Pestalozzi Export. Ein Dokumentarfilm.

Tobias Wyss

PS-Film- und Fernsehproduktion, CH-8800 Thalwil, 1996. Lieferbar als Filmfassung von 63 Min. Länge und unter dem Titel "Im Namen Pestalozzis" als leicht gekürzte Fernsehfassung.

PS-Film- und Fernsehproduktion, CH-8800 Thalwil, 1996.

Pestalozzis Leben und Wirken in einem Spielfilm einzufangen, der zugleich ein breites Publikum und die wissenschaftliche Pestalozzi-Forschung beeindruckt, ist wohl kaum möglich. Der historische Pestalozzi entzieht sich den filmischen Mitteln, will er nicht zum Historienstück geraten. Von Pestalozzis Texten können ohnehin nur Bruchstücke mündlich zitiert und allgemein verstanden werden, denn die zentralen Aussagen seiner Werke sind in eine uns heute recht fremde Sprache eingebaut und können ohne historische Vorkenntnisse in ihrer geschichtlichen Zeitgebundenheit kaum verstanden werden. Die filmische Darstellung der Person Pestalozzi darf nicht erhöhend oder verehrend sein und soll zugleich die Widersprüche in seinen Texten und deren Zeitbedingtheit sichtbar werden lassen. Dabei ist ein dramatischer Handlungsfaden im Sinne eines Abenteuer- oder Liebesfilms nicht zu konstruieren, allenfalls könnte man das mehrmalige Scheitern und den jeweiligen Neuanfang dramaturgisch in den Mittelpunkt stellen, aber auch dadurch würde man der Person Pestalozzis nicht gerecht.

Der Filmemacher Tobias Wyss sah diese Schwierigkeiten und hat deshalb seinen Handlungsfaden um die Spuren von Pestalozzis heutiger Wirkung gespannt und reiht in seinem Film Eindrücke aus sechs Orten um das Verbindende, die Theaterpobe des Theaterstücks "Denkmalenthüllung", in dem der Schauspieler Peter Höner die Person des Pestalozzi spielt. Die sechs Orte werden nicht als Pestalozzi-Übernahmen vorgestellt, denn teilweise haben die Initiatoren nur rudimentäre Kenntnisse von Pestalozzi, wie beispielsweise den Slogan "Kopf, Herz und Hand" oder folgen einer fragwürdigen spiritistischen Rezeption. Erst aus den verbindenden Texten der Theaterprobe und dem folgenden Kommentar werden die partiellen Übernahmen deutlich. In der japanischen Pestalozzi-Stadt Kagamino ist es der Slogan von Kopf, Herz und Hand, der für ein ganzheitliches Menschenbild steht und im Kampf gegen Landflucht und Verödung in der japanischen Provinz instrumentalisiert wird. In der englischen "Pestalozzi-Village" Sedlescombe ist es der mehrfache Wechsel der Konzepte, von der Armenschule hin zur Eliteschule für die aufgrund ihrer Intelligenz und ihres Lernwillens ausgewählten Kinder aus Entwicklungsländern, die als zukünftige Elite dorthin zurückkehren sollen. Im Schweizer Pestalozzidorf Trogen ist es die Bemühung um die von ihren Schweizer Männern verlassenen Frauen und Mütter aus Ländern der Dritten Welt und im Pestalozziheim Neuhof die Chance für randständige Jugendliche auf Berufsausbildung und damit gesellschaftliche Integrationsmöglichkeit. Beim greisen Tomàs Novelino in Brasilien ist es die Verbindung von Bildung und Ausbildung mit sich selbst tragender Produktion von Schuhen und später des Prinzips, daß die eine Schule die anderen Schulen mittragen soll, d.h. das Schulgeld der reicheren Kinder die Schulen für die Armen und Waisen mitfinanziert. Am eindrücklichsten wirken die Aufnahmen bei Bernard Sama in Bukina Faso und im Kommentar des Films heißt es dann auch, hier sei Pestalozzi am nächsten und wenn er heute lebte, wäre er in Afrika. Sama sorgt eindrucksvoll mit geringsten Mitteln für die Erziehung und Bildung lernwilliger Kinder und Waisen, überwiegend Sozialwaisen. Verbunden werden die jeweils ca 5-10 minütigen Beiträge durch den Verlauf der Theaterprobe zu "Pestalozzi - eine Denkmalenthüllung" in Olten, die nacheinander von Tamami Aburakawa, Maurice Phillips, Tomàs Novelino, Bernard Sama und Hansueli Etter besucht wird.

