Pestalozzi und Korczak. Annäherungen

Autor: Leonhard Jost

[Überarbeitete Fassung eines Vortrags von Leonhard Jost auf der Generalversammlung des „Vereins Pestalozzi im Internet“ am 9. Mai 2007 auf dem Neuhof in Birr (Kt. Aargau, CH).]

Wie nah stand der „polnische Pestalozzi“, Janusz Korczak, dem echten, schweizerischen Johann Heinrich Pestalozzi? Beide sind als Pädagogen wie als Menschen faszinierende Gestalten. Ein Vergleich so hochdifferenzierter Persönlichkeiten lässt sich allenfalls in wiederholten „Annäherungen“ aus unterschiedlichen Perspektiven umkreisen – und dies entspricht tatsächlich der Denkstruktur (der Denkform, wie Eduard Spranger sagte) Pestalozzis, aber durchaus auch Korczaks.

Mein zeitlich beschränktes Referat muss fragmentarisch und aphoristisch verkürzt bleiben.

Janusz Korczak circa 1930
Janusz Korczak circa 1930

I. Biographische Hinweise

Was hat Korczak von Pestalozzi gewusst, wo ist er ihm (virtuell!) begegnet?
Korczak (1878 in Warschau geboren) war 1898 als Medizinstudent erstmals auf einer Reise in der Schweiz; dann 1901 wieder in Zürich "auf den Spuren Pestalozzis", und ein letztes Mal als Arzt 1908 ebenfalls in Zürich für einen Monat in einer neurologischen Klinik. Ich zitiere aus Korczaks "Die Schweizreise“ (1899, SW 6, S. 359):

In Zürich "... ist auch ein Lesesaal, da kann man sich mit den Schulbüchern und den Erziehungs- und Jugendzeitschriften der Schweiz bekanntmachen, die nicht wenige an der Zahl sind. Hier ist ein Raum, der dem Andenken an den grossen Pestalozzi gewidmet ist, von dem noch ausführlicher die Rede sein wird."

Von den beiden berühmtesten Schweizer Pädagogen schätzte Korczak Pestalozzi mehr als Rousseau, von dem er 1894 ("Beichte eines Schmetterlings", SW 3, S. 103) schreibt:
"Wie kann man Rousseau einen grossen Erzieher nennen, immerhin hätte er selber ein sittliches Ideal sein müssen, anders kann man kein Beispiel sein".
Das Zitat zeigt Korczaks ETHOS und macht plausibel, dass ihm Mensch und Ideen Pestalozzis zutiefst entsprachen: Zu nennen ist etwa die Bedeutung der Erziehung zur Arbeit, die Wichtigkeit einer klaren Beobachtung, die Korczak mit wissenschaftlichem Furor betrieb: Er wog und mass alle Kinder und führte exakte Tabellen über ihren Status.

Wir wissen auch, dass Korczak um 1936 eine Serie von Kurzbiographien (für Kinder) plante über "das Leben grosser Männer" wie Pasteur, Pestalozzi, Leonardo, Pilsudski, Fabre, Mendel und andere Vorbilder, die ihr Leben für die Menschheit einsetzten. Ausgeführt wurde einzig eine Lebensbeschreibung von Moses und von Louis Pasteur, von dem er festhält, dass er sein "schönes Leben im Kampf um die Wahrheit verbrachte“.

II. Bildung als Lebensthema

Für Pestalozzi und für Korczak war „Bildung“ das eigentliche Thema ihres Lebens. Der vieldeutige Begriff bedarf der Klärung:
Bildung verstehe ich als lebenslänglichen Gestaltungsprozess: der Mensch sucht eine/seine Daseinserfüllung. Dieses "curriculum" einer jeden Menschwerdung ereignet sich (diachron und synchron) auf unterschiedlichen Stufen: es umfasst sowohl naturhaft-triebhaftes Vegetieren wie auch Individuation auf einer für die höchsten kulturellen (geistigen) Gehalte aufgeschlossenen Daseinsweise.

