Johann Heinrich Pestalozzi. Anthropologisches Denken und Handeln. Ein pädagogisches Konzept über die Zeiten.

Gerd-Bodo Reinert, Gerhard Arnhardt und Peter Cornelius

Donauwörth: Auer, 2. überarb. u. erw. Aufl. 1996. 248 S., zahlr. Abb. (Geschichte und Reflexion).

Zürich: Pendo, 2. Aufl. 1996. 226 S., Abb.

Das Buch der Autoren Reinert, Arnhardt und Cornelius zeigt ein in sich geschlossenes Konzept, in dem die Anteile der einzelnen Autoren nicht auszumachen sind und versteht sich als ein Studien- und Arbeitsbuch, das eine Brücke schlagen will zwischen ausführlicher Biographie, Werkinterpretation und analytischen Betrachtungen. Diese Intention wird umgesetzt durch eine Zweiteilung: der erste Teil (S. 5-134) ist die eigentliche Darstellung der Autoren und im zweiten Teil (S. 135-245), einem Anhangteil, werden Auszüge aus unterschiedlichen Texten wiedergegeben, die als Analysen, Interpretationen, Problemdiskussionen und Wertungen bezeichnet werden. Eine Bildnachweis (S. 246-247) der zahlreichen Abbildungen insbesondere des ersten Teils und ein Personenregister (S. 247-248), das Personen aus dem Umfeld Pestalozzis (z.B. Zschokke und Niederer) mit Autorinnen und Autoren heutiger Pestalozzi-Rezeption (z.B. Brühlmeier, Hager, Oelkers, Osterwalder) mischt, beschließt den Band. Ein ausführliches, nach Werken, Briefen und Darstellungen gegliedertes Literaturverzeichnis steht am Ende des darstellenden Teils (S. 123-134).

Die Autoren wollen die anthropologische Grundlegung von Pestalozzis pädagogischem Denken und Handeln in drei Phasen nachvollziehen, was die Gliederung des darstellenden Teils bestimmt: in der "Abendstunde" (1780) hat Pestalozzi erstmals sein grundlegendes Verständnis von Gott, menschlicher Natur und Erziehung dargelegt und dies in der sog. "Lebenskreisphilosophie" zum Ausdruck gebracht (Kap. 3, S. 43-48). Wohnstube und Familie bilden danach den ersten äußeren Kreis, Beruf und Individualbestimmung den zweiten und Staat und Nation den dritten Kreis. Im Zentrum dieser konzentrischen Kreise aber steht Gott als die näheste Beziehung der Menschheit, den jeder Mensch in seinem Inneren finden kann. In den "Nachforschungen" (1797) hat Pestalozzi dann aus anthropologischer und kultur-philosophischer Motivation heraus seine Theorie der drei "Seinszustände" entwickelt (Kap. 4, S. 49-60). In den "Nachforschungen" sehen die Autoren die entscheidende Grundlegung von Pestalozzis Tun und Schaffen, wobei diese Schrift zugleich eine Umbruchsphase signalisiert, aber weniger im Sinne eines Bruchs als einer Fortentwicklung und Reifung seines gedanklichen Fundaments. Pestalozzis Lehre von den drei Zuständen wird herausgearbeitet, also der Mensch im Naturzustand, im gesellschaftlichen und im sittlichen Zustand und die Entstehung, Gliederung und Thematik der Schrift aufgezeigt, die Eduard Spranger als eines der "schwierigsten Werke des 18. Jahrhunderts" bezeichnet hat. Mit der Schrift "Wie Gertrud ihre Kinder lehrt" (1801) verpflichtet Pestalozzi in einer dritten Phase seiner anthropologischen Entwicklung pädagogisches Handeln auf die Mitgestaltung "wahren" Menschseins (Kap. 5, S. 61-84). Mit dieser pädagogisch dominierten Anthropologie hat Pestalozzi Fichte, Fröbel, Herbart, Natorp und ganze Generationen von Pädagogen bis in unsere Tage hinein angeregt. In dieser Serie von 14 Briefen werden die fundamentalen und elementaren Erziehungsgrundsätze ("Elementarbildung"), sowie deren Umsetzung in der didaktischen und methodischen Gestaltung des Unterrichts ("Elementarmethode", "Methode") entwickelt. Unter "Methode" versteht Pestalozzi aber keine didaktischen Ratschläge oder die Auswahl von Unterrichtsstoffen, sondern mit seinem Begriff der "Methode" hat er immer die Bildung des Menschen zu selbstbestimmter Autonomie als der Grundlage für jede allgemeine Menschenbildung verbunden. Auf die Idee der Elementarbildung, die Anschauungskunst und die Elementarmittel gehen die Autoren dann im einzelnen ein und schließen daran Aussagen zu politischen und sozialen Zusammenhängen an, die sie an Pestalozzis politische und sozialpolitische Schriften binden. Pestalozzi sieht danach lebenslang eine enge Verbindung von Menschenbildung zu Emanzipation und Autonomie, wobei die Pole seines Denkens immer die Dialektik von Fortschritt und Bewahrung sind, weswegen er auch in den politischen Auseinandersetzung der Schweiz in den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts vermittelnd einzuwirken versucht, sich dabei aber zwischen alle Stühle setzt und nach 1803 sein Arbeitsfeld ganz auf die Bildungsidee verlagert. Die Autoren schließen diesen Teil ihrer Darstellung mit der These, daß auch Pestalozzis Verständnis der Elementarbildung angesichts der von ihm bereits erahnten Probleme des heraufziehenden Industriezeitalters ein Vermittlungsversuch zwischen der "Realbildung" der Philanthropen und der "Formalbildung" der Neuhumanisten sind.

