Pestalozzis Menschenbild und die Gegenwart

Albert Reble

Stuttgart: Klett, 1952, 42 S.

Stuttgart: Klett, 1952, 42 S.

Pestalozzis Menschenbild und die GegenwartAlbert Rebles Abhandlung ist die erweiterte Fassung eines Vortrages, den er bei verschiedenen Gelegenheiten gehalten hat. Mit ihr möchte Reble unserer Zeit eine immer noch wenig bekannte und doch bedeutsame Seite von Pestalozzis Denken vor Augen stellen.

Im ersten Teil zeigt Reble auf, daß schon die "großen" Philosophen wie Kant, Hegel und Rousseau sich mit der Frage beschäftigen "Was ist der Mensch?". Kant, stelle die These auf, daß diese Frage als die "fundamentale Frage der Philosophie anzusehen sei, wenn man das Philosophieren in seinem weitesten und höchsten Sinne versteht". (S. 3) Rousseau vertritt die These der Aufklärung, daß der Mensch "von Natur gut sei", "... das Leben seiner Zeit aber höchst verdorben sei" und dieses Verderbnis gleichsam von außen kommt: "von der Gesellschaft, von einem bestimmten Lebensstil, von einem naturwidrigen Staat etc.. Sie ist eine Verirrung, ja bloß eine Verdeckung des guten Kerns im Menschen und verschwindet deshalb von selbst, wenn die Menschen sich wieder auf das "Natürliche" besinnen und insbesondere Erziehung, Gesellschaft und Staat entsprechen reformieren". (S. 8)
Auch bei Hegel führt Rebel den grundsätzlichen Optimismus beim Menschenbild auf. Trotz vieler, echter und unaufhebarer Spannungen in der menschlich-geistigen Welt, die Hegel sieht, hält es ihn nicht davon ab, die Weltgeschichte im ganzen für den notwendigen und sinnvoll geordneten, den "logischen" Gang der Weltvernunft und den Staat für einen Träger und ein Organ dieser Vernunft zu halten.

Reble geht darauf ein, daß im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts dieses idealistische Menschenbild von verschiedener Seite erschüttert wird, zum Beispiel von Schopenhauer, Nietzsche, Kierkegaard und besonders vom mehr biologischen oder mehr soziologischen Naturalismus wie bei Darwin, Marx etc.. Für das allgemeine Bewußtsein durchgesetzt hat sich dabei vor allem die naturalistische Menschenauffassung. Hier leitet Reble auf Pestalozzi über, der schon in der Zeit der hochgespannten idealistischen Spekulation als Zeitgenosse Fichtes und Hegels eine weitgreifende Philosophie des Menschen entwickelt habe, die in entscheidenden Punkten von den idealistischen Thesen ebenso abweiche wie von der naturalistischen Position. Reble zitiert Pestalozzi hier als den großen praktischen Erzieher, aber auch den tiefgründigen - allerdings zähen und grüblerischen - Denker. Wie um die Grundfragen der Erziehung und des Unterrichts, so betont Reble, ringt Pestalozzi hierbei auch um die großen allgemeinen Probleme des Menschseins und der Kultur. Reble erscheint es wichtig, darauf hinzuweisen, daß über Pestalozzis herausragenden pädagogischen Leistungen dies nicht vergessen werden darf, da es doch die ganze Weite und den Hintergrund seines erzieherischen Wollens beleuchte. Die folgenden Seiten widmet Reble dem Schaffen Pestalozzis als Erzieher besonders für die "Emporbildung der Ärmsten", sein philosophisches Hauptwerk "Meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts", die Auseinandersetzung Pestalozzis mit den politischen Verhältnissen seiner Zeit und deren Folgen auf die Menschen als Person und die Stufen des Menschseins (Sittlicher Zustand - Gesellschaftlicher Zustand - Tierischer Zustand), die von Reble veranschaulicht werden.

Den letzten Abschnitt seiner Abhandlung beendet Reble mit den Worten: "Viele der Gedanken Pestalozzis über den Menschen scheinen in einer manchen gewiß überraschenden Weise, geradezu für unsere Zeit geschrieben; denn sein Menschenbild ist aus dem unmittelbaren persönlichen Erleben einer inneren Gefährdung des Menschseins erwachsen, und sein Denken erkennt darüber hinaus in solcher Gefährdung ein Grundmotiv der menschlichen Existenz überhaupt". (S. 40)

In den zweiseitigen Anmerkungen führt Reble die zitierten Schriften auf.

Biographische Angaben zum Autor:

Dr. phil. Albert Reble, geboren am 20. August 1910 in Magdeburg, Prof. für Pädagogik. 1929 Reifeprüfung, 1935 Promotion. 1934-1947 Volks- Mittelschul- (1935) und Gymnasiallehrer (1943). 1946-1949 Prof. an der Universität Halle. 1949-1954 Studienrat, 1954-1962 Prof. der Pädagogischen Akademie Bielefeld und Münster (1961), 1962 Prof. an der Universität Würzburg. Verfasser zahlreicher Schriften, Fachaufsätze und Beiträge.

(AR)