Wenn Pestalozzi von "Kunst" und "Künsten" spricht

Prolog

Obwohl dem durch diesen Band geehrten Herrn Prof. Dr. Peter Stadler beim Verfassen seiner zweibändigen historischen Pestalozzi-Biographie jenes Arbeitsinstrument, auf das ich mich beim Schreiben dieses Essays zur Hauptsache stützte – nämlich eine CD ROM mit dem Textbestand der vor 1995 vorliegenden 42 Bände der Kritischen Werk- und Briefausgabe Pestalozzis –, noch nicht zur Verfügung stand, ist er doch, wie sich gleich zeigen wird, als Mitglied der 1990 gegründeten regierungsrätlichen Kommission zur Betreuung der Abschlussarbeiten der Kritischen Gesamtausgabe direkt oder indirekt damit in Kontakt gekommen.

Die erwähnte CD ROM, welche der Pestalozzi-Forschung entscheidende Impulse zu verleihen geeignet ist, ist eine Art Nebenprodukt eines etwa 1986 begonnenen Projektes von Herrn Prof. Dr. Leonhard Friedrich, der mit Hilfe deutscher Forschungsgelder und in Zusammenarbeit mit dem Pestalozzianum Zürich die Erstellung eines Gesamtregisters der Pestalozzi-Ausgabe beabsichtigte. Als Grundlage für die Erstellung eines Sachregisters sollte ihm die maschinelle Erfassung des gesamten verfügbaren Textbestandes dienen. Dementsprechend liess er die damals vorhandenen 42 Bände der Kritischen Pestalozzi-Ausgabe durch ein Lesegerät der Universität Tübingen erfassen und in minutiöser Kleinarbeit durch seine Assistentin, Frau Dr. Sylvia Springer, hinsichtlich der modernen Or-thographie bereinigen. Es ist Herrn Friedrich als ausserordentliches Verdienst anzurechnen, dass er nicht bloss die Idee entwickelte, diesen Textbestand auf einer in jenen Jahren als neues Speichermedium entwickelten CD ROM der interessierten Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen, sondern dass er dieses Projekt gemeinsam mit Frau Springer, mit dem Pestalozzianum Zürich sowie der Firma Makrolog, Wiesbaden, in jahrelanger Arbeit auch realisierte. Mit in die CD aufgenommen wurde auch der von Leonhard Friedrich und Sylvia Springer verfasste Registerband I, mit einem über 600 Seiten starken Verzeich-nis aller in der Kritischen Ausgabe erwähnten Personen (inkl. Kurzbiographien) sowie 5 weiteren für die Pestalozzi-Forschung relevanten Verzeichnissen.

So verdienstvoll diese Arbeit und so dientlich das Resultat auch ist, kann doch nicht verschwiegen werden, dass es sich bei dieser CD um einen – immerhin weit gediehenen – Torso handelt, konnten doch wesentliche Grundlagen, die gleichzeitig in Erarbeitung waren, nicht erfasst werden. Nach dem Tod des langjährigen Redaktors der Kritschen Aus-gabe, Herrn Dr. h.c. Emanuel Dejung, im Jahre 1990 und dem damit im Zusammenhang stehenden Kauf des Dejung-Nachlasses durch den Kanton Zürich war nämlich die bereits erwähnte regierungsrätliche Kommission geschaffen worden, die sich der Fertigstellung der von Herrn Dejung begonnenen Projekte anzunehmen hatte. Dieses Gremium übertrug deren Realisation, zu einem guten Teil finanziert durch Beiträge des Schweizerischen Nationalfonds, auf Antrag des Pestalozzianums den folgenden Wissenschaftern:

Abschluss der Werkausgabe durch den Ergänzungsband 29: Dr. Kurt Werder

Abschluss der Briefausgabe durch den Band 14: Dr. Kurt Werder

Schaffung des Bandes 17 B: lic. phil. Stefan Graber

Briefe an Pestalozzi (mindestens 6 Bände): Dr. Daniel Tröhler

Bibliographie: Dr. Farsin Banki

Neben der Beaufsichtigung des Fortgangs der obgenannten Projekte nahm die Kommission jeweils Kenntnis von Herrn Friedrichs Arbeit am Gesamtregister und der damit in Zusammenhang stehenden CD ROM.

Zu Beginn der Legislaturperiode 1999/2003 wurde die Kommission aufgehoben – meines Erachtens etwas voreilig. Zwar haben die Herren Werder und Graber ihre Arbeit 1995/1996 mit der Drucklegung der beiden Werkbände und des abgeschlossen, und alle an Pestalozzi Interessierten haben berechtigten Grund, sich an den kompetent erarbeiteten Bänden und an der wissenschaftlichen Leistung der beiden Her-ausgeber zu freuen. Die andern beiden Projekte – Bibliographie und Briefe an Pestalozzi – hingegen bedürften weiterer Betreuung.

Hinsichtlich der Bibliographie ist festzustellen, dass sich Herr Banki vorwiegend auf die rund 13000 Zettel aus dem Dejung-Archiv stützte und diese Angaben durch Hilfskräfte elektronisch erfassen liess. Dabei schlichen sich Fehler ein und wurden leider auch persönliche und teilweise abwertende Bemerkungen von Herrn Dejung mit aufgenommen, weshalb es im Moment nicht tunlich scheint, das Datenpaket öffentlich zugänglich zu machen. Auch an einen seinerzeit von Herrn Banki und Teilen der Kommission ins Auge gefassten Druck der Bibliographie, an dessen Sinn zu zweifeln allerdings erlaubt ist, denkt niemand mehr. Jedenfalls ist das Projekt einstweilen nicht abgeschlossen. Es scheint aber, dass im Rahmen der Neuorganisation der Zürcher Lehrerbildung insofern eine Lösung zu dessen Vollendung gefunden werden kann, als das an der Pädagogischen Hochschule Zürich domizilierte "Institut für historische ", das den Namen "Pestalozzianum" erben wird, die Pestalozzi-Bibliographie ab Anfang 2003 bereinigen wird.