Wir verwirklichen unsere Existenz auf den drei Ebenen

  • Natur (biologische Dimension)
  • Gesellschaft (gesellschaftlich-politische und ökonomische Dimension),
  • "Person" (anthropologisch-existenzielle, spirituell-religiöse Dimension)

Das sind genau die Kategorien Pestalozzis! Für ihn ist der Mensch "Werk der Natur", "Werk der Gesellschaft" und "Werk seiner selbst" („Nachforschungen“, 1797, PSW 12).

Korczak als naturwissenschaftlich ausgebildetem Mediziner waren "physis"  wie Psyche des Menschen vertraut. Weil er um die Gesetze der Vererbung wusste, verzichtete er bewusst auf genetische Vaterschaft (Sein Vater war psychisch krank und kam  nach einem Nervenzusammenbruch 1890 ins - wie man damals sagte -  "Irrenhaus", wo er am 25.08.1896 starb).

Wie für Pestalozzi waren auch für Korczak die bestimmenden Einflüsse von Staat, Wirtschaft und Politik (Stichworte: Schicksal Polens, Kriege) selbstverständlich, und er wusste um die prägende Wirkung der Umgebung (Stichwort: architektonische Gestaltung des "Domizils") und sorgte sich "essentiell" um die Individualität (Stichworte: Achtung, Gleichberechtigung, Bezug zum Transzendenten).

III. Was ist Bildung?

Seit Jahrhunderten (Jahrtausenden) wird der homo sapiens "gebildet"/"erzogen"/"geformt" durch das Leben selbst, durch Systeme und Institutionen, durch eine in ihm selber liegende "innere" ("göttliche") Kraft, durch seinen "Daimon", seine "entelecheia". Pestalozzi und Korczak haben kulturgeschichtlich ihren unverkennbaren Platz und hohen Rang in einem viele Dimensionen umfassenden System von BILDUNGSBEMÜHUNGEN, zusammen mit anderen "Wegweisern" wie PLATON, COMENIUS, ROUSSEAU, WILHELM VON HUMBOLDT, RUDOLF STEINER, HARTMUT VON HENTIG (um nur einige zu nennen).

Bildung verlangt eine ständige Suche nach dem Wesen des Menschen, Erziehung ist nicht möglich ohne "Grundlegung". Pestalozzi leistete diese philosophische Reflexion u. a. in der "Abendstunde eines Einsiedlers" und in den "Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts".

Das Schicksal Korczaks erinnert an den "pädagogischen kategorischen Imperativ", den Theodor W. Adorno in seinem Essay "Erziehung nach Auschwitz" aufstellte:

„Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung …Jede Debatte über Erziehungsideale ist nichtig und gleichgültig diesem einen gegenüber, dass Auschwitz sich nicht wiederhole." (Vortrag im Hessischen Rundfunk am 18.04.1966, publiziert in Th. W. Adorno, Erziehung zur Mündigkeit, suhrkamp taschenbuch 1971, S. 88 ff.).Und Adorno fügte bei, „… ich kann nicht verstehen, dass man mit ihr bis heute so wenig sich abgegeben hat“.

Auch anno Domini 2007 - als Bürger einer vom menschgemachten Klimawandel und durch "Schurken" und "Gutmenschen" gleichermassen bedrohten Gegenwart und Zukunft - genügt blosses Interesse an historisch- vergleichender Pädagogik nicht; wir müssen uns fragen, was Pestalozzi und Korczak uns HEUTE noch und für unsere Zukunft zu sagen haben. Die beiden „Pädagogen UND Pädologen“ waren erfüllt von dem, was sie bewegte und was die Zeit verlangte.

IV. Gemeinsamkeiten

Einige Bereiche sind vorab - verkürzt - zu nennen:

Sorge UND Fürsorge für Benachteiligte, verbunden mit Zuwendung

Korczak zeigte schon in jungen Jahren ein sozialpädagogisches und sozialpolitisches Engagement: Als Gymnasiast und Medizinstudent erzählt Henryk Goldszmit Kindern aus den Elendsvierteln Warschaus Geschichten, lehrte sie (auf didaktisch geniale Weise) Grammatik/Sprache; 1911 gibt er seine gut gehende Praxis als Kinderarzt in Warschau auf und setzt sich engagiert (über dreissig Jahre) für das Wohl und die Rechte der Kinder (nicht nur der Waisenkinder) ein. Dabei geht sein Engagement weit über emotionale Zuwendung hinaus ("Mir ist wohl, wenn ich ein Kind auf meinen Armen habe"); Korczak begleitet seine Zöglinge, fördert sie in ihrer Selbstständigkeit und entlässt sie in Freiheit, wie das Zitat aus dem Abschiedsbrief an die aus dem Heim Austretenden zeigt:

„Wir nehmen Abschied von euch für eure lange und weite Reise. Diese Reise hat einen Namen - das Leben.
Wir geben euch nichts.

