Denk-mal Pestalozzi.

Hrsg.: Max Furrer, Rita Hofstetter Freiburg/Schweiz: Universitätsverl. 1996. 192 S. (Beihefte zur Zeitschrift Bildungsforschung und Bildungspraxis. Bd. 1). Beiträge in deutscher und französischer Sprache.

Buchcover
Hrsg.: Max Furrer, Rita Hofstetter Freiburg/Schweiz: Universitätsverl. 1996. 192 S. (Beihefte zur Zeitschrift Bildungsforschung und Bildungspraxis. Bd. 1).

Mit diesem Sammelband eröffnet die Redaktion der Schweizerischen Zeitschrift für Erziehungswissenschaft "Bildungsforschung und Bildungspraxis" eine neue Reihe von unregelmäßig erscheinenden Beiheften, die sich jeweils zu thematischen Einheiten fügen sollen. Das Beiheft "Denk-mal Pestalozzi" steht am Anfang diese Reihe und "Denk-mal" versteht sich doppeldeutig im Sinne von 'Denkmal' und 'Denk mal nach'. Ziel des Sammelbandes ist zunächst der Versuch, Zugänge zu Heinrich Pestalozzi und seinem nicht einfach verständlichen Gesamtwerk, der seit 1927 erscheinenden "Kritischen Ausgabe sämtlicher Werke und Briefe" zu eröffnen. Darüber hinaus führt der erweiterte Anspruch, neue Zugänge zum Werk und zur Person zu suchen, was angesichts des Gedenkjahres 1996 zwar ein sinnvolles, jedoch in der Verwirklichung kein einfaches Unternehmen bedeutet.

Im ersten Beitrag "Pestalozzi, Pestalozzianismus und der Aufbau des schweizerischen Schulsystems" (S. 11-33) stellt Fritz Osterwalder die These auf, daß der Pestalozzianismus und die von Yverdon ausgehende öffentliche Propagierung der Methode letztlich keinen Einfluß auf die Herausbildung des Schweizerischen Schulsystems genommen hat und Pädagogik und Schulpolitik in der Schweiz der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert nicht auf einer Auseinandersetzung mit Pestalozzis Werk basieren. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts wird Pestalozzi dann zwar zu einer zivilreligiösen Stifterfigur der Schweiz und der Pestalozzianismus gleichsam zu einem Kult, in dem sich alle politischen, religiösen und pädagogischen Strömungen wiederfinden, aber dieser 'Kult' hat sich ganz eindeutig von dem realen Pestalozzi, seinem schriftstellerischen Werk und den von seinem Erziehungsinstitut in Yverdon ausgehenden erziehungspraktischen Impulsen gelöst.

Daniel Tröhler arbeitet in seinem Beitrag "Staatsgewalt und Kindsmord. Zum sozialphilosophischen Hintergrund von Pestalozzis Schrift: 'Über Gesetzgebung und Kindermord' (1780/83)" (S. 34-55) heraus, daß Pestalozzi den Blickwinkel vom strafrechtlichen Tatbestand auf die Ursachen des Kindsmords verschoben hat, und er - damit seiner Zeit weit voraus - die Ursachen im ungerechten politischen, sozialen und ökonomischen Kontext der Frauen erkennt. Indem Pestalozzi schon in den frühen 80er Jahren des 18. Jahrhundert Kindsmörderinnen eher als Opfer und weniger als Täterinnen erkennt, wirkt er bis auf den heutigen Tag modern und progressiv, wenngleich sich in seinen Vorstellungen eines politisch-pädagogisch bestimmten Staates bzw. Gesellschaft und in seiner teils naturrechtlichen und teils christlichen Ethik die modernen Ansätze mit sehr restaurativen Elementen eines bestenfalls aufgeklärten Absolutismus verbinden.

