Dritter Teil: Abschliessende Betrachtungen

Die Idee der Elementarbildung ist in der Natur des Menschen begründet

Es ist eine jeder ernsten Prüfung vorliegende Tatsache, daß die Resultate meiner Lebensbestrebungen im ursprünglichen Fundament ihrer Eigenheit noch fest und unerschütterlich dastehen und zur weiteren Bearbeitung vorliegen. Ihre möglichen, wahrscheinlichen und zum Teil gewissen Folgen sind von einer Wichtigkeit, daß ich, ohne Gefahr, jemals dieser Äußerung halber beschämt zu werden, offen aussprechen darf: Nicht wenige Resultate unserer Anstalten und Versuche sind geeignet, die Kräfte der Menschennatur im Zustande der Erschlaffung, in dem sie sich durch die Verkünstelungsmaßregeln unserer Zeit befinden, mit mächtiger Kraft real und naturgemäß zu ergreifen und sie, ich möchte fast sagen, zu einer menschlichen Wiedergeburt und zu einem erneuerten Leben zu erwecken, indem sie uns in der äußeren und inneren Anschauungskraft, die in unserer Natur liegt, gleichsam die Urquelle alles unseres soliden Wissens, Kennens und Könnens in ihren Anfangspunkten naturgemäß erkennen, benutzen und in dem Grad ergreifen und festhalten gelehrt, in welchem die Routinemittel unserer Zeiterziehung und unseres Zeitunterrichts uns vielseitig davon abgelenkt und entfernt haben.

So wenig ist die Idee der Elementarbildung, auch nur so weit, als sie in unserer Hand liegt, ein Luftschloß. Sie kann es nicht sein, und wenn ihr Wesen festgehalten wird, so kann sie es nie werden. Dieses liegt in der Menschennatur selber, und ihre Resultate sprechen sich kunstlos in allen Hinsichten und nach allen Richtungen im wirklichen Leben aller Stände einzeln von selbst aus. Jede also aus der Natur hervorgehende, gute Erziehungsmaßregel, jede reine Handlung der Liebe, des Vertrauens und des Glaubens, jede Erkenntnis der Wahrheit und des Rechts, jede Fertigkeit der wahren Kunst, in welcher Form und Gestalt sie sich auch immer äußere, ist in seinem Wesen ein Resultat dieser hohen Idee. Ob der glänzende, liebende, ob der einsichtsvolle, lenkende Mensch, ob der kunstfertige Arbeiter des Zusammenhangs seines Glaubens, seiner Liebe, seines Denkens, seiner Kunst und seines Könnens, Kennens und Wissens mit dem Wesen der Idee der Elementarbildung und ihrer Kunstmittel wirklich bewußt sei und denselben deutlich erkenne, darauf kommt es nicht an. Die Resultate der entfalteten sittlichen, geistigen und Kunstkräfte, wie sie im wirklichen Leben ohne alle Kunst hervorgehen, sind einfache Wirkungen der menschlichen Grundkräfte, die durch die Hinzusetzung der Übungen der elementarischen Kunstbildungsmittel durchaus nicht in ihr erzeugt, sondern nur beholfen, d.i. in ihrer Erscheinung und Entfaltung erleichtert, belebt, gestärkt und in einen sich untereinander gegenseitig unterstützenden und belebenden Zusammenhang gebracht werden. Die Welt ist voll der einzelnen Resultate des Naturgangs dieser elementarischen Entfaltung, die in der Einfachheit unverkünstelter Sitten, Zeiten und Stände in allen Ständen einzeln, ohne alle Kunst in hoher, innerer Auszeichnung sich vielseitig nach Umständen und Bedürfnissen von selbst zutage fördern; und es ist auffallend, in welchem Grad sich diese von der Kunst ganz unbeholfen und dennoch mit den höchsten Resultaten der Idee der Elementarbildung übereinstimmenden Erscheinungen des gemeinen Naturgangs in der Entfaltung unserer Kräfte in einzelnen, einfach und kunstlos wohlerzogenen Menschen nach der Eigenheit ihres Genies und ihrer Individualität ungleich, aber immer in Übereinstimmung mit ihrem Individualcharakter aussprechen und darlegen.

Das tatsächliche Leben ist grundlegender als die Erziehungskunst

Hier siehst du einen Menschen mit sehr schwachen Geisteskräften und ohne alle Kunstfertigkeiten mit einer ausgezeichnet tiefen, sich selber bis zur Begeisterung erhebenden, sittlichen und religiösen Kraft als ein eigentliches Genie des Glaubens, der Gottesfurcht und der Menschenliebe; dort findest du einen anderen, der in sittlicher Hinsicht wenig belebt und in religiöser Hinsicht von innerer Begeisterung ferne ist, mit ausgezeichneter Kraft und hoher geistiger Belebung für die tiefere Erforschung wissenschaftlicher Gegenstände gleichsam von der Natur erschaffen und in sich selbst dafür begeistert, vor dir steht; dort findest du wieder einen anderen, der ohne besonderes sittliches Interesse und ohne eigentliche ausgezeichnete Fähigkeit für die Nachforschung wissenschaftlicher Gegenstände ein wahres Genie irgendeiner Kunst und dafür innerlich in sich selbst so belebt ist, daß ihn die geringfügigsten Gelegenheiten, die sein diesfälliges Genie ansprechen, mit hoher, innerer Gewaltsamkeit ergreifen und mit Leichtigkeit zu Resultaten von entscheidendem Erfolg hinführen. Wer den Gang der Welt in der Naturbelebung der allgemeinen Fundamente der elementarischen Entfaltung unserer Kräfte in ihrer Wahrheit erkennen will, der muß sie in der Verschiedenheit solcher auffallenden Erscheinungen, sowohl in Rücksicht auf die Genialität einzelner Individuen als mit Rücksicht auf tatsächliche Resultate dieser Verschiedenheit der menschlichen Anlagen, ins Auge fassen. Der Kulturgang des Menschengeschlechts im Allgemeinen findet in solchen genialischen Menschen die natürlichen Stütz- und Anknüpfungspunkte der naturgemäßen Beförderungsmittel des wahren Naturgangs, durch welchen es möglich ist, den Kunstausbildungsmitteln der Idee der Elementarbildung leichten und folgereichen Eingang zu verschaffen und folglich den Segen ihrer allgemeinen Ausbreitung allmählich mit merklicher Sicherheit ihres Erfolgs anzubahnen und zu befördern. Die naturgemäße Entfaltung der menschlichen Kräfte, die den elementarischen Bildungsmitteln allgemein zum Grunde liegt und zum Grunde gelegt werden muß, geht in ihren wesentlichsten Punkten weit mehr aus dem Leben als aus der Kunst hervor. Alle ihre Kunstbildungsmittel sind der höheren Bedeutung des Lebens untergeordnet, und ihre großen Resultate gehen im Allgemeinen mehr aus der tatsächlichen Belebung der Kräfte der Menschennatur als aus dem Einfluß wissenschaftlicher und Kunstbildungsmittel hervor.

In diesem Gesichtspunkte liegt das große und tiefgreifende Erleichterungsmittel der elementarischen Bildungs- und Erziehungskunst. Jeder einzelne Mensch kann in seiner Lage und in seinen Umständen ohne alle Kenntnis der Idee der Elementarbildung und ihrer Mittel das Seine zur naturgemäßen Entfaltung der Kräfte unseres Geschlechts in tausend einzelnen Gesichtspunkten, Verhältnissen und Anlässen beitragen. Darum ist es aber auch die Pflicht jedes erleuchteten Menschenfreundes, die Naturbasis aller wahren Kunstmittel dieser hohen Idee, die in allem Volke liegt und sich in allen Ständen und Verhältnissen in tausend und tausend Taten der Erziehung und des Unterrichts ohne alle Kunst naturgemäß ausspricht, anzuerkennen und anerkennen zu machen. Ohne die mitwirkende Anerkennung und Benutzung dieser Naturbasis der Elementarbildung, die in allem Volke liegt, ist es gänzlich unmöglich, die Kunstmittel dieser hohen Idee, besonders in ihren Anfangspunkten, naturgemäß und mit gesegnetem Erfolg zu erforschen, zu bearbeiten, zu benutzen und der Menschheit in allen Ständen in wirklich genugtuenden Tatsachen vor die Sinne zu bringen. Aber allenthalben, wo dieses mit Glauben und Liebe geschieht, finden die Kunstmittel dieser Idee in der Menschennatur selbst offenen Zugang. Wo diese Naturbasis der Kunst immer erkannt und mit Sorgfalt und Ernst benutzt wird, da wird sie auch in allen ihren Erscheinungen als göttlich und als heilige Führerin und Lehrerin von alle dem anerkannt, was die Kunst selbst in ihren höchsten Resultaten zur Bildung unseres Geschlechts beizutragen imstande ist und anspricht. Alle Bestrebungen, die Idee der Elementarbildung durch die Kunst ohne sorgfältige Aufmerksamkeit auf diesen allgemeinen, tatsächlichen Gang der Natur in der Entfaltung unserer Kräfte zu bauen, führen in ihren Folgen zu Luftschlössern, die oberflächliche, verkünstelte und träumerische Menschen ebenso leicht zu Gelüsten, Ansprachen, Handlungen, Maßregeln und Versuchen hinführen, durch die sie, anstatt den Segen ihrer Mitmenschen zu befördern, Verwirrung, Unglück und Elend unter ihnen vielseitig hervorbringen.