Diesen Kern ihrer Darstellung betten die Autoren in eine vorgeschaltete ausführliche Lebensskizze Pestalozzis (S. 12-39) mit einer tabellarischen Zeittafel zu seinem Leben und Werk (S. 40-42) ein, die parallel die Rubriken "Historisches Umfeld", "Lebensdaten" und "Literatur, Musik, Philosophie" umfaßt. Zwei Kapitel beschließen den darstellenden Teil: zuerst beschreiben die Autoren Pestalozzis Einschätzung im Blickpunkt seiner Verbündeten Heinrich Zschokke und Friedrich Fröbel (Kap. 6, S. 85-97) und schließen daran Ausführungen zur Rezeptionsgeschichte von Pestalozzis Anthropologie in Deutschland an (Kap. 7, S. 98-115). Danach ist der Einfluß der Rezeption von Pestalozzis Anthropologie im 19. Jahrhundert mächtig und ungebrochen (u.a. Fichte, Humboldt, Herbart, Beneke, Dinter, Stephanie, Diesterweg) und die Autoren ziehen die Linie von Pestalozzis direkten "Erben" über Dilthey und Natorp bis in die neuere Pädagogik der Bundesrepublik (u.a. Nohl, Spranger, Litt, W. Flitner, A. Flitner, Liedtke, Blättner, Ballauf) und der DDR (u.a. Hofmann). Als die grundlegenden und bis heute anregenden Positionen der Anthropologie Pestalozzis werden herausgestellt:

