Johann Heinrich Pestalozzi.

Max Liedtke

Reinbeck: Rowohlt, 13. Aufl. 1995. 184 S., zahlr. Abb. (rororo monographien, Bd. 138).

Reinbeck: Rowohlt, 13. Aufl. 1995. 184 S., zahlr. Abb. (rororo monographien, Bd. 138).

Max Liedtkes Pestalozzi-Biographie ist erstmals 1968 erschienen, hat mit der 13. Auflage von 1995 eine Auflagenhöhe von 58.000 erreicht und ist damit heute die am weitesten verbreitete Pestalozzi-Biographie. Die an Leben und Werk orientierte und mit Bilddokumenten aufgelockerte Biographie gliedert sich in 15 Kapitel, die Pestalozzis Lebensstationen verbinden mit der Darstellung seiner Entwicklung, seiner Gedanken und seiner Werke.

Liedtke beginnt im Kapitel "Züricher und Patriot" (S. 7-27) mit einer Skizze von Pestalozzis familiärer Situation, seiner Kindheit und seinen Schulerfahrungen in Zürich um die Mitte des 18. Jahrhunderts, den ersten schriftstellerischen Versuchen, seiner Mitgliedschaft in der Helvetischen Gesellschaft zur Gerwe und den ersten an Rousseau orientierten politischen und sozialen Vorstellungen, aber auch den ebenfalls an Rousseau orientierten persönlichen Lebensentwürfen. Im Kapitel "Der Bräutigam" (S. 29-33) wird das Lebensbild fortgeführt anhand der knapp 500 erhaltenen Briefe zwischen Pestalozzi und Anna Schultheß. Pestalozzis Neuhofzeit wird unter den Überschriften "Der Städter wird Bauer" (S. 34-50), "Der Bauer wird Armenerzieher" (S. 51-55) und "Der Armenerzieher wird Schriftsteller" (S. 56-70) beschrieben. In diesen biographischen Kapiteln werden durch kursiv hervorgehobene Zitate entweder aus Werken der jeweiligen Lebensperiode oder aus späteren autobiographischen Texten die Einstellungen Pestalozzis herausgearbeitet. In den dann folgenden Kapiteln stehen die großen Werke Pestalozzis im Mittelpunkt, im Kapitel "Der Volksroman" (S. 71-88) Pestalozzis Erziehungsroman "Lienhard und Gertrud" und im Kapitel "Über Gesetzgebung und Kindermord" (S. 89-93) diese für Liedtke neben Lienhard und Gertrud bedeutendste Schrift dieser Lebensperiode. Pestalozzis Reflex auf die Französische Revolution wird in dem Kapitel "Der Ehrenbürger der Französischen Revolution" (S. 95-101) dargestellt, um sich danach in dem Kapitel "Meine Nachforschungen" (S. 102-110) dieser 1797 veröffentlichten Schrift Pestalozzis zuzuwenden, in der Liedtke Pestalozzis reflexive Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution sieht. Die "pädagogische" Wende in Pestalozzis Leben wird in dem Kapitel "Revolutionär wider Willen und die Lehren von Stans" (S. 111-121) aufgezeigt und in den Kapiteln "Die Methode" (S. 122-136) und "Im Dienst der Methode" (S. 137-156) Pestalozzis Wirken in Burgdorf, in Münchenbuchsee und während der langen Jahre in Yverdon, wobei die in diesen Jahren entstandenen Werke in die Darstellung einbezogen werden. In den abschließenden Kapiteln "Der Revolutionär und die Restauration" (S. 157-158), "Der Niedergang der Anstalt" (S. 159-165) und "Schwanengesang" (S. 166-167) werden dann sehr knapp die letzten Lebensjahre Pestalozzis geschildert.

Liedtkes Biographie ist keine Glorifizierung Pestalozzis, aber doch in der Tradition der Pestalozzi-Biographien von Morf und Schönebaum geschrieben, was auch Zitate und Anmerkungen deutlich machen. Auch ist öfters aus der Werkausgabe von Seyffarth (1899-1902), der Schweizerischen Klassikerausgabe (1944-1947) oder der Briefsammlung von Israel (1904) zitiert, statt konsequent die Kritische Gesamtausgabe zu nutzen. Das Literaturverzeichnis ist aktuell fortgeschrieben, wobei allerdings die Ergebnisse der neueren Arbeiten zur Pestalozzi-Forschung und -Rezeption nicht immer in die Biographie eingearbeitet sind. Die Biographie wird weiter ergänzt durch eine Zeittafel (S. 172-173), durch Zeugnisse über Pestalozzi (S. 174-175) und durch ein Namensregister (S. 181-182).

Liedtkes Pestalozzi-Biographie ist für fortlaufendes Lesen gedacht und eröffnet ihren Lesern einen ersten zusammenhängenden Zugang zu Leben und Werk Johann Heinrich Pestalozzis. Zum Nachschlagen oder auszugsweisen Lesen ist diese Veröffentlichung weniger geeignet, auch nicht zur intensiven Auseinandersetzung mit einzelnen Werken Pestalozzis. Aber es wird eine ansprechende wissenschaftlich fundierte biographische Skizze von Leben und Werk Pestalozzis geboten, die zur weiteren Beschäftigung mit Pestalozzi anregt. Jede weitergehende Auseinandersetzung mit Fragen und Themen der Pestalozzi-Forschung oder mit Werken Pestalozzis wird dann allerdings die Auseinandersetzung mit spezialisierter Fachliteratur erfordern. Die vorliegende Pestalozzi-Biographie ordnet sich in ihrem Konzept nahtlos in die Reihe "rororo monographien" ein, in der vergleichbare biographische Skizzen auch von anderen Pädagogen oder pädagogischen Denkern erschienen sind, z.B. von Comenius, Fröbel, Korczak, Neill oder Rousseau.