Das Wesen der Idee der Elementarbildung muss erkannt werden

Aller mögliche Vorschritt in den Ausführungsmitteln irgendeiner tief in die Menschennatur eingreifenden Bestrebung hängt von den Vorschritten in der immer heiteren Erkenntnis des Wesens der Idee selber und der Mittel ihrer Ausführung ab. Ohne immer wachsende Klarheit in der Theorie dieses und ähnlicher Gegenstände haben dieselben durchaus kein Fundament eines inneren, sich untereinander gegenseitig unterstützenden und belebenden Zusammenhangs. Der Vorschritt in der Theorie steht indes in allen ihren Teilen mit der Fortdauer und dem Wachstum der allgemeinen Tätigkeit in der Ausführung eines solchen Gegenstandes im innigsten Zusammenhange. Wir dürfen in keinem einzelnen Fache unserer praktischen Versuche stille stehen. Allenthalben bildet und stärkt die Fortdauer des Tuns die Kraft des Könnens, und das belebte Dasein des Beispiels und tatsächlicher Erfahrungen weckt die Aufmerksamkeit und das Interesse aller sich ihnen nähernden Kreise. Sei auch dein Beitrag zu diesen Erfahrungen noch so klein und geringfügig, sobald er als Resultat und im Zusammenhange mit dem Geist und den Mitteln der Idee der Elementarbildung dasteht, ist er die Aufmerksamkeit und das Interesse der Umgebungen, in denen er dasteht, in dieser Rücksicht zu erregen fähig und geeignet, und je größer und bedeutender ein solcher, als Erfahrungssache dastehender Beitrag an sich ist, desto bedeutender und folgereicher ist auch sein Eindruck auf seine Umgebungen. Indes ist hierbei noch vorzüglich ins Auge zu fassen: Nur das Vollendete wirkt allgemein im Großen, nur dieses hat unwiderstehliche Kraft. Hieraus fließt natürlich die Notwendigkeit, die tatsächlichen elementarischen Beispiele und Erfahrungen einzeln zum möglichsten Grad ihrer Vollkommenheit zu erheben.

Ich kann mich nicht enthalten, den Gesichtspunkt, daß die große Naturbasis der Idee der Elementarbildung von dem einfachen Gange der Natur in der Entfaltung unserer Kräfte, die in allem Volke liegt, ausgehe, durch ein tatsächliches Beispiel ins Licht zu setzen, das auf eine auffallende Weise heiter macht, wie weit der einzelne Menschen selber in den vorzüglicheren Kunstmitteln des Erziehungswesens hinzuführen geschickt ist. Ein kleiner, armer Junge hatte in einem Kloster, in dem er als Bettelknabe aufgenommen wurde, das Unglück, daß er an eine brennende Laterne anstieß, die von der Bühne herab ins Stroh fiel und es anzündete, wodurch ein sehr beträchtliches Klostergebäude verbrannte. Der arme Junge ward jetzt von jedermann beinahe als ein Scheusal ins Auge gefaßt; niemand wollte ihn mehr in sein Haus hineinlassen; er litt lange Hunger und Mangel; zuletzt lief er davon und irrte bettelnd herum; endlich erbarmte sich eine Glasersfrau seiner und nahm ihn auf. Er lernte ihr Handwerk so wohl, daß sie ihn sehr ungern wieder von sich ließ. Er fing an, sich zu fühlen, wollte mehr als sein Handwerk lernen, durchreiste Italien und einen Teil Frankreichs, ging selber nach England, lernte mehrere Sprachen geläufig und hatte sich eine große Gewandtheit erworben, mit Menschen aller Art umzugehen. Nun war ihm auch sein Handwerk nicht mehr genug. Der Gedanke kam in ihn, als Kammerdiener könnte er es bei seiner Bildung noch viel weiter bringen, als durch sein Reisen auf seinem Handwerk; zugleich trieb ihn eine Art von Wehmut wieder nach seinem Vaterlande zurück, wo er sich für diesen Dienst geradezu bei dem Abt des Klosters meldete, dessen Wirtschaftsgebäude er verbrannt hatte. Die Bildung, Freimütigkeit und Gewandtheit des Mannes machte den Abt aufmerksam; er stellte ihn sogleich als Kammerdiener an und fand eine so ausgezeichnet gewandte Dienstfähigkeit und Dienstbereitwilligkeit in ihm, daß er eine eigentlich väterliche Zuneigung gegen ihn gewann. Nach wenigen Dienstjahren verheiratete er sich, nahm einen Gasthof zu Lehen, zeigte auch auf demselben seine ausgezeichnet allgemeine praktische Kraft. Was aber das Wichtigste ist und warum ich eigentlich von ihm rede, ist dieses: Er schickte keines seiner Kinder in die Schule, und gab ihnen in allen Fächern mit einem Erfolg selbst Unterricht, der außerordentlich war und das Erstaunen der ganzen Gegend erregte. Seine fünf Töchter redeten alle Sprachen, die der Vater konnte, geläufig und waren in allen Teilen der Bildung, in denen sich der Vater auszeichnete, auf eine Weise geübt, als wenn sie durch alle Schulen gelaufen und selber in den höheren Kreisen des Bürgerstands mehr als schulgerecht gebildet worden wären. In allem, was sie angriffen, verständig und vom Morgen bis am Abend tätig, war ihnen dabei auch die niederste Arbeit nicht zu gering. Bürgerlich gekleidet, zogen sie, wenn sie auf dem Felde arbeiteten, ihre Oberröcke aus, schürzten sich nach bäuerischer Weise zur ländlichen Arbeit, und im Gasthofe, bei Fremden, zeigten sie ein Benehmen und einen Anstand, den man neben ihrer Gewandtheit in bäuerischen Arbeiten nicht möglich glauben sollte. Es war, wie wenn sie dem Vater in den Augen ansähen, was er nur wünschte, und wenn er pfiff, so sprang nicht nur eine, es sprangen zwei und drei seiner Töchter daher, zu sehen, was ihm lieb sei und was er befehle, und richteten es mit einer Sorgfalt, Genauigkeit und Tätigkeit aus, die durch die höchsten Resultate der raffiniertesten Kunstbildung nur selten erzielt wird.

Notwendigkeit der Erziehungskunst

So richtig dieses Beispiel des sich selbst Überlassenen, von der Kunst unbeholfenen Gangs der Natur in der Entfaltung unserer Kräfte auch immer da ist, wo er im einzelnen Menschen innerlich stark und kraftvoll belebt und äußerlich von den Umständen begünstigt wird, so ist gleich wahr, daß es in Rücksicht auf das, was die Masse des Volks kulturhalber in allen Ständen bedarf, nichts bedeutet. Die Erscheinung solcher Menschen ist in dieser Rücksicht, was einzelne süße Tropfen Wassers, die in die bitteren, ungenießbaren Fluten gesalzener Meere hineinfallen. Sie verlieren sich im Volk als rari nantes in gurgite vasto[1]. Das Volk bedarf in allen Ständen und unter allen Umständen der Mittel der Kunst zu seiner Bildung, sonst wird es bei alledem, was zur Entfaltung seiner Kräfte in ihm selbst liegt, sehr leicht und so viel als allgemein ein Opfer der sinnlichen tierischen Reize, beides, zur Verwilderung und zur Verkünstelung, die ohne ein kraftvolles, sittlich und geistig wohlbegründetes Gegengewicht, beide gleich sowohl auf den Wegen ihrer sinnlichen Kraftstärkung als auf denjenigen ihrer sinnlichen Abschwächung zur Unmenschlichkeit hinführet. So offenbar ist, daß das Beispiel einzelner Menschen, die sich durch den bloßen Einfluß des Lebens ohne alle Kunstmittel zu ausgezeichnet hohen menschlichen Kräften erheben, durchaus nichts, weder gegen das Bedürfnis der Idee der Elementarbildung noch gegen den Wert derselben beweist.

Sie, die Elementarbildung, ist eine wesentliche und dringende Nachhilfe des von der wahren Kunst unbeholfenen, in einzelnen Fällen einzelne Menschen zwar oft vortrefflich bildenden, aber in tausenden gegen einen die Masse des Volks unnatürlich mißbildenden wirklichen Zeitlebens, wie es sich in seinen Folgen, beides, in Rücksicht seines Einflusses auf die Verwilderung und auf die Verkünstelung des Menschengeschlechts allgemein ausspricht, und ich möchte fast sagen, in jedem Zeitgeist und in jeder Epoche aller menschlichen Jahrbücher dokumentierlich gleich darlegt.

Bedeutung der Mutter

Und fassen wir nun den positiven Zwang der Entfaltung des von der Natur unbeholfenen Lebens, wie es, seltene Fälle ausgenommen, im allgemeinen ist, und hingegen des von den Mitteln der elementarischen Bildung unterstützten und beholfenen Lebens, wie es seiner Natur nach allgemein in allen Ständen einzuwirken fähig ist, gegenseitig ins Auge, so finden wir, in der ersten Epoche des Lebens mangelt dem Kind, das dem großen Naturgang in der Entfaltung seiner Kräfte kunstlos überlassen wird, vor allem aus im allgemeinen eine Mutter, welche die Reize zu dem, was sie ihrem Kinde naturgemäß sein sollte, belebt, ruhig und gereift in gebildeter Entfaltung ihrer Kräfte mit Bewußtsein in sich selbst trägt. Ihr Kind gefahret ebenso im allgemeinen durch die gegenseitig sich selbst überlassene instinktartige Belebung dieser Triebe alle Augenblicke in ihrem wahrhaft naturgemäßen Einfluß auf die Belebung seiner Kräfte gestört, verwirrt und, anstatt durch dieselbe naturgemäß gebildet, durch sie naturwidrig verbildet zu werden. Unter diesen Umständen wird das unnatürlich geführte Kind durch die Ansprüche seiner Mißbildung, an denen die Mutter selber schuld ist, ihr sehr bald selber zur Last.