Ein besonders harter Brocken, an dem sich bereits Herr Dejung die Zähne ausgebissen hatte, ist zweifellos die Edition der Briefe an Pestalozzi, für die Herr Tröhler verantwortlich zeichnet. Man erwartete einen ersten Band auf das Pestalozzi-Jahr 1996, allzu optimistisch, denn es erwies sich im Verlaufe der Arbeit als unbedingt erforderlich, sich vom Dejung'schen Editionskonzept zu trennen und sich an den heutigen wissenschaftlichen Standards zu orientieren. Auch erfordert ein Sachkommentar, der sich an jenem von Herrn Dejung messen kann, sehr viel Aufwand und Zeit. Dank eines weiteren Engagements des Schweizerischen Nationalfonds ist nun aber die Arbeit auf gutem Wege, und Herr Tröhler erwartet, ab 2003 jährlich einen Band herausbringen zu können. Dies wird zweifellos der Pestalozzi-Forschung wertvolle Impulse verleihen.

Zu weniger Optimismus Anlass haben, wie mir scheint, jene, die auf den zweiten Registerband warten: ein strukturiertes und Pestalozzi-spezifisches Schlagwortverzeichnis, gekoppelt mit allen relevanten Belegstellen. So bleibt man denn weiterhin auf den "Provisorischen Registerband" verwiesen, den Heinrich Roth im Jahre 1985 als Teil der Kritischen Ausgabe vorlegte, der aber wissenschaftlichen Ansprüchen zu wenig zu genügen vermag. Ein Stück weit kompensiert wird das Fehlen eines umfassenden Sachregisters durch die vorhandene CD-ROM, wo man über die Eingabe beliebiger Stichwörter dank der direkt zu allen Belegstellen geführt wird. Wegen des Fehlens von Schlagwörtern hat man jedoch keinen Zugang zu jenen Textbelegen, in denen ein Sachverhalt zur Sprache kommt, der nicht durch einen eindeutigen Begriff angesprochen, sondern anderweitig umschrieben wird. Die Stagnation dieses Projekts gibt jenen recht, die den Standpunkt vertraten, dass ein erschöpfendes und den Text optimal erschliessendes Register mit mechanischen Mitteln allein nicht zu erstellen ist, sondern nur geschaffen werden kann, indem Sachkundige Seite für Seite des sehr umfangreichen Werkes lesen und inhaltlich anhand eines Pestalozzi-spezifischen Schlagwortkataloges erfassen.

So lässt sich denn zusammenfassend auflisten, was auf der vorhandenen CD fehlt: die Bände 17B und 29 der Werkausgabe, Briefband 14, der aktuelle Stand der Gesamtbibliographie, die Bände der Briefe an Pestalozzi sowie der Registerband II. Im Bewusstsein um diesen Mangel war bei den Verantwortlichen immer wieder die Rede von einer 2. Auflage der CD, die dann auch das einstweilen noch Fehlende enthalten sollte. In Anbetracht der immer noch nicht vorhandenen Grundlagen (Bibliographie, Briefe an Pestalozzi, Regis-terband II) und der institutionellen Umwälzungen im Kanton Zürich, auch in Anbetracht der heute nicht mehr bestehenden Zusammenarbeit zwischen Herrn Friedrich und Frau Springer, schliesslich auch in Anbetracht der derzeit grassierenden Finanzknappheit betrachte ich es allerdings als hoch unwahrscheinlich, dass das ursprüngliche Vorhaben in absehbarer Zeit eingelöst werden kann. Zu erwähnen ist auch, dass die technische Entwicklung das ursprüngliche Marketingkonzept untergraben hat: Der NZZ-Verlag, bei dem die Verlagsrechte der Kritischen Werk- und Briefausgabe liegen, wirkte verständli-cherweise dahin, den Preis der CD ROM relativ hoch zu halten, da sonst kaum jemand sich veranlasst sähe, die teuren Originalbände zu erstehen. Es sollte sich dann zeigen, dass nur verhältnismässig wenige potentielle Käufer gewillt bzw. in der Lage waren, den relativ hohen Preis (anfangs Fr. 2550.-, später Fr. 1500.-) zu bezahlen, und heute, in einer Zeit, wo jeder eine CD für zwei, drei Franken kopieren kann, wirkt diese Summe längst als Anachronismus.

Trotz allem: Auch angesichts der Unvollständigkeit des Textbestandes und ebenso angesichts der leider auch vorhandenen inhaltlichen und technischen Mängel möchte ich betonen, dass ich den Gebrauch dieser CD als für die textbezogene Pestalozzi-Forschung unverzichtbar halte und dass es mir ohne dieses wertvolle Instrument nicht möglich gewesen wäre, den hier vorgelegten Essay zu verfassen.

Wären – wie ursprünglich vorgesehen – die Werke der Sekundärliteratur im Zuge der Erstellung der Gesamtbiographie auf der Basis einer Autopsie verschlagwortet worden, würde wohl das eine oder andere Werk bei der Eingabe des Schlagwortes "Kunst" Erwähnung finden. Eine Monographie, die sich mit Pestalozzis Kunstbegriff befasst, existiert nicht. So sehe ich mich denn in der Lage, mich ausschliesslich auf die Primärliteratur stützen zu müssen/dürfen.

Pestalozzi – ein Kunstfachmann?

Die Tatsache, dass in dem von der CD erfassten Textkorpus die einfachen Substantive "Kunst" oder "Künste" gegen erscheinen, würde wohl einen Laien zur Annahme verleiten, Pestalozzi sei entweder selber Künstler gewesen oder habe sich als Kunstsachverständiger sein Brot verdient. Und würde ihm gar Pestalozzis Satz "Der Mensch ... wird nur durch die Kunst Mensch" (PSW 13, S. 727) isoliert unter die Augen kommen, würde er den Mann wohl für einen intoleranten Kunstfanatiker halten.

Näher besehen, stellen wir freilich fest, dass Pestalozzi nur gelegentlich mit "Kunst" das meint, was der heute gängigen Bedeutung entspricht. Er selbst war bekanntlich auch ein eher amusischer Mensch. Seine ganze Leidenschaft galt der Verbesserung sozialer Zustände und der moralischen Stärkung des einzelnen Menschen. So legte er zwar in Yverdon grossen Wert auf den Musik- und Instrumentalunterricht, er selber hatte aber kaum eine besondere Beziehung zur Musik und betrachtete diese denn auch nicht in ihrer Eigengesetzlichkeit oder als Mittel zur Erhöhung von Lebensqualität, sondern insbesondere (und vielleicht einzig) als Mittel zur Versittlichung des Menschen . Eine Musikkultur, wie sie damals in "gehobenen" Kreisen gepflegt wurde, war ihm suspekt und erinnerte ihn zu sehr an die Privilegien der Begüterten unter dem Ancien régime, und so konnte er 1818 schreiben "dass aus der Armut und Elend zu einem glücklichen selbständigen Menschenleben erhobene Dörfer mehr Ehre bringen, als Prachtsäle für Musik und Tanz" (PSW 25, S. 286 f.).

Was die Malerei betrifft, war Pestalozzi vermutlich das, was man heute abschätzig als Kunstbanause bezeichnet, und sie interessierte ihn eigentlich nur hinsichtlich ihrer pädagogischen Implikationen. Aus einem Entwurf zu einem Bericht an die Eltern im Jahre 1808 geht hervor, dass seiner Ansicht nach "Kunstkraft und Kunstgenie ... ewig nie allgemein werden in der Malerei" (PSW 21, S. 19) und daher für die Bildung der grossen Mehrheit der Menschen lediglich "Linearzeichnung und Takt in Kunstansicht" (PSW 21, S. 19) realistische Zielsetzungen darstellen. Schon 8 Jahre zuvor hatte er sich, angeregt durch die Bemerkung Johann Kaspar Lavaters, "es mangle allgemein an psychologischen Anfangsgründen der Kunstbildung" (PSB 4, S. 50), Gedanken über die Grundsätze einer elementaren Kunstbildung gemacht und dabei insbesondere die Gemeinsamkeit zwischen geometrischen Grundformen und dem rezeptiven Erfassen und zeichnerischen Wiedergeben von Gegenständen betont . In seinen Instituten in Burgdorf und Yverdon hat er entsprechend diesem Denkansatz sehr hohen Wert auf den Zeichenunterricht gelegt und bei den Schülern teilweise auch verblüffende Resultate erzielt. So finden sich denn in der 1809 publizierten "Lenzburger Rede" ausführliche Passagen hinsichtlich Zeichenkunst und Musik, wobei freilich der grössere Teil der betreffenden Erörterungen von seinem Mitarbeiter Johannes Niederer verfasst sein dürfte . Im übrigen ist Pestalozzi auf dem Gebiet der bildenden Künste rasch mit Polemik zur Hand, so etwa, wenn er 1812 schreibt: "So würde die elementarische Zeichnungslehre, wenn sie den Grundsätzen, die sie wesentlich konstituieren müssen, getreu eingeführt würde, einerseits jedes wirklich malerische Genie zum Selbstgefühl seiner Kräfte und dahin führen, die Bahn zur höheren Kunst sich selbst zu brechen, anderseits die Welt von der Million Schmierer befreien, die, indem sie nichts zu tun wissen, malen, und indem sie malen, nicht wissen, was sie tun." (PSW 23, S. 200) Fast ist zu befürchten, dass er seinen etwas jüngeren Zeitgenossen J.M.W. Turner auch den Schmierern zugerechnet hätte.

Die alltagssprachliche Bedeutung des Terminus "Kunst"

Um es vorwegzunehmen: Grossenteils verwendet Pestalozzi den Begriff "Kunst" bewusst im Rahmen seines philosophischen und pädagogischen Systems. Daneben aber braucht er den Ausdruck "Kunst" auch in seiner umgangssprachlichen Bedeutung: nämlich als ein "Können" irgend eines Existenzvollzugs, mithin als Fertigkeit, Gewandtheit, indessen ohne seine Aussagen speziell auf diesen Begriff zu fokussieren. So spricht er etwa in "Agis" von der "Kunst, verfänglich zu fragen" (PSW 1, S. 16) oder in "Lienhard und Gertrud" von der "Kunst, am Faden kleiner Anfänge immer weiter zu schreiten" (PSW 4, S. 210). Oder wir lesen im selben Werk, dass es den Dorfpotentaten Hummel, nachdem er das Vertrauen seines Vorgesetzten Arner verspielt hatte, "wirklich sehr viel Kunst und Mühe kostete, sich bei ihm wieder in seinen alten Sattel zu setzen" (PSW 5, S. 337). Auch das schlichte Beherrschen eines Handwerks lässt sich ohne philosophischen Anspruch als "Kunst" bezeichnen. So stellt Pestalozzi beispielsweise in seiner Abhandlung "Über den Bauern" im Hinblick auf für das Bauern ungeeignete Orte fest: "An allen solchen Orten findet man im Anfang gute und wohlfeile Arbeiter, aber sie sind es nur so lange, bis sie die Kunst recht verstehen, ..." (W 8/52).

Diese alltagssprachliche Bedeutung von "Kunst" unterliegt natürlich oft auch jenen vielen Termini – grammatikalisch als zusammengesetzte Substantive –, die ein spezifisches Können griffig einfangen, so etwa, wenn Pestalozzi von "Arzneikunst", "Armenversorgungskunst" oder "Redekunst" spricht. So gesehen, lässt sich jede Tätigkeit, die mit einiger Perfektion beherrscht wird, als "Kunst" bezeichnen, und die 120 verschiedenen Wortschöpfungen Pestalozzis nach diesem Muster belegen denn auch, dass er von dieser Möglichkeit reichen Gebrauch macht.

