Anna Pestalozzi-Schulthess. 1738-1815. Ihr Leben mit Heinrich Pestalozzi.

Dagmar Schifferli

Zürich: Pendo, 2. Aufl. 1996. 226 S., Abb.

Zürich: Pendo, 2. Aufl. 1996. 226 S., Abb.

Dagmar Schifferlis Biographie von Anna Pestalozzi-Schultheß und ihrem Leben mit Heinrich Pestalozzi stellt eine einfühlsame Erzählung des Lebens von Anna Pestalozzi, geb. Schultheß dar. Zuerst fällt auf, daß oft mit wörtlicher Rede und der wörtlichen Wiedergabe von authentischen Dokumenten gearbeitet wird, ohne allerdings Belege anzugeben. Nur das beigefügte Literaturverzeichnis (S. 223-226) gibt Hinweise auf die benutzten Quellen, wobei die wissenschaftliche Pestalozzi-Literatur nur in bescheidenem Umfang angeführt wird. Eine Zeittafel, ein Glossar von Zürcher Häusernamen und 16 Fotos (schwarz-weiß), die u.a. Anna, Schloß Hallwil, den Neuhof, Annas Elternhaus in Zürich, Schloß Yverdon und Annas Grabmal in Yverdon zeigen, runden die Biographie ab. Ein Stichwort- oder Namensregister vermißt der Leser, ebenso eine Gliederung, die einen gezielten Einstieg in das Buch ermöglichen würde: die Kapitel sind ohne Überschriften von 1 - 24 durchnummeriert. Dabei wird das Leben der Anna Pestalozzi-Schultheß nicht chronologisch erzählt, sondern wechselweise eine Episode der Kindheit und der älteren Frau, teilweise aus der Sicht des Kindes, des Mädchens oder der jungen Frau Anna, teilweise im Lebensrückblick der älteren Frau, die sich auf Schloß Hallwil bei ihrer Freundin Franziska Romana von Hallwil aufhält. Die anschaulichsten Eindrücke vermittelt das Buch vom Leben einer jungen Frau innerhalb einer wohlhabenden privilegierten stadtzürcher Familie, die gegen den ausdrücklichen Willen der Eltern einen jüngeren mittellosen Mann voller utopischer Pläne heiraten will. Das Leben in Zürich vor der politischen Wende der 90er Jahre wird beim Lesen besonders lebendig, die späten Jahre der Anna werden dagegen nur kurz angesprochen. Das Verhältnis der Mutter zu ihrem Sohn Hans Jacob und ihrem Enkel Gottlieb bleibt vage und wird pädagogisch nicht bearbeitet. Annas religiöse Einstellungen werden ebenfalls nicht recht deutlich, nur der Vater und mit Abstrichen auch einige Brüder und Bekannte der Familie werden als strenge Pietisten beschrieben. Deutlicher wird dagegen Annas Stellung zu Rousseau: noch im Alter kann Anna Passagen aus Rousseaus Emile auswendig wiedergeben. Rousseau ist in Zürich den jungen Menschen ihrer Generation geradezu als Offenbarung erschienen und die bürgerlichen jungen Frauen hätten aufgrund ihrer Erziehung und ihrer gesellschaftlichen Rollenzuweisung Rousseaus Frauenbild in Gestalt der Sophie nachgestrebt, was aus heutiger Sicht nicht gerade als fortschrittlich erscheint: so setzt beispielsweise Anna ohne Bedenken oder Vorbehalte recht selbstverständlich ihre Mitgift und mehrere Erbschaften für die wenig erfolgreichen Unternehmungen ihres Mannes ein. Heinrich Pestalozzi wird als Liebhaber und junger Ehemann - ganz Sturm und Drang - ebenfalls lebendig, besonders während seines Werbens um Anna und der Neuhofzeit der 70er und 80er Jahre. Die Werke dieser Zeit werden allerdings nicht beschrieben, auch nicht Annas Anteil an deren Entstehungsprozeß.

Im ganzen ist die Schrift von Dagmar Schifferli eine leicht und unterhaltend zu lesende Erzählung, die ein lebendiges Bild des Lebens der Anna Pestalozzi-Schultheß im Zürich der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts zeichnet, eine wissenschaftliche Biographie ist die Erzählung nicht und will sie auch bewußt nicht sein. Daher trägt sie zu Leben und Werk Heinrich Pestalozzis aus wissenschaftlicher Sicht wenig bei, zur Einführung und Einstimmung in die gesellschaftlich-biographischen Verhältnisse von Anna und Heinrich Pestalozzi, die dann auch deren pädagogisches Denken beeinflussen, vermag die Schrift gleichwohl hinzuführen. In dieser mehr literarisch-fiktiv bestimmten Biographie, die sich auf detaillierte Quellenstudien beruft, ohne diese Quellen im einzelnen zu nennen, ist die Grenze zwischen Fiktion und historischer Wahrheit nur schwer auszumachen. Bei vielen geschilderten Episoden wird man immerhin sagen können, daß es wie geschildert gewesen sein könnte. Die Aufnahme dieser Erzählung ist unterschiedlich, die Rezensionen sind teils äußerst kritisch, teils überschwenglich positiv: für die kritische Aufnahme steht die Besprechung von Claudia Baer in der Neuen Zürcher Zeitung (Die Frau im Schatten des verehrten Mannes. Dagmar Schifferlis Biographie von Anna Pestalozzi-Schulthess. In: Bildung und Erziehung. Beilage der Neuen Zürcher Zeitung v. 2. Mai 1996, S. 90) und für die positive Aufnahme die Besprechung von Beatrice Eichmann-Leutenegger in den Schweizer Monatsheften (Dem Herzen folgend und der Pflicht gehorchend. Dagmar Schifferlis Biographie "Anna Pestalozzi-Schulthess" (1738-1815). In: Dossier: Pestalozzi - Mythen und Wirkung. Themenheft der Zeitschrift "Schweizer Monatshefte für Politik, Wirtschaft, Kultur", Heft 3, März 1996, S. 34-37).