Akzente in der Pestalozzi-Forschung: Leonhard Froese (1924-1994)

Gerhard Kuhlemann

Leonhard Froese (1924-1994)

Im Alter von 70 Jahren ist am 9. Dez. 1994 Prof. Dr. Leonhard Froese gestorben. Der Verstorbene vertrat von 1961 bis 1989 an der Philipps-Universität Marburg das Fachgebiet Erziehungswissenschaft mit den Schwerpunkten Vergleichende Erziehungswissenschaft, Historische Pädagogik und Bildungspolitik. Er war zugleich Gründer und langjähriger Leiter der renommierten Forschungsstelle für Vergleichende Erziehungswissenschaft.

Froeses Eltern gehörten zur deutschmennonitischen Volksgruppe in Rußland und als Mitglied dieser Volksgruppe ist Leonhard Froese am 9. Febr. 1924 in Saporoskje am Dnjepr (heute Ukraine) geboren. Dem Abitur 1941 in Saporoskje folgten die Übersiedlung nach Deutschland, Militärdienst und Kriegseinsatz. Schwerverletzt, Froese mußte nach einer Schußverletzung das linke Bein amputiert werden, begann er noch im Sommersemester 1944 in Breslau mit dem Studium der Rechts- und Geisteswissenschaften. Nach dem Krieg setzte er sein Studium in Göttingen und zwischenzeitlich in Basel fort. Unter dem Einfluß Herman Nohls wurde die Erziehungswissenschaft zu seiner eigentlichen Disziplin und er promovierte 1949 in Göttingen in den Fächern Pädagogik, Psychologie und Soziologie mit einer Arbeit über "Das Pädagogische Kultursystem der mennonitischen Siedlungsgruppe .

Nach einer Assistentur in Hamburg habilitierte sich Froese 1957 im Anschluß an eine Gastdozentur an der Freien Universität Berlin und erhielt am 18.12.1957 die Venia Legendi im Fach Pädagogik der Universität Göttingen. Zum Wintersemester 1958/59 bekam er einen Ruf auf ein Extraordinariat der Universität Münster und 1960 den Ruf an die Universität Marburg.

Es ist hier nicht der Ort für eine Gesamtwürdigung von Froese, dies hat sein Marburger Kollege Wolfgang Klafki anläßlich der akademischen Feierstunde zum 70. Geburtstag des Verstorbenen am 06. Mai 1994 ausführlich getan

I.

Froese verstand sich in der Tradition Marburger Pädagogik, deren Geschichte er selbst in Teilen aufarbeitete und zugleich eine intensivere und umfassendere Untersuchung anregte . Noch vor der Errichtung eines eigenständigen Pädagogik-Lehrstuhls hat vor allem Paul Natorp (18541924) die Tradition der Pestalozzi-Rezeption in Marburg begründet. Als der Philosoph Natorp nach seiner Berufung zum Professor auch Pädagogik und Sozialpädagogik lehrte, erschloß er sich diese für ihn zu diesem Zeitpunkt neue Lehrgebiete von der Person und den Werken Pestalozzis, was sich in zahlreichen Veröffentlichungen spiegelt. Hervorgehoben werden soll hier dessen weit verbreitetes Werk "Pestalozzi. Sein Leben und seine Ideen", das erstmals 1909 erschien und nach Natorps Tod noch einmal 1927 in 5. Auflage herauskam .

Mit Frau Elisabeth Blochmann (1892-1972) , die 1952 auf den ersten selbständigen Pädagogik-Lehrstuhl der Philipps-Universität berufen wurde, war erneut eine ausgewiesene Kennerin Pestalozzis in Marburg tätig. Frau Blochmann hatte bereits während ihres Studiums in Marburg die Pädagogik-Vorlesungen Natorps gehört, während ihrer akademischen Tätigkeit in Berlin und Halle Pestalozzi rezipiert und in ihren historischen Veröffentlichungen Themen an der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert aufgegriffen. In ihrer bis heute beachtenswerten Studie über das Mädchenschulwesen in Deutschland kommt Elisabeth Blochmann bei der Beurteilung des Einflusses Pestalozzis auf die Mädchenbildung allerdings zu einer zwiespältigen Einschätzung: zwar sei bei der Errichtung des Töchterinstituts in Yverdon Pestalozzis Überzeugung von der Notwendigkeit einer guten und gründlichen Elementarbildung gleichermaßen für Mädchen wie für Jungen sichtbar geworden (Vgl. S. 110 f), aber Pestalozzis allgemeine Ablehnung toter Gelehrsamkeit, seine Vorbehalte gegen Bücherwissen und die geradezu mythische Überhöhung der Muttergestalt in "Lienhard und Gertrud", einer Frau, die vor allem aus der "natürlichen Kraft ihres liebenden Herzens" gewirkt habe, seien den Fragen einer höheren Bildung für Mädchen eher hinderlich gewesen (Vgl. S. 46-49, das Zitat S. 46).

Frau Blochmann war aber auch durch die Tradition ihrer Familie sehr stark mit Pestalozzi verbunden: ihr Vorfahr Karl Justus Blochmann (1786-1855) war lange Jahre von 1809-1816 Mitarbeiter und Lehrer an Pestalozzis Erziehungsinstitut in Yverdon gewesen, hatte in Dresden im Pestalozzischen Sinne selbst ein angesehenes Erziehungsinstitut gegründet und im Jubiläumsjahr 1846 eine aus der Vielzahl der Schriften dieses Jahres herausragende erste Gesamtdarstellung Pestalozzis vorgelegt .

Als 1961 Froese den Lehrstuhl für Pädagogik von Frau Blochmann übernimmt, ist er ebenso wie diese in seinem Denken stark von dem Schülerkreis um Herman Nohl geprägt. Wie sehr in Göttingen die prägende Kraft Herman Nohls auf die ihm zugewandten "Schüler" wirkte, kann man der lebendigen und eindrucksvollen Nohl-Biographie von Elisabeth Blochmann entnehmen . Nohl selbst hat in seinem aus dem Nachlaß herausgegebenen Werk "Die Deutsche Bewegung" die deutsche Geistesgeschichte vom Sturm und Drang bis zur Romantik als Einheit beschrieben und hier auch Pestalozzi als Teil der geistigen Strömungen seiner Zeit gesehen: Pestalozzi habe im Einklang mit dem Sturm und Drang und der Deutschen Klassik die zugehörige Pädagogik geschaffen und das pädagogische Denken aus der einseitig individualistischen und rationalistischen Verstrickung der Aufklärung erlöst . In seiner Schrift "Erziehergestalten" geht Nohl mit zwei Beiträgen "Die geistige Welt Pestalozzis" und "Pestalozzi und die Gegenwart" auf Pestalozzi ein. Zwar sieht Nohl, daß man Pestalozzi derart ins Zeitlose überhöht habe, "daß man vergaß, nach dem historischen Element zu fragen, aus dem er sich gebildet hat" (ebd. S. 12), aber Nohl selbst trägt das von ihm erkannte Defizit eines 'historischen' Pestalozzi nicht ab, sondern fällt in eine Pestalozzi überhöhende Darstellung zurück, wofür der Satz stehen mag: "Pestalozzi ist das größte pädagogische Genie, das der deutsche Raum hervorgebracht hat." (ebd. S. 23). Froese greift häufig die Gedankengänge Nohls auf und auch den von Nohl beschriebenen "pädagogischen Bezug", also die Grundannahme, daß die Grundlage jeder pädagogischen Arbeit die innere Verbundenheit des Zöglings mit dem Erzieher sei und in Froeses Deutung, daß Erziehung die Interessen des einzelnen Menschen und nicht der politischen Mächte oder gar der politisch Mächtigen zu vertreten habe, sieht Froese bei Pestalozzi thematisiert.