"Kunst" als Gegensatz zur "Natur"

Neben den oben erwähnten gemeinsprachlichen Bedeutungen findet sich in Pestalozzis Schrifttum der Terminus "Kunst" sehr häufig in einem philosophisch strengen Sinn. Bereits in seiner ersten theoretischen Schrift, im "Tagebuch über die Erziehung seines Sohnes" 1774, erscheint der Begriff "Kunst" präzise als Gegenbegriff zu "Natur": "Im freien Hörsaal der ganzen Natur wirst du deinen Sohn an deiner Hand führen, im Berg und Tal wirst du ihn lehren. In diesem freien Hörsaal wird sich sein Ohr auch den Absichten deiner Führung zur Kunst öffnen" (PSW 1, S. 124). Unschwer ist zu erkennen, dass der junge Pestalozzi hier noch ganz im Banne Rousseaus steht, wie denn auch das ganze seine Absicht verrät, dessen Erziehungsgrundsätze in die Praxis umzusetzen. Allerdings geht er auch verschiedentlich auf Distanz zu seinem geistigen Ahnherrn, u.a. dadurch, dass er seinen Knaben nicht bloss Erfahrungen durch die Auseinandersetzung mit dem dinglich Gegebenen machen lassen, sondern ihn auch mit kanonisierten Lerninhalten vertraut machen will, konkret: mit Messkunst und Sprachlehre. Die beiden Beispiele zeigen, dass Pestalozzi hier unter "Kunst" Handlungskonzepte bzw. Theoreme versteht, die gesellschaftlich entstanden und vermittelt sind und deren Weitergabe er als sinnvoll und wünschbar erachtet. Dagegen ist "Natur" das selbstverständlich Gegebene: primär Dingliches, natürlich Entstandenes, mithin aber auch vieles, das gesellschaftlich erarbeitet wurde und als rein zufällig Zuhandenes die Sinne und das Interesse des jungen Menschen zu erregen vermag.

In der "Abendstunde eines Einsiedlers" fasst er nun beides – "Kunst" als das absichtsvoll Geschaffene und "Zufall" als das, was jedem ohne dessen Zutun zufällt – nicht mehr als Gegensätze, sondern als zwei Bedingungsfelder, die zusammen genommen der "Natur" gegenüberstehen, aber – und dies ist ein entscheidender Schritt – nicht der "Natur" als dem Insgesamt des äusserlich Gegebenen (was ja wiederum das Zufällige wäre), sondern der menschlichen Natur: "Alle reinen Segenskräfte der Menschheit sind nicht Gaben der Kunst und des Zufalls, im Innern der Natur aller Menschen liegen sie mit ihren Grundanlagen" (PSW 1, S. 269). "Kunst" – hier an der Seite des Zufalls – steht also wiederum im Gegensatz zur "Natur".

Auch in seinem philosphischen Hauptwerk, den "Nachforschungen" , kreisen seine Gedanken verschiedentlich um die Frage des Verhältnisses zwischen Zufall und Kunst auf der einen und der Natur des Menschen auf der andern Seite. "Unwissend und ohne Kunde dessen, was ich, durch Zufall und Erfahrung geleitet, aus mir selber machen werde, und ebenso, ohne vorzügliche Sorgfalt für das, was die Kunst meines Geschlechts aus mir machen möchte, setzte mich die Natur mit einer vorzüglichen Kraft auf die Erde, mein tierisches Dasein allenthalben durch mich selbst, ohne Zutun der Kunst meines Geschlechts, sicherstellen zu können" (PSW 12, S. 60). Pestalozzi hat hier den Instinkt als die "ursprüngliche Grundkraft" der menschlichen Natur im Auge, und er gelangt zur Einsicht, dass sich der Mensch "zum Herrn über (diesen) einfachen Führer (s)eines ungekünstelten und ungebildeten Daseins emporheben" muss, sobald er "mehr sein will oder mehr sein muss, als die Natur allgemein aus meinem Geschlecht gemacht hat" (PSW 12, S.60), eben nicht bloss Naturwesen, sondern als an der Gesellschaft partizipierender und nach Sittlichkeit strebender Mensch. In unserem Zusammenhang von Bedeutung ist die bewusste Wortwahl Pestalozzis: Mit "Zufall und Erfahrung" ist das konkrete dingliche Milieu, d.h. die äussere Natur gemeint, die jeden Menschen individuell beeinflusst, und unter "Kunst meines Geschlechts" versteht er sämtliche Arrangements der Gesellschaft wie Brauchtum, Sitten, Gesetze, Sozial- und Kommunikationsformen, Herrschafts- und Wirtschaftssysteme, die ihn ebenfalls entsprechend formen. Diese gesellschaftlichen Phänomene und Institutionen – an anderer Stelle fasst er sie zusammen als "Kunst der Gesellschaft" (PSW 12, S. 101) – sind es denn auch, die "den Menschen gerecht und teilnehmend" machen, und nicht etwa – wie man gerne annehmen möchte – der ursprüngliche Zweck der gesellschaftlichen Vereinigung: nämlich der Wunsch nach Behaglichkeit und erleichterter Bedürfnisbefriedigung. "Kunst" ist also auch hier verstanden als das gesellschaftliche Gegengewicht gegen natürliche Ansprüche jeglicher Art. Das trifft auch zu, wenn Pestalozzi im selben Satz von der "Kunst der Freiheit" feststellt, dass sie es ist, die "beim Bürger Gemeingeist und Rechtlichkeit erzeugt" (PSW 12, S.101), und nicht etwa der ursprüngliche Zweck der Freiheit: nämlich die Möglichkeit, tun und lassen zu können, was beliebt. Das wäre blosse "Naturfreiheit", und diese wäre nach Pestalozzis Worten "erschrecklich" (PSW 12, S. 97). Lebbar und dem Menschen bekömmlich wird Freiheit erst durch "Kunst", d.h. durch erzieherisch verantwortete Eingewöhnung und gesetzliche Freiräume und Schranken.