Der Spielfilm Pestalozzi Export, der in leicht gekürzter Fernsehfassung unter dem Titel "Im Namen Pestalozzis" über das Schweizer Fernsehen und die Programme Arte und 3sat ausgestrahlt wurde, will kein historisch getreues Pestalozzi-Bild transportieren und keinen fiktiven Pestalozzi konstruieren. Der Film will einfach zeigen, daß Pestalozzi Wirkungen bis heute hat, ohne tiefschürfend nach der Berechtigung der Berufung auf Pestalozzi zu fragen. Er läßt offen, ob diese Wirkungen begründet sind oder "Pestalozzi" nur als Synonym für erzieherische Unternehmungen unter den erschwerten Bedingungen von Unterentwicklung, Armut oder sozialer Benachteiligung verwendet wird. Der Titel "Pestalozzi Export" wird am Schluß des Films verständlich, wenn es im Kommentar heißt es, daß Pestalozzi der beste Exportartikel der Schweiz neben Wilhelm Tell, Henry Dunant, dem Käse, der Schokolade und dem Matterhorn sei und der Kommentar fährt fort, daß aber für Pestalozzis Aktualität doch die vielen Einrichtungen sprechen, die seinen Namen tragen, die Forschung an Universitäten, die Rezeption seiner Gedanken und die Übersetzung seiner Werke in viele Sprachen, aktuell ins Chinesische und Lettische. Allen geschilderten Einrichtungen ist ihr privater Status gemeinsam und damit die fortdauernden finanziellen Nöte, die ebenfalls an Pestalozzi erinnerten. Vielleicht, so wird in der Szene in Trogen gesagt, gebraucht man den Namen Pestalozzis auch nur, damit viel Geld gespendet wird.

Zum Film gibt es ein ausführliches und informatives Begleitheft (Pestalozzianum-Verl. 1996. 40 S.), das einmal Informationen zur Entstehung des Films und einmal Anregungen zur Auseinandersetzung mit dem Film enthält. Von Tobias Wyss selbst stammt der Beitrag zur Entstehung des Films, der sich in die Kapitel "Vom Auftrag zum Konzept", "Recherchen vor Ort", "Dreharbeiten" und "Montage" unterteilt. Unabhängig vom Thema des Films wird hier die Entstehung eines Dokumentarfilms nachgezeichnet, vom Entstehen des Konzepts bis hin zum Finden des Titels, aber auch die Dreharbeiten rund um die Welt, wobei auch die Drehorte und ihre Intentionen lebendig werden. Im zweiten Teil des Begleithefts geben Daniel Ammann, Georges Ammann und Katharina Ernst "Anregungen zur Auseinandersetzung mit dem Film" und stellen drei Zugänge zum Film heraus: "Pestalozzi als Vorbild" soll die Anfrage an den Film ermöglichen wie Pestalozzis Ideen in den einzelnen Beispielen des Films ausgelegt und in die Tat umgesetzt werden, wobei leicht ein überlebensgroßes Bild des Vorbilds entsteht. Der zweite Zugang "Pestalozzi und die Benachteiligten" kann zu der Frage führen, was für die Benachteiligten im schulischen und sozialen Bereich getan wird. Der dritte Zugang "Pestalozzi und die Bildung heute" könnte zu den Fragen anregen, wie die Schulbildung aller jungen Menschen in Europa zur Selbstverständlichkeit wurde, wie es Ende des 18. Jahrhunderts in Zürich aussah, welchen Stellenwert Schulbildung heute auf der Welt hat, beispielsweise in Afrika oder Brasilien, daß Bildung damals und heute immer auch eine Frage des Geldes war und ist und zu der grundsätzlichen Frage nach dem Stellenwert der Bildung einmal für die Gesellschaft als ganzes und einmal für jeden einzelnen Menschen. Im dritten Teil stellt Adrian Kobelt Pestalozzi als "Pionier einer menschlichen Gesellschaft" vor. Pestalozzi habe sich mutig und beharrlich dafür eingesetzt, daß alle Menschen durch Entfaltung und Übung ihrer Kräfte ein selbständiges und würdevolles Leben leben können.

Nach "Pestalozzis Berg" von 1989 belegt auch dieser zweite Pestalozzi-Film, daß eine echte Dokumentation von Pestalozzis Leben und Wirken kaum möglich ist. Der Film von Tobias Wyss will nicht den historischen Pestalozzi vermitteln, sondern zeigen, daß sich bis heute mit dem Namen Pestalozzi Wirkungen verbinden, auch wenn die Berufung auf Pestalozzi nicht den historischen Pestalozzi meint und dabei die Grenze zwischen Vorbild, Idol, Kult und geschichtlicher Realität nicht immer deutlich wird.

Das vom Pestalozziheim Neuhof im Rahmen eines Unterrichtsprojekts aus Anlaß der Wiederkehr des 250. Geburtstags gedrehte Pestalozzi-Video "Comeback" löst die Problematik des historischen Pestalozzi kreativ und elegant: der Neuhof-Pestalozzi steht aus seinem Grab auf und bewegt sich hilflos und staunend im Birrfeld des Jahres 1996. Nicht nur die Begeisterung der am Video beteiligten Jugendlichen beeindruckt, sondern es wird auch die Kluft sichtbar zwischen Pestalozzis Lebenswelt, für die er schrieb und seine Konzepte entwickelte, und den heutigen Anforderungen an Bildung und soziales Miteinander. Auf die Stilisierungen des Pestalozzi-Bildes wie nachlässige Kleidung oder das Kauen am Halstuchzipfel wird in diesem Videostreifen verzichtet, allerdings kann auch dieser ca 20minütige Videofilm kein umfassendes Pestalozzi-Bild bieten.