Johann Friedrich Herbart

Renate Hinz

Johann Friedrich Herbart. Nach einer Lithographie. Aus: Pestalozzi und seine Zeit im Bilde. Zur 100. Wiederkehr seines Todestages; hrsg. v. Pestalozzianum Zürich und der Zentralbibliothek Zürich. - Zürich 1928, Tafel 66.

Zum Jahreswechsel 1799/1800 besucht der aus Oldenburg stammende Johann Friedrich Herbart Pestalozzi in seiner Burgdorfer Schulanstalt und gelangt dadurch zu einer frühen Wertschätzung des Schweizer Pädagogen, die er in seinem 1802 in der Zeitschrift "Irene" erscheinenden Aufsatz "Über Pestalozzis neueste Schrift: Wie Gertrud ihre Kinder lehrte" zum Ausdruck bringt: "Sie wissen, ich sah ihn in seiner Schulstube. Lassen Sie mich die Erinnerung noch einmal anfrischen. Ein Dutzend Kinder von 5 bis 8 Jahren wurden zu einer ungewöhnlichen Stunde am Abend zur Schule gerufen; ich fürchtete, sie mislaunig zu finden, und das Experiment, zu dessen Anblick ich gekommen war, verunglücken zu sehn. Aber die Kinder kamen ohne Spur von Widerwillen; eine lebendige Thätigkeit dauerte gleichmäßig fort bis zu Ende. Ich hörte das Geräusch des Zugleichsprechens der ganzen Schule; - nein, nicht das Geräusch; es war ein Einklang der Worte, höchst vernehmlich, wie ein taktmäßiger Chor, und auch so gewaltig wie ein Chor, so vest bindend, so bestimmt haftend auf das was eben gelernt wurde, daß ich beinahe Mühe hatte, aus dem Zuschauer und Beobachter nicht auch eins von den lernenden Kindern zu werden." (Herbart, Johann Friedrich: Über Pestalozzis neueste Schrift: Wie Gertrud ihre Kinder lehrte. An drei Frauen. In: Irene, Jg. 1802, S. 19.) Das Chorsprechen und die Benutzung der in Hornblättchen eingelassenen Buchstabenformen lassen Herbart das unterrichtliche Vorgehen in Burgdorf wertschätzen, während er das Auswendiglernen von Wörtern, Sätzen und Definitionen mit großer Skepsis betrachtet. (Vgl. ebd., S. 24.) Dennoch wertet er die Pestalozzische Methode als einen wichtigen Fortschritt in der Verbesserung der Unterrichtslehre, da sie die Geisteskräfte und die Aufmerksamkeit der Kinder fördere und den Unterricht durch die logische Reihung der Inhalte auf eine wissenschaftliche Grundlage stelle. Mit Pestalozzis Zielsetzung, Kinder der ärmsten Bevölkerungsschicht auf ihre zukünftigen Tätigkeiten im Feldbau, in der Fabrik und im Handel vorzubereiten, hebt Herbart den sozialpolitischen Aspekt des Pestalozzischen Ansatzes hervor, der nun zugleich zur kritischen Distanzierung des eigenen pädagogischen Konzeptes führt. Indem Herbart die Schrift "Wie Gertrud ihre Kinder lehrt" rezensiert, bewertet er den von Pestalozzi gewählten Beginn bei den Anfangspunkten Form, Wort und Zahl positiv, da mit ihnen die Grundlagen für die individuellen intellektuellen späteren Entwicklungen gelegt werden, zugleich aber kritisiert er die Zugrundelegung des Quadrates als Anschauungsform, das er durch ein Dreieck zu ersetzen vorschlägt, da die "Triangel ... der ganzen Geometrie zum Grunde" (Herbart, J.F.: Pestalozzis Idee eines ABC der Anschauung, untersucht und wissenschaftlich ausgeführt. - Göttingen 1802, S. 108.) liegt. In seiner auf dem Dreieck basierenden Anschauungslehre stellt Herbart unter trigonometrischem Aspekt mathematische Überlegungen zur Linienführung, Dreiecks- und Rechteckskonstruktion sowie deren Flächenberechnungen an, wobei er in der trigonometrischen Dreiecksbestimmung nach Pestalozzischem Vorbild die Anlage umfangreicher Zahlen- und Figurenübersichten vorschlägt und die Mathematik mit dem Zeichenunterricht, der Geographie, der Astronomie, Mineralogie und Naturgeschichte zu verbinden strebt. (Vgl. Herbart, Johann Friedrich: Pestalozzis Idee eines ABC der Anschauung als ein Cyklus von Vorübungen im Auffassen der Gestalten wissenschaftlich ausgeführt. - Zweyte, durch eine allgemein-pädagogische Abhandlung vermehrte, Ausgabe Göttingen 1804. In: Johann Friedrich Herbarts Pädagogische Schriften, Bd. 2; hrsg. v. Fr. Bartholomäi; neu bearb. u. m. erl. Anm. vers. v. E. von Sallwürk. - 5. Aufl. Langensalza 1891, S. 170.) Pestalozzi aber greift Herbarts Vorschlag nicht auf und verwendet auch in dem 1803 erscheinenden "ABC der Anschauung, oder Anschauungslehre der Maßverhältnisse" das Quadrat als Grundlage. Mit seiner Feststellung, die "Matematic des Vierekks ist die Kindermatematic, die Matematic des Dreiekks ist die Matematic des Jünglings und Mans" (Pestalozzi, Johann Heinrich: ABC der Anschauung, oder Anschauungslehre der Maßverhältnisse. In: Pestalozzi. Sämtliche Werke. Kritische Ausgabe, Bd. 15; bearb. v. Emanuel Dejung und Walter Klauser. - Zürich 1958, S. 178.), sowie seiner gegenüber dem dänischen Lehrer J.H. Anton Torlitz formulierten Äußerung "Herbarts Dreieck ist das Quadrat der vornehmen Leute" (Pestalozzi zit. bei August Israel: Pestalozzi-Bibliographie, Bd. 1. - Reprograf. Nachdr. d. Ausg. Berlin 1903-1904, S. 194.) grenzt Pestalozzi seinen Volksunterricht gegen die eher wissenschaftliche, bürgertumsorientierte Unterrichtsweise Herbarts ab. Noch im selben Jahr wendet sich Herbart mit einem Schreiben an Pestalozzi, das neun Fragen zur praktischen Umsetzung der Methode enthält. Sie beziehen sich auf das Alter der Kinder, die Dauer des Elementarunterrichtes sowie Möglichkeiten der Differenzierung, auf die Stufenfolge der Anschauung und schließlich - unter dem Aspekt schichtspezifischer Standeszuweisungen - auf die Einteilung der Schüler in Klassen. Pestalozzis Antwort ist sowohl ein Praxisbericht als auch eine theoretische Fundierung der Methode und schlägt sich in dem 1804 von Herbart im Bremer "Museum" gehaltenen und unter gleichem Titel veröffentlichten Gastvortrag "Ueber den Standpunct der Beurtheilung der Pestalozzischen Unterrichtsmethode" nieder. Dieser beginnt mit dem Hinweis auf eine notwendige Einbindung der Methode in Pestalozzis Gesamtkonzept und endet mit der Forderung, sie auf den Elementarunterricht festzuschreiben: "Die Pestalozzische Methode ist ... keinesweges geeignet, irgend eine andre Methode zu verdrängen; sondern jeder andern Methode vorzuarbeiten. Sie nimmt sich des frühsten Alters an, das irgend taugt, Unterricht zu empfangen; sie behandelt es mit dem Ernst und der Einfachheit, die dahin gehört, wo man noch die erste Materie des rohesten Stoff herbeyschaffen muß." (Herbart, Johann Friedrich: Ueber den Standpunct der Beurtheilung des Pestalozzischen Unterrichtsmethode, eine Gastvorlesung gehalten im Museum zu Bremen. - Bremen 1804, S. 22f.) Herbarts Kritik richtet sich erneut auf das Fehlen aller "wissenschaftlicher Hülfsmittel" sowie die Abstraktheit der methodischen Darstellung, so "daß man den, ehemals so beliebten, und wegen seiner schönen, lebendigen, anziehenden Schreibart so gepriesenen Pestalozzi, den Verfasser von Lienhard und Gertrud, in einen Schulpedanten, in einen gemeinen Rechenmeister verwandelt glaubt, der sich darin gefällt, ein dickes Buch mit dem Einmal-Eins zu füllen!" (Ebd., S. 6.) Allerdings kommt Herbart abschließend zu dem Urteil, daß die Pestalozzische Methode geeignet sei, "den Geist des Kindes zu bauen" und "eine bestimmte und hell angeschaute Erfahrung darin zu construiren". (Ebd., S. 22.) Der Aufsatz "Ueber den Standpunct der Beurtheilung der Pestalozzischen Unterrichtsmethode" ist die letzte intensive Bemühung Herbarts um eine objektive Bewertung der Elementarmethode und ihrer Umsetzung in die Praxis. Die Unterstreichung der positiven Bewertungsmaßstäbe bei dem gleichzeitigen Hinweis auf die Begrenztheit des Ansatzes kennzeichnet Herbarts dichotome Haltung gegenüber der Pestalozzischen Methode.