Nun ist offensichtlich, dass sich der hier verwendete Kunst-Begriff fundamental von jenem unterscheidet, der in der ersten Äusserung im Tagebuch 1774 erscheint, und zwar insofern, als Pestalozzi dort die Kunst als etwas zu Vermittelndes, hier aber als etwas Einwirkendes versteht. Und nur auf dem Hintergrund dieses Verständnisses erhellt sich denn auch der bereits zitierte Satz, der – aus dem Zusammenhang gerissen – Anlass zu krassem Missverständnis sein muss, nämlich: "Der Mensch ... wird nur durch die Kunst Mensch" (PSW 13, S. 244), was besagt, dass wir ohne "diese Führerin unserer selbst, die wir uns selber erschaffen" haben, ausserstande wären, das wesentlich Menschliche zu erreichen: gesellschaftliche Partizipation, Sittlichkeit im Sinne von Selbstvervollkommung durch Überwindung des eigenen Egoismus in der Verwirklichung von Grundwerten wie etwa Wahrheit und Liebe.

Sind "Natur" als das primär Gegebene und "Kunst" als das gesellschaftlich Einwirkende die beiden grundlegenden Komponenten, die Menschsein und Entwicklung zum Menschsein bedingen, stellt sich die Frage nach der Hierarchie. Pestalozzis Antwort auf diese Frage ist der unerschütterliche Fels, auf dem sein ganzes pädagogisches Philosophieren und seine ganze Erziehungspraxis ruhen: " ... aber soweit sie (die Kunst) auch geht, so muss sie sich in ihrem ganzen Tun dennoch fest an den einfachen Gang der Natur anketten. Was sie immer leistet, und wie kühn sie uns aus dem Stand und selbst aus dem Recht unseres tierischen Daseins heraushebt, so ist sie doch nicht imstande, zu dem Wesen der Form, durch welche unser Geschlecht sich von verwirrten Anschauungen zu deutlichen Begriffen erhebt , auch nur ein Haar hinzuzufügen. Sie soll es auch nicht. Sie erfüllt ihre Bestimmung zu unserer Veredelung wesentlich nur dadurch, dass sie uns in dieser und in keiner anderen Form entwickelt, und wirft uns, sobald sie es in irgendeiner anderen zu tun versucht, dadurch insoweit in jedem Fall in den nicht humanen Zustand zurück, aus dem sie uns herauszuheben von dem Schöpfer unserer Natur bestimmt ist" (PSW 13, S. 245 f.). Wir haben hier Pestalozzis grundlegendes Postulat der "naturgemässen" Bildung und Erziehung vor uns. Diesem zu Grunde liegt seine Überzeugung, dass die menschliche Natur mit Kräften (Anlagen) ausgerüstet ist, die sich entfalten müssen und bei dieser Entfaltung natürlichen und damit unveränderlichen Gesetzen unterliegen. Den Primat der Natur anerkennen heisst, sich den Entwicklungsgesetzen, die der Natur selber abzulesen sind, zu "unterwerfen" . Am entschiedensten spricht er dies aus im eingeschobenen Kapitel 71a des 4. Teiles der 3. Fassung von "Lienhard und Gertrud" (1820), wo er seine pädagogische Theorie auf vier Buchseiten ausformuliert: "Diese innere Einheit der Grundkräfte unserer Natur steht deshalb auch durch ihr Wesen in selbständiger Erhabenheit ob aller menschlichen Kunst. Keine menschliche Kunst darf und soll es auch nur versuchen, weder das Wesen und die Eigenheit einer jeden dieser drei Urkräfte noch das heilige Band ihrer Vereinigung Anmerkung unter sich selber durch seine Einmischung zu hemmen und zu stören; im Gegenteil jede Einmischung der menschlichen Kunst in die Entfaltung der Kräfte unserer Natur muss sich den Gesetzen, nach welchen die Menschennatur diese Kräfte selber entfaltet, und dem heiligen Band, das diese Gesetze untereinander verbindet, unbedingt unterwerfen. Alle Kunst des Menschengeschlechts in der Erziehung muss sich in allen drei Urfächern unserer Bildung an das reine, von keiner menschlichen Kunst abzuändernde Naturstreben zur Entfaltung unserer Kräfte anschliessen, von ihm ausgehen und in jedem seiner Vorschritte an ihn festhalten. Die Einmischung unserer Kunst in die Erziehung kann und muss also in ihrem Wesen in nichts anderem bestehen, als in der erleuchteten Sorgfalt unseres Geschlechts für die Entfaltung und Bildung des ganzen Umfangs der Kräfte unserer Natur, wie sie in unseren Kindern liegen, mit dem Gang der Natur in ihrer Entfaltungsweise unserer Kräfte in Übereinstimmung zu kommen und uns darin mit ihr in Übereinstimmung zu erhalten" (PSW 6, S. 469).

Verknüpfen wir nun das, was Pestalozzi unter "Kunst der Gesellschaft" versteht mit seinem Postulat, dass sich die "Kunst" den Gesetzen der menschlichen Natur zu unterziehen habe, wird sofort klar, wieviel Erneuerungskraft in seinem Denken steckt, leiten sich doch daraus nicht bloss pädagogische, sondern ebenso erhebliche politische Forderungen ab. Dieses Resultat deckt sich mit der Erkenntnis und Erfahrung, dass der Mensch nicht bloss gebildet und erzogen wird durch die bewusste "Erziehungskunst" der konkreten Erzieher, sondern ebenso durch die gesellschaftlichen Verhältnisse, die zu verstehen sind als Resultat der "Kunst der Gesellschaft": Sitten, Gesetze, soziale Systeme usf.

Zusammenfassend lässt sich somit sagen: Die menschliche Natur ist so geartet, dass der heranwachsende Mensch seine letzte Bestimmung – die "Menschlichkeit" – nur erreichen kann durch "Kunst", das heisst einerseits durch disziplinierende Vorgaben und Einflüsse der Gesellschaft und andererseits durch sittlich verantwortete mitmenschliche Einwirkungen. Und der Erfolg hinsichtlich des Ziels ("Menschlichkeit") kann in dem Masse erwartet werden, als sich sowohl Gesellschaft als personale Erzieher in ihren Setzungen und Entscheidungen nach der menschlichen Natur und den unveränderlichen, natürlich gegebenen Entwicklungsgesetzen richten.

