Pestalozzi. Der Mensch und sein Werk

Käte Silber

Heidelberg: Quelle & Meyer, 1957. - 255 S.

Heidelberg: Quelle & Meyer, 1957. - 255 S.

In ihrem vorliegenden Buch behandelt Käte Silber den "ganzen" Pestalozzi und gründet ihre Darstellung auf wissenschaftliche Forschung. Sie will auf dieser Grundlage dem interessierten Leser, der noch nichts von Pestalozzi weiß, den Werdegang, den Lebenszweck und die Persönlichkeit in lesbarer Form schildern.

Im ersten Kapitel "Ausbildung (1746-1769)" berücksichtigt Silber Pestalozzis Kindheit und Jugend in Zürich, sein Verhältnis zu den Eltern und die Atmosphäre im elterlichen Haus, in der Pestalozzi aufwächst. Sie geht auf Pestalozzis Schuljahre ein, den Besuch der Lateinschule, des Collegium Humanitatis und der philologischen und philosophischen Klasse des Collegium Carolinum. Silber betont, daß neben dem akademische Unterricht für Pestalozzis Entwicklung vor allem die historisch-politische Vereinigung, der er sich in seiner Studienzeit anschließt, wichtig erscheine. Im Gegensatz zu der Eigenbrötlerei seiner Schulzeit, füge er sich hier mit lebhafter Zustimmung in die Gemeinschaft Gleichgesinnter. Darüber hinaus beschreibt Silber die Begegnung Pestalozzis mit Anna Schultheß und den Eintritt in den Beruf der "modernen Methoden der Landwirtschaft".

Im zweiten Kapitel "Schriftstellerei (1769-1783)" geht Silber auf Pestalozzis praktische Versuche ein, die Gründung und den weiteren Verlauf des Armenhauses auf dem Neuhof, seine literarischen Anfänge und die persönlichen Beziehungen zu seiner Frau und dem einzigen Sohn Jean Jacques. Pestalozzi wird Mitglied in der "Helvetischen Gesellschaft" und kommt auf diese Weise mit den führenden Sozialpolitikern der Zeit in Berührung. In dieser Zeit werden Pestalozzis "Briefe" in den "Ephemeriden der Menschheit" veröffentlicht, was im Zugang zu literarischen Kreisen verschafft und den Beginn seiner schriftstellerischenTätigkeit bedeutet. Hier entstehen "Die Abendstunde", "Lienhard und Gertrud I/II", "Christoph und Else", auf die Silber ausführlich eingeht.

Im dritten und vierten Kapitel "Sozialpolitik (1783-1793)", "Politik und Philosophie (1793-1801)" stellt Silber Pestalozzis Auseinandersetzung mit der Gesetzgebung und dem Problem des Kindermordes dar. Pestalozzis wesentliche Überlegungen seien hier einzelne Gesetzesvorschläge im Zusammenhang mit den besonderen Ursachen des Kindermordes. Pestalozzi bemühe sich über die Fragen der praktischen Gesetzgebung hinaus auch die zugrundeliegenden Probleme theoretisch zu erforschen. Es fallen Begriffe wie "Eigentum" und "Verbrechen", auf die Pestalozzi sich in seinen Untersuchungen stütze.
Pestalozzis Werk "Lienhard und Gertrud III/IV" wird von Käte Silber ausführlich einbezogen. Im letzten Abschnitt des dritten Kapitels werden die religiöse Haltung Pestalozzis, seine persönlichen Erfahrungen und politischen Eindrücke von Deutschland und seine politische Stellungnahme zur Schweiz behandelt.

Mit Pestalozzis Revolutionsschriften leitet Silber den vierten Teil ihres Buches ein. Den Glauben an den aufgeklärten Absolutismus habe Pestalozzi verloren. Im Gegenteil mache er nun die "Allmachtsansprüche der Höfe" für die erregte Volksstimmung verantwortlich. In einer sogenannten "psychologischen" Geschichtsbetrachtung blicke er auf die politische Entwicklung seit der Zeit des Feudalsystems zurück, das er immer als Idealzustand der Volksberuhigung betrachtet habe. Hier geht Silber umfassend auf Pestalozzis Werk "Meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts" ein. Die "Nachforschungen" gehen von den Widersprüchen aus, die in der menschlichen Natur zu liegen scheinen und behandeln die Frage: "Was bin ich und was ist das Menschengeschlecht ?". Im letzten Teil des vierten Kapitels schildert Silber Pestalozzis neuen Lebensabschnitt in Stans, wo ihm die Leitung der neugegründeten Armenanstalt für wohnungslose Kinder übergeben wird.