Sie ergreift, wenn sie gutmütig ist, selber unnatürliche und dem Kinde durch seine Sinnlichkeit schädliche Stillungsmittel seiner unnatürlich belebten Unruhe; wenn sie aber leidenschaftlich ist, so versucht sie, die Unruhe ihres Kindes durch Äußerungen ihrer eigenen Unruhe und ihrer eigenen Unbehaglichkeit zu stillen. Sie schilt und straft das Kind, das nichts verschuldet, das nur so ist, wie es unter ihrer Führung hat werden müssen. Sie straft die Unschuld. Sie legt den ersten Samen der Leidenschaft, sie legt den ersten Samen des Verlustes der Unschuld in das arme Geschöpf. Das Göttliche und Reine, das aus der ruhigen Selbsttätigkeit der Kräfte der Kinder selbst hervorgeht, verliert sich allmählich. Das Leidenschaftliche und Ungöttliche, das aus der unnatürlich belebten sinnlichen und tierischen Natur hervorgeht, verstärkt sich von Tag zu Tag. Die natürliche Entfaltung seiner Anschauungskraft wird verwirrt. Der bildende Einfluß zweckmäßig vor die Sinne gebrachter Gegenstände der Anschauung wird vielseitig im Kind stillgestellt und diese Gegenstände selber ebenso vielseitig seinen Sinnen entrückt und ihm hingegen die Menge dasselbe mißbildender Gegenstände mit unnatürlich belebten Reizen vor die Sinne gebracht, folglich die naturgemäße Ausbildung der Anschauungskraft gleichsam in ihrem Ursprung unnatürlich verwirrt und dadurch die naturgemäße Entfaltung der Sprachkraft ebenso wie diejenige der Denkkraft, deren erste Fundamente beiderseits in der naturgemäßen Entfaltung der Anschauungskraft liegen, wo nicht gänzlich unmöglich gemacht, doch ihrer naturgemäßen Entfaltung schon in diesem Zeitpunkt so viel als unübersteigliche Hindernisse in den Weg gelegt und damit so viel als alles zernichtet, wodurch das naturgemäß geleitete, häusliche Leben im Alter der Unmündigkeit selber das Kind zur naturgemäßen Benutzung der Schuljahre vorbereiten und ihm segenreich machen konnte.

Folgen des Mangels einer naturgemäßen Erziehung in der Wohnstube

Sehen wir das Kind also aus der Epoche der Wohnstubenbildung austreten, so liegen in ihm keine natürlich belebten Reize für irgend etwas, das die Schulbildung ihm naturgemäß geben sollte. Es hat keine naturgemäß belebte Anfangspunkte für das, was es in der Schule naturgemäß fortsetzen sollte. Es kommt in eine neue Welt, die für dasselbe durchaus keinen geistig und gemütlich, wohl aber einen leidenschaftlich belebten Zusammenhang mit seiner Mißbildung hat. Es tritt eigentlich für die Vorschritte der Mißbildung, die es in der Schulführung zu machen Gelegenheit hat, wohl vorbereitet in die Schule. Seine Hausmißbildung kommt mit der Hausmißbildung der ganzen Schar seiner Mitschüler in belebten Zusammenhang; und da die Mißbildung aller in ihrem Wesen allgemein gleichen Ursprungs und gleicher Natur ist, so wird sie auch sehr leicht allgemein ansteckend. Die Frechheit unter vielen Kindern ist bald allgemein erzeugt, wo die Bescheidenheit in jedem einzelnen nicht zum voraus schon kraftvoll belebt ist. Ebenso sind der böse Mutwille, die schamlose Leichtfertigkeit, das böse Verhöhnen, Beleidigen und Kränken der Schwachheit und der Armut und alle Fehler der Lieblosigkeit und Hartherzigkeit in der Epoche der Schulzeit in den Herzen der Kinder leicht ansteckend, wenn im häuslichen Leben nicht schon zum voraus Anmut, Liebe, Friede und Ruhe, die dem kindlichen Alter so natürlich sind, in den einzelnen Schulkindern kraftvolle Nahrung gefunden und ihnen im belebten Kinder-, Bruder-, und Schwestersein habituell und gleichsam zum Bedürfnis und zur anderen Natur gemacht worden. Ebenso sind in geistiger Hinsicht die Zerstreuung, Gedankenlosigkeit, Unaufmerksamkeit, Unvorsichtigkeit und Übereilung unter dem Haufen der Schulkinder bald allgemein ansteckend, wenn die Aufmerksamkeit, das Überlegen und Nachdenken durch die Hausbildung der Einzelnen in ihnen noch keine kraftvolle Wurzel gefaßt hat.

Hinwieder sind in physischer Hinsicht Trägheit, Gemächlichkeit, sinnliche Lüsternheit und ihre Folgen, diese Hindernisse der Entfaltung der Gewandtheit, Anstrengung und Ausharrung, in der bürgerlichen und häuslichen Tätigkeit in den Schuljahren ebenso ansteckend, wenn die häusliche Bildung ihren kindlichen, liebenden Sinn nicht zum voraus zur physischen Entfaltung und Belebung ihrer Glieder und zur Teilnahme an verschiedenen Arten der ihnen zukommenden, häuslichen Tätigkeit und selber zur eifrigen Anstrengung und Ausharrung in derselben gereizt und angewöhnt hat. Der Schulmeister kann unter diesen Umständen, so gerne er auch wollte, durchaus nicht naturgemäß auf die Fortbildung der sittlichen, geistigen und physischen Kräfte seiner Kinder einwirken, weil der Punkt dieser Bildung, der ihnen im häuslichen Leben schon hätte gegeben werden sollen, in ihnen nicht, wie er sollte, schon naturgemäß entfaltet und belebt vorliegt. Er kann sich unter diesen Umständen durchaus nicht als väterlicher Erzieher seiner Kinder fühlen und denken, im Gegenteil, er muß soviel als notwendig als mühseliger Unterrichter und Abrichter von Kindern, deren Geist, Herz und Hand ferne von ihm und von alle dem ist, was er ihnen einüben sollte, ansehen und fühlen und ist, um auch nur einen Scheinerfolg seiner Unterrichts- und Abrichtungsmittel sicherzustellen, in der traurigen Lage zu Mitteln der höchsten Unnatur seine Zuflucht zu nehmen und seine Kinder durch Belohnungen, durch eitle Ehre und Ruhm zu dem hinzulocken, was sie, wenn sie im häuslichen Leben naturgemäß erzogen und für das, was sie in der Schule lernen sollten, wohl vorbereitet worden wären, in seinen Elementen schon in sich selber tragen und in den Bildungsübungen seiner Vorschritte gerne und mit Freude sich selber eigen machen würden. Ebenso muß er sie mit der rohen Gewalt unnatürlicher Schulstrafen von Dingen abhalten, die im anderen Falle ihnen weder von selbst schon zur eingewurzelten Übung geworden, noch auch so leicht durch das Beispiel anderer ansteckend auf sie hätten wirken können.

Und treten solche erziehungshalber im häuslichen Leben nicht nur verwahrloste, sondern selber mißbildete Kinder in diesem Zustand aus den Kinderschulen in höhere und überhaupt in die verschiedenartigen Bildungs- und Unterrichtsanstalten für das wissenschaftliche oder praktische, bürgerliche Leben, so ist die in diesem Zeitpunkt sehr belebt wachsende Kraft ihrer physischen Entfaltung sehr geeignet, allen Reizen der Zügellosigkeit, Selbstsucht, Frechheit und Gewalttätigkeit des sinnlichen Lebens und seiner tierischen Ansprüche in einem hohen Grad starke, leidenschaftliche und gefährliche Nahrung zu geben und sie dahin zu führen, auf das Fundament oberflächlicher Kenntnisse, unreifer Entfaltungen und halberlernter Kunst- und Berufsfertigkeiten anmaßungsvolle, alle Subordination mißkennende und auf leere Luftschlösser gebaute Ansprüche zu machen, deren Folgen wir in unserem Zeitalter in einem hellen Licht oder vielmehr in grellen Erscheinungen als eine Hauptursache des vielseitigen Unglücks unserer Tage erkennen gelernt haben.

