Zur Dialektik von Affekt-, Sozial- und Ich-Bildung. Pestalozzi und Freud

Hermann Worm

Heidelberg: Quelle & Meyer, 1972, 190 S.

Heidelberg: Quelle & Meyer, 1972, 190 S.

Hermann Worm gliedert den Haupteil seiner Arbeit in drei Kapitel: "Grundlagen", "Pathologie" und "Bildungsprozeß".

Im ersten Kapitel geht Worm auf die Triebbasis der menschlichen Natur, Schicksale der Objektbeziehung und den Prozeß der Ichbildung ein. Er zitiert Freud, der entgegen jeglicher biologistischen Dogmatik feststelle: "Die Trieblehre ist sozusagen unsere Mythologie. Die Triebe sind mythische Wesen, großartig in ihrer Unbestimmtheit". (S. 17) Hier fällt auch der Begriff "Sinnlichkeit", der für Pestalozzi wie Freud der "...Fuß unserer Existenz" darstellt. Als zweiten Grundbegriff erwähnt Worm die "Aggression", die beide, Pestalozzi und Freud im Kindesalter entdecken. Pestalozzi stelle fest: "Das Kind ... ist grausam, liebt Erfahrung zu machen, die Schmerz hervorbringen...". Freud meine dasselbe: "Grausamkeit liegt dem kindlichen Charakter überhaupt nahe ...". (S. 20)
Im Anschluß an die Analyse der Triebbasis beschreibt Worm Pestalozzis "Methode der Analyse psycho-sozialen Zusammenhänge". Pestalozzi gehe von dem Gedanken aus, daß menschliche Existenz nur als Entwicklungsprozeß begreifbar sei, im Sinne einer Entwicklung durch Widersprüche. Nach dem "Triebaspekt" wendet sich Worm dem "Objektaspekt" zu. Hier nimmt Worm den Begriff "primärer Narzismus" auf, der das Objekt noch nicht konstituiere, ebenso nicht das Ich im eigentlichen Wortsinn. Der Prozeß der Ichbildung wird von Worm zunächst im Hinblick auf den "Triebaspekt" dargestellt. Hier zitiert er den pestalozzischen Denkansatz: "Der befriedigte Säugling lernt,was ihm seine Mutter ist auf dieser Bahn, und sie bildet in ihm Liebe ...". (S. 37)
Worm schildert, daß im affektiven Austausch mit der Mutter das Kind "die ersten Eindrücke der Sittlichkeit im dunklen Empfinden der Liebe und Danks" erfährt. "Sittlichkeit" sei bei Pestalozzi als Erfahrung von Identität zu interpretieren. So seien körperliche Bedürfnisse und ihre Befriedigung nicht nur "Grundlag der Entwiklung seiner Kräfte", sondern durch sie würden Ich-Kräfte entwickelt. (S. 37)

Im zweiten Kapitel beschäftigt sich Worm mit der Pathologie im "Triebbereich". Hier spricht er vor allem den neurotischen Triebkonflikt an. Bei Pestalozzi klinge die Interpretation von Pathologie in einem entscheidenden Satz an: "die erste Lükke der Liebe, ist die erste Lükke der Sittlichkeit". (S. 45)

Pestalozzi nenne die wichtigste Kategorie: pathologischer Konflikt als "Gift in seinem Innersten", im Zusammenhang der Analyse innerer Widersprüchlichkeit. Worm zeigt auf, daß in Pestalozzis Terminologie, der Gedanke Freuds zugrunde liege, "daß jeder Entwicklungsvorgang die Keime der pathologischen Disposition mit sich bringt". (S. 45)

Im zweiten Abschnitt geht Worm auf die "Pathologie der kulturellen Gemeinschaften" ein. Worm schildert, daß die menschliche Triebkonstitution wesentlich in die soziale Beziehung mit eingehe. Die Triebbasis beeinfluße den sozio-kulturellen Bereich im Menschen, daß Bewahrte erweise sich als bestimmender Faktor. Damit sei nach Pestalozzi gemeint, daß "die Grundlagen der menschlichen Natur" und diese "in allen Verhältnissen des gesellschaftlichen Lebens immer die nämlichen bleiben. Er betone, daß alle "gesellschaftliche(n) Angewöhnungen" nicht den Einfluß der Triebbasis "auszulöschen" vermögen. (S. 63)

Der letzte Abschnitt im zweiten Kapitel stellt die Pathologie im Ich-Bereich dar. Im Vordergrund stehen hier die Schicksale der "Verirrungen der Einbildungskraft" (Pestalozzi) im Zusammenhang mit den analysierten Triebschicksalen in repressiver Gesellschaft. Worm stellt hier die Vorstellung und die Triebenergie in einen bestimmten Zusammenhang: "dem spezifischen Triebschicksal entspricht ein charakteristisches Produkt des Konflikts im Ich-Bereich, dieses hinwieder hat für den Triebkonflikt seine spezifische Bedeutung. Um diese Bedeutung einer bestimmten Vorstellung, sowohl für den eigenen Triebbereich wie für die gesellschaftliche Realität geht es im vorliegenden Kapitel". Das Ergebnis dieser Überlegungen nimmt Worm andeutend vorweg: "die Vorstellung, verflüchtigt in abstrakte Fremdheit, rechtfertigt das Agieren aggressiver Triebenergie, ist, in ihrem gesellschaftlichen Stellenwert, Ideologie". (S. 103-104)

Im dritten und letzten Kapitel beschäftigt sich Worm mit dem Bildungsprozeß. Die dreifache Perspektive des Bildungsprozesses, als Affekt-, Sozial- und Ich-Bildung bestimmen den strukturellen Aufbau der Untersuchung in der stadienspezifischen Interpretation der Grundlagen und der Analyse der entsprechenden Möglichkeiten pathologischer Fehlentwicklung. Nach Freud enthalte Darstellung von Pathologie konkrete Aussagen über Therapie bzw. Bildung. Worm betont, daß nach dem Aufbau dieser Untersuchung kein "Ergebnis" als Synthese des Vorausgegangenen zu erwarten sei. Lediglich die Gesichtspunkte, die in den vorigen Abschnitten oft indirekt von der Pathologie ausgehend, formuliert würden, sollen an dieser Stelle ausdrücklich unter dem dreifachen Bildungsaspekt, zusammenfassend dargestellt werden.

Der Schluß des Hauptteils beschreibt Pestalozzis Vorstellung, was der Lehrende gegenüber dem Schüler sein soll. Abschließend führt Worm ausführliche Belege und Anmerkungen auf. Ein neunseitiges alphabetisch geführtes Literaturverzeichnis wird hinzugefügt.

Biographische Angaben zum Autor:

Dr. phil. Hermann Worm, geboren am 07. Februar 1930, 1970 Promotion, 1971 Prof. der Universität Hamburg, Fachbereich Erziehungswissenschaften/Pädagogik.

(AR)