"Ich kenne einen Menschen der mehr wollte". Untersuchungen zur Autobiographie Johann Heinrich Pestalozzis.

Beate Tröger

Frankfurt/Main u.a.: Lang 1993. 272 S. (Europ. Hochschulschriften. Reihe 11, Bd. 559).

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Frankfurt/Main u.a.: Lang 1993. 272 S. (Europ. Hochschulschriften. Reihe 11, Bd. 559).

Beate Tröger legt eine Untersuchung zur Autobiographie Pestalozzis vor und meint damit dessen Schrift "Schwanengesang", die 1826 in Band 13 der CottaAusgabe veröffentlicht wurde. Im "Schwanengesang" sieht Tröger das Typische der Autobiographie eines Pädagogen, den Ausdruck der Subjektivität in ihrer intersubjektiven Anbindung, die Identität verdeutlicht und gestaltet und beruhