Eigentum und Erziehung bei Pestalozzi. Geistes- und realgeschichtliche Voraussetzungen

Leonhard Friedrich

Frankfurt/M., Bern: Lang, 1972, 475 S. (Europäische Hochschulschriften, Reihe XI Pädagogik; 9)

Frankfurt/M., Bern: Lang, 1972, 475 S.

Leonhard Friedrich hat den Frageansatz seiner Arbeit in der Erziehungspraxis gewonnen. Er resultiert aus Erfahrungen, die Friedrich als Lehrer an einer Heimschule für schwererziehbare Kinder und deren Verhalten im Umgang mit bestimmten Objekten sammelte.

Friedrich orientiert sich zunächst an den eigenen Beobachtungen im Bereich der Heimerziehung. Danach richtet er seine Aufmerksamkeit auf die Ergebnisse empirischer Untersuchungen über das Eigentumsverhalten sozial gefestigter und nicht gefestigter Kinder. Er geht der Eigentumsproblematik in der Geschichte der Philosophie nach und befragt den sozialgeschichtlichen Kontext. Dabei ermittelt er umfangreiches Material in der Geschichte der Pädagogik. Hier wendet sich Friedrich dem Werk Pestalozzis zu, da hier die Implikationen des Problems exemplarisch in Erscheinung treten und Pestalozzis Denken jene Weite besitzt, die der anthropologischen ebenso wie der politisch-gesellschaftlichen Sichtweise Raum gewährt.

Anschließend konzentriert Friedrich die Problemstellung auf die Voraussetzungen von Pestalozzis Eigentumsverständnis. Um das Problem des Eigentums im Denken von Pestalozzi transparent zu machen und seine Schriften entsprechend interpretieren zu können, berücksichtigt Friedrich die geistes- und realgeschichtlichen Voraussetzungen, den damaligen Diskussionsstand in der Eigentumsfrage und die lebensgeschichtlichen Bedingungen. Friedrich geht darauf ein, daß Pestalozzis Denken entscheidend von konkreten Lebensverhältnissen angeregt und geprägt wird. Doch weist Friedrich darauf hin, daß dies nicht dazu verleiten darf, die Verwurzelung Pestalozzis in der Geistesgeschichte zu übersehen. Nach Friedrichs Meinung ist Pestalozzi zweifellos von philosophischen, theologischen und rechtswissenschaftlichen Positionen ebenso abhängig wie von den "Realverhältnissen". Beide bilden gewissermaßen die Pole, aus deren Spannung Pestalozzis Konzept erwächst. Friedrich stellt fest: "Die Konfrontation der aus der Geistesgeschichte abstrahierten idealen Maßstäbe mit der unzulänglichen Realität oder auch die Vergleiche zwischen den sehr unterschiedlichen Formen und Inhalten der politischen wie gesellschaftlichen Verhältnissen der Schweiz haben Pestalozzis Urteilskraft geschärft. Die konkrete Wirklichkeit nahm er als Herausforderung an, das Menschenwürdige zu suchen. Das idealische Wollen seiner Jugendzeit wurde im Laufe seines leidvollen Lebens zur glaubwürdigen Solidarität mit den Gedrückten, Geschundenen und Benachteiligten geläutert. Sein Wille, die jeweilige Situation zum Besseren hin zu verändern, wurde gestärkt und als Kraft in den pädagogischen Bemühungen bis zur Gegenwart hin wirksam". (S. 8)

Am Ende des Haupteils erfolgt eine mehrseitige Schlußbetrachtung Friedrichs, im Anschluß ausführliche Nachweise und Anmerkungen der zitierten Schriften, sowie ein systematisch geordnetes Literaturverzeichnis über siebenundvierzig Seiten.

Biographische Angaben zum Autor:

Dr. phil. Leonhard Friedrich, geboren 04.10.1930 in Rimhorn/Odenwald, seit 1980 Prof. für Systematische Pädagogik an der Universität Düsseldorf. 1955 Staatsprüfung an der Universität Marburg, 1955-1961 Lehrer an der Frankfurter Liebfrauen- und Taunusheimschule, 1961-1972 Päd. Mitarb., 1970 Promotion an der Universität Marburg. 1972 Prof. Universität Gießen, 1972-1980 o. Prof. f. Allg. Päd. PH Rheinland Abt. Neuss.

(AR)