Die klassische Dreiheit: Herz, Geist und Kunst

"Die Natur gibt das Kind als ein untrennbares Ganzes, als eine wesentliche organische Einheit mit vielseitigen Anlagen des Herzens, des Geistes und des Körpers" (PSW 20, S. 56). Auf dieser anthropologischen Basis ruht Pestalozzis Postulat der harmonischen Bildung von "Kopf, Herz und Hand" . Diese klassisch gewordene Dreiteilung liegt praktisch allen seinen pädagogischen Schriften zu Grunde, wobei er allerdings die etikettierenden Bezeichnungen oft wechselt, sie neu variiert und in eine andere Reihenfolge stellt . So lesen wir in "Geist und Herz in der Methode" 1805, die Elementarbildung setze sich "nicht weniger vor, als durch die Gesamtheit und Übereinstimmung all ihrer Mittel Herz, Geist und Hand zum Höchsten und Edelsten, dessen unsere Natur fähig ist, zu erheben" (PSW 18, S. 50), und 20 Jahre später schreibt er im "Schwanengesang" – inhaltlich identisch – die Idee der Elementarbildung sei "als die Idee der naturgemässen Entfaltung und Ausbildung der Kräfte und Anlagen des menschlichen Herzens, des menschlichen Geistes und der menschlichen Kunst anzusehen" (PSW 28, S. 58). Die beiden Zitate zeigen, dass Pestalozzi die Termini "Hand" und "Kunst" offensichtlich für einen identischen Sachverhalt verwendet . "Kunst" ist somit bei Pestalozzi nicht bloss zu verstehen als Gegensatz zu "Natur", sondern – jeweils im Zusammenhang mit der Bildung der Grundkräfte – als das Ingesamt der Äusserungen des physischen Bereichs, der begrifflich oft auch auf "Hand" reduziert ist. Dementsprechend schreibt er im berühmten Kapitel 71a des 4. Teiles von "Lienhard und Gertrud" (3. Fassung, 1820): "Das zu erzielende Resultat unserer physischen Anlagen und Kräfte ist Veredlung und Befriedigung unserer Natur durch Arbeit und Kunst" (PSW 6, S. 470). Sich mit Pestalozzis Kunst-Begriff auseinanderzusetzen erfordert somit auch, sich mit der Bildung der physischen Kräfte zu befassen.

Die folgende Tabelle ist der Versuch einer Übersicht über die im Zusammenhang mit der Bildung der drei Grundkräfte verwendeten Termini. Der Einfachheit halber verzichte ich auf die Quellenangaben und führe alle im Singular/Nominativ auf, obwohl Pestalozzi sehr oft den Plural wählt.

Kopf/Geist Herz Hand/Kunst
Kraft des Kopfes Kraft des Herzens Kraft des Körpers
geistige Kraft sittliche Kraft handwerkliche Kraft
Geisteskraft Sittlichkeitskraft Handkraft
intellektuelle Kraft sittlich-religiöse Kraft physische Kraft / Leibeskraft
Verstandeskraft Herzenskraft körperliche Kraft / Körperkraft
Vernunftkraft Gemütskraft Kunstkraft
Erkenntniskraft Gefühlskraft Erwerbskraft /Gewerbskraft
Denkkraft   Berufskraft

Eine analoge Tabelle liesse sich erstellen mit entsprechenden Adjektiven (geistig, gemütlich im Sinne von "gemüthaft" usf.) und Verbindungen mit andern Substantiva (Bildung des Geistes, Geistesbildung, Elementarbildung des Herzens, Gemütsbildung, Kunstbildung). Darüber hinaus gibt es viele sprachliche Fassungen des Drei-Kräfte-Modells wie z.B. "Geist- Herzens- und Ausübungshalber" (PSW 6, S. 349) oder "in sittlicher Hinsicht ... geistiger Hinsicht ... Kunst- und Berufshinsicht" (PSW 6, S. 516 f.), die nicht ohne Künstlichkeit durch eine Tabelle erfassbar sind.

Wägen wir nun die einzelnen Begriffe innerhalb eines Feldes der Tabelle gegeneinander ab, fällt auf, dass sie inhaltlich keinesfalls völlig deckungsgleich sind. Dieses Oszillieren der jeweiligen Begriffsgruppe deckt einerseits die Begrenztheit der Sprache hinsichtlich der exakten Widerspiegelung von Realität auf, macht aber andererseits auch die Fragwürdigkeit eines exakten Begriffsmodells für die Erhellung menschlicher Realität sichtbar. So ist es denn ratsam, bei der Lektüre von Pestalozzis Schrifttum und der damit verbundenen Reflexion seiner Theorien sich nicht bloss auf den einen, jeweils konkret gewählten Begriff abzustützen, sondern auch die an andern Orten, aber im selben Zusammenhang verwendeten Begriffe mitzudenken.

Vergleichen wir die Bedeutungsabweichungen der Termini innerhalb der einzelnen Gruppen, stellen wir unschwer fest, dass sie im dritten Bereich, jenem der "Hand", am grössten sind. Tatsächlich hat sich Pestalozzi auch in seiner Theorie in diesem Bereich am schwersten getan. In seiner ersten grösseren pädagogischen Schrift, dem "Stanser Brief", liegt das Schwergewicht der theroetischen Reflexion auf dem sittlichen Bereich, wo er zum Schluss kommt, dass bei der Entwicklung der Sittlichkeit die Reihenfolge "Erweckung einer sittlichen Gemütsstimmung", "sittliches Tun durch Angewöhnung", "Reflexion, bewusste sittliche Begriffe" als natürliche Gesetzmässigkeit zu gelten habe. In der nächsten, umfangreichen Schrift, die ihn als Pädagogen europaweit berühmt machte, in "Wie Gertrud ihre Kinder lehrt", entwickelt er primär seine Vorstellungen über die naturgemässe Entfaltung der intellektuellen Kräfte, indem er zeigt, dass das zentrale Anliegen der Geistesentwicklung darin besteht, den jungen Menschen in einem vierstufigen Gang durch die Bildung deutlicher Begriffe auf der Basis von Anschauung und differenzierter Sprache zum Fällen gereifter Urteile zu befähigen. Zudem vertieft er seinen im "Stanser Brief" grundgelegten Ansatz der sittlichen Bildung. Was indessen die Bildung des Körpers (der Hand) betrifft, bleiben seine Vorstellungen verhältnismässig vage und noch sehr im Allgemeinen. Erst in der 1807 erschienenen Schrift "Über Körperbildung als Einleitung auf den Versuch einer Elementargymnastik, in einer Reihenfolge körperlicher Übungen" kommt er ausführlicher auf diesen Bereich zu sprechen. Im Zentrum seiner Erwägungen steht einerseits die Forderung, dass physische Bildung allgemein sein muss und jede spezielle Bildung zu irgend einer physischen Kunst oder Tätigkeit der allgemeinen Körperbildung unterzuordnen ist, und andererseits das grundlegende Postulat, dass die physische Bildung in Harmonie stehen muss mit der sittlichen und der geistigen.

