Besinnung auf Pestalozzi.

Otto Müller

CH8496 Steg: Freier Päd. Arbeitskreis, 3. Aufl. 1996. 158 S. (1. Aufl. 1977 in der Edition Pestalozzi im Novalis Verl. Schaffhausen).

Buchcover
CH8496 Steg: Freier Päd. Arbeitskreis, 3. Aufl. 1996. 158 S. (1. Aufl. 1977 in der Edition Pestalozzi im Novalis Verl. Schaffhausen).

Mit der dritten Auflage dieser Schrift, deren Erstauflage 1977 zum 150. Todestag Pestalozzis erschien und die auf einer früheren Schrift Müllers basiert (Die Stimme Pestalozzis. Basel, Olten 1941. 126 S.), will der Herausgeber (Daniel Wirz für den Freien Pädagogischen Arbeitskreis) den "pestalozzischen Geist" über die Zeit hinweg retten und der Erzieheraufgabe wieder eine "gewissen Weihe" zurückgeben.

Die Schrift enthält in einem ersten Teil drei 1975 gehaltene Vorträge über Pestalozzi (S. 770) und in ihrem zweiten Teil in neun Gruppen absatzweise zusammengestellte Pestalozzi Zitate aus unterschiedlichen Schriften, die in ihrer Auswahl Müllers Aussagen des ersten Teils zu belegen versuchen (S. 71144). Die drei zusammenhängenden Vorträge "Was ist der Mensch?" (S. 929), "Die Idee der Menschenbildung" (S. 3049) und "Pestalozzi und die Pädagogik der Gegenwart" (S. 5070) verstehen sich nicht als wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Pestalozzi, sondern als eine Art Rückbesinnung und Hören auf Pestalozzis Stimme, aus der man neue Kraft schöpfen könne. Im ersten Vortrag "Was ist der Mensch?" geht Müller zuerst auf die heute nur noch schwer verständliche Sprache Pestalozzis ein und zeigt dann Pestalozzis Menschenbild und die Entwicklung seiner Vorstellungen vor allem zwischen "Abendstunde", Leutnantsphilosophie in "Lienhard und Gertrud" und den "Nachforschungen". Im zweiten Vortrag "Die Idee der Menschenbildung" geht Müller davon aus, daß die Begriffe "Menschenbildung" und "Elementarbildung" (letzterer vornehmlich in den Alterswerken gebraucht) weitgehend identisch sind und in Übereinstimmung mit den Entwicklungsgesetzen, die in der Menschennatur selbst liegen, die Entwicklung und Emporbildung der vorhandenen Anlagen, Kräfte und Fähigkeiten meinen. Pestalozzi kann in Müllers Sicht gar nicht der Begründer der Staatsschule sein, da bei ihm wahre Menschenbildung in ihrem Ursprung und in ihrem Wesen immer nur Sache des Individuums sein kann. Im dritten Vortrag "Pestalozzi und die Pädagogik der Gegenwart" sieht Müller die gegenwärtige Pädagogik und Schule ganz dem materialistischen Menschenbild verhaftet, aus Individualität sei behavioristische Technologie geworden und allein die anthroposophische Pädagogik Rudolf Steiners weise zurück zu Menschenkenntnis und wahrer Menschenbildung.

Die wenig wissenschaftliche Schrift, sowohl in ihrer Rezeption Pestalozzis als auch ganz besonders in ihren Aussagen zur aktuellen Pädagogik, war schon zum Zeitpunkt ihrer Abfassung (1975) allenfalls im geschlossenen Kreis der Waldorfpädagogen und der anthroposophischen Bewegung akzeptabel. So bleibt hinter der Berechtigung dieser Neuauflage von 1996 doch ein deutliches Fragezeichen.