Fassen wir endlich diese auf einer solchen Bahn erwachsenen Menschen als Väter und Mütter in häuslicher, als Geschäftsmänner in bürgerlicher und Berufshinsicht ins Auge, so erscheinen die Folgen ihrer in der ersten Stufe ihres jugendlichen Lebens nicht naturgemäß genossenen Bildung nur erst in ihrem grellsten Licht oder vielmehr in ihren weitführenden, traurigen Wirkungen. Im Verderben des positiven Lebens unseres unnatürlich verkünstelten Zeitgeists und des durch ihn gewaltsam belebten und gestärkten allgemein sinnlichen Weltgeistes aufgewachsen, mangeln ihnen die wesentlichsten soliden Kenntnisse, Neigungen und Fertigkeiten, die eine gute naturgemäße Erziehung im Vaterhause und eine darauf gebaute gute naturgemäße Schul- und Berufsbildung sowohl im Knaben- als im Jünglingsalter ihnen gegeben oder vielmehr sie dazu vorbereitet hätte. Die reinen, menschlichen Beweggründe und Antriebe zur Erfüllung ihrer häuslichen und bürgerlichen Pflichten haben in ihnen selbst keine naturgemäße, reelle Begründung. Sie finden nur in ihrer Verwilderung und ihrer Verkünstelung sowie in Reizen, die dieses doppelte Verderben in ihnen stärken und beleben, Beweggründe zur segenslosen Scheinerfüllung der Pflichten, auf deren äußerliche Erfüllung ihre Verhältnisse wider ihren Geist und wider ihr Herz zwingend einwirken. Sie können in dieser Lage dem Schein nach oft recht viel Gutes tun, das sich aber auch nur durch das Sprichwort „Die Not bricht Eisen“ in seiner Wahrheit erklären läßt. Die wesentlichen Fundamente alles wahrhaft häuslichen und bürgerlichen Guten mangeln ihnen im ganzen Umfange. Die Pflichten und Rechte, die die Menschlichkeit anspricht, sind ihnen ganz untergeordnete Beweggründe ihres sie auf keine Weise menschlich erhebenden und menschlich befriedigenden Weltsinns. Die Quellen der Liebe sind in ihnen verödet, und von der Wahrheit fragen sie in dieser Verödung: Was ist sie? Und wie sie sind, fragen sie das mit Recht. Die Wahrheit an sich, in ihrer Reinheit, ist ihnen nichts und kann ihnen nichts sein. Sie ist nicht in ihnen. Der ganze Umfang der Dienst- und Notpflichten ihrer Sinnlichkeit hat weder in ihr noch in der Liebe ein Fundament der Reize, die sie anspricht; darum ist ihre Erfüllung auch in ihrem häuslichen und in ihrem öffentlichen Leben segenslos.

Doch ich mag das Bild der Folgen, die aus dem Mangel einer soliden, naturgemäßen Begründung des Erziehungswesens im häuslichen Leben in den ersten Kinderjahren bei dem Verkünstelungsverderben der Zeit so allgemein sind, nicht weiter ausführen; ich setze im Gegenteil, dieses Bild zu mildern, noch hinzu: Diese unglücklichen Folgen des Mangels einer guten, naturgemäßen häuslichen Erziehung in den ersten kindlichen Jahren können freilich in den folgenden Jahren durch den Einfluß der Religion in einzelnen Fällen in einem hohen Grad gemildert und zum Teil wirklich ausgelöscht werden. Sie erscheinen also im wirklichen Leben bei weitem nicht allgemein in einem so grellen Lichte. Aber wenn der Mensch schon in seinen späteren Jahren, auf welche Weise und durch welche Mittel es auch geschehen mag, dahin kommt, ganz einzusehen, was ihm zur soliden Begründung des häuslichen und bürgerlichen Segens seines Lebens mangelt, und wenn er auch wirklich dahin kommt, diesen Mangel mit bitteren Tränen zu beweinen, so ist er doch in seinen Folgen bis auf einen gewissen Punkt so viel als unauslöschlich bleibend in ihm. Wenn er auch dahin kommt, seine Unfähigkeit, sein Brot auf eine sein Herz selber befriedigende Weise zu verdienen und seine Kinder zu allem Guten und Segensreichen, dessen sie bedürfen, zu erziehen und den Armen um sich her mit dem besten Herzen zu dienen, ganz einzusehen, so hat er um deswillen die gebildeten Kenntnisse und Fertigkeiten, die hierfür notwendig sind, doch nicht in sich selber und bleibt in dieser Rücksicht hinter dem Zustand, zu welchem er durch eine, von der Wiege an durchgeführte, elementarische Führung gekommen wäre, bis an sein Grab zurück.

Das Wesen einer wahrhaft naturgemäßen Erziehung

Ich verfolge meinen Weg, und so wie ich eben versucht habe, den positiven Gang des von der Kunst unbeholfenen Lebens, wie es, seltene Fälle ausgenommen, sich in seinen Folgen allgemein ausspricht, darzulegen, so fahre ich fort, das von den Mitteln der wahren, naturgemäßen und elementarischen Bildung unterstützte Leben, wie es wirklich ist und in seinen Folgen notwendig sein muß, auf eben diese Weise ins Aug' zu fassen.

In der ersten Epoche des kindlichen Lebens ist keine elementarische, naturgemäße Bildung denkbar ohne eine Mutter, die das Wesen der Mittel dieser Bildung entweder in ihren höheren Herzens- und Geistesanlagen individuell in sich selbst trägt oder sie wirklich durch die solide Erlernung derselben sich genugtuend eingeübt hat. Das Wesen dieser Mittel ist seiner Natur nach geeignet, wahrhaft bildend auf ihr Kind einzuwirken und ebenso die Reize zu seiner Mißbildung allgemein stille zu stellen und zu schwächen. Das große erste Gesetz dieser Bildung ist die Ruhe des unmündigen Kindes. Diese muß durch die Mutter auf alle Weise befördert werden, und es liegt in der Natur ihres untergeordneten Instinkts selber, daß diese Ruhe ihr heilig sei. Sie tut alles, diese Ruhe zu fördern und ihre Störung zu verhüten. Es liegt im Naturgang ihrer Führung, daß sie alles tue, es zu stillen und nicht unnatürlich zu stören oder stören zu lassen. Die Sorge dieser Handlungsweise der Mutter führt dahin, daß die erste Belebung der Kräfte ihres Säuglings nicht aus äußeren, zufälligen und zur Unruhe führenden sinnlichen Reizen, sondern aus dem Selbsttrieb, welcher der Entfaltung aller seiner Kräfte allgemein zum Grunde liegt, selbst hervorgehe und sich ruhig und still durch ungestörtes und unverwirrtes Anschauen seiner Umgebungen in ihm selber entfalte, bilde und stärke. Bei dieser Führung wird das Kind, das von seiner Mutter zu keiner unnatürlichen Unruhe gereizt, sondern vielmehr durch sie vor ihren mißbildenden und irreführenden Reizen geschützt wird, ihr auch nicht leicht zur Last; und sie kommt so leicht weder in den Fall, in blinder Gutmütigkeit unnatürliche und dem Kinde schädliche Stillungsmittel seiner gereizten Unruhe zu gebrauchen noch in gereizter Leidenschaftlichkeit der Unruhe des Kinds durch Äußerungen ihrer eigenen Unruhe Einhalt zu tun und dasselbe in diesem Gemütszustande zu schelten, zu strafen, seine Unschuld zu kränken und den Samen der Leidenschaft in ihm zu reizen und zu beleben.

Das Reine und Göttliche, das aus der ruhigen Selbsttätigkeit der Kräfte des Kindes selbst hervorgeht, wird durch das diesfällige Benehmen der Mütter von Tag zu Tag in ihm immer mehr gestärkt. Seine Anschauungskraft wird durch dasselbe naturgemäß entfaltet und dadurch die Entfaltung seiner Sprachkraft naturgemäß begründet. Die Gegenstände, die dieses bezwecken, werden ihm mit Sorgfalt und Kunst in Übungen, die stufenweise aufeinanderfolgen und sich so fortschreitend begründen, vor die Sinne zur Anschauung gebracht, und dadurch wird sein solides Redenlernen ein notwendiges und unfehlbares Resultat seiner Anschauungsübungen und ihres in der Natur der Dinge selbst liegenden Zusammenhangs, über dessen Eindruck es sich wörtlich ausdrücken, d.i. reden lernen soll, und ebenso wird dadurch die naturgemäße Entfaltung der Denkkraft mit derjenigen der Anschauungskraft so innig verbunden und so einfach und naturgemäß aus ihr hervorgehen gemacht, daß die Zwischenstufe der zu bildenden Sprachkraft als ein mechanisches, an sich lebloses Ausdrucksmittel des Geistes und des Lebens dieses innigen Zusammenhangs der Anschauungs- und der Denklehre und ihres gegenseitigen Einflusses aufeinander angesehen werden kann; wodurch es dann auffällt, daß durch die solide, elementarische Führung des Kinds dasselbe in seiner häuslichen Bildung schon in seiner Unmündigkeit auf eine solide Weise zu einer segensvollen Benutzung seiner Schuljahre und Schulführung vorbereitet und tüchtig gemacht wird. Sowie es bei dieser Führung aus der bisher genossenen häuslichen Bildung in die Schulführung hinübergeht, findet es sich in alle dem, was die erste Stufe dieser Führung ihm einüben soll, durch das, was es in den bisherigen Übungen seines häuslichen Lebens schon genossen, vorzüglich und gut vorbereitet. Das, was die naturgemäß begründete Schulführung ihm geben will und geben soll, findet durch seine häusliche Führung in ihm schon belebte Reize, es selber zu wollen und sogar nach ihm zu haschen.

