Johann Heinrich Pestalozzi. Leben und Schriften.

Sigurd Hebenstreit

Freiburg, Basel, Wien: Herder 1996, 175 S.

Freiburg, Basel, Wien: Herder 1996, 175 S.

Sigurd Hebenstreit will wichtige Werke Pestalozzis (Abendstunde, Lienhard und Gertrud, Über Gesetzgebung und Kindermord, Ja oder Nein, Nachforschungen, Stanser Brief, Wie Gertrud ihre Kinder lehrt, Buch der Mütter, An die Unschuld, Schwanengesang) einem breiten Leserkreis zugänglich machen. Der Autor hat zu diesem Zweck jeweils zentrale Passagen dieser Werke zum Quellenstudium ausgewählt und stellt diesen eine kurze Darstellung des Anspruchs, der Aussage und des zeitlichen Kontextes des Entstehens voran. Die einzelnen Kapitel haben Überschriften, die den entsprechenden Gedankenkreis kennzeichnen und mit einem passenden Kurzzitat auf die Thematik einzustimmen versuchen, z.B.: "6. Anthropologie: 'Der Mensch ist ein hohes Wunder im chaotischen Dunkel der unerforschten Natur' - Meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts (1797)" (S. 86-99). Die Textauszüge, jeweils 3-5 Seiten, sind geschickt ausgewählt und in der Textform der Kritischen Werkausgabe wiedergegeben. Die einzelnen Kapitel können unabhängig voneinander gelesen und bearbeitet werden, die Textauszüge und der Kommentar sind graphisch voneinander abgehoben.

Eine biographische Skizze zu Beginn des Buchs (S. 16-44) macht mit Pestalozzis Leben vertraut und im Schlußkapitel reflektiert Hebenstreit die Wirkung und heutige Bedeutung Pestalozzis (S. 160-174). Hebenstreit hat Distanz zu seinem Gewährsmann: Pestalozzi erscheint nicht als ein zeitentrückter Autor, der ewig gültige Aussagen abschließend zu Papier gebracht habe, aber die von Pestalozzi entwickelten Ideen und aufgeworfenen Fragen, könnten uns bis heute helfen, zu eigenen Antworten zu gelangen (S. 165 f). In Pestalozzis Einsatz für die elementare Bildung Benachteiligter sieht Hebenstreit allerdings schon einen "der Gründerväter des sozialpädagogischen Gedankens innerhalb der Allgemeinen (d.h. für alle gültigen) Pädagogik" (S. 171) und hebt in diesem Zusammenhang Pestalozzis sozialpädagogische Zielsetzung hervor, Kinder zu einem selbständigen und selbstbestimmten Leben innerhalb ihrer jeweils realisierbaren Lebensperspektiven zu verhelfen. Da die Auswahl der Schriften und die aus diesen ausgewählten Textausschnitte zwangsläufig eine subjektive Färbung haben und auch deren Interpretation immer nur wenige Gesichtspunkte aufnehmen kann, hätte eine größere Zahl von Hinweisen auf weiterführende Literatur und deren unterschiedliche Interpretationspositionen in die Veröffentlichung mit aufgenommen werden sollen. Leider bleibt die das Buch abschließende Literaturliste (S. 175) zu knapp, um diesem Mangel abzuhelfen. Trotz dieser Einschränkungen ist das Buch von Hebenstreit durch seine Verbindung von Leben und Werk, stärker text- bzw. werkorientiert als biographisch, eine gelungene Einführung in die Thematik "Pestalozzi", die ihren Lesern eine erste Annäherung an Pestalozzi ermöglicht.

Zum Autor:

Sigurd Hebenstreit, geb. 1950, ist Professor für Allgemeine Pädagogik im Fachbereich Heilpädagogik der Evangelischen Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum. Dieser berufliche Hintergrund wird an zahlreichen interpretierenden und aktuelle Bezüge herstellenden Passagen der Veröffentlichung deutlich.