Sylvia Springer analysiert in ihrem Beitrag "Vater, Lehrer, Führer - Pestalozzis Selbstdarstellung im Spiegel seiner Institutsreden in Yverdon" (S. 56-100) die Reden Pestalozzis an seine Schüler und Mitarbeiter im Yverdoner Erziehungsinstitut und zeigt, daß Pestalozzi sein Werk als göttliche Mission und seine Mitarbeiter als 'Berufene' ("Jünger") versteht und zur Bekräftigung auch vor makabren Inszenierungen mit Sarg und Totenschädel beispielsweise während der Neujahrsrede 1808 nicht zurückschreckt. Springer deutet aber diese religiöse Selbstüberhebung vor allem als Pestalozzis Ringen zur Festigung seiner Autorität in der von Zerfall und Auflösung bedrohten Yverdoner Gemeinschaft.

Philipp Gonon stellt in seinem Beitrag "Zur Stellung des Pestalozzi-Zitats in der Reformpädagogik" (S. 101-117) den Kontrast einerseits zwischen der Pestalozzi zugesprochenen herausragenden Bedeutung für die reformpädagogischen Bestrebungen (so u.a. bei Herman Nohl) und andererseits der offenkundig nur recht bescheidenen Werkkenntnis Pestalozzis heraus.

Alfred Berchtold konstatiert in seinem Beitrag "Raconter Pestalozzi" (S. 118-137), daß den Genfer Studenten - und letztlich den heutigen jungen Menschen überhaupt - historische Persönlichkeiten in ihren Werken und Gedanken kaum mehr bekannt sind, und er fordert deshalb von der Schule, wieder stärker auf Persönlichkeiten von europäischem Rang einzugehen. Für die Schweizer Schulen und besonders für die Schulen der französisch sprechenden Schweiz muß dies bedeuten, die Erinnerung an Pestalozzi und die Auseinandersetzung mit seinen Gedanken und Werken wachzuhalten.

Jacqueline Cornaz-Besson und Françoise Waridel geben in ihrem Beitrag "Pestalozzi à Yverdon" (S. 138-151) ein lebendiges und sehr positives Bild des Yverdoner Erziehungsinstituts, lassen aber in der Kürze ihres Beitrags die Probleme und Erschütterungen dieser Jahre und die latente Zerbrechlichkeit des Ganzen nicht erahnen.

Daniel Hameline sieht in seinem Beitrag "Pestalozzi et l'invention de la grandeur pédagogique" (S. 152-177) die Legendenbildung um diesen 'Klassiker der Pädagogik' nicht negativ; sondern Pestalozzi mußte aus funktionaler Notwendigkeit heraus zum Objekt einer Legende werden, um uns zu ermöglichen, sich unserer heutigen Identität zu versichern. Natürlich hat sich die Sicht und Interpretation Pestalozzis in den letzten 100 Jahren grundlegend gewandelt, aber man muß doch immer Pestalozzis Größe der Eingebung ("la grandeur de l'inspiration") sehen, besonders auch im Vergleich mit anderen pädagogischen Denkern seiner Zeit.

Im letzten Beitrag "La praxis pestalozzienne entre poiesis et theoria" (S. 178-190) zeigt Michel Soëtard, daß Pestalozzis Werk immer von der Sorge um die pädagogische Praxis getragen ist. An einer interpretatorischen Verbindung des "Stanser Briefs" von 1799, der Pestalozzis pädagogische Praxis zeigt, der Schrift "Wie Gertrud ihre Kinder lehrt" von 1801, in der Pestalozzi die Struktur und den Geist der Methode entwickelt, und den "Nachforschungen" von 1798, die den philosophischen Horizont seines Denkens darstellen, verdeutlicht Soëtard, daß Pestalozzi auch bei der Anwendung der von ihm entwickelten Methode immer die Gefahr der Praxis sieht, sich in Richtung auf eine 'nur' mechanische Fabrikation ("poiesis") hin zu bewegen und dadurch ihr Ziel zu verfehlen.

Die acht Beiträge des Sammelbands "Denk-mal Pestalozzi" bieten zwar keinen in sich geschlossenen und sich um eine gemeinsame Fragestellung gruppierenden Beitrag zur Rezeptions- oder Wirkungsgeschichte, aber die heterogenen Beiträge machen jeweils aus ihrer unterschiedlichen Perspektive heraus ein Angebot zur intensiveren Auseinandersetzung mit Pestalozzis Bedeutung für die Pädagogik.