In grosser Ausführlichkeit abgehandelt wird die "physische Elementarbildung" dann in der grossen "Lenzburger Rede" . Dabei muss man allerdings bedenken, dass ein Grossteil dieser Schrift von Pestalozzis Mitarbeiter Johannes Niederer stammt, weshalb es wenig geraten scheint, sich allzusehr auf diese Schrift abzustützen, wenn man Pestalozzis Vorstellungen von dem ergründen will, was er unter "Kunst", "Kunstkraft" und "Kunstbildung" versteht. Da greift man besser zu späteren Schriften wie etwa zur "Unschuld" , insbesondere aber zum "Schwanengesang" (W 28/53 - 286).

Hier wird zuerst einmal die Weite dessen deutlich, was Pestalozzi mit "Kunst" meint, nämlich "alle Mittel, die Produkte des menschlichen Geistes äusserlich darzustellen und den Trieben des menschlichen Herzens äusserlich Erfolg und Wirksamkeit zu verschaffen" sowie "alle Fertigkeiten, deren das häusliche und bürgerliche Leben bedarf" (PSW 28, S. 71). Oder noch einfacher (und noch umfassender) ausgedrückt: Der dritte Bereich ("Kunst") meint schlicht und einfach das menschliche Handeln, weshalb Pestalozzi Kopf, Herz und Hand als jene Grundkräfte erklärt, von denen "Denken, Fühlen und Handeln" ausgehen . Ferner wird sofort klar, dass all diese Mittel und Fertigkeiten, um irgend etwas sichtbar ("äusserlich") schaffen resp. "handeln" zu können – weshalb und wozu auch immer –, nicht bloss physischer Natur sein können. Daher betont denn Pestalozzi auch, dass die Fundamente der Kunst "innerlich und äusserlich, ... geistig und physisch" (W 28/71) sind. Mit andern Worten: die Entwicklung physischer Kräfte ist wesensmässig bereits im Ansatz mit der Entwicklung der intellektuellen Kräfte verbunden.

Daraus erklärt sich denn auch die Uneinheitlichkeit der in obiger Tabelle unter "Hand/Kunst" subsumierten Begriffe. Unter rein logischem Aspekt sind nämlich die drei klassischen Begriffe "Herz, Kopf und Hand" gar nicht nach dem Muster a + b + c beschreibbar, sondern müssen als a + b + bc verstanden werden. Je nachdem, wie gross der Anteil von b in c ist, resultieren daraus auch andere Künste, angefangen von der Kunst, eine Säge zu führen, bis hin zur Rechenkunst, die eben auch eindeutig verstanden werden kann als eine der "Fertigkeiten, deren das häusliche und bürgerliche Leben bedarf" und darum – als Fertigkeit – dem dritten Bereich zuzuordnen ist. Allerdings liesse sich einwenden, diese logische Verbindung des dritten Bereichs (als bc) fände ihre Analogie auch bei den andern beiden Grundkräften, insofern nach Pestalozzi bei der Bildung einer der drei Kräfte die andern beiden stets mitbeteiligt sein müssen. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass Glaube und Liebe (als sittliche Zielsetzungen) und das Bewusstsein von Wahrheit und Recht (als intellektuelle Zielsetzungen) prinzipiell reine Herzens- bzw. Geistesangelegenheit bleiben können und daher die Verbindung mit den andern Grundkäften ein Postulat bleibt, wogegen Arbeit und Kunst (als Zielsetzungen des physischen Bereichs und verstanden als das Beherrschen irgend einer Fertigkeit) nicht bloss eine Angelegenheit physischer Kräfte und Anlagen sein können, sondern prinzipiell an die Entwicklung geistiger Kräfte gebunden sind. Diese wesensmässige Beteiligung intellektueller Kräfte beim Aufbau einer physischen Fertigkeit wird denn auch sichtbar bei deren vierstufigem Entwicklungsgang, der mit der "Aufmerksamkeit auf die Richtigkeit" anhebt, was eben ein intellektueller Vorgang ist.

Betrachten wir nun das Spezifische der Kunstbildung, also das, was Pestalozzi als "physisch" oder "äusserlich" bezeichnet: Sie beruht auf dem "Kunsttrieb", einem "Selbsttrieb, der den Kräften der Sinne, der Sprachorgane und der Glieder zum Grunde liegt." Dieser "reizt die Sinne, Organe und Glieder an sich selbst zur Tätigkeit, die sie bildet. Aber die Kunst ist geeignet, die Wirkung dieser Tätigkeit vielseitig zu erleichtern, zu vergeschwindern und zu berichtigen" (PSW 28, S. 125). Konkret geht es also primär um Sinnesentwicklung und Sinnesschulung, um Spracherwerb hinsichtlich der Sprechfertigkeit sowie um körperliche Gewandtheit und Kraft. Sekundär sind sämtliche weiteren Fertigkeiten wie Schreiben, Lesen, Gesang, Instrumentalspiel, Werken usf. ins Auge gefasst. In jedem Fall ist die "Erziehungskunst" "nachhelfend" und darf der "freien Tätigkeit des ungebildeten Kunstsinnes nicht voreilen. Die Kunst muss den Sinn des Kindes nur reizend ansprechen" (PSW 28, S. 126).