Wir geben euch keinen Gott, denn ihr müsst Ihn selbst in der eigenen Seele suchen, im einsamen Bemühen.

Wir geben euch kein Vaterland, denn ihr müsst es durch eigene Anstrengung eures Herzens und eurer Gedanken finden.

Wir geben euch keine Menschenliebe, denn es gibt keine Liebe ohne Vergebung, und Vergeben ist mühselig, eine Strapaze, die jeder selbst auf sich nehmen muss.

Wir geben euch eins: Sehnsucht nach einem besseren Leben, welches es nicht gibt, aber doch einmal geben wird, ein Leben der Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit.

Vielleicht wird euch diese Sehnsucht zu Gott, zum Vaterland und zur Liebe führen."

(Korczak, Sämtliche Werke, Bd. 13, S. 370, auch in Korczak (1985)„Von Kindern und anderen Vorbildern“, Gütersloh, GTB Siebenstern)

Das Prinzip Mütterlichkeit

Pestalozzi und Korczak haben beide ein vertieftes Verständnis von "Mütterlichkeit" (die auch einem Mann möglich ist!) und postulieren damit konsequent eine Mütterbildung und "Mütterschulung" (vgl. bei Korczak Arbeiten in SW 8).

Pestalozzi schildert die Rolle der Mütter bereits in seinem 1781 als Volksbuch erschienenen erfolgreichen Erziehungsroman "Lienhard und Gertrud", den er innerhalb weniger Wochen aus sich herausgeschrieben hatte und dann bis 1820 mehrfach überarbeitete und ergänzte; 1801 vertieft Pestalozzi seine Überzeugung philosophisch-anthropologisch und erkenntnispsychologisch in "Wie Gertrud ihre Kinder lehrt, ein Versuch Müttern Anleitung zu geben, ihre Kinder selbst zu unterrichten“ (im Grunde eine in 14 Briefen abgefasste Grundlegung des Elementarunterrichts); 1818 fasste Pestalozzi seine Gedanken zur Mütterlichkeit zusammen in den nur englisch erhaltenen Briefen an Greaves "on early Education", und nochmals 1826 im "Schwanengesang": Mit ihrer sittlichen Muttertreue, durch ihre einfühlsame Befriedigung (eben nicht Unterdrückung) der naturgegebenen "tierischen" Bedürfnisse entfalten Mütter die Grundlagen für das Geistige im Kind, sie ermöglichen dem Kind seine Menschwerdung.

Korczak verfasste während des 1. Weltkrieges als Feldarzt sein (erstes) "pädagogisches Meisterwerk" "Wie man ein Kind lieben soll", auch er "getrieben" von innerem Feuer: Von den Krankenbetten, von der Lazarettapotheke, von der Front rannte K. immer wieder zu seinem Manuskript, "in dem er seine Gedanken über die Erziehung der kleinen „Menschlein“ niederzulegen versuchte. Er vernachlässigte seine Ernährung, er trug eine zerknitterte Uniform und hatte einen geistesabwesenden Blick“, schreibt Korczaks erste Biographin Hanna Mortkowicz-Olzakowa über dieses "Werk der Eingebung".