Die Anfangs- und Anknüpfungspunkte dessen, was es in der Schule lernen soll, sind durch die Anschauungserkenntnisse seines häuslichen Lebens vorbereitet und vorliegend. Es findet sich sehr leicht in alles, was es in der neuen Welt, in die es jetzt eintritt, naturgemäß lernen und sich einüben sollte. Alles in dieser Laufbahn naturgemäß zu Erlernende hat einen innig belebten Zusammenhang mit dem, was es in seiner häuslichen Führung sich naturgemäß eingeübt und eigen gemacht hat. Diese steht mit alle dem, was ihm in der Schule eingeübt werden soll, in innigstem Zusammenhang. So wie die Mißbildung schon im häuslichen Leben verwilderter und verkünstelter Kindern bei denjenigen ihrer Mitschüler, die für die diesfälligen Fehler in beiden Rücksichten schon merklich empfänglich sind, leicht ansteckend wird, so wird auch die Bildung der im häuslichen Leben gemütlich und geistig für die Schuljahre wohl vorbereiteten Kinder für diejenigen ihrer Mitschüler, die in ihrem häuslichen Kreise mehr und minder auch gemütlich und verständig erzogen worden, ich darf nicht sagen, ansteckend, aber doch reizend und anziehend. Unfehlbar wird der elementarisch gebildete Schulmeister schnell auf sie aufmerksam werden und ihre Mitschüler auf ihre vorzügliche Fähigkeit im Erlernen, auf ihr anmutsvolles, liebreiches Benehmen aufmerksam machen. Er wird sie bald brauchen können, schwächeren Kindern in seinen Schulübungen nachzuhelfen und ihnen zu dienen, und da jeder Massenverein nur durch das Vorschreiten seiner einzelnen Glieder in den Zwecken seines Vereins wahrhaft vorschreitet, so ist es natürlich, daß jede elementarisch zu bildende Schule die Sicherheit und Solidität ihres allgemeinen Vorschreitens durch Einfluß einzelner, im häuslichen Leben schon im Geist einer elementarischen Schulführung geführter Kinder zu suchen hat und zu finden imstande ist. Wahrlich, es lassen sich große Hoffnungen auf diese Ansicht bauen. Wenn die Unnatur aller Torheit und Schwäche durch einige Anhängsel von Bonbons und Zieraten, wie man sieht, zu leicht ansteckend werden könnte, warum sollte doch die Naturgemäßheit wahrer und kraftvoller Erziehungsmaßregeln durch ihre unfehlbare Segensfolgen nicht auch für die Massa des Volks in allen Ständen und in allen Altern anziehend, überzeugend und hinreißend oder, welches ebensoviel ist, in gewissen Rücksichten ansteckend werden können? Und wie sollte es möglich sein, daß dieses in einer elementarisch wohl zu begründenden Schule nicht vorzüglich der Fall sein sollte? Es ist nicht anders möglich: Alle einzelnen, im häuslichen Leben zur elementarischen Führung wohl vorbereiteten Kinder werden und müssen auf die Masse der mit ihnen elementarisch zu bildenden Schulkinder einen wesentlich segensvollen Einfluß haben.

Doch, ich bin aus dem bestimmten Zusammenhang des Bildes, das ich darlegen wollte, etwas herausgefallen. Ich dachte mir eine Elementarschule, die von Kindern zusammengesetzt wäre, welche sämtlich schon zum voraus eine elementarisch wohlbegründete häusliche Erziehung genossen hätten; und von einer solchen Schule wäre wohl unendlich mehr zu erwarten, als ich eben sagte.

Die Frechheit, die Gedankenlosigkeit, Sorglosigkeit, Untätigkeit und Ungewandtheit, und – mit einem Wort – die Fehler, die unter einem Haufen von Kindern, welche im häuslichen Leben nicht naturgemäß zu einer diesen Fehlern entgegengesetzten Gemütsstimmung und Lebensweise gebildet werden, sind in Kindern, die im häuslichen Leben in der Kraft wahrhaft elementarischer Bildungsmittel naturgemäß erzogen worden, ich will nicht sagen, in ihren Wurzeln vertilgt, aber ganz gewiß der belebenden Reize beraubt, die sie im entgegengesetzten Falle so leicht ansteckend machen. Solche Kinder sind beim Eintreten in die Schuljahre und in die Schulstube eines lieblichen, freundlichen und wohlwollenden Benehmens eben wie eines überlegten, besonnenen, tätigen, fleißigen Lebens gewohnt. Roheit, Unbesonnenheit und Müßiggang ist auf keine Weise in ihr Fleisch und Blut eingewurzelt; wohl aber ist ihnen der milde sanfte Geist, die belebte Aufmerksamkeit, Überlegung und Tätigkeit eines naturgemäßen, unverdorbenen Wohnstubenlebens von der Wiege an eingeübt und natürlich geworden. Die wesentlichen Anfangspunkte alles dessen, was sie in der Schule lernen und worin sie sich in derselben weiter bilden sollen, sind schon wesentlich in ihnen belebt und von der Wiege an eingeübt. Der Schulmeister hat in sehr vielen Rücksichten nur mit Sorgfalt auf das fortzubauen, wozu im häuslichen Leben die wirklichen Fundamente schon gelegt sind und wozu sie jetzt im Schulleben nicht eigentlich erst empfänglich gemacht, sondern in ihrer gebildeten Empfänglichkeit nur gestärkt und weitergeführt werden dürfen. Der Schulmeister fühlt sich unter diesen Umständen als väterlicher Fortsetzer und Mithelfer der Erziehung von Kindern, die ihm innerlich wahrhaft nahe und mit dem ganzen Umfange seiner naturgemäßen Schulmittel in Übereinstimmung stehen und mit Geist, Herz und Hand freiwillig und mit Lust und Liebe daran teilnehmen. Er hat durchaus, um die soliden Wirkungen der elementarischen Führung seiner Schulstube mit Sicherheit zu erzielen, nicht nötig, zur Unnatur von Schulbelohnungen und Schulstrafen seine Zuflucht zu nehmen, davon die einen das Herz der Kinder durch Sinnlichkeit und Ehrgeiz verderben, die anderen dasselbe durch Kränkungen erniedrigen und mißstimmen.

Folgen einer naturgemäßen Erziehung

Häuslich elementarisch wohlgebildete Kinder tragen den Reiz, sich selbst in alle dem weiterzuführen, was schon angefacht und belebt in ihnen liegt, in sich selbst und wollen in alle dem gerne weiter, was in seinen früheren Stufen im häuslichen Leben schon Reize für sie hatte und sie belebt ansprach, was in der elementarischen Führung wesentlich und soviel als notwendig ist. Kommen dann also elementarisch gebildete, angehende Jünglinge aus den Knabenschulen in höhere, wissenschaftliche Bildungsanstalten oder als Lehrlinge in die Werkstätte bürgerlicher Berufe, so sind sie durch die naturgemäße Führung ihres Kindes- und ihres Knabenalters in einem hohen Grad fähig gemacht, diese Anstalten und Werkstätte für ihr künftiges Leben segensvoll zu benutzen. Freche Roheit, Mutwille, blinde Anmaßung und tolle Kühnheit, die in diesem Alter so leicht einen in verschiedenen Farben und Gestalten sich entfaltenden, aber in allen Formen gleich unnatürlichen und verderblichen Burschengeist erzeugt, hat in ihrer häuslichen und in der aus derselben hervorgegangenen und auf sie gegründeten elementarischen häuslichen und Schulbildung ein kraftvolles Gegengewicht gegen diese dem allgemeinen Segen des häuslichen und bürgerlichen Lebens in allen Ständen so tödlich ans Herz greifende Ausartung des in diesem Alter lebendig erwachenden Kraftgefühls der Menschennatur.