II.

So zeigt sich bei Froese zu Beginn seiner Marburger Tätigkeit ein dominierendes Interesse an geistesgeschichtlichen Entwicklungen und in Bezug auf Pestalozzi gilt seine erste Bemühung der Einordnung Pestalozzis in die Tradition pädagogischen und anthropologischen Denkens und damit der Frage von Pestalozzis Bindung an die europäische Aufklärung und seine Nähe zum Denken Rousseaus einerseits und seinem Beitrag zur Überwindung der Aufklärung und seine Loslösung von Rousseaus Naturverständnis und dessen Sicht der Bedeutung von Gesellschaft, Erziehung und Politik für das Dasein des Menschen andererseits.

Immer wieder sind Fragen zum Zusammenhang von Anthropologie und Erziehung und anthropologische Fragen bei Rousseau und Pestalozzi Gegenstand von Seminaren und Vorlesungen, eigenen Publikationen und Forschungsvorhaben seiner Mitarbeiter und Doktoranden. Von Pestalozzis Schriften stehen vor allem die Nachforschungen im Mittelpunkt von Froeses anthropologischen Überlegungen, aber auch zur Klärung der Frage des Verhältnisses Rousseau-Pestalozzi sieht Froese immer wieder in den Nachforschungen Pestalozzis entscheidende Schrift. In ihr sei Pestalozzi endgültig die Überwindung Rousseaus gelungen, indem er dem natürlichen (=guten) und gesellschaftlichen (=verderbten) Zustand des Menschen noch den nur durch die sittliche Kraft des eigenen Willens und durch die Anstöße der Erziehung zu erreichenden sittlichen Zustand hinzugefügt habe, dessen Erreichen erst das eigentlich Menschliche des Menschen, seine "Veredelung", ausmache. In diesen frühen Jahren seiner Auseinandersetzung mit Pestalozzi verwendet Froese noch nicht das Bild der konzentrischen Kreise für den Zusammenhang von Natur, Gesellschaft und Sittlichkeit.

Einen weiteren Schritt zum Verständnis Pestalozzis sieht Froese im Erkennen von Pestalozzis Auseinandersetzung mit Theologie und Christentum und in der Bedeutung der frühen christlichen Prägung für dessen späteres Denken. So legt Froese 1963 die kenntnisreiche Detailuntersuchung "Pestalozzi und der Pietismus" vor. In dieser Untersuchung weist Froese zuerst den großen Einfluß pietistischer Gedanken innerhalb des schweizerischen Protestantismus nach, die sich vor allem gegen das dogmengebundene Staatskirchentum, das sich in der Nachfolge der Reformatoren Zwingli und Calvin herausgebildet hatte, wenden. Der verfestigten kirchlichen Orthodoxie soll ein Christentum des subjektiven Glaubens entgegengesetzt werden. Besonders im Zürcher Raum faßte diese Bewegung, der zugleich eine Ausbreitung des Täufermennonitentums und anderer Erweckungsbewegungen entsprach, Fuß und wirkte im 18. Jahrhundert vor allem auf die jungen Intellektuellen. In Pestalozzis Umgebung war dieser Einfluß sehr deutlich und in der Familie seiner Ehefrau sogar bestimmend. Auf den jungen Pestalozzi selbst wirkten zugleich die aufklärerisch-rationalistischen und die religiös-schwärmerischen Gedanken seiner Zeit, die in ihrer letzten Unvereinbarkeit auch Jean-Jacques Rousseau umgriffen hätten. Den größten Einfluß auf Pestalozzi aber habe sein väterlicher Freund Lavater ausgeübt, der zwar auf dem Boden der reformierten Kirche stehend sich doch zunehmend einer dem Pietismus nahestehenden Frömmigkeit zugewandt habe. Pestalozzis Religiosität habe daher einen ambivalenten Charakter und sei im Laufe seines langen Lebens auch Schwankungen unterworfen gewesen. Die Abneigung Pestalozzis gegen die Institution Kirche und die Charakterisierung der Theologie als einer reinen "Papierwissenschaft" seien zwar Konstanten seines Lebens, aber im Alter habe er sich doch stark einem praktischen Christentum zugewandt, in dem Handeln und Glauben konform gehen, und das sich in einem Bekenntnis zu Jesus Christus und in der Aufforderung zu dessen Nachfolge äußert.

Auch in seiner Abhandlung "Pestalozzi und die Mennoniten" , die Froese als gekürzten Nachdruck seines Beitrags "Pestalozzi und der Pietismus" vorstellt, kommt Froese zu dem Schluß, daß sich der ältere Pestalozzi zunehmend mit der pietistischen Grundidee eines praktischen Christentums identifiziert habe. Zusätzlich führt Froese Belege an, die Pestalozzis große Wertschätzung für Mennoniten, Täufer, Wiedertäufer, Herrenhuter, Quäker und andere Bruderschaften, also die "Stillen" im Lande, zeigen . Pestalozzi habe sich aber keiner dieser Gruppierungen angeschlossen und auch seine früheren Positionen einer aufklärerischen Religiosität im Alter nicht völlig aufgegeben.

Mit seinem Beitrag "Pestalozzi und der Pietismus" hatte sich Froese in den Kreis der Pestalozzi-Forscher eingeführt und legt in einem Brief an Käte Silber vom 12.02.1964 seine langfristig auf Pestalozzi bezogenen Pläne dar: "Ihre positive Kritik ermutigt mich, auf diesem Felde weiterzuarbeiten. Ich habe vor einigen Jahren damit begonnen, zunächst in Form von systematisch aufgebauten Seminaren und dann in Form eines sich über Semester erstreckenden Kollegs, und beabsichtige, sobald es die Zeit erlaubt, wieder zu diesem Gegenstand zurückzukehren." Auch die von Klink/Klink besorgte "Bibliographie Johann Heinrich Pestalozzi. Schrifttum 19231965" erscheint in einer u.a. von Froese herausgegebenen Reihe Pädagogischer Bibliographien .

