Der Kindersinn bei Pestalozzi

Ursula Börner

Bonn: Rheinische-Friedrich-Wilhelms-Univ., 1975, 161 S.

Bonn: Rheinische-Friedrich-Wilhelms-Univ., 1975, 161 S.

Ursula Börner weist im Vorfeld ihrer Arbeit darauf hin, daßes sich hier weder um die Erziehungslehre Pestalozzis, noch um eine Art Phänomenologie des Kindlichen, noch um Pestalozzis pädagogisch-politische Anthropologie handelt. Dies seien zwar alles Gesichtspunkte, die einfließen, aber nicht das zentrale Thema der Untersuchung.

Der "Kindersinn", der das Thema ihrer Arbeit ist, gehört nach Börner zu den vielen Pestalozzischen Sprachprägungen, die unmittelbar einleuchten und von jedem Leser Pestalozzis durch Assoziationen, in denen biographische, psychologische und sentimentale Momente mitschwingen, gefüllt werden können. Börner möchte hier den "Kindersinn" als eine besondere anthropologische Struktur bei Pestalozzi klären und umgrenzen. Dabei erläutert sie, daß das Wort "Kindersinn" bei Pestalozzi anthropologische, moralische und theologische Bedeutung hat. Pestalozzi meint zunächst den Sinn des Kindes. Dabei ist nicht nur der Sinn des an der Zahl seiner Lebensjahre gemessenen kleinen Menschen gemeint, sondern ganz allgemein der Sinn des Menschen, sofern er für neue, noch unvermittelte Erfahrungen offen ist. Börner bezeichnet dies als die Kategorie des "Unvermittelten", welches ein zentraler Begriff ihrer Untersuchung wird.

Ein weiteres Strukturelement des "Kindersinns", auf das Börner eingeht, ist die moralische Qualität, die dieser bei Pestalozzi habe. "Kindersinn" sei für ihn Sinn für das Gute, Wahre, Richtige. Er sei als solcher "Güte" und "Wahrheitssinn". Nach Börner sei für Pestalozzi erstaunlich und typisch, daß er diesen Sinn dem kindlichen, für sich selbst noch nicht verantwortlichen Menschen zuspreche. Das Pestalozzische Kind gewinne nicht an Gut-Sein, indem es erwachsener werde, sondern im Gegenteil, es entferne sich immer weiter von dem Stand seiner ursprünglichen "Güte".
Mit Pestalozzis Wissen um die Gefährdung des Menschen "in seinem Wesen", das in der Pestalozzi-Literatur von Theodor Litt am klarsten herausgestellt wird, leitet Börner zur dritten Kategorie des "Kindersinns" über. Dabei meint sie die theologische Bedeutung des "Kindersinns". Er ist der Sinn der ursprünglichen menschlichen Unschuld. Die von Börner beschriebenen Kategorien: Unverstelltheit gegenüber noch nicht vermittelten Erfahrungen, menschliche Güte und Schuldlosigkeit im theologischen Sinn bezeichnet Börner als konstitutiv für Pestalozzis Kindersinn. Nachfolgend untersucht sie dies im Zusammenhang des heutigen Wissens um die Psychologie, der Medizin und der Soziologie über die Kindheit.

Ein weiterer Kernpunkt ihrer Arbeit ist die Auseinandersetzung mit dem Patriarchalismus in Pestalozzis Pädagogik. Er ist Ansatzpunkt für Börners Kritik und wird am Ende des Abschnittes "Vatersinn" und im Rahmen des Kapitels "Utopie - Moralismus - Sozialanalyse" diskutiert.

Das Inhaltsverzeichnis gibt Aufschluß über die Gliederung des Werkes. Anmerkungen und Quellen zu den Pestalozzi-Zitaten und der zitierten Pestalozzi-Texte werden aufgeführt. Darüber hinaus weist Börner Sekundärliteratur und Literatur, die in einem allgemeineren Zusammenhang mit dem Thema ihrer Arbeit steht, nach.

Biographische Angaben zur Autorin:

Ursula Börner, geboren am 18. Januar 1937 in Wiesbaden. Bis 1945 Besuch der Volksschule in Nauroth, bis 1949 in Hausen vor der Höhe. 1957 Abitur am Realgymnasium der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden. Abgebrochenes Studium der Germanistik und Theologie in Bonn, ein Werksemester in Haus Villigst bei Schwerte a. d. Ruhr, sowie nachfolgendes Studium als Stipendiatin des Evangelischen Studienwerkes Villigst e. V. an der Theologischen Hochschule Bethel bei Bielefeld. 1959 Vorprüfung in Philosophie und Pädagogik in Bonn.

(AR)