"Kunst" als Gefährdung: allerlei Künste, Künstlichkeit und Verkünstelung

Führt man sich das mittels der CD ROM zu gewinnende Verzeichnis der zusammengesetzten Substantive mit dem Grundwort "...-kunst" oder "...künste" zu Gemüte – eine Liste mit über 200 Nennungen –, findet man allerdings nicht bloss jene Fertigkeiten, die gemäss Pestalozzis Erziehungsgrundsätzen entwickelt werden sollen, wie etwa "Anschauungskunst, Ausmessungskunst, Baukunst, Kochkunst" usf., sondern eine erkleckliche Anzahl vom Wortschöpfungen, die Pestalozzis Abneigung gegen jene Fertigkeiten zum Ausdruck bringen, die nicht in seinem Sinne "harmonisch" im Dienste einer sittlichen Lebensgestaltung ausgebildet wurden und daher irgend eine Form eines Missbrauchs bezeichnen. Fast gilt die Regel: Je ausgefallener und je länger ein Wort, desto negativer der Sachverhalt, den er mit dem betreffenden Ausdruck bezeichnet. Insbesondere ist der weitaus grösste Teil der gut 80 Termini, in denen "Kunst" als Grundwort im Plural erscheint ("...-künste"), negativ gewertet, und es mag insbesondere für Leser, die mit Pestalozzis Sprache noch nicht allzu vertraut sind, reizvoll sein, sich diese Liste zu Gemüte zu führen: "Abrichtungs-, Abtreibungs-, Advokaten-, Affen-, After-, Anstreicher-, Aufklärungs-, Barbier-, Bedrückungs-, Behörden-, Beiseitesetzungs-, Beredungs-, Beschwörungs-, Blut-, Brot-, Dienst-, Einseitigkeits-, Einziehungs-, Erniedrigungs-, Erziehungs-, Finanz-, Frevler-, Geheimrats-, Gelenkigkeits-, Gesetzes-, Gewalts-, Gewerbe-, Grimassen-, Grossmutter-, Henkers-, Hexen-, Hof-, Kabinetts-, Kauf -, Kultur-, Maul-, Pfaffen-, Raffinements-, Rechen-, Rede-, Redner-, Regierungs-, Revolutions-, Scharlatanerie-, Schauspiel-, Schein-, Schleier-, Schreiber-, Schul-, Schulmeister-, Spitzhösler-, Staats-, Stadt-, Stiefmütter-, Taschenspieler-, Teufels-, Theater-, Tinten-, Todes-, Treib-, Treibhaus-, Tröler-, Unterstützungs-, Verblendungs-, Verfinsterungs-, Verführungs-, Vergiftungs-, Verkleisterungs-, Verlängerungs-, Verpfuschungs-, Verschönerungs-, Verstandes-, Verstellungs-, Wagen-, Weiber-, Welt-, Wirtshaus-, Wort-, Zauber-, Zeit-, Zivilisationskünste."

In dieser Liste trifft man ganz offensichtlich auch auf "Künste", deren Ausübung einer höchst geringen oder gar keiner physischen Komponente bedarf wie etwa "Abrichtungskunst, Advokatenkunst, Erbkunst, Geschwätzkunst", was dann doch hinter die generelle Zuweisung der Ausbildung irgend einer Kunst in den dritten Bereich ("Hand") ein kleines Fragezeichen setzt.

Ebenso negativ ist für Pestalozzi auch all das, was er mit den rund 30 zusammengesetzten Substantiven bezeichnet, in denen – hinten oder vorne – "Verkünstelung" vorkommt. Da geht es dann entweder um Kunstfertigkeiten, die nicht naturgemäss gebildet wurden, oder dann um Zustände, die ihr Dasein irgend einer der erwähnten Künste zu verdanken haben: "Verkünstelungsabschwächung, -betriebsamkeit, -einfluss, -epochen, -erniedrigung, -formen, -gaukeleien, -leben, -manieren, -massregeln, -mittel, -nebel, -raffinement, -resultate, -surrogate, -verderben, -verirrung, -verödung, -verwirrung, -zeitalter, -zustand" bzw. "Abschwächungs-, Landes-, Mode-, Schwachheits-, Sinnlichkeits-, Volks-, Zeit-, Zivilisationsverkünstelung".

Es wäre natürlich reizvoll – aber im Rahmen dieser Arbeit nicht zu leisten –, all diesen "Künsten" und "Verkünstelungen" im einzelnen nachzugehen, denn man würde damit nicht bloss objektiven Missständen zu Pestalozzis und auch in unserer Zeit begegnen, sondern ebenso jenen Brillen, durch deren Blick viele Teile der Welt für Pestalozzi eine ganz bestimmte, zumeist fragwürdige Bedeutung gewannen.

Fazit

Der Begriff "Kunst" wie auch seine Zusammensetzungen und Abwandlungen nehmen in Pestalozzis Schrifttum eine tragende Stellung ein. Mit "Kunst" im modernen Sinne befasst er sich allerdings höchstens am Rande. Sehr oft hingegen verwendet Pestalozzi den Begriff in einem umgangssprachlichen Sinne und meint damit irgend eine besondere Fertigkeit oder Gewandtheit. Dieses Verständnis trifft sich zu einem grossen Teil – allerdings ohne mit ihm deckungsgleich zu sein – mit jenem pädagogischen Anliegen, das er mit "Entwicklung der physischen, handwerklichen, körperlichen Kräfte" und oft zusammenfassend auch als "Hand" bezeichnet, und zwar insofern, als jede Kunst auf Ausbildung angewiesen ist. Philosophisch strenger fasst er den Begriff "Kunst", wenn er in anthroplogischen Zusammenhängen "menschliche Einwirkung" als Gegensatz zu "Natur" meint. Auch diese Verwendung trifft sich mit der pädagogischen Bedeutung, und zwar insofern als "Kunst" dann für das Insgesamt der auf den Zögling wirkenden Erziehungsmächte steht.