Weitere Gemeinsamkeiten bei Pestalozzi und Korczak

(nur stichwortartig aufgeführt)

  • Beide verfügen über eine intuitive, umfassende Wahrnehmung (An-schauung) des Kindes als Kind und Mensch.
  • Ganz zentral ist für Pestalozzi wie Korczak ihre "religio", ihre wesenhafte, existenzielle Geistigkeit (Spiritualität). Für beide gedeiht das Ich in mensch-gemässer Freiheit (was nicht mit Egoismus und Rücksichtslosigkeit zu verwechseln ist!)
  • Beiden eignet Vitalität/Lebendigkeit und Offenheit für Neues, für "Re-formen" (bei Korczak reformpädagogische Ansätze), und beide verfügen über Bereitschaft und Energie zum Durchbrechen von Dogmen und traditionellen Usanzen, sie verfügen über Flexibilität.
  • Pestalozzi geisselt das "Lirilariwesen" der Schule, ihre Künstlichkeit und Missachtung der wahren Bedürfnisse und Notwendigkeiten der Kinder und Heranwachsenden, ihren Hang zum "Buch-Wissen", ihre Herz- und Handlosigkeit und Kopflastigkeit.
  • Korczak erprobt im Waisenhaus Dom Sierot ganz neue Formen der Gemeinschaft mit Kindern. Eine zusätzliche Gelegenheit zu pädagogischer Erprobung bot sich ihm in dem von Maryna Falska ursprünglich in Kiew geführten Waisenhaus "Nasz Dom" (Unser Haus), das später nach Warschau verlegt wurde. In beiden "Anstalten" wurde reformpädagogisch unterrichtet und geleitet nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit, Brüderlichkeit, der gleichen Rechte und Pflichten in einer Gemeinschaft der Kinder (Stichworte: Kindersejm, Kameradschaftsgericht, Gesetzbuch, Zeitung u.a.m.).
  • Beide bekennen eine (zutiefst religiös begründete) Achtsamkeit und Liebe zur Kreatur und zur Kreatur und zur Schöpfung insgesamt.
  • Für beide war ein politisches Engagement selbstverständliche und innerste Verpflichtung.
  • Pestalozzi wie Korczak sehen in literarischen Werken eine "nachhaltige" Möglichkeit, ihre Ideen und Ideale unter das "Volk" zu bringen und ihre Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen darzustellen: Pestalozzi erlangte grosse Wirkung durch seinen (literaturgeschichtlich frühen) "Dorfroman" "Lienhard und Gertrud", durch "programmatische" Schriften, aber auch durch philosophische Werke wie "Abendstunde eines Einsiedlers" und die "Nachforschungen". Korczak verdient als Student schon (nach dem Todes des Vaters) Geld für Mutter, Schwester und sich durch Artikel in Zeitschriften (Kolce i.e. "Stacheln"), durch die in Fortsetzungen erscheinenden "Milieuromane" "Das Salonkind" und "Kinder der Strasse". Bekannt wurde Korczak in Polen (und später international) insbesondere durch seine Kinder- und Jugendschriften "Der Bankrott des kleinen Jack" (1926 in Polnisch, 1935 in Deutsch erschienen), "König Hänschen", "Das Recht des Kindes auf Achtung" und viele andere.

V. Zusammenfassung

Versuchen wir eine Summe zu ziehen: Für Pestalozzi und Korczak (und alle Pädagogik) sind die Prämissen, die Voraus-Setzungen einer gelingenden Bildung wesentlich die gleichen:

Liebe, Vertrauen, Dankbarkeit, Offenheit und (echte) Autorität, aber auch verbunden mit "Hörsamkeit" (Gehorsam), "Horchsamkeit" und eine freiheitliche und durch Mitsprache erarbeitete Verfassung; so gab es z.B. im Waisenhaus Abmachungen, Regeln, Gesetze.

Pestalozzi spricht von „Sehender Liebe“.

Korczak fordert Achtung (denn Liebe lässt sich nicht "befehlen"), sie muss aus dem innersten Kern des Menschseins, aus seiner göttlichen Natur "erzeugt" werden.

