Besprechung von:

Kuhlemann, Gerhard: Pestalozzi in unserer Zeit. Literatur und Themen rund um seinen 250. Geburtstag.

Heinz Stübig

Hohengehren: Schneider 1998. X, 307 Seiten, ISBN 3-89676-050-5. Preis: EUR 20,50/SFR 35,50

Baltmannsweiler: Schneider 1998. X

Gerhard Kuhlemann, der sich seit seiner Dissertation über „Pestalozzis Erziehungsinstitut in Burgdorf und Yverdon" (Frankfurt a.M. 1972) immer wieder mit dem Leben und Werk Johann Heinrich Pestalozzis befaßt hat, dokumentiert in seiner neuesten Veröffentlichung die Ergebnisse der Gedenkveranstaltungen anläßlich des 250. Geburtstages des Schweizer Pädagogen im Jahr 1996. Dabei werden sowohl die einschlägigen Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen berücksichtigt als auch die Filme, Ausstellungen und Theateraufführungen, in denen auf dieses Ereignis Bezug genommen wurde.

Entstanden ist auf diese Weise nicht nur eine umfassende Übersicht, die insbesondere die vielfältigen Aktivitäten in der Schweiz und in Deutschland erfaßt, sondern zugleich auch eine instruktive Einführung in die unterschiedlichen Bereiche der Pestalozzi-Forschung anhand der gegenwärtigen Diskussion.

Unter der Überschrift „Literatur und andere Medien zur Ein- und Hinführung in die Thematik ‘Pestalozzi'" werden biographische bzw. werkbiographische Materialien präsentiert, die erste Annäherungen an die Person und das Werk Pestalozzis ermöglichen. Neben den bekannten Biographien von Liedtke und Soëtard werden hier unter anderem die einführende Textsammlung von Hebenstreit sowie das Studien- und Arbeitsbuch von Reinert, Arnhardt und Cornelius angezeigt und kommentiert. Hinzu kommen die Tonbildschau über Pestalozzis Kampf für soziale Gerechtigkeit und Menschenbildung von Dänzer und der Dokumentarfilm „Pestalozzi-Export" von Wyss, ergänzt durch Hinweise auf die Wanderausstellung „Pestalozzi - Bilder, Nachforschungen, Träume" sowie auf Theateraufführungen und Lesungen. Alles in allem eröffnen diese Arbeiten vielfältige Zugänge zur Biographie und zu den Texten Pestalozzis und tragen insgesamt dazu bei, mögliche Hemmschwellen bei der Beschäftigung mit diesem Klassiker der Pädagogik zu überwinden.

Im folgenden Abschnitt „Editionen der Texte Pestalozzis" werden zunächst die Konzeption und Gliederung der kritischen Gesamtausgabe erläutert, und zwar gesondert nach Werkreihe, Briefreihe und Registerbänden (einschließlich der weiteren Planungen); daran anschließend werden die Werk- und Briefausgabe auf CD-ROM sowie aktuelle Einzelausgaben der Schriften Pestalozzis ausführlich vorgestellt. Als besonders informativ erweist sich die detaillierte Auflistung der Werkreihe, die einen schnellen Überblick über den Inhalt der einzelnen Bände ermöglicht - ähnliches gilt auch für die Briefreihe, wobei in diesem Fall allerdings nur die entsprechenden Jahreszahlen als Orientierungshilfen vorliegen.