  • im Gegenpart zur Gelehrtenbildung will Pestalozzi die soziale Situation der Unterschicht verbessern und wird damit maßgebend für die Erneuerung und den Ausbau des Volksschulwesens<p></p>
  • bei der Erziehung muß die Naturgegebenheit des Menschen ebenso berücksichtigt werden wie die historischen und sozialen Bedingungen und das geistig-sittliche Ziel<p></p>
  • mit seinem bildungspolitischen und schulorganisatorischen Intentionen kann Pestalozzi bis heute anregend wirken, vor allem bei Fragen der Selbstbestimmung des Menschen, der sozialen Interaktion, der Selbsttätigkeit der Lernenden und Fragen der Naturgemäßheit und Individuallage bei der Entwicklung von Anlagen und Kräften<p></p>
  • im Stanser Brief beschreibt Pestalozzi die Einheit von Fühlen, Denken und Tun und entwickelt dafür Stufen: Erweckung einer tragfähigen emotionalen Disposition, Anbahnung sittlicher Handlungserfahrungen durch Anschauung und Übung und Belehrung mit Hilfe von Beispielen und Argumenten<p></p>
  • Schule, d.h. Erziehung und Lernen muß in der häuslichen Umgebung des kleinen Kindes beginnen und der Grundstein dazu muß die Anschauung sein. Nur in der "Wohnstube" entwickeln sich die inneren Kräfte und erst aus dem Kreis dieser ersten Erfahrungen heraus kann sich Verstand und Urteilskraft bilden.

Im Anhangteil werden insgesamt 30 Textauszüge aus unterschiedlichen Quellen geboten, die den Autoren als Belege für ihre Aussagen dienen. Die Textauszüge reichen von Texten Pestalozzis (Stanser Brief, Abendstunde, Nachforschungen, Wie Gertrud ihre Kinder lehrt, Über Volksbildung und Industrie) über Texte seiner Zeitgenossen (Herbart, Zschokke) und Texte von Natorp, Litt, W. Flitner und Spranger bis hin zu Texten neuer Pestalozzi-Forschung bzw. Rezeptionsforschung (Friedrich, Liedtke, Hager, Oelkers).

In ihrem Vorwort (S. 7-8) betonen die Autoren, daß sie sich nicht in die Kette der Verehrung oder Huldigung einreihen wollen und in Pestalozzi auch nicht ein Mysterium pädagogischer Einzigartigkeit sehen. Indem die Autoren aber gleichzeitig formulieren, daß sie das Menschliche dieser großen Erziehergestalt bewegt, "ihre Bescheidenheit und Selbstlosigkeit, ihre Streitbarkeit und das Eintreten für soziale Gerechtigkeit" (S. 7), daß sich Pestalozzi in ihren Augen seine Identifikationswürdigkeit bis heute bewahrt hat und das Buch auch den Untertitel "Ein pädagogisches Konzept über die Zeiten" trägt, wird dieses Arbeitsbuch zugleich zu einer quasi bekennenden Position der Autoren zur zeitlosen Bedeutung Pestalozzis, was im übrigen an zahlreichen weiteren Stellen zu spüren ist. Denn anthropologisches und historisches Gedankengut fristen nach Ansicht der Autoren in der gegenwärtigen deutschen akademischen Lehrerbildung nur ein kümmerliches Dasein, während demgegenüber die Tradition wieder stärker das Berufsethos der Lehrerschaft schärfen sollte. Die Positionen der Autoren münden in die etwas pathetische Forderung: "Nehmen wir Pestalozzis Vermächtnis ernst, wie es unsere Väter taten!" (S. 115).

Das typographisch aufwendig gestaltete Buch, in dem Namen durch Kapitälchen und wichtige Begriffe kursiv hervorgehoben sind, zusammenfassende Aussagen in grau unterlegten Kästchen stehen und zahlreiche Abbildungen den Text ergänzen, ist trotz der sich als Erben Pestalozzis bekennenden Autoren eine recht gelungene Einführung in die Thematik "Pestalozzi". Das Buch von Reinert, Arnhardt und Cornelius kann zu eingehender Auseinandersetzung mit Pestalozzi und seinen Texten anregen und stellt für diesen Einstieg eine Fülle von Material bereit, gibt im Anhang wichtige Textauszüge wieder, macht ausführliche Hinweise auf weiterführende Literatur und ermöglicht so dem Leser einen Einstieg in eine anthropologisch ausgerichteten Pestalozzi-Rezeption. Durch eine stärkere Berücksichtigung der neueren Rezeptionsforschung hätte allerdings die Materialbasis zur Auseinandersetzung mit den Positionen der Autoren noch deutlich verbreitert werden können.