Der elementarisch wohlerzogene Jüngling fühlt sich über die Reize der jugendlichen Tollkühnheit und der bösen Kühnheit ihrer Ansprüche in sich selbst hocherhaben. Interesse seines Geistes und seines Herzens lenken ihn mit Kraft von den Reizen des blinden Aufschwungs solcher jugendlichen Anmaßungen und Ansprüche weg. Er hat in sich selber höhere Ansprüche des Geistes und des Herzens, denen er mit ernster Kraft, besonderer Ruhe und innerer Stille entgegenstrebt. Die Vorbereitung auf die praktische Laufbahn seines künftigen Lebens, die ihm nahe bevorsteht, verschlingt sein ganzes Interesse, begründet und bildet die ganze Tätigkeit dieser Epoche; und so tritt er im gereiften Segensgenuß der naturgemäßen Bildungsmittel seiner häuslichen Erziehung, seiner Schuljahre, seiner Standes- und Berufsbildung als Vater und Bürger in die Laufbahn, für welche die Epoche seines früheren Lebens als wesentliche Vorbereitungsmittel ihres gesegneten Erfolgs angesehen werden muss. Seine Stellung ist jetzt der Anfangspunkt von Pflichten, zu deren Erfüllung er von seiner Wiege an bis zu dem Endpunkt seiner diesfälligen Bildung naturgemäß ist vorbereitet worden. Er genießt als Vater und Bürger ihren bleibenden Segen in vollem Maße bis an sein Grab. Er besitzt durch seine, von der Wiege an solid begründeten und ausgebildeten Erkenntnisse, Neigungen und Fertigkeiten ein naturgemäß begründetes Gegenmittel und Gegengewicht gegen die Reize und Folgen, die das Verderben der Verwilderung und Verkünstelung unseres Zeitgeistes und seines ihn allgemein begründenden Weltsinns, beides, sowohl auf die Schwäche als auf die Roheit der sich selbst überlassenen sinnlichen Menschennatur allgemein hat. Die Pflichten seiner Lage und seiner Verhältnisse sind mit der Richtung seines Geistes und seines Herzens und mit den Fertigkeiten und Gewohnheiten seines Lebens in Übereinstimmung. Sie müssen die Beweggründe zu ihrer Erfüllung nicht außer sich in Reizen und Trieben suchen, die das Verderben der Verwilderung und Verkünstelung in der Menschennatur allgemein erzeugen und stärken. Sie finden in sich selbst in der bestehenden Richtung ihres Geistes und ihres Herzens, sie finden in den Urteilen ihres Geistes, in den Neigungen ihres Willens, in den Fertigkeiten ihres Tuns und Lassens innerlich belebte Beweggründe zur segensvollen und sie befriedigenden Erfüllung der Pflichten ihrer Lage und ihrer Verhältnisse. Sie fühlen sich als Menschen, als Väter, als Bürger in der Erfüllung dieser Pflichten ebenso gesegnet und glücklich, als sie dadurch Segen, Wohlstand und Befriedigung in ihren Umgebungen und Verhältnissen verbreiten. Die hohen, heiligen Fundamente des Guten, das sie tun, gehen in ihnen aus Liebe und Glauben hervor. Sie sprechen zur Wahrheit nicht: Was bist du? und zum Recht nicht: Was willst du? Ihr Herz ist ferne von den Lügen. Darum erkennen sie auch die Fundamente der Wahrheit, die ihnen dient und deren sie bedürfen, vielseitig mit vieler Sicherheit in sich selbst, und was recht ist, sagt ihnen ihr Gewissen mit innerer, göttlicher Stimme. Die Wahrheit, die in ihrer Reinheit ihren Geist und ihr Herz anspricht, ist ihnen alles. Sie ist in ihnen selber in ihrer Liebe und in ihrem Glauben begründet. Sie glauben an die Wahrheit, weil sie sie lieben, und lieben sie, weil sie an sie glauben. Hierin liegen die letzten und höchsten Segnungen der Naturgemäßheit in der Entfaltung der Kräfte und Anlagen der Menschennatur, deren Erkenntnis und Erforschung die Idee der Elementarbildung nachstrebt.

Naturgemäße Erziehung als Ideal

Ich habe das Weitführende dieser hohen Idee und ihres häuslichen und bürgerlichen Einflusses auf die solide Begründung des öffentlichen und Privatwohlstandes unseres Geschlechts mit Wärme für die Anerkennung der Wahrheit dieser Ansichten zu beleben gesucht. Ich wiederhole es jetzt nicht. Im Gegenteil, ich halte es für meine Pflicht, so viel an mir ist, zu verhüten, daß diese meine Lieblingsansichten nicht einseitig und oberflächlich ins Auge gefaßt und dadurch träumerische und eitle Hoffnungen auf dieselben gebaut werden, deren Mißlingen nicht anders als dahin wirken könnte, dem realen Vorschritt dieser hohen Idee sowohl in ihrer Erkenntnis als in ihrer praktischen Ausführung und Benutzung wesentliche Hindernisse in den Weg zu legen. Sie, diese hohe Idee, ist in ihren Ausführungsmitteln eigentlich noch nicht da. Die Mittel ihrer Kunst, wenn ich sie auch nur in geistiger Hinsicht als Mittel der Anschauungslehre, Sprachlehre und Denklehre ins Auge fasse, sind sämtlich noch nicht genugtuend in unseren Händen. Ihre Ausarbeitung ist das erste, womit ihre Einführung auch nur von ferne angebahnt werden kann. Selber die Zahl- und Formlehre, die in Rücksicht auf ihre Brauchbarkeit weit mehr als alles, was wir elementarisch Bearbeitetes in unserer Hand haben, ihrer Vollendung nahe gebracht, ist in dem Zustande, in welchem die Kunstmittel der elementarischen Anschauungslehre hilflos, verödet und unausgearbeitet noch so viel als ein Traum in unserer Mitte dastehen, ohne ihren naturgemäßen Boden. Sie geht immediat aus den ersten Anfangsübungen der Anschauungslehre hervor und alle Vorschritte ihrer Übungen sollen mit den Vorschritten der elementarischen Sprachlehre gleichen Schritt halten. Sie, die Übungen der Zahl- und Formlehre, werden nur dadurch, was sie ihrer Natur nach sein sollen, naturgemäße Übungen der elementarisch zu begründenden Denklehre.

Die Bearbeitung der diesfalls so vielseitig mangelnden, elementarischen Anfangsübungen in allen Fächern der Geistesbildung ist dringend und dem Anschein nach so schwierig, daß wenige Menschen sich beim Anblick des Anfangs ihrer Bedürfnisse nicht von der Teilnahme an ihrer Bearbeitung abschrecken ließen. Auch die im gewohnten Gange ihres Lebens tätigsten Menschen scheuen Arbeiten, die mit ihrem Routinefleiß nicht in Übereinstimmung sind oder gar mit ihm im Widerspruche stehen. Sie achten gewöhnlich ihre Mühseligkeiten ohne alles Verhältnis größer, als sie wirklich sind. Dieses ist in Rücksicht auf das gegenwärtig ins Auge gefaßte, vorzügliche Bedürfnis der Idee der Elementarbildung bestimmt der Fall. Das innere Fundament aller Ansprüche, die die Idee der Elementarbildung erheischt, so wie aller Resultate, die sie hervorzubringen geeignet ist, liegt in uns selbst; es offenbart sich allgemein in allem Volk und erscheint dem geübten Auge eines psychologischen Forschers allgemein sichtbar. Die Mittel der Übereinstimmung der Kunst mit dem Gange der Natur liegen in ihren wesentlichen Fundamenten offenbar in uns selber. Ihre ausgeführte Bearbeitung hängt also wesentlich und vorzüglich von unserer Bestrebung, sie ausarbeiten zu wollen, ab. Auch wird ihre Bearbeitung dadurch jedem unverdorbenen Vater- und Mutterherzen und auch jedem Erzieher, in dem ihr Fundament innerlich belebt ist, in der Ausübung ihrer Anfangspunkte wesentlich und sehr erleichtert. Das ist so wahr, daß hie und da wesentliche Teile dieser als Kunstprodukt noch nicht bearbeiteten Mittel in allen mehr und minder naturgemäß geführten Erziehungs- und Unterrichtsanstalten selber unbewußt wirklich ausgeübt werden. Wer diesfalls auch keine Spur der Kunst in sich und für sich hat, wird durch die treue Benutzung des kunstlosen Zwangs der Natur der Dinge, der belebt in ihm liegt, gleichsam zum voraus kunstfähig; und es ist auch in dieser Rücksicht wahr: Wer in dem wenigen, das er hat, treu ist, wird dadurch über vieles gesetzt und zu vielem hinkommen, das er nicht hat.[2] Das ist um so auffallender, da alle, auch die höchsten Resultate der Elementarbildung aus den gewonnenen, äußerst einfachen Anfangspunkten ihrer ersten Bildungsmittel gleichsam von selbst herausfallen und also die fortschreitende Anwendung ihrer Bildungskraft Stufe für Stufe immer leichter werden muß.

Das naturgemäße Wachstum der Vorschritte dieser hohen Idee hängt also, wie so viel anderes Gute, das der Mensch sich einüben und eigen machen soll, von dem wahren, belebten Glauben und der treuen, dankbaren Benutzung alles dessen ab, was von dem, das er weiter sucht und wonach er weiterstrebt, schon in ihm selber liegt. Das allervorzüglichste und wesentlichste Bedürfnis, das diese hohe Idee diesfalls anspricht, besteht ohne allen Widerspruch darin, daß diese Mittel in den ersten Anfangspunkten, wie ihrer die Kinder von der Unmündigkeit an bis ins siebente und achte Jahr bedürfen, in der möglichsten Vollendung ausgearbeitet und zur unbedingten Benutzung also vorgelegt werden können. Das kann uns aber bei den Erfahrungen und Versuchen, die wir diesfalls so viele Jahre gemacht haben, unmöglich schwer fallen. Und da das, was später darauf folgt und ebenso notwendig zu bearbeiten ist, wesentlich und allgemein aus der Vollendung dieser Anfangspunkte oder vielmehr aus der durch sie im naturgemäßen Stufengange ihres Wachtums belebten und gestärkten Menschennatur selber hervorgeht, so kann die Bearbeitung der Kunstübungsmittel, die diese Idee für die Bildung der Kinder in ihrem späteren Alter anspricht, Männern, die mit der Bearbeitung der ersten Stufe dieses Bildungsgangs mit sich selber im Reinen sind, unmöglich schwer fallen; obgleich auch bestimmt wahr ist, daß das, was wir bisher zur elementarischen Bearbeitung der Anschauungslehre, der Sprachlehre, der Denk- und der Kunstlehre im allgemeinen erreicht, uns kaum an den Grenzpunkt dessen, was die elementarische Bearbeitung jeder einzelnen Wissenschaft und Kunstlehre auf die Fundamente der wesentlichen elementarischen Grundsätze und Mittel anspricht und erfordert, erhoben hat. Es ist offenbar, daß wir, um auch nur auf die Anfänge dessen, was in dieser letzten Rücksicht zu tun wesentlich notwendig ist, das mitwirkende, tätige Interesse der allgemeinen Kultur und Humanität unseres Zeitalters, wo dieses sich immer in der Reinheit seiner Ansichten und Mittel mit dem Wesen der Idee der Elementarbildung harmonisch bewährt, dringend notwendig haben und die Aufmerksamkeit der Menschen- und Erziehungsfreunde für diesen Zweck allgemein ansprechen müssen.

