungen in eine bildhaftanschauliche Poesie umzusetzen. In einer Zeit genereller Ungewißheit und einer persönlichen Lebenskrise werden die Fabeln damit für Pestalozzi zu einem Medium der Wahrheits und Sinnsuche. Die Sammlung dieser kleinen Geschichten entstand über den langen Zeitraum eines Jahrzehnts (1780-1790) und die einzelnen Geschichten sind wie die noch vorhandenen Handschriften zeigen von Pestalozzi wieder und wieder umgearbeitet und sprachlich ausgefeilt worden. Mit diesen Fabeln stellt sich Pestalozzi nach Billens Einschätzung in eine Reihe mit den großen Fabeldichtern Triller, Hagedorn, Gellert, Lichtwer, Gleim, Pfeffel und sogar Lessing. Aber Pestalozzi wird als Fabeldichter in der Literaturgeschichte kaum wahrgenommen, weil seine Fabeln im engeren Gattungsverständnis schon keine Fabeln mehr sind, sondern in ihrer formalen und inhaltlichen Eigenständigkeit Elemente von Fabeln, Parabeln, Gleichniserzählungen, Beispielgeschichten und Kurzdialogen sentenzenhaftaphoristischer Art vereinen und diese dann häufig in essayistischer Art erweitern. Deshalb hat Pestalozzi auch bei der Titelgebung geschwankt und der Fabelsammlung den eher zutreffenden Titel "Figuren" gegeben, wobei der Zusatz "zu meinem ABCBuch" nicht auf die Elementarmethode oder einen pädagogischdidaktischen Ansatz verweist, sondern allein auf die grundlegende Funktion der Fabeln für sein Denken. Die "Figuren" sind als ganzes das Dokument der von Pestalozzi antizipierten existentiellen Gebrochenheit des Lebensgefühls zwischen Sinnlichkeit und Sittlichkeit, zwischen Wahrheit und Wirklichkeit, zwischen Nihilismus und Sinngewißheit. Sie spiegeln damit literaturhistorisch die Abkehr von den Fabeldichtungen der Aufklärung und nehmen gesellschafthistorisch und philosophiegeschichtlich schon Probleme und Konflikte des 19. Jahrhunderts vorweg. Die Figuren belegen Pestalozzis anthropologische Position, wonach der Mensch den Umriß des künftigen, sittlichhumanen Menschen zwar als utopische Bestimmung in sich trägt, diese aber insoweit "Utopie" nicht erreichen kann. 

In dieser Textausgabe werden Pestalozzis "Fabeln" oder zutreffender "Figuren" als ein literaturhistorisch bedeutenden Werk vorgestellt, das gleichzeitig das Nachdenken und Ringen eines Menschen um seine philosophischanthropologische und seine gesellschaftlichpolitische Position zeigt. Die Fabeln sind zugleich mit den Nachforschungen das beeindruckende Dokument dieser Wahrheits und Sinnsuche. Billens Textausgabe zusammen mit seinem Nachwort sollte zur Revision des u.a. in den großen Allgemeinenzyklopädien bis heute tradierten Bildes führen, daß Pestalozzis Fabeln für Kinder und Jugendliche geschrieben seien, was sie eben gerade nicht sind. Die "Figur" "Das Hahnengeschrei" sagt, ebenso wie zahlreiche andere Figuren, etwas über die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und seine tierische und gesellschaftliche Natur aus:

"Meister Erdwust: "Warum krähet der Hahn allemal, ehe du aufstehest?" Knecht Frohmuth: "Damit ich noch einen Augenblick als ein Mensch denken könne, ehe ich als ein Vieh arbeiten muß." Dieser Meister sagte auch einmal zu seinem Knecht, es sei mit dem Ruhetag, den man den Sonntag heiße, eine bloße Narrheit, wir haben ja in der Woche sieben Ruhenächte.". (S. 39)