VI. Eine exemplarische „Ghetto“- Situation

Nach diesen (zu vertiefenden) Hinweisen sei an einem Beispiel die äussere und innere Lebenssituation von Pestalozzi und Korczak konkreter aufgezeigt:

Pestalozzi in Stans 1799

März 1798, die Alte Eidgenossenschaft ist mit dem Einmarsch der französischen Truppen zusammengebrochen, Bern hat kapituliert, Pestalozzi hofft, in der "Helvetischen Republik", vom fünfköpfigen Direktorium unterstützt, seine Volkserziehungsvision verwirklichen zu können. In der katholischen Innerschweiz, besonders in Nidwalden, mit dem Hauptort Stans, gab es Widerstand und kam es zu blutigen Kämpfen. Die Helvetische Regierung erlaubte den französischen Soldaten die Besetzung des Landes, beschloss dann aber als eine Art Wiedergutmachung die Errichtung einer Anstalt für die verwaisten Kinder und übertrug Pestalozzi die Leitung des Hauses, das am 14. Januar 1799 in Stans im ehemaligen Frauenkloster eröffnet wurde. "Ich unternehme eine der grössten Ideen des Zeitpunkts", schrieb er an seine Frau Anna (damals bei Gräfin Franziska Romana auf dem Schloss Hallwil). In Stans sah Pestalozzi das herausfordernde Wirkfeld, um seine pädagogischen Ideen in die Praxis umzusetzen, aber auch in situ zu lernen, wie im Rahmen einer Lebensgemeinschaft sittliche Bildung möglich ist und sich ereignet. Schon bald waren über 80 Waisenkinder zu versorgen und (von einer Magd unterstützt) zu betreuen.

"Ausser dem nötigen Geld mangelte es übrigens an allem, und die Kinder drängten sich herzu, ehe weder Küche noch Zimmer noch Betten für sie in Ordnung sein konnten. Ich war in einem Zimmer eingeschlossen, das keine 24 Schuh ins Gevierte hatte. Der Dunstkreis war ungesund. "Die wegen Mangel an Betten über Nacht heimgeschickten Kinder kamen am Morgen mit Ungeziefer beladen zurück. Ich zitiere aus dem "Stanserbrief": "Viele traten mit eingewurzelter Krätze ein (einer äusserst ansteckenden Hautkrankheit, verursacht durch ("Sarcoptes scabiei", Krätzmilbe), ... viele mit Hudeln, die mit Ungeziefer beladen waren, ... Unter zehn Kindern konnte kaum eins das ABC. ... Ich stand unter ihnen (dem Volk Nidwaldens) als ein Geschöpf der neuen verhassten Ordnung", als Reformierter im strenggläubigen Land sah man "mich als einen Ketzer an, der bei einigem Guten, das er den Kindern tue, ihr Seelenheil in Gefahr bringe".“

In diesem Umfeld voller Widrigkeiten wollte Pestalozzi erwahren ("beweisen"!), dass die Vorzüge der "mutterzentrierten" häuslichen Erziehung von der öffentlichen Erziehung nachgeahmt werden müssen.

"Schulunterricht ohne Umfassung des ganzen Geistes, den die Menschenerziehung bedarf, und ohne auf das ganze Leben der häuslichen Verhältnisse gebaut, führt in meinen Augen nicht weiter als zu einer künstlichen Verschrumpfungsmethode unseres Geschlechts. Jede gute Menschenerziehung fordert, dass das Mutterauge in der Wohnstube täglich und stündlich jede Veränderung des Seelenzustandes ihres Kindes mit Sicherheit in seinem Auge, auf seinem Munde und seiner Stirn lese. Sie forderte wesentlich, dass die Kraft des Erziehers reine und durch das Dasein des Umfangs der häuslichen Verhältnisse allgemein belebte Vaterkraft sei. Hierauf baute ich. Dass mein Herz an meinen Kindern hänge, dass ihr Glück mein Glück, ihre Freude meine Freude sei, das sollten meine Kinder vom frühen Morgen bis an den späten Abend, in jedem Augenblick auf meiner Stirn sehen und auf meinen Lippen ahnen." (PSW 13, S. 8) .

„Sie waren ausser der Welt, sie waren ausser Stans, sie waren bei mir und ich war bei ihnen. Ihre Suppe war die meinige, ihr Trank war der meinige . Waren sie gesund, ich stand in ihrer Mitte, waren sie krank, ich war an ihrer Seite. Ich schlief in ihrer Mitte. Ich war am Abend der Letzte, der ins Bett ging und am Morgen der Erste, der aufstand" (PSW 13).