Ich komme aber in der Ansicht des ganzen Umfangs der Ausarbeitungsbedürfnisse der Kunstmittel, die die Idee der Elementarbildung anspricht, immer auf den Gesichtspunkt zurück, daß dieselbe die feste Anerkennung eines in allem Volke liegenden Gangs der Natur in der Entfaltung unserer Kräfte als das ursprüngliche Fundament und gleichsam als die Urquelle aller und jeder Kunstmittel der Elementarbildung, folglich auch als den Hauptgesichtspunkt ihrer Ausarbeitungsmittel voraussetzt und wesentlich aus demselben hervorgeht.

Erfordernis von Fachkräften

So wie ich eine auf dieses Fundament gebaute sorgfältige Ausarbeitung der Kunstmittel und Bildungsübungen, die die elementarische Entfaltung der Geisteskraft in Rücksicht auf die naturgemäße Begründung der Anschauungslehre, der Sprachlehre und der Denklehre anspricht, als dringend notwendig erachte, wenn die Kunstmittel der elementarischen Geistesbildung nicht bloß zu oberflächlichen, der Menschennatur nicht genugtuenden, sondern sie vielmehr verwirrenden und zur Unnatur unseres Verkünstelungsverderbens lockenden Maßregeln hinführen sollen, so halte ich es aus eben diesen Gründen für notwendig, daß zur soliden Anbahnung der Ausführung dieser hohen Idee ungesäumt eine Anzahl Jünglinge und Töchter eigentlich zur vollständigsten und solidesten Benutzung und Anwendung des ganzen Umfangs dieser ausgearbeiteten Mittel erzogen und gebildet werden. Wenn solche Anstalten für diesen Zweck ihrer progressiv wirkenden Bestimmung auch nur mäßig entsprechen, so werden ganz sicher Personen aus ihnen hervorgehen, welche die wichtigen Resultate, die wir mitten in unserem babylonischen Turmbau aus dieser Idee hervorgehen gesehen, auf eine unsere Versuche ohne alles Verhältnis weit übertreffende Weise hervorzubringen imstande sind. Auch die schwächeren von ihnen werden in ihrem Einflusse auf die Bildung der Jugend mit ihren Zöglingen solider zu Werke gehen und weiter als wir vorschreiten. Genialische Köpfe unter ihnen werden die Jugend durch die elementarischen Mittel, die ihnen vorbereitet in die Hand gelegt werden, mit einer Kraft ergreifen, deren Folgen, wenn sie in ihrem ganzen Umfange benutzt werden, nicht zu berechnen sind. Solche wohlorganisierte Anstalten für elementarisch gebildete Erzieher und Erzieherinnen werden also ihrer Natur nach und so viel als unfehlbar dahin wirken, alle zur Vollendung gebrachten Mittel der Elementarbildung und folglich den ganzen Umfang ihrer Resultate in die Wohnstuben des Volks zu bringen und so die Anfänge der elementarischen Bildung, von der Wiege an bis ins siebte und achte Jahr zum Eigentum des häuslichen Lebens zu machen, wodurch die Segensfolgen dieses Unterrichts in ihren wesentlichen Anfangspunkten Millionen Menschen in einem Zeitpunkt zuteil werden, in welchem zahllose Kinder aller Stände beim gewohnten Routinegange unserer Erziehungsweise teils zu keiner anderen, als zu einer sinnlichen tierischen Belebung ihrer Kräfte gereizt, zur Verwilderung hinsinken, teils aber dem Trugschein einer bösen Verkünstelung preisgegeben werden, indem sie, in der Entfaltung ihrer Kräfte außer sich selbst und außer den Gang der Natur hinausgeworfen, alle Fundamente der Einheit ihrer selbst in sich selbst und die daraus herfließende Befriedigung ihrer selbst mit sich selbst so viel als notwendig verlieren müssen.

Progressive Entwicklung der naturgemäßen Erziehungsweise

Die geometrische Progression, die in den Ansteckungsmitteln der Volksmißbildung in so vielseitigen Rücksichten zum Entsetzen auffällt und bekannt ist, ist wahrlich in den Segenswirkungen der soliden Bildung des Volks ebenso möglich und denkbar, so wie es offenbar die eigentliche Bestimmung der Idee der Elementarbildung ist, durch die tiefe Kraft ihres Geistes und ihrer Ausführungsmittel diese Progression in der Volksbildung möglich zu machen und zu begründen. Auch bedürfen wir ihrer auffallend, um durch ihren Einfluß der diesfälligen Progression der ansteckenden Zeitreize des Verkünstelungsverderbens der Erziehung und des Unterrichts ein helfendes Gegengewicht entgegensetzen zu können.

Der Geist und das Wesen der Mittel, zu diesem Ziel zu kommen, liegt allseitig im Innern der Menschennatur und ist durch den Gang der Natur, nach welchem sich unsere Kräfte allgemein entfalten, in allen Menschenseelen bis auf einen gewissen Punkt schon zum voraus in einem dunkeln Bewußtsein vorhanden. Es braucht eigentlich nichts, als daß das dunkle Bewußtsein dieser Mittel in der Seele des Menschen durch eine äußere Darstellung des Organismus, der sie zu einer klaren Idee erhebt, dem Menschen lebendig vor die Sinne gebracht werde. Geschieht dieses, wie es geschehen kann und geschehen soll, so fühlt jedes Menschenkind diese Mittel als in ihm selbst liegend und wird von ihnen ergriffen. Dadurch ist offenbar, daß ihr wesentlicher und notwendiger Einfluß dahin wirken müßte, zahllose schlafende Kräfte im Menschengeschlecht zu erwecken und millionenfach in unserem gegenwärtigen Zustand verwickelte und verdunkelte Ansichten des Erziehungswesens zu entwirren und theoretisch und praktisch in ein heiteres Licht zu setzen. Die Möglichkeit einer solchen Progression des Einflusses gereifter, elementarischer Bildungsmittel geht indes gar nicht von großen und schon in ihren Keimen Aufsehen erregenden Anfangspunkten aus. Wir wissen ja, selbst das Himmelreich ist in den Anfangspunkten seines Einflusses dem Samenkorn gleich, das das kleinste unter allen Samenkörnern, aber geschickt ist, zu einem Baum aufzuwachsen, unter dem die Vögel des Himmels nisten.[3] Aus allen tief in die Menschennatur eingreifenden Keimen der menschlichen Bildung, die einen inneren tief belebenden Geist haben, gehen vielseitige unscheinbare, kleine Bildungsmittel hervor, die durch ihre innere Wirkung eine solche geometrische Progression zu erzeugen und äußerlich auffallen zu machen fähig und geeignet sind. Der Weg zur Vollendung ist in allen Gegenständen, die eine progressive Entfaltung ansprechen, der nämliche. Alles Große in der Welt geht aus kleinen, aber in ihrem Wachstum in einem hohen Grad kraftvollen und wohlbesorgten Keimen hervor; und was in seinen Keimen vollendet ist, das trägt auch die wesentlichen Mittel der Vollendung seiner Resultate in sich selbst; so wie das, was in seinen Keimen schwach, gehemmt und beengt ist, auch den Keim seines Verderbens in sich selbst trägt. Auch sind alle Bestrebungen, irgendeine weitgreifende Unternehmung im Großen auszuführen, ehe ihre Ausführungsmittel in ihren einzelnen Anfangspunkten genugsam vorbereitet sind, im nämlichen Falle.

Ist dieses wahr oder nicht wahr? - Wenn es wahr ist, dürfen wir säumen, einem Ziel entgegen zu streben, dessen Wichtigkeit besonders in unserem Zeitpunkte außer allem Zweifel liegt? Ich glaube sagen zu dürfen, die Zeit ist, beides, sowohl zum Gefühl des Bedürfnisses der Weiterführung der diesfälligen Versuche als zu einer merklich erheiterten Kenntnis ihrer wesentlichsten Mittel gereift. Möchte eine solche, in die bestehende Zeitkultur vielseitig und tief eingreifende Anbahnung von psychologisch wohlgeordneten Versuchen zur Weiterführung der Ausarbeitungsmittel dieser hohen Idee nur bald und kraftvoll stattfinden. Wenn es mir anstände, so würde ich am Ende meiner Laufbahn diesfalls sagen: Aude sapere, incipe![4] Ich darf dieses Wort nicht aussprechen, aber ich darf doch wünschen: Möchten es Männer tun, deren Worte von höherer Bedeutung und von höherem Einfluß sind als die meinigen. Und dieser Äußerung darf ich noch getrosten Mutes als beweisbare Tatsache beifügen: Einige durchaus nicht unbedeutende, sondern vielmehr sehr wesentliche Mittel einer soliden Fortsetzung der Versuche, die Erziehung und den Unterricht allgemein elementarisch zu begründen, sind zum Teil ausgearbeitet, zum Teil zu ihrer weiteren Ausführung solid vorbereitet in unseren Händen. Und wenn man einst sehen wird, was Jünglinge und Töchter, welche auch nur diese jetzt schon wirklich ausgearbeiteten Mittel dieser hohen Idee sich solid eigen gemacht, in den Anfangspunkten der sittlichen, geistigen und Kunstbildung unseres Geschlechts dadurch leisten werden, daß sie dieselben im Kreise des häuslichen Lebens Kindern von der Wiege an bis ins sechste und siebente Jahr teilhaft machen werden, so wird man die Zeugnisse über das, was wir bisher durch unsere diesfällige Bestrebungen errungen zu haben glauben, nicht mehr in dem Grad, wie es wirklich geschehen, weder bezweifeln noch belächeln und ebenso auch die Hoffnungen, die wir uns darauf zu bauen erlaubt haben, in eben diesem Grad übertrieben finden.