1964 kommt ein weiterer Beitrag von Froese "Das Phänomen Pestalozzi Gehalt und Gestalt " heraus. Hier geht Froese eher den Weg der herkömmlichen glorifizierenden Pestalozzi-Deutung und kommt zu dem Schluß, Pestalozzi sei das pädagogische Genie schlechthin; Pestalozzi sei nicht ein, sondern der Klassiker der Pädagogik. Nur an wenigen Stellen finden sich, gleichsam verdeckt, auch Ansätze für Froeses spätere Positionen in der Pestalozzi-Forschung. Die anfängliche Deutung des Pestalozzischen Denkens als eines dialektischen Denkens schwächt Froese ab, indem er bei den Fragen, ob der Mensch von Natur aus gut oder böse sei oder ob Pestalozzi mehr Erziehungsideologe oder Erziehungspolitiker gewesen sei, ein sowohl als auch unterstellt und die für ihn bezeichnende Formulierung findet: "Die Antwort muß stereotyp lauten: jeweils beides, doch zugleich muß man sagen: nicht ganz" oder an anderer Stelle "er ist immer mehr das eine als das andere und zugleich doch nie nur das eine" (ebd. S. 11). Diese Deutung sollte Froese später präziser mit der Beschreibung eines kreisförmigen Denkens fassen und vom Gedankenkreis Pestalozzis sprechen.

Froese empfindet das letztliche Ungenügen dieses Beitrags und empfindet ebenso deutlich ganz allgemein das Fehlen exakter werknaher und quellenbezogener Forschungen sowohl in bezug auf die Schriften Pestalozzis als auch in bezug auf die Pestalozzi-Rezeption im gesamten. So wird verständlich, daß die Thematik 'Pestalozzi' Froese in den Folgejahren nicht mehr losläßt. Er regt in seinem Schüler und Mitarbeiterkreis Untersuchungen über Pestalozzi und zur Pestalozzi-Rezeption an und bringt sich selbst vor allem in der Diskussion um den 'politischen Pestalozzi' mit seinem Beitrag: "Der 'politische Pestalozzi' der Beginn einer Pestalozzi-Renaissance?" ein.

Mit der Diskussion des "politischen" Pestalozzi ist für Froese ein entscheidender Beitrag zur überfälligen Entmythologisierung Pestalozzis geleistet und wird gleichsam der pädagogische Klassiker Pestalozzi wieder aktuell, da sichtbar wird, daß alle seine Aussagen durchgängig, selbst seine anthropologischen Schriften, gesellschaftspolitische Relevanz haben. Diesem revidierten 'Pestalozzi-Bild', Froese nennt Rang und Adorno als Gewährsleute, stellt Froese das rezipierte 'Pestalozzi-Bild' entgegen und benennt für das Beharren an überlieferten Rezeptions-Positionen Aussagen des Schweizer Pestalozzi-Forschers Dejung. Bereits in der Fragestellung nach dem 'sozialen' Pestalozzi, die in vielen Schriften des Jubiläumsjahres 1927 aufgeworfen worden sei, sieht Froese Ansätze eines frühen Rekurses auf die gesellschaftspolitische Begründungsproblematik von Pestalozzis Aussagen. Für Froese stellt sich als Hauptfrage, ob Pestalozzi primär ein gesellschaftspolitischer oder ein erziehungspolitischer Reformer gewesen sei. Froeses Antwort unterscheidet sich deutlich von der seiner Koautoren Messmer, Krause-Vilmar und vor allem Rückriem: während diese in der Einführung der Kategorie der Sittlichkeit in der endgültigen Fassung der Nachforschungen ein Instrument sehen, den Menschen in seinen gesellschaftspolitischen Forderungen zu zügeln, ja zu zähmen, nähert sich Froese eher den Positionen Kampers und sieht in den Nachforschungen das "Credo eines 'soziopersonalen' Pestalozzi", dessen Handeln auf Gesellschaftsreform gerichtet gewesen sei, "diese jedoch vor allem durch volks- und individualpädagogische Einflußnahme und entsprechende Reformmaßnahmen erreichen wollte" (ebd. S. 19).

Im zeitlichen Umfeld des großen Pestalozzi-Symposiums 1978 findet Froese zum Versuch einer Annäherung an den "historischen" Pestalozzi . Die Frage nach dem "historischen" Pestalozzi ist für Froese zuallererst eine Frage der Distanz oder besser des Distanznehmen-Könnens. Weder die tradierte Pestalozzi-Rezeption werde der historischen Person Pestalozzis gerecht noch die punktuell ausgerichtete Auseinandersetzung mit beispielsweise dem "politischen" Pestalozzi. Erstere sei zu sehr von dem Versuch der Glorifizierung Pestalozzis geleitet und letztere unterliege der Gefahr, heutige Interpretationspositionen auf die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse der Schweiz um 1800 zurückzuprojizieren. Froese wendet sich aber ausdrücklich gegen die Einschätzung Dejungs, der allen Autoren des Sammelbandes "Zur Diskussion: der politische Pestalozzi" unterschiedslos ideologisch bedingte Einseitigkeit im Sinne marxistischer Positionen vorwirft, ihnen eine ungenügende und teilweise sogar falsch gedeutete Berücksichtigung der Schweizer Landesgeschichte unterstellt und die für Froese fragwürdige Auffassung vertritt, daß überhaupt erst nach Abschluß der von ihm besorgten Werkausgabe zutreffende Aussagen über den "politischen" bzw. "historischen" Pestalozzi möglich würden . Mit Froeses Sichtweise eines "historischen" Pestalozzi wird auch wenn Dejung gegenüber den Marburger Ansätzen eines "politischen" Pestalozzi weiter in einer recht ablehnenden Position verharrt doch zumindest eine gewisse Annäherung zwischen der Marburger Pestalozzi-Rezeption und den Positionen Dejungs vorbereitet. Obwohl sich beide Froese und Dejung als Exponenten unterschiedlicher ForschungsPositionen gegenüberstehen und dies auch in ihren Veröffentlichungen deutlich aussprechen, bleibt doch das persönliche Verhältnis beider von gegenseitiger Hochachtung geprägt. In einem über viele Jahre geführten Briefwechsel, der vom Austausch ihrer Veröffentlichungen begleitet ist, gehen beide auf ihre unterschiedlichen Positionen ein und versuchen jeweils konstruktiv und d.h. argumentativ sich aufeinander zu beziehen.

