Auf den Spuren Pestalozzis. Stationen seines Lebens: Zürich, Birr, Stans, Burgdorf, Yverdon.

Zürich: Pestalozzianum Verl. u. Zürich: Werd 1996. 140 S., zahlr. Abb.

Zürich: Pestalozzianum Verl. u. Zürich: Werd 1996. 140 S., zahlr. Abb.

Dieser biographisch-historische Reiseführer zu den fünf wichtigsten Pestalozzi-Stätten gibt jeweils einen zusammenhängenden Überblick über Pestalozzis Lebens- und Arbeitsphase an dem dargestellten Ort. In den Text integriert sind kurze Auszüge aus Texten Pestalozzis, Statements bekannter Persönlichkeiten und historische Fakten. Historisches Bildmaterial versucht die Zeit von Pestalozzis Leben bildlich vorzustellen.

Zu den fünf Beiträgen im einzelnen:

  • Adrian Kobelt stellt in seinem Beitrag "Zürich. Ein verliebter Städter bereitet sich aufs Landleben vor" (S. 12-37) Pestalozzis Liebe zu Anna Schultheß in den Mittelpunkt. Am Widerstand von Annas Eltern zeigt sich zugleich die soziale Spannung zwischen wohlhabenden und verarmten Stadtbürgern. Die Kluft zwischen Stadt und Landschaft Zürich wird thematisiert, ebenso Pestalozzis Schulbildung, die Aufnahme von Rousseaus Gedanken bei der damals jungen Generation und Pestalozzis frühe politische Stellungnahmen, seine ersten schriftstellerischen Versuche und seine Bemühung um eine landwirtschaftliche Ausbildung. Zur Kindheit Pestalozzis oder allgemein zur alltäglichen Kindheit im Zürich des 18. Jahrhundert für die Kinder unterschiedlicher gesellschaftlicher Schichten erfährt man dagegen nichts.
  • Nora Kubli beschreibt in ihrem Beitrag "Birr. Ein Utopist scheitert an der Realität" (S. 38-67) Pestalozzis Neuhofzeit: "Er will ein erfolgreicher Landwirt, ein guter Ehemann und Vater sein und zudem arme, verwahrloste Kinder bei sich aufnehmen und zu arbeitsamen, gebildeten und sittsamen Menschen erziehen" (S. 39). Sowohl die Landwirtschaft als auch die Armenanstalt rechnen sich ökonomisch nicht, nur die Mitgift und Erbschaften Annas retten den Bestand. Um die Jahreswende 1798/99 verläßt Pestalozzi den Neuhof und kehrt erst für seine beiden letzten Lebensjahre 1825-27 wieder auf den Neuhof bei Birr im Kanton Aargau zurück. Zwar wird Pestalozzis Aufstieg zum Schriftsteller angeführt und auch die zahlreichen Werke der Neuhofzeit aufgelistet, aber keine weiteren Aussagen zu diesen Werken (u.a. Abendstunde, Lienhard und Gertrud, Nachforschungen, Schwanengesang) gemacht und auch die Aussagen zum Schicksal des 1770 geborenen Sohns Hans Jacob bleiben stichwortartig knapp, zu knapp.
  • Marianne Baltensperger und Gabriela Christen haben das Kapitel "Stans. Ort einer Legende" (S. 68-89) bearbeitet und tragen die Fakten zu Pestalozzis Aufenthalt in Stans zusammen. Sie schildern die brutalen militärischen Auseinandersetzungen 1798 zwischen den französischen Truppen und dem Widerstand leistenden Nidwalden mit ihren großen Verwüstungen und zahlreichen zivilen Opfern. Das Stanser Waisenhaus sollte ein Zeichen der Wiedergutmachungspolitik der Helvetischen Republik gegenüber den betroffenen Gebieten sein, eventuell auch eine Keimzelle helvetischer Gesinnung und helvetischer Reformen. Das Waisenhaus wird bald geschlossen und zum Lazarett, da die Innerschweiz erneut zum Kriegsgebiet wird, diesmal für die Kämpfe zwischen französischen und österreichischen Truppen. Wieder gibt es große Zerstörungen und zahlreiche Tote und Verwundete auf ziviler Seite. Während die historischen Fakten gut dokumentiert sind, muß Pestalozzis Einsatz in Stans überwiegend aus seinen eigenen Zeugnissen (Stanser Brief, einige Briefe seiner Korrespondenz und wenige Äußerungen Zschokkes) rekonstruiert werden, denn es gibt kaum objektive Zeugnisse für Pestalozzis Einsatz, aber viele idealisierende und romantisierende Darstellungen und Bilder.
  • Rebekka Horlacher gibt in dem Kapitel "Burgdorf. Auf dem Weg zum Ruhm" (S. 90-109) einen Überblick über Pestalozzis Burgdorfer Zeit als der Zeit eines weltweiten Ruhms. Sie stellt Besucher und die ersten Mitarbeiter Krüsi, Ramsauer, Buss, Tobler und Muralt kurz vor, beschreibt die von Pestalozzi entwickelte "Methode", berichtet über den gescheiterten Versuch einer Verbindung mit Fellenberg in Hofwyl und die "Vertreibung" von Burgdorf: das Schloß wird nach der Mediation von 1803 wieder als Amtssitz des Berner Oberamtmanns beansprucht.
  • Françoise Waridels Augenmerk in dem Kapitel "Yverdon. Erziehung zur Menschlichkeit" (S. 110-131) gilt nicht den Zerfallserscheinungen des Instituts oder den Auseinandersetzungen zwischen Niederer, Schmid und Pestalozzi, auch nicht den Anfeindungen von außen, sondern etwas beschönigend allein den von Yverdon ausgehenden pädagogischen Impulsen. Waridel schildert den erzieherischen Alltag in Yverdon, bezieht sich auf Schülererinnerungen und geht auf die Gründung des Mädcheninstituts, des ersten schweizerischen Instituts für taubstumme Kinder und der Armenanstalt ein.

Jeder der Beiträge weist in einem zweiten Teil die noch heute auffindbaren Spuren von Pestalozzis Leben in Zürich, Birr (Neuhof), Stans, Burgdorf und Yverdon nach und gibt Hinweise für einen Besuch, einschließlich Vorschlägen für Spaziergänge, Wanderungen und Besichtigungen. Das Buch enthält eine Einführung von Georges Ammann (S. 7-11), in der die Entstehungsgeschichte, aber auch die Intention und der Aufbau dieses "Reiseführers" vorgestellt werden. Eine Zeittafel zu Leben und Werk Pestalozzis, (S. 133-139), und eine äußerst knappe Auswahl weiterführender Literatur (S. 132) runden den Reiseführer ab. Die nicht als fachwissenschaftliche Publikation gedachte Schrift ist eine in ihrer thematischen Begrenzung auf die fünf genannten Orte gelungene Hinführung zur Beschäftigung mit Pestalozzis Leben und Werk, die geeignet ist, auch Menschen, die keinen Bezug zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Pestalozzi haben, anschaulich und lebendig zu dessen Leben und Werk hinzuführen. Die Intention eines "Reiseführers" auf den Spuren Pestalozzis ist in einer im ganzen vorbildlichen Weise umgesetzt.

Parallel erschien die französische Ausgabe dieses Reiseführers: Sur les pas de Pestalozzi: Zürich, Birr, Stanz, Berthoud, Yverdon. Trad. de l'allemand p. Gilbert Musy. Yverdon: Ed. de la Thièle u. Zürich: Pestalozzianum-Verl. 1996. 139 S.