Pestalozzi erwahrte und praktizierte in Stans drei Stufen der sittlichen Erziehung:

  1. "allseitige Besorgung" und damit verbunden Aufbau von Vertrauen
  2. Sittliches Handeln (Beispiel der Hilfe an Kinder von Altdorf nach Feuersnot)
  3. Reflexion und Sprechen über das sittliche Handeln

Diese elementare Erfahrung in Stans vertiefte Pestalozzi in seinem lebenslangen Bemühen, die Armen nicht nur zu "unterrichten", sondern sie "lebenstüchtig" werden zu lassen, sie zu vollwertigen Menschen zu erwecken! (Stichworte: Neuhof, Burgdorf, Münchenbuchsee/Hofwil - wo Fellenberg keine armen Kinder aufnehmen wollte -, Yverdon und wiederum Neuhof).

Korczak anerkannte und würdigte das Wirken Pestalozzis bereits 1899 mit den Worten:

"Die Namen Pestalozzi, Fröbel und Spencer strahlen in nicht minderem Licht als die Namen der grossen Erfinder des 19. Jahrhunderts. Sie haben mehr entdeckt als die unbekannten Kräfte der Natur, sie haben eine unbekannte Hälfte der Menschheit entdeckt: die Kinder. (...) das, was andere vorhergesagt, vorgefühlt haben, das haben diese drei unseren staunenden Augen gezeigt." (Korczak, J.: Die Entwicklung der Idee der Nächstenliebe im 19. Jahrhundert, SW 9, S. 51).

KORCZAK im Waisenhaus zu Warschau - 1912 bis 1942

Im Jahre 1911 gibt der beliebte Kinderarzt seine Praxis auf. Im "Haus der Waisen" (Dom Sierot) konnte Korczak seiner ärztlichen Berufung (die er zutiefst empfand) treu bleiben und gleichzeitig seine pädagogischen Ahnungen, Gefühle und Vorstellungen konkretisieren. Korczak war im besten Sinne "Vater fremder Kinder", von Kindern aus den Elendsvierteln Warschaus; auch er schlief mitten unter ihnen, ass mit ihnen, sorgte für sie.

Ins Waisenhaus kamen Kinder "aus dem Dschungel des Lebens, aus den Armenvierteln, der Prostitution, der Erniedrigung und der Härte. Diese Kinder brachten Ängste und Furcht mit sich, Gewohnheiten des Selbstschutzes vor Erwachsenen, Misstrauen gegenüber der Welt, Argwohn und eine Wertskala, die auf Gerissenheit und Betrug basierte“ (Joseph ARNON, Korczaks bester Freund, in J.A.: The Passion of Janusz Korczak, in Midstream, New York, 5/1973, S. 32 ff.)).

In Dom Sierot ist Korczaks medizinisches, künstlerisches, architektonisches Wissen mit den pädagogischen Erleuchtungen zur Übereinstimmung gekommen. Der "alte Doktor" hatte freilich mehr als eine Magd als Hilfe, da war als "Cheferzieherin" (naczelna wychowawczyni) Frau Stefa (Stefania Wylczynska, 1886-1942).

Wir beschränken uns auf die dramatische Lebenssituation und Not als 1939 Dom Sierot verlassen werden musste und Korczak und seine Mitarbeiter nach der Nazibesetzung Polens im Ghetto unter unsäglichen Schwierigkeiten und Schikanen Tag für Tag ums Überleben der Kinder kämpften. Korczak las mit einem Sack auf dem Rücken Kartoffeln auf der Strasse zusammen, bettelte in Geschäften um Nahrung für seine Schützlinge, forderte bei vermögenden Juden finanzielle Unterstützung. Dabei vergass er auch die geistige Nahrung nicht: Es gab Musik und Theater! Wenige Tage vor der absehbaren Schliessung des Heims und der angeblichen Umsiedelung bereitete Korczak die Insassen des Heims vor auf den Abschied und den Tod, indem er ein zur Situation passendes Theaterstück von Rabindranath Tagore ("Das Postamt") aufführen liess.