Nein, nein, was auch immer die Ursache davon sein mag, daß diese Hoffnungen jetzt so lange und immer mehr in diesem Lichte angesehen und behandelt wurden, so sind sie doch ganz gewiß nicht in dem Grad aus der Luft gegriffen, als man es allgemein wähnte und allgemein wähnen muß, so lange man nicht dahin kommt einzusehen, daß die Veredlung der sittlichen und auch der intellektuellen und Kunstkräfte unserer Natur unser Geschlecht in wirtschaftlicher und dadurch in häuslicher und bürgerlicher, folglich auch in staatswirtschaftlicher Hinsicht unendlich weiterführen würde und führen müßte, als auch die größtmöglich denkbaren Resultate der veredelten Schafzucht oder irgendeines anderen Geschöpfs der Erde, das nicht Mensch ist, je führen können und je führen werden. Aber wir sind leider von dieser Überzeugung noch sehr entfernt und scheinen uns auch jetzt noch, je länger je mehr, davon zu entfernen.

Pestalozzis Beurteilung seiner eigenen pädagogischen Leistung

Ich kann indes gar nicht in Abrede sein: Diese Hoffnungen haben sich auch in mir sehr lange nicht zu heiteren Begriffen gestaltet. Ich trug das Fundament derselben, den inneren Wert der elementarischen Führung, lange nur ahnend in dunkeln Begriffen an mir selbst; aber diese Ahnungen begeisterten mich von dem ersten Augenblick, in dem sie sich in mir entfalteten, und rissen mich mit unwiderstehlicher Gewalt zum unaufhaltsamen Streben ihrer soliden Erkenntnis und, ich gestehe jetzt gerne, zu einem Wirbel bloß empirischer und oberflächlicher, aber ununterbrochener, immer fortdauernder diesfälliger Versuche, die aber endlich nicht anders als dahin wirken konnten, mich wenigstens in Rücksicht auf einen Teil dieser hohen Idee zu bestimmten klaren Begriffen zu erheben, wodurch sich dann der Wirbel meiner dunkeln Gefühle über dieselben allmählich in einen sich immer weiter ausdehnenden Kreis mehr oder minder ganz heiterer Begriffe über meinen Gegenstand umwandelte, die mich insoweit der diesfälligen Reifung meiner Begriffe allmählich immer näher brachten, aber auch den Durst nach fortdauerndem Wachstum in dieser Reifung immer mehr in mir belebten und eigentlich unauslöschlich machten, dabei mich aber auch in dieser Rücksicht zu einer einseitigen Gewaltsamkeit in meinen diesfälligen Bestrebungen hinrissen, die vielseitig mißfiel und mißfallen mußte. Und es ist dabei gar wohl möglich und sogar wahrscheinlich, daß ich in der Begeisterung über die Wichtigkeit und Erreichbarkeit meiner Zwecke und meiner Bestrebungen den Grad meiner Reifung für dieselben überschätze.

Doch es sei. Das Leidenschaftliche dieses Dursts ist zwar unstreitig eine Folge von unglücklichen Schicksalen, die vom Eigentümlichen meiner Fehler und Schwächen herrührten und mit ihnen innig zusammenhingen. Aber es ist dabei gleich wahr, daß dieser Durst, der mich unwiderstehlich zwingt, bis in mein Grab in diesen Bestrebungen zu verharren, ein inneres, großes Fundament von segensreichen, in die Menschennatur eingreifenden Wahrheiten, Kräften und Erfahrungen in mir selbst hat, dessen Gewicht ich noch um so mehr größer, bedeutender und weiterführend fühle, da ich durch die ganze Zeit meiner diesfälligen Bestrebungen Schmid an meiner Seite hatte, der in dem bestimmten Punkt meiner diesfälligen Einseitigkeit und Schwäche eine überwiegende und mir äußerst hilfreiche Kraft besitzt und Lücken in mir selber ausfüllt, die ich ohne seinen Beistand ewig nie auszufüllen imstande gewesen wäre. Ich wäre ganz gewiß, ohne Verbindung mit diesem Manne, bei fernem nicht dahin gekommen, den Ton meines Schwanengesangs in die Höhe zu stimmen, in der er wirklich dasteht und keine Besorgnis in mir erregt, sondern mich ganz ruhig und ohne alle Besorgnisse aussprechen läßt: Gottlob! daß alle Widerwärtigkeiten dieses Lebens es nicht vermögen, diesen Durst in mir auszulöschen. Auch wenn ich ihn nicht mehr werde befriedigen können, so sage ich dennoch: Gottlob, daß er in mir nicht ausgeloschen! Es ist für mich bei aller meiner Schwäche kein Geringes, daß ich mir im ganzen Umfange meiner Bestrebungen durch mein Leben immer gleich und dem ursprünglichen Zweck derselben, die wesentlichen Mittel einer naturgemäßen Erziehung und eines naturgemäßen Unterrichts in die Wohnstuben des Volks selber zu bringen, immer treu geblieben. Es schien mir selber die höchste Unnatur, wenn bei diesen inneren Fundamenten der Begeisterung meiner Bestrebungen und unter den Umständen, unter denen ich in den höchsten Erwartungen in allem Unglück und in allen Widerwärtigkeiten dennoch immer und immer kraftvoller gestärkt wurde, dieser Durst bis auf meinen letzten Atemzug je erlöschen konnte. Aber meine Pflicht ist, nicht bloß zu sorgen, daß er nicht in mir erlösche, das gibt sich von selbst, aber etwas anderes gibt sich dieses Dursts halber nicht von selbst: nämlich, daß er nicht, unwirksam auf den weiteren Erfolg meiner Bestrebungen, nur mich selber verzehre.

Nein, ich muß dahin trachten, in den wenigen mir übergebliebenen Tagen keinen Augenblick mehr vorbeigehen zu lassen, ohne mein Möglichstes dazu beizutragen, das jetzt so tief eingewurzelte und allgemein um mich her verbreitete Vorurteil tatsächlich mit Erfolg zu entkräften, es sei einmal Zeit, daß ich meine gänzliche Unfähigkeit für die praktische Ausführung alles dessen, was ich diesfalls so lange mit so viel Anstrengungen versucht, anerkenne und mich am Ende meines Lebens nicht länger mit einer fruchtlosen Mühseligkeit quäle, deren Zweck- und Erfolglosigkeit mir doch einmal in die Augen fallen sollte. O nein, sie fällt mir nicht in die Augen, und die Zumutung, in der man sich bemüht, sie gegen mich geltend zu machen, ist in dem Umfange, in dem man es tut, grundlos. Ich darf in dieser Stunde mit dem ruhigsten Ernst aussprechen: Ich bin für einige sehr bedeutende und wesentliche Teile der hohen Idee der Elementarbildung vielleicht reifer geworden, als es wenige sind und als ich es ohne die Widerwärtigkeiten und Unglücke meines Lebens selber nie geworden wäre. Ich sehe diese, wenn auch wenigen und nur einzelnen Resultate meines Tuns, als gereifte Früchte am Baum meines Lebens noch fest stehen und lasse sie mir ohne Widerstand von keinem gut oder bös gemeinten Wind so leicht von mir wegblasen.

Ich sage noch einmal: Diese zwar wenigen und einzelnen Früchte meiner Lebensbestrebungen sind nach meinem innersten Gefühl auch in ihrer Beschränkung ihrer Reifung in einem Grad nahe, daß es meine heiligste Pflicht ist, für ihre Erhaltung zu leben, zu kämpfen und zu sterben. Die Stunde, in der ich ihrethalben Ruhe suchen darf und Ruhe suchen will, hat noch nicht geschlagen. Es hat aber eine andere für mich geschlagen. Die Stunde der Notwendigkeit ihrer ernsten Prüfung hat für mich gegenwärtig laut, und ich spreche es mit Wehmut aus, für mich, oder vielmehr für das Scherflein, das ich für die Äufnung und Beförderung der Idee der Elementarbildung noch beizutragen imstande bin, hilferufend geschlagen. Diese Prüfung ist für mich jetzt das Eins, das Not tut; und wenn ich nur dahin komme, daß ich sie erhalte, aber auch so erhalte, daß sie selber geprüft werden darf, so habe ich nichts weiter zu wünschen. Darum ende ich auch meinen Schwanengesang mit den Worten, mit denen ich ihn angefangen:

Prüfet alles, behaltet das Gute[5], und wenn etwas Besseres in euch selber gereift, so setzet es zu dem, was ich euch in diesen Bogen in Wahrheit und Liebe zu geben versuchte, in Wahrheit und Liebe hinzu, und werft wenigstens das Ganze meiner Lebensbestrebungen nicht als einen Gegenstand weg, der, schon abgetan, keiner weiteren Prüfung bedürfe! – Er ist wahrlich noch nicht abgetan und bedarf einer ernsten Prüfung ganz sicher, und zwar nicht um meiner und um meiner Bitte willen.