Erziehung ist mehr als Information und Sozialisation : der vergessene Pestalozzi und das Dilemma unserer Erziehung

Hermann Horn

Dortmund : Crüwell, 1978 : 160 S.

Dortmund : Crüwell, 1978 : 160 S.

"Wer sich mit Pestalozzis Werk vorurteilsfrei und rückhaltlos einläßt, wird folgenreiche Entdeckungen machen können.
Das beginnt schon, wenn Pestalozzi mit seinem kritischen Urteilsvermögen die geistige und geistliche, die politische und wirtschaftliche Situation seiner Zeit analysiert und charakterisiert. Sein unbestechlicher Wahrheitssinn sichtet die offenbaren und versteckten Mängel und Unzulänglichkeiten des Menschen, entlarvt schonungslos Mißstände und Mißverständnisse der Gesellschaft, spürt die unlauteren und unheilvollen Motive in den Verhaltensweisen der Regierenden und Regierten auf, sieht die zukünftige Gefährdung des Menschen und die sich abzeichnende Bedrohung der Welt voraus und weist vor allem leidenschaftliche und überzeugend auf die Maßstäbe abendländischer Überlieferung. Er erinnert an das Ethos, das dieses Unheil aufzuhalten und abzuwenden vermöchte, wenn es sich Kraft schenken ließe aus dem bedingungslosen Angebot des Evangeliums, das wirksam bleibt, auch wenn es in den verschiedenen Ausprägungen des Christentum verkürzt, verstellt und verleugnet wird. ..."

"Gerade der Reichtum Pestalozzischer Einsichten in das Wesen des Menschen macht Kargheit zeitgenössischer Aussagen offenkundig. Die Weite eines Horizontes macht die Beschränktheit des Standpunkts einiger federführender Zeitgenossen sichtbar. Die Tiefe seines leidenschaftlichen Nachdenkens demaskiert die Oberflächlichkeit manchen heutigen Argumentierens, das so leicht sich mit substanzloser Agitation verwechselt. Der eine oder andere könnte solch harte Rede als überheblich empfinden und als ungerecht abweisen. Damit aber verspielten wir eine Chance umfassender Neuorientierung und die Möglichkeit, von Irrwegen gängiger Doktrinen zu dem Weg in eine verheißungsvollere Zukunft zurückzufinden. Wir sollten bejahen lernen: In der Härte dieses Urteils kündigt sich schon der Ausweg aus unserem Dilemma an, vorausgesetzt, wir würden Pestalozzis Gedanken als wegweisend ernstnehmen; wir würden in unserer kritischen Standortbestimmung uns an ihm als einem der maßgebenden Menschen und Erzieher orientieren".

Und genau hierzu möchte Horn mit seiner Quellensammlung einladen und auffordern.

"In den 1797 erschienenen "Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts" entdeckte Pestalozzi im Menschen jenes Wesen, das sich die Welt in dreifach verschiedener Perspektive vorstellen kann, das die Frage nach Wahrheit und Recht dreifach verschieden beantwortet, weil es sich selbst erfahren kann als sinnliche Natur, als gesellschaftliche Rolle, als sittlicher Mensch. Hier entziffert Pestalozzi gleichsam das Rätsel des Menschen, der sich in einer bestimmten Vitalität vorfindet, der in der menschlichen Gesellschaft eine bestimmte Position ein- und eine spezifische Funktion überschreitend - dem Anspruch der Sittlichkeit in personhafter Entscheidung zu entsprechen sich entschließt. Der Mensch erfüllt seine Bestimmung als Mensch erst, wenn er sich zur Sittlichkeit durchringt, wenn er sich nicht damit begnügt, Werk der Natur und Werk der Gesellschaft zu sein, sondern sich als Werk Selbst ergreift. ..."

Pestalozzi ergänzte seinen anthropologischen Grundansatz später, indem er im Menschen Kopf, Herz und Hand unterschied und den Auftra der Erziehung in Kennen, Können und Wollen gliederte.

Viele Verengungen und Einseitigkeiten belasten unsere heutige Zeit und "machen Eltern rat- und hilflos, verunsichern zahllose Lehrer, verwirren und beeinträchtigen unsere Kinder und Jugendlichen, die ein unbestreitbares Recht geltend machen, daß sie als ganze Menschen gefördert und beansprucht, angenommen und herausgefordert werden. Pestalozzi ist ihr beredter Anwalt - auch heute, gerade heute. Sich durch seine vieldimensionale Reflexion aufmerksam machen zu lassen auf Übersehenes und Verdrängtes, auf Verschwiegenes und Verratenes, ist die Chance für die Wiedergewinnung eines pädagogischen Ethos, das sich für den ganzen Menschen verantwortlich weiß, das auch in allen Reformversuchen der bestimmende Maßstab bleiben muß, wenn wir der nachwachsenden Generation den Weg in eine humane Zukunft ebnen wollen".

Das Werk, welches Horn in Form von Zitaten aus Pestalozzis Schriften aufgebaut hat, und sich genau diesen zitierten Worten und Themen seiner Einführung zuwendet, gliedert sich in fünf Hauptteile: Erziehung im Dienst von Glauben und Liebe, religiöse Erziehung als Dimension einer Gesamterziehung, Religionsunterricht als Element der religiösen Erziehung, die Verantwortung der Erziehung und die Kunst der Erziehung und die Ethik des erzieherischen Berufs - also Seelsorge für die Erzieher.

Im Anhang des sehr philosophischen und für den Laien nicht immer leicht verständlichen Werkes befindet sich ein Verzeichnis der zitierten Schriften, eine Auswahlbibliographie sowie eine Liste mit Wort- und Sacherklärungen.

Zur Veranschaulichung des interessanten und außergewöhnlichen Stiles Horns im folgenden ein Beispiel:

Dortmund : Crüwell, 1978 : 160 S.

(SH)