Und dann ereignete sich die Katastrophe: Am 5. (oder 6.) August 1942 musste Korczak mitsamt seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen und rund 200 Waisen sein 2. Ghetto-Domizil in Warschau verlassen, und alle wurden auf dem "Umschlagplatz" in Güterwagen nach Treblinka zur Vergasung verfrachtet. Korczak, so ist bezeugt, hätte frei kommen können (auch mehrmals zuvor schon), aber er verliess seine Schützlinge nicht; er musste seiner innersten Überzeugung entsprechend keine Wahl treffen: "Er war da, wo seine Kinder waren, er war immer bei ihnen bis ans Ende, als ihr Vater, als der ihnen nächste Mensch" (A. Lewin, vgl. „So war es wirklich“): Ihr Schicksal war sein Schicksal, Korczak begleitete sie alle in den Holocaust. Er blieb glaubwürdig als Mensch, als "Vater fremder Kinder". Auch in der schwierigsten Situation bewahrte er sein Selbst, blieb er sich treu.

VII. Fazit

Der Vergleich der beiden Extrem-Situationen (und es wären weitere zu nennen!) zeigt eine der wesenhaften Gemeinsamkeiten von Pestalozzi und Korczak:

Die Echtheit ihres Strebens und Lebens!

Mein Votum sei Anlass, uns auf das Vermächtnis der beiden Denker, Erzieher, Schrift- (Geist-)steller und Politiker Pestalozzi und Korczak zu besinnen.

Das Gesamtwerk Pestalozzis umfasst über 50 Bände

die deutsche (kommentierte) Gesamtausgabe der Werke Korczaks umfasst 16 Bände.

Aus den Werken beider seien abschliessend noch zwei Gedanken herausgehoben:

Für Korczak ist das wichtigste und oberste Recht des Kindes

sein Recht auf Achtung.

Bereits 1919, also fünf Jahre vor der Erklärung der Rechte des Kindes durch den Völkerbund (1924) und 40 Jahre vor der von der UNO deklarierten "Charta des Kindes", fordert Korczak:

"die Magna Charta Libertatis, als ein Grundgesetz für das Kind. Vielleicht gibt es noch andere - aber diese drei Grundrechte habe ich herausgefunden:

  1. Das Recht des Kindes auf seinen Tod
  2. Das Recht des Kindes auf den heutigen Tag,
  3. Das Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist." (WL 40)

Von Pestalozzis vielen Aphorismen („Gedankenbewegern“) sei aus dem "Schwanengesang" die Stelle zitiert, wo er seine Idee der Elementarbildung darstellt:

„Prüfet alles, behaltet das Gute, und wenn etwas Besseres in euch selber gereift, so setzet es zu dem, was ich euch in diesen Bogen in Wahrheit und Liebe zu geben versuche, in Wahrheit und Liebe hinzu. Die Idee der Elementarbildung, für deren theoretische und praktische Erheiterung ich den grössten Teil meiner reiferen Tage, mir selber in ihrem Umfange mehr und minder bewusst, verwendet, ist nichts anderes als die Idee der Naturgemässheit in der Entfaltung und Ausbildung der Anlagen und Kräfte des Menschengeschlechts.“ (Schwanengesang, 1826)

Als einer, der im Feld der Bildung wirkte, bekenne ich, dass Pestalozzi und Korczak für mich grundlegend und zukunftsweisend gedacht und gewirkt haben, und ich bin zugleich betroffen und beschämt, wie wenig von ihrem Geist wir ergriffen und wie unvollkommen wir beider herzhaft-ungestüme Forderungen nach einer menschgemässen Bildung und nach menschen-würdigen Daseinsbedingungen bislang erfüllt haben. Nach wie vor sind wir herausgefordert, die geistigen Impulse Pestalozzis und Korczaks aufzunehmen:

Was in uns und durch uns leben soll, müssen wir lieben, und wir können es nicht lieben, ohne uns dem Grösseren anzugleichen und uns zu verwandeln. Unsere Wandlung wird zum untrüglichen Prüfstein für die Echtheit unserer Verehrung.

Weitere Zitate und Darstellungen sowohl für Pestalozzi wie Korczak finden Sie im Internet unter:

www.korczak.ch und
www.heinrich-pestalozzi.de