Im fünften Kapitel"Die Methode (1801-1805)" beschreibt Silber Pestalozzis Zeit als Lehrer in Burgdorf und die Entwicklung seiner Unterrichtsmethode. Pestalozzis praktische Erfolge in der Erziehungsanstalt in Burgdorf erzielten die Annerkennung seiner Methode zur offiziellen nationalen Unterrichtsweise.

Die "Elementarbildung (1805-1815)" ist Überschrift des sechsten Kapitels und behandelt Pestalozzis Fortbildung der Methode. Er verfolge mit seiner Arbeit in dieser Zeit drei verschiedene Seiten des allgemeinen Bildungsziels: die Weiterforschung des Wesens der Methode, die Fortentwicklung der Bildungsmittel und die Ausgestaltung der Erziehungsanstalten. Hier wende sich Pestalozzi der sittlich-religiösen und physischen Erziehungals Bestandteil der Elementarbildung zu. Er dehne diese bis auf das Gebiet der Berufs-und bürgerlichen Erziehung aus. Die Jahre bedeuteten für Pestalozzi ein Auf und Nieder, bedingt durch die Vielzahl der Besucher der Anstalt, persönliche Auseinandersetzungen,finanzielle Schwierigkeiten und Angriffe seitens der Kritiker. Er beende in dieser Zeit das "Gebäude seiner Methode" und vollende seine große politische Schrift "An die Unschuld, den Ernst und den Edelmut meines Zeitalters und meines Vaterlandes".

Im letzten Teil ihres Buches "Menschenbildung - Volkskultur (1815-1827)" geht Silber auf die politischen Umwälzungen der Jahre 1813/15 ein und auf Pestalozzis Agieren als überzeugter Demokrat. In dieser Zeit nehme Pestalozzi wieder Stellung zu politischen Fragen und biete der Regierung seine Erfahrung und seinen Rat an. Er habe in seinem Leben verschiedene Verfassungsformen kommen und gehen sehen und könne somit aus langer Erfahrung heraus das Vorbild einer humaneren Regierungsweise aufzeigen. Begriffe wie Selbsucht, Roheit, Gewalt seien für Pestalozzi die Quelle allen Übels. Die Gefahr des Zeitalters liege in der zunehmenden Vermassung, in dem Übergewicht der "kollektiven" über die "individuelle" Existenz. "Denn die Masse besteht aus sinnlichen Wesen; in ihr kommen alle Anlagen der tierischen Natur zum Ausdruck: "...Nur die einzelne Persönlichkeit ist sittlicher Erhebung fähig". (S. 205) Dieses Kapitel ist durchzogen von Erfolg und Scheitern Pestalozzis und endet mit Käte Silbers Beschreibung der Altersschriften Pestalozzis "Lienhard und Gertrud , 3. Fassung", des "Schwanengesang" und seiner letzten Lebensjahre bis zum Tod.

Im Anschluß des Werkes finden sich sechsseitige Anmerkungen in Form von Quellenangaben, Pestalozzi-Quellen und Pestalozzi-Auswahlliteratur. Darüber hinaus führt Rinser ein dreiseitig, alphabetisch geführtes Personenverzeichnis auf.

Biographische Angaben zur Autorin:

Käte Silber (1902-1979) hat sich bereits durch frühere Pestalozzi -Studien einen Namen gemacht. Ihre pädagogischen Erfahrungen umspannen Volks- und höhere Schule, Lehrer- und Erwachsenenbildung. 1939 emigrierte sie nach England, wo sie weiter über Pestalozzi gearbeitet hat. Sie ist Verfasserin zahlreicher deutsch- und englischsprachiger Schriften.

(AR)