So wird verständlich, daß Froese seinen biographischen Beitrag "Johann Heinrich Pestalozzi" Dejung widmet mit dem Untertitel "Dem bedeutenden Schweizer Pestalozzi-Forscher Emanuel Dejung post eventum zum 80. Geburtstag" . In dieser biographischen Skizze zeigt Froese wie eine wissenschaftliche Biographie des "historischen" Pestalozzi aussehen könnte bzw. müßte, die ohne mythologisierende oder auch nur glorifizierende Elemente das Leben und das Werk dieses bedeutenden pädagogischen Klassikers in ihrem Zusammenhang angeht. Froese beginnt, indem er auf psychologischem Hintergrund Einflüsse und Besonderheiten von Familie und Schule für die Entwicklung des jungen Pestalozzi aufzeigt und hierin vor allem die Wurzeln für die späteren Volkserzählungen sieht. In der Begegnung des jungen Pestalozzi mit dem Geist der Aufklärung (Helvetische Gesellschaft zur Gerwe; Bodmer, Breitinger, Steinbüchel, Zimmermann) seien die Elemente seiner späteren Erziehungs- und Gesellschaftskonzeption gewachsen. Die Lehre der Physiokraten und die Wirkung Rousseaus führten zu Pestalozzis Entschluß, Landwirtschaft und Armenerziehung auf dem Neuhof zu verbinden. In den Brautbriefen und den Tagebuchaufzeichnungen zur Erziehung seines Sohnes weist Froese schon sehr früh bei Pestalozzi die Auseinandersetzung mit Rousseau nach und den Ansatz zu dem Begriff der Anschauung, der später zur Grundkategorie von Pestalozzis Bildungslehre werden sollte. Aus den Erfahrungen der frühen Neuhofzeit und der Verbindung mit Iselin seien die ersten großen schriftstellerischen Werke entstanden. In den Werken dieser frühen Schaffensperiode (1766-1780) glaubt Froese schon alle Grundlinien und Grundgedanken von Pestalozzis gesamtem Lebenswerk nachweisen zu können. Später hinzugekommen sei nur die dem deutschen Idealismus entlehnte Kategorie der Sittlichkeit, die auf den bedingten Einfluß Kants zurückzuführen sei. Für die geistes- und ideengeschichtlichen Einflußkomponenten in Pestalozzis Werk glaubt Froese eine "Vermengung politischer, ökonomischer, sozialer, pädagogischer und nicht zuletzt religiöser Utopismen und Realismen zu erkennen" (ebd. S. 174), wobei diese Anstöße und Einsichten zum Teil auch aus zweiter oder gar dritter Hand stammten. Mit den politisch-sozialen Unruhen der Schweiz und seines westlichen Nachbarlandes in den letzten Jahren vor und den ersten Jahren nach der Französischen Revolution habe sich das gesellschaftspolitische Bewußtsein Pestalozzis deutlich verändert, aber es sei zwiespältig geblieben wie sein religiöses. Froese bringt es auf die knappe Formel: "Es ist ihm stärker bewußt, wogegen, als wofür er ist" (ebd. S. 176). Auch in Pestalozzis Schriften zur Erziehung und seinen Schriften zur Methode aus der Zeit seiner Tätigkeit als Leiter des Erziehungsinstituts in Burgdorf und Yverdon fände sich die schon in den frühen Schriften nachweisbare "Triplizität" von Naturzustand (das natürliche Erlebnis, Anschauung der Natur), gesellschaftlichem Zustand (in der Erziehung Erfahrung und im Unterricht Übung) und sittlichem Zustand (Urteil, Begriff). Gleichzeitig werde der Begriff der Anschauung durch den Begriff der Anschauungskraft ergänzt, der mehr rezeptiven Komponente werde eine aktive Komponente hinzugefügt. Froese endet seinen Beitrag mit dem Hinweis auf die frühe Beachtung, die das Werk Pestalozzis und sein Erziehungsinstitut in Yverdon im Ausland, namentlich in Preußen, gefunden habe, daß Pestalozzi gegen Ende seines Lebens wieder stärker zu den christlichen Glaubensfundamenten seiner Kindheit zurückgekehrt sei, und Pestalozzi selbst wohl einen bescheideneren Ausspruch an seiner Grabstätte am Schulhaus in Birr vorgezogen hätte, beispielsweise den Satz, den man seinem ganzen theoretischen und praktischen Lebenswerk voranstellen könne: "Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, und nehme Schaden an der Seele seines Kindes!"

Für diese Art des historischen Umgangs mit pädagogischen Klassikern ist in Froeses Verständnis eine zuverlässige Werk und Quellenbasis unverzichtbar, vor allem bei einem Klassiker wie Pestalozzi mit einer Vielzahl unterschiedlicher Schriften, die noch dazu in vielen Modifikationen zum Druck kamen oder als unterschiedliche handschriftliche Manuskripte oder Entwurfsfassungen erhalten sind. So versteht sich die hohe Wertschätzung Froeses für das editorische Lebenswerk Dejungs bei der Herausgabe der Werk und Briefausgabe und sein Einsatz für die Emanuel Dejung in Würdigung dieser Verdienste am 15. Dez. 1982 verliehene Ehrendoktorwürde durch den Fachbereich Erziehungswissenschaften der PhilippsUniversität Marburg. In seiner Laudatio hebt Froese zwar zum einen auf die Marburger Tradition der Pestalozzi-Rezeption und zum andern auf die Vielzahl von Beiträgen Dejungs zur Pestalozzi-Forschung ab, aber die Würdigung der editorischen Leistung Dejungs bei der Herausgabe der Kritischen Werk und Briefausgabe steht ganz im Mittelpunkt der Laudatio: "Der heutige Stand der Pestalozzi-Rezeption und Diskussion hat darin seine einzigartige, unübertreffliche dokumentarische Basis. Gerade für die Diskussion des "pädagogischen Pestalozzi" im engeren Sinne, der Entstehung und Entwicklung des erziehungstheoretischen Denkens und pädagogischen Handelns Pestalozzis in und nach der Helvetik (Stanser Brief und folgende Arbeiten), war und ist die editorische Dokumentationstätigkeit Emanuel Dejungs unentbehrlich geworden."

III.

