Pestalozzi und die Anfänge einer zentralen staatlichen Lehrerbildung im deutschen Südwesten

Gerhard Silberer

Heidelberg: Ruprecht-Karls-Univ., Diss., 1968, 376 S.

Heidelberg: Ruprecht-Karls-Univ., Diss., 1968, 376 S.

Gerhard Silberer bemüht sich in seiner vorliegenden Arbeit um eine doppelte Aufgabe. Zunächst möchte er eine Zusamenfassung jener Jahre geben, die für das Entstehen einer zentralen staatlichen Lehrerbildung im südwestdeutschen Raum bedeutungsvoll sind. Die zweite Aufgabe besteht darin, in dem behandelten Zeitraum besonders den geistesgeschichtlichen Einfluß Pestalozzis auf die Lehrerbildung des Landes herauszuheben.

Das erste Kapitel leitet Silberer mit der Überschrift "Pestalozzis Vorstellungen vom Lehrer und von Lehrerbildung" ein. Diese Vorstellungen erörtert Silberer im Spiegel der Werke Pestalozzis. Im ersten Teil geht Silberer darauf ein, daß Pestalozzis Idealvorstellungen vom Lehrer an seinen Aussagen über den Lehrer seiner Zeit gemessen werden müsse. Dieser sei in seiner Entartungsform "ein Vielwisser, eine Erklärungsmaschine, die sich um des Broterwerbs willen einer heillosen Halbbildung ausgeliefert hat". Das wiederum sei der Grund für "die Unnatürlichkeit, Verworrenheit, Unempfänglichkeit und Herzlosigkeit vieler Lehrer, deren Zustand Mitleid und Bedauern wecken muß". (S. 1)
Der zweite Teil beschreibt Pestalozzis Auffassung von Lehrerbildung: zum einen die Bildung zur Idealform des Lehrerphilosophen durch Selbstbildung. Zum anderen die Lehrerbildung durch Pestalozzis "Methode" als geeignetes Mittel. Unter der "Methode" verstehe Pestalozzi zum einen jenes Mittel, "der Natur Hand zu bieten, daß sie über das, was in ihr selbst liegt, sich selber ausspreche", zum anderen aber auch eine psychologisch geordnete Reihenfolge von Mitteln, die ausgebildete Kraft der Menschennatur "in ihrem Anfangspunkt zu erregen, in ihrem Wachstum zu leiten, zu stärken und endlich ihrer Reifung näher zu bringen". (S. 4-5)

Im zweiten Kapitel "Die Anfänge der Lehrerbildung im deutschen Südwesten", befaßt sich Silberer mit der Lehrerbildung als Schulmeisterlehre, die wie allgemein im achtzehnten Jahrhundert die überlieferte handwerkliche Form der Schulmeisterlehre meint. Dies läßt sich aus der Vielzahl gesetzlicher Anordnungen gegen Ende des Jahrhunderts, die der Vielzahl der Territorien entspricht, entnehmen. Vorschriften über die zu befolgende Methode werden kaum gemacht. Ein bedeutetender Anstoß zum Methodenbewußtsein und zur Vereinheitlichung, ergeben die im evangelischen Schulwesen von Basedow und im katholischen Schulwesen von Felbiger angestrebten Reformen.

Hier leitet Silberer zum zweiten Teil des Kapitel "Zentrale Lehrerbildung in Abhängigkeit von anderen schulischen Institutionen" über. Ausgangspunkt sind die Felbigerschen Reformen, die die methodische Bildung der Lehrerschaft durch ein zentrales System von Normal- und Hauptschulen meine, die in Kursform ältere und jüngere Lehramtsbewerber auf die Höhe der Methode zu führen habe. Silberer geht dabei ausführlich auf jene Orte ein, die besonders günstige Entwicklungsbedingungen bieten und sich mit der Methode Pestalozzis auseinandersetzen. Der letzte Teil bildet die "Zentrale Lehrerbildung in eigenständigen staatlichen Bildungsinstituten". Vorab schildert Silberer die Auseinandersetzung der nun bestehenden zentralen und staatlichen Bildungsinstitute mit der Unabhängigkeit der Lehrerbildung vom Lyceum.

Mit dem dritten und letzten Kapitel weist Silberer auf die "Grundlinien der Pestalozzirezeption in der zentralen staatlichen Lehrerbildung Badens" hin. Wesentlich ist hier "der neue Geist" der vor allem von Stern und Nabholz, aber auch Ladomus und Wittmer, die in die Schule Pestalozzis gegangen sind, übernommen wird. Sie gehen von Elementarfächern aus, die sie zu technischer Perfektion zu führen suchen. Dabei beschränken sich einzelne, ähnlich wie Pestalozzis engste Mitarbeiter, auf ein einziges Elementarfach, Ladomus etwa auf den mathematisch-geometrischen, Haag und Gersbach auf den musikalischen Bereich, andere haben besondere Schwerpunkte, wie etwa Nabholz die Sprachlehre. Allen gemeinsam sei eine erkennbare Abkehr von allgemeinpädagogischer Spekulation, auch wenn abstrakt-philosophische Gedankengänge etwa bei Nabholz und Ladomus sehr stark in die elementare Auseinandersetzung mit dem Stoff hineingenommen werden.

Im Anschluß seiner Arbeit führt Silberer eine Textsammlung von Nabholz und Stern auf, einen zwölfseitigen Quellennachweis, sowie einen mehrseitigen Nachweis der Darstellungen (Lexika, Periodica, Monographien). Darüberhinaus beinhaltet Silberers Arbeit mehrere Skizzen und Abbildungen die chronologisch nachgewiesen und verzeichnet werden.

Biographische Angaben zum Autor:

Gerhard Silberer, geboren am 18.Februar 1928 in Offenburg/Baden. Nach achtjährigem Besuch der Volksschule, Beginn eine vermessungstechnische Lehre 1942 . 1945-1946 Schulbesuch der Oberrealschule Offenburg. Nach philosophischen, historischen und theologischen Studien in Freiburg/Br., Luzern und Pullach bei München, erwirbt er 1955 das Lizentiat der Philosophie. Es folgen drei Semester Theologie an der Universität Innsbruck, 1959-1961 Studium am Pädagogischen Institut in Karlsruhe mit Abschluß der ersten Prüfung für das Lehramt an Volksschulen. 1963 zweite Staatsprüfung, danach wissenschaftliche Hilfskraft an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe, 1964 vertieftes Studium der Pädagogik, Philosophie und Geschichte an der Universität Heidelberg. Verfasser zahlreicher Schriften und Beiträge.

(AR)