Die beiden folgenden Kapitel „Monographien zur Rezeptions- und Wirkungsgeschichte" sowie „Monographien zur Pestalozzi-Forschung und -Rezeption" heben sich nicht immer trennscharf voneinander ab, was der Verfasser in seiner Einleitung auch selbst einräumt. Und in der Tat läßt sich über die eine oder andere Zuordnung in diesen Kapiteln sicher streiten. Gleichwohl machen diese Teile gewissermaßen das Herzstück der vorliegenden Dokumentation aus, insofern als hier die herausragenden Arbeiten, die im Umkreis des Gedenkens an den 250. Geburtstag Pestalozzis erschienen sind, aufgeführt und kurz charakterisiert werden. Dabei geht es zunächst um Veröffentlichungen wie die Untersuchung von Osterwalder „Pestalozzi - ein pädagogischer Kult" (1996), den von Oelkers und Osterwalder herausgegebenen Band „Pestalozzi. Umfeld und Rezeption" (1995), die Studie von Thöny-Schwyn „Geisteswissenschaftliche Studien zu Dilthey und zur Pestalozzi-Rezeption Nohls" (1997) und das von Friedrich konzipierte Themenheft der Pädagogischen Rundschau (1996). Es folgen die zweibändige Schrift von Keil „Wie Johann Heinrich seine Kinder lehrt..." (1995), die Untersuchungen von Kraft „Pestalozzi oder das pädagogische Selbst" (1996), die großangelegte, zweibändige Biographie von Stadler (1988, 1993) sowie Hinweise auf weitere Arbeiten, in denen unterschiedliche Aspekte des Pestalozzischen Werkes bzw. seiner Rezeption erörtert werden. Das Gemeinsame dieser Darstellungen liegt darin, daß sie sich durchgehend kritisch mit der durch die Pestalozzi-Forschung begründeten Tradition auseinandersetzen und stärker nach dem „historischen" Pestalozzi fragen.

Im Anschluß daran stellt Kuhlemann die „Neuen Pestalozzi-Blätter" und die „Neuen Pestalozzi-Studien" vor. Die Neugründung der Fachzeitschrift und der wissenschaftlichen Buchreihe müssen ebenso wie die Einrichtung der Pestalozzi-Forschungsstelle am Pestalozzianum in Zürich als deutliches Indiz für ein neuerwachtes Interesse an der Pestalozzi-Forschung in der Schweiz gewertet werden. Was die Publikationen angeht, so resümiert der Verfasser kurz den Inhalt der bisher erschienen Hefte bzw. Bände und arbeitet in diesem Zusammenhang die Schwerpunkte der Pestalozzi-Forschung in den beiden neuen Publikationsorganen heraus. Besondere Beachtung findet dabei der Dokumentationsband zum Pestalozzi-Symposium 1996, der noch im selben Jahr unter dem Titel „Pestalozzi - wirkungsgeschichtliche Aspekte" erschien.

Den Abschluß der Dokumentation bildet eine Übersicht über Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften sowie über kleinere Einzelschriften. Diese Informationen besitzen für diejenigen, die sich mit Leben, Werk und Wirkung Pestalozzis wissenschaftlich beschäftigen, insofern großen Wert, weil nicht nur Zeitschriftenaufsätze, sondern auch oft nur schwer zugängliche Einzelschriften sowie Beiträge in Zeitungen erfaßt und vorgestellt werden. Daraus resultiert allerdings auch ein Ungleichgewicht zwischen diesem Kapitel und den vorausgegangenen. Während Kuhlemann normalerweise bei der Behandlung von Zeitschriftenbänden und Sammelwerken auf die Thematik der einzelnen Abhandlungen eher summarisch eingeht, geschieht es hier relativ ausführlich, was den einzelnen Beiträgen zumindest optisch eine Bedeutung verleiht, die ihnen im wissenschaftlichen Diskurs nicht immer zukommt.

Zwei ausführliche Register tragen dazu bei, daß die vorliegende Dokumentation optimal erschlossen wird: Einerseits wird die besprochene Literatur alphabetisch nach Autoren aufgeführt, wobei alle Literaturangaben mit Schlagwörtern versehen sind, andererseits enthält der Band ein Schlagwortregister mit Sach- und Namenseinträgen, das einen eher systematischen Zugriff nach Themen erlaubt.

Insgesamt liegt mit dieser Veröffentlichung eine in großen Teilen komplette Dokumentation des Ertrags der Gedenkfeiern zu Pestalozzis 250. Geburtstag vor. Alle diejenigen, die sich für die Pestalozzi-Forschung interessieren, finden hier eine Fülle von aktuellen Literatur- und Materialhinweisen, die eine schnelle Orientierung ermöglichen und darüber hinaus die Basis für künftige wissenschaftliche Arbeiten abgeben können - für eine eingehende Untersuchung des Pestalozzi-Jubiläums von 1996 stellt Kuhlemanns Buch eine unentbehrliche Vorarbeit dar.