Die Entwicklung von Froeses Auseinandersetzung mit Pestalozzis Werken und Gedanken und Froeses Stellung innerhalb der Pestalozzi-Forschung geht nicht geradlinig von seinen Veröffentlichungen aus, die dann sekundär auch zu Themen erziehungswissenschaftlicher Lehrveranstaltungen wurden. Es verhält sich eher umgekehrt: Die wissenschaftlichen Aussagen Froeses zu Pestalozzi sind in ihrem Ertrag wesentlich gewachsen aus deren Einbringen in Lehrveranstaltungen und deren Be- bzw. Verarbeiten innerhalb einer lebendigen Seminararbeit . Schon aus der Hamburger Zeit von Froese liegen Materialien zu Seminaren vor, in denen Froese die Auseinandersetzung mit Werken und Gedanken Pestalozzis in den Mittelpunkt gestellt hat, beispielsweise zu einem Proseminar über die Frühschriften Pestalozzis und im Wintersemester 1953/54 zu einem Seminar mit dem Thema "Pestalozzi". Für die Marburger Zeit soll dies an zwei Beispielen gezeigt werden:

Froese hielt im Wintersemester 1962/63 eine zweistündige Vorlesung über Pestalozzi, die in ihrem ersten Teil einen eingehenden Überblick über die biographischen und geistesgeschichtlichen Voraussetzungen von Pestalozzis Pädagogik gab (Familie und Kindheit, Schule, politische und gesellschaftliche Verhältnisse in Zürich Mitte des 18. Jahrhunderts, frühe Auseinandersetzung mit Rousseau, Heimexperimente auf dem Neuhof und deren Scheitern, eigene Familie und Geburt des Sohns Hans Jakob), im zweiten Teil das pädagogische Lebenswerk Pestalozzis behandelte (Frühschriften, anthropologische und politische Schriften, pädagogische Grundkonzeption im Stanser Brief und in kleineren Schriften und Pestalozzis Volkserzählungen, vor allem Lienhard und Gertrud), im dritten Teil die Rezeption Pestalozzis ansprach, beginnend mit der zeitgenössischen Kritik an Pestalozzi, Pestalozzis Spuren im Werk der nachfolgenden klassischen Pädagogen Herbart und Schleiermacher, dem Versuch der Darstellung der gegenwärtigen Pestalozzi-Forschung (Nohl, Litt, Spranger, Delekat, Schönebaum) und im vierten Teil versuchte, die bleibende pädagogische Bedeutung Pestalozzis herauszustellen: Pestalozzi in seiner Bedeutung als Mensch, Erzieher, Schriftsteller und Erziehungstheoretiker. Froese schloß die Vorlesung mit einem Exkurs über Parallelen in Leben und Werk der Pädagogen Pestalozzi und Makarenko. Im nachfolgenden Sommersemester 1963 führte Froese diese Vorlesung weiter. Ausgehend von Pestalozzis Grabinschrift am Schulhaus in Birr, die er als "zu sentimental, zu gewollt, zu barock" kennzeichnete, stellte er der Vorlesung drei Fragen: "Stimmt es, daß Pestalozzi 1) der Altmeister der Pädagogik? 2) der Begründer der modernen Pädagogik? 3) der bedeutendste Klassiker der Pädagogik ist?" Zum exemplarischen Einstieg in die Thematik diente Froese die Fragestellung "Pestalozzi und der Pietismus". Froese bearbeitete das Thema, indem er in einem werkimmanenten Vorgehen, die unterschiedlichen geistesgeschichtlichen und biographischen Einflüsse auf Pestalozzis Schriften zeigte und diese Einflüsse dann in einem analysierenden und interpretierenden Verfahren im einzelnen nachwies. Beginnend mit Pestalozzis Frühschriften (Wünsche, Agis), seinen Volkserzählungen (Lienhard und Gertrud, Fabeln), den Neuhof-Schriften, den anthropologischen und philosophischen Aussagen und Schriften (Nachforschungen, An die Unschuld, Schwanengesang) kam Froese dann zu Aussagen über Pestalozzis pädagogische Grundkonzeption.

War diese über zwei Semester reichende Pestalozzi-Vorlesung der Jahre 1962/63 noch eine Vorlesung ganz im überlieferten Sinne, so zeigen Froeses Lehrangebote der Jahre nach 1966 ein anderes didaktisches Vorgehen. Jetzt sind die auf Pestalozzi bezogenen Lehrveranstaltungen das Ergebnis gemeinsamer Vorbereitungsarbeit Froeses mit seinen Mitarbeitern. Es werden Literaturlisten mit Lesehinweisen und eine ausführliche biographische Zeittafel Pestalozzis erarbeitet. Die Vorlesung selbst ändert ihren Charakter: Anstelle der Vorlesung im überlieferten Sinne tritt eine Kombination mit Kolloquien und Begleitübungen. Arbeitsmaterialien (Textauszüge, Thesenpapiere), Diskussionsphasen und die Auseinandersetzung mit Aussagen von Gastreferenten werden in die Lehrveranstaltung integriert. Mit Teilnehmerbefragungen wird zusätzlich versucht, die Qualität der Vorlesungsangebote zu verbessern und stärker an den Bedürfnissen der Studierenden auszurichten. Fragebogen mit Fragen wie: Halten Sie das Thema zur Behandlung in einer Vorlesung/Übung für sinnvoll? Sind Ihre Erwartungen hinsichtlich des Stoffs erfüllt worden? Waren Sie mit der Gliederung einverstanden? War die Zahl der zur Verfügung gestellten Texte ausreichend? Begrüßen Sie eine Unterbrechung der Vorlesung durch Diskussionen? Halten Sie eine mit der Vorlesung verbundene Übung für sinnvoll? Waren Sie mit der Organisation der Vorlesung/Übung einverstanden oder empfehlen Sie eine andere Form? werden für die Lehrveranstaltungen des Erziehungswissenschaftlichen Seminars ausgearbeitet . Die Themen der Lehrveranstaltungen dieser Jahre versuchen keinen Gesamtüberblick über Pestalozzis Leben und Werk zu vermitteln, sondern engen sich auf spezielle Fragestellungen ein, beispielsweise: Pestalozzis Nachforschungen, Pestalozzis Revolutionsschriften, Schriften zur Anthropologie Pestalozzis. Aus der Vorlesung "Das Problem des politischen Pestalozzi" und den Begleitseminaren der Mitarbeiter erwuchsen so die Beiträge des Sammelbandes: "Zur Diskussion: Der politische Pestalozzi" (Weinheim, Basel 1972).

Da Leonhard Froese in Marburg einen großen Schüler und Mitarbeiterkreis um sich sammeln konnte, in dem er zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen und Dissertationen anregte und durch seine kritische Begleitung förderte, zugleich aber nicht ihre Ergebnisse vorgab, hat er Marburg zu einem Zentrum der Pestalozzi-Forschung und ganz allgemein der Historischen Pädagogik, aber auch der Vergleichenden Erziehungswissenschaft und der Makarenko-Forschung in Deutschland gemacht. Seine ehemaligen Schüler und Mitarbeiter sind heute an vielen Hochschulen in Deutschland tätig und tragen die in Marburg erhaltenen Impulse weiter.

Die wichtigsten unter Froeses Begleitung in Marburg entstanden Arbeiten zu Pestalozzi sollen im folgenden aufgeführt werden:

Leonhard Friedrich:

Eigentum und Erziehung bei Pestalozzi. Geistes- und realgeschichtliche Voraussetzungen. Bern, Frankfurt/M. 1972 (Europäische Hochschulschriften, Reihe XI, Bd. 9). Phil. Diss. Marburg 1972.

Dietfrid Krause-Vilmar:

J. H. Pestalozzi und die Stäfner Volksbewegung. Phil. Diss. Marburg 1974. Druck: Liberales Plädoyer und radikale Demokratie. H. Pestalozzi und die Stäfner Volksbewegung. Meisenheim am Glan 1978 (Hochschulschriften Erziehungswissenschaft, Bd. 4).

Gerhard Kuhlemann:

Pestalozzis Erziehungsinstitut in Burgdorf und Yverdon. Ein Literatur- und Forschungsbericht zum Thema unter besonderer Berücksichtigung der Zerfallserscheinungen des Instituts. Bern, Frankfurt/M. 1972 (Europäische Hochschulschriften, Reihe XI, Bd. 10). Phil. Diss. Marburg 1972.

Richard Pippert:

Idealistische Sozialkritik und "Deutscher Weltberuf". Paul Natorps Pestalozzirezeption in seiner ersten und letzten Interpretation. Weinheim, Berlin, Basel 1969 (Marburger Pädagogische Studien, Neue Folge, Bd. 4. Hrsg. von Leonhard Froese und Wolfgang Klafki). Phil. Diss. Marburg 1968 unter dem Titel: Paul Natorps Pestalozzirezeption in seiner ersten und letzten Interpretation.

(Pippert arbeitete und lehrte zuletzt an der Philipps-Universität Marburg als Professor für Erziehungswissenschaft, war Dekan des Fachbereichs Erziehungswissenschaft und ist leider allzu früh 1993 verstorben.)

Heinz Stübig:

Stübig zeigt in seiner Marburger Dissertation von 1970 (Ref. W. Klafki) "Armee und Nation. Die pädagogisch-politischen Motive der preußischen Heeresreform 1807-1814." (Frankfurt/M. 1971. Europäische Hochschulschriften, Reihe XI, Bd. 5) für Preußen u.a. die sich widerstreitenden Interessen auf, einerseits das überlieferte militärische Bildungswesen zu erhalten und andererseits die letztlich erfolglosen Bemühungen der Sektion für Kultus und Unterricht unter Humboldt und Süvern, das militärische Bildungswesen in das nach Pestalozzis Anstößen reformierte allgemeine Schulwesen zu integrieren.

Stübig hat die Thematik weiter ausgeführt in: Stübig, Heinz: Pädagogik und Politik in der preußischen Reformzeit. Studien zur Nationalerziehung und Pestalozzi-Rezeption. Frankfurt/M. 1981, 121 S. (Studien und Dokumentationen zur deutschen Bildungsgeschichte, Bd. 21).

Zur Diskussion: Der politische Pestalozzi.

Mit Beiträgen von Leonhard Froese (Der "politische Pestalozzi" der Beginn einer Pestalozzi-Renaissance?, S. 119), Dietmar Kamper (Revolutionäre Theorie und konservatives Denken, S. 197-223), Dietfrid Krause-Vilmar (Zur Gesellschaftstheorie und politischen Praxis J. H. Pestalozzis 1793-1797, S. 107-146), Horst Messmer (Grundposition der Gesellschaftstheorie J. H. Pestalozzis und seine politische Programmatik (1782-1793), S. 63-106), Richard Pippert (Der "pädagogische Pestalozzi", S. 147-195) und Georg M. Rückriem (Der politische Pestalozzi progressiv oder konservativ?, S. 21-61). Weinheim und Basel 1972 (Marburger Forschungen zur Pädagogik, Bd. 4).

IV.

Froese war als Pädagoge eine ganzheitliche Persönlichkeit, in der sich wissenschaftliche Arbeit, Hochschullehrertätigkeit und persönliches Engagement vereinten. Diese ganzheitliche Struktur zeigen jede der drei anfangs genannten Schwerpunkte seiner universitären Arbeit: Historische Pädagogik, Bildungspolitik und Vergleichende Erziehungswissenschaft. Die ganzheitliche Struktur zeigt sich aber auch in der von Froese geleisteten Verbindung dieser drei auf den ersten Blick doch recht unvereinbar erscheinenden wissenschaftlichen Schwerpunkte.

In der Vergleichenden Erziehungswissenschaft sind für Froese ebenfalls gesamtgesellschaftlich bestimmte Tendenzen und Motive das erkenntnisleitende Interesse . Wie in der Historischen Pädagogik konzentriert er sich auch in der Vergleichenden Erziehungswissenschaft auf einen im Verlauf der Geschichte zugleich verkannten wie mythologisch überhöhten pädagogischen Klassiker: Anton Semjonowitsch Makarenko (1888-1939). Die Parallele zu Pestalozzi wird sichtbar in Froeses Bemühung um einen "historischen" Makarenko, in der Abfassung einer biographischen Makarenko-Skizze , vergleichbar dem biographischen Pestalozzi-Beitrag von 1982 und der von ihm initiierten und mitherausgegebenen Kritischen Marburger Makarenko-Ausgabe .

Als bei Froeses Emeritierungsfeier der Universität Marburg am 28. April 1989 Wolfgang Sünkel von der Universität Erlangen-Nürnberg den Festvortrag zum Thema "Die Situation des offenen Anfangs der Erziehung, mit Seitenblicken auf Pestalozzi und Makarenko." hielt, traf er mit dieser Verbindung zentral Froeses Themen. Sünkel konnte sich bei seinem angedeuteten Vergleich des Pädagogischen Poems Makarenkos mit dem Stanser Brief Pestalozzis sogar auf eine Anregung Herman Nohls berufen.

Bildungspolitische Themen waren für Froese, gerade in ihrer Verbindung mit geistigen Strömungen und ihren internationalen Verflechtungen, das dritte Zentrum seiner Pädagogik. Viele Vorlesungen und Seminare galten diesem Themenbereich; sein radikal demokratisches Engagement war das zentrale Agens. Noch mit den Erfahrungen des Kriegsteilnehmers und schwerverletzt aus dem Krieg zurück, galt sein Einsatz dem Aufbau und den Strukturen eines demokratischen und humanen Deutschlands und in der schwierigen hochschulpolitischen Situation Ende der 60er Jahre vor allem der Demokratisierung der Universität und der Strukturen im Bildungsbereich. Besonders hervorzuheben sind Froeses Einsatz für drittelparitätische Strukturen in den Hochschulgremien, seine Anstöße zur Ausarbeitung demokratisch ausgerichteter Institutssatzungen und seine Mitgliedschaft in einem Rektoren-"Triumvirat" während der schwierigen hochschulpolitischen Auseinandersetzungen der Jahre 1969/70 an der Marburger Universität . Froeses parteipolitische Position auf dem sozialliberalen Flügel der FDP, später sein Einsatz für eine konsequente Friedens- und Abrüstungspolitik, sein internationaler Einsatz für die Neugestaltung der deutschen auswärtigen Kulturpolitik als Mitglied der Enquête-Kommission für Auswärtige Kulturpolitik des Deutschen Bundestags, zuletzt noch als Mitglied der Strukturkommission Lehrerbildung 2000 des Landes Baden-Württemberg, die zukunftsweisende Strukturen für Schule und Lehrerbildung in Baden-Württemberg politikbegleitend aufzeigen sollte, zeigen dies deutlich. Froese steuerte für die Arbeit dieser Strukturkommission den vergleichenden Aspekt mit seinem Beitrag "Lehrerbildungspolitik und Lehrerbildungsstruktur in ausgewählten westeuropäischen Industriestaaten" bei. Die Mitarbeit in der Strukturkommission konnte Froese wegen zunehmender gesundheitlicher Probleme nicht mehr mit voller Kraft angehen, der lange Jahre in Marburg tätige Erziehungswissenschaftler Hans-Karl Beckmann legte 1993 und 1994 als Vorsitzender der Strukturkommission den Abschlußbericht und einen umfänglichen Materialband vor .

V.

Der Verfasser begegnete Froese erstmals im Wintersemester 1966/67 mit der Weiterführung seines Pädagogik-Studiums an der Universität Marburg. Die Interessen und Nebenfächer Geschichte, Politik und Philosophie erklären sicher eine gewisse Nähe zu Froeses Gedankenwelt und ein schnelles Aufeinanderzugehen. Aber diese Nähe allein war nicht der entscheidende Anstoß zur Teilnahme an den Seminaren oder zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit Pestalozzi und der Aufnahme in den Marburger Doktorandenkreis, sondern sehr viel stärker die heute im Hochschulbereich immer weniger zu spürenden Anstöße zu Humanität und Liberalität, die nicht einengen, sondern öffnen, die freigeben zu eigenständiger Entwicklung. Als zeitweise persönlicher Mitarbeiter von Froese, als Begleiter auf einer bildungsvergleichenden Exkursion nach Israel, als gemeinsame Leiter einer Exkursion zum Studium der Bildungsentwicklung in Entwicklungsländern nach Kenia und Tansania, bei zahlreichen Treffen im Schwarzwald oder auch in Zürich, festigte sich zudem ein enges persönliches Band.

Das wissenschaftliche Band aber war das gemeinsame Vorhaben, eine große wissenschaftliche Gesamtbiographie Pestalozzis abzufassen. Vor allem mit seinen beiden Arbeiten von 1963 (Pestalozzi und der Pietismus) und 1972 (Der "politische Pestalozzi") hatte Froese zwei zentrale Fragestellungen der PestalozziForschung aufgegriffen: Zum einen Pestalozzis Verwurzelung im christlichen Glauben und zum andern seine gesellschafts und zeitpolitischen Positionen. Der Zusammenhang dieser beiden Pole des Pestalozzischen Denkens und Wirkens wird schon in der zeitgenössischen Pestalozzi-Kritik deutlich und hat seine Parallele in Pestalozzis politischen Schriften der 90er Jahre. Diese Zusammenhänge wies der Verfasser im abschließenden Kapitel seiner Marburger Dissertation von 1972 nach . Als eine dritte für Pestalozzi zentrale Fragestellung sollten die anthropologischen Linien in Pestalozzis Schriften nachgezeichnet werden. Pestalozzi sollte dabei auf der "Folie" der politischen Situation der Schweiz im ausgehenden 19. Jahrhundert dargestellt und die Interpretation Pestalozzis anhand seiner Werke im Spannungsfeld von Person bzw. Individuum und Gesellschaft geleistet werden. Eine Gliederung war vor Jahren ausgearbeitet worden, erste Konzeptentwürfe bereits abgefaßt, aber das umfassende Vorhaben fand keinen Abschluß. Die vielen beruflichen Verpflichtungen der beiden Autoren als Hochschullehrer für Pädagogik, die breiten Interessensgebiete der Autoren, die sich nicht ausschließlich als Pestalozzi-Forscher verstanden, und nicht zuletzt die zunehmenden gesundheitlichen Probleme Froeses waren die letztlich unüberwindlichen Hindernisse.

Das Thema des Pestalozzi-Symposiums vom 15. - 17. Jan. 1996 in Zürich "Pestalozzi wirkungsgeschichtliche Aspekte" sprach Froese sofort an, war sein eigener Beitrag zur Pestalozzi-Forschung doch gerade auf die wirkungsgeschichtlichen Aspekte von Pestalozzis Werk gerichtet. So sagte Froese einen Beitrag zu, der die unterschiedlichen Aspekte in Pestalozzis Werk als Ergebnis eines ganzheitlichen und übergreifenden Denkens darstellen sollte: "Der Gedankenkreis Pestalozzis: anthropologische, theologische, politologische, soziologische und pädagogische Aspekte". Froese stellte für seinen Beitrag noch erste Materialien zusammen, die dem Verfasser vorliegen. Froese spricht bewußt und ausdrücklich vom Gedankenkreis Pestalozzis und nicht von dessen Denkstrukturen, weil Pestalozzis Denken nicht phasenförmig verlaufe oder sich linear entwickle, sondern eher komplementär: zu jedem Satz Pestalozzis gehöre ein weiterer Satz. Diese "komplementäre" Denkweise dürfe aber nicht mit "dialektisch" verwechselt werden, denn es gehe nicht um den mit jeder Aussage mitgedachten Gegensatz, sondern um die weitere Ergänzung und Ausarbeitung bzw. "Einkreisung" eines einmal formulierten Gedankens. Vor allem den von Pestalozzi wohl am häufigsten gebrauchten Begriff, den Begriff der Natur, müsse man so zu deuten versuchen, ebenso wie die Kategorien der Wiederherstellung oder der Sittlichkeit. Auch für den Zusammenhang von Natur, Gesellschaft und Sittlichkeit will Froese keine lineare Entwicklung gelten lassen, sondern möchte auch hier zutreffender von aufeinander bezogenen konzentrischen Kreisen in diesen anthropologischen Kategorien Pestalozzis sprechen.

Das Gespräch beim letzten Treffen des Verfassers mit Froese am 23. Juli 1994 in Höchenschwand im südlichen Schwarzwald bei St. Blasien kreiste um Froeses auf Pestalozzi bezogene Aktivitäten. Froese wollte zu gerne zum Pestalozzi-Symposium 1996 noch einmal in die Schweiz fahren und seine Thesen zur Diskussion stellen, aber er sah auch die Kräfte schwinden, wollte jedoch seinen Beitrag auf alle Fälle fertigstellen und bat den Verfasser, doch seinen Beitrag in Zürich vorzutragen für den Fall, daß er die Reise selbst nicht mehr würde unternehmen können.

VI.

Aus der Vielzahl von über 200 Veröffentlichungen Froeses soll eine kleine Auswahl den Beitrag abschließen. Eine vollständige Bibliographie Froeses ist seitens seiner Marburger Mitarbeiter in Vorbereitung. Nachfolgende Auswahl enthält aber alle dem Verfasser bekannten Beiträge Froeses zur Pestalozzi-Forschung.

  • Schule und Gesellschaft.
    Weinheim 1962, 159 S.

  • Russische und sowjetische Pädagogik. Ideengeschichtliche Triebkräfte der russischen und sowjetischen Pädagogik.
    2. stark erweiterte Aufl. Heidelberg 1963.

  • Pestalozzi und der Pietismus.
    In: Pädagogische Rundschau 1963, S. 331-354.

  • Pestalozzi und die Mennoniten.
    In: Mennonitische Geschichtsblätter 1964, S. 1927.

  • Das Phämonem Pestalozzi - Gehalt und Gestalt.
    In: Pädagogischer Almanach, Ratingen 1964, S. 720.

  • Erziehung und Bildung in Schule und Gesellschaft. Erziehungs-wissenschaftliche Fragestellungen.
    Weinheim und Berlin 1967, 198 S. (Veränderte und erweiterte Auflage der Schrift "Schule und Gesellschaft").

  • Deutsche Schulgesetzgebung. Bd. I: Brandenburg, Preußen und Deutsches Reich bis 1945. Eingeleitet und bearbeitet von Leonhard Froese und Werner Krawietz. Weinheim, Berlin, Basel 1968 (Kleine Pädagogische Texte, Bd. 37).

  • In Verbindung mit H. Arendt u.a.: Aktuelle Bildungskritik und Bildungsreform in den USA. Heidelberg 1968 (Vergleichende Erziehungswissenschaft und Pädagogik des Auslands, Bd. 6).

  • Bildungspolitik und Bildungsreform. Amtliche Texte und Dokumente zur Bildungspolitik im Deutschland der Besatzungszonen, der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik.
    Hrsg. und eingeleitet von Leonhard Froese unter Mitwirkung von Viktor von Blumenthal. München 1969, 376 S. (Goldmanns Gelbe Taschenbücher, Bd. 2470/2471).

  • Zusammen mit Dietmar Kamper: Anthropologie und Erziehung.
    In: Erziehungswissenschaftliches Handbuch. Berlin 1971, Bd. 3.1, S. 67154

  • Der "politische Pestalozzi" der Beginn einer Pestalozzi-Renaissance?
    In: Zur Diskussion: Der politische Pestalozzi. Mit Beiträgen von Leonhard Froese, Dietmar Kamper, Dietfrid Krause-Vilmar, Horst Messmer, Richard Pippert und Georg M. Rückriem. Weinheim und Basel 1972, S. 119. (Marburger Forschungen zur Pädagogik, Bd. 4, hrsg. von Leonhard Froese und Wolfgang Klafki).

  • Zehn Gebote für Erwachsene. Texte für den Umgang mit Kindern.
    Zusammengest. u. mit e. Nachwort versehen von Leonhard Froese. Frankfurt/M 1979, 214 S. (SuhrkampTaschenbücher, Bd. 593). Diese Veröffentlichung ist Froeses Beitrag zum Internationalen Jahr des Kindes.

  • Anton Makarenko (1888-1939).
    In: Klassiker der Pädagogik. Hrsg. von Hans Scheuerl, Bd. 2: Von Karl Marx bis Jean Piaget. München 1. Aufl. 1979, 2. überarbeitete Aufl. 1991, S. 196-211 und S. 361 f.

  • Zur Diskussion: Der historische Pestalozzi!
    In: Pädagogische Rundschau 1980, S. 89-92.

  • Johann Heinrich Pestalozzi. Dem bedeutenden Schweizer Pestalozzi Forscher Emanuel Dejung post eventum zum 80. Geburtstag.
    In: Pädagogische Rundschau 1982, S. 169180. Ebenfalls veröffentlicht unter dem Titel "Johann Heinrich Pestalozzi". In: Gestalten der Kirchengeschichte. Hrsg. v. M. Greschat. Bd. 8: Die Aufklärung. Stuttgart u.a. 1983, S. 383-394.

  • Nestor der Pestalozzi-Forschung in Marburg.
    Gekürzte Fassung der Laudatio, die Prof. Dr. Leonhard Froese bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde im Auftrag des Fachbereichs 21 vorgetragen hat. In: alma mater philippina, Sommersemester 1983, S. 28 f.

  • Ausgewählte Studien zur vergleichenden Erziehungswissenschaft. Positionen und Probleme.
    München 1983, 158 S. (Marburger Beiträge zur vergleichenden Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung, Bd. 19).

  • Universität und Gesellschaft. Vorträge und Aufsätze aus der Marburger Zeit.
    Hrsg. v. Theo Schiller. Marburg 1989, 105 S

Froese schloß 1959 seinen Beitrag zum 80. Geburtstag von Herman Nohl mit dem Satz: "Gern zitierte er (Nohl, d. Verf.) den Lehrsatz Pestalozzis, daß die äußere Haltung die innere bestimme. Er selber lebte ihn -." Auch Leonhard Froese lebte diese Haltung, sowohl was seine kriegsbedingte Behinderung betraf als auch die gesundheitlichen Probleme seiner letzten Lebensjahre. Immer auch gab Froese ein Beispiel überzeugender Menschlichkeit und Mitmenschlichkeit. Mit dem Wort von Antoine de Saint-Exupéry "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar" wird in der Rückschau seines Lebens zutreffend ausgedrückt, was alle empfanden, die mit Leonhard Froese ein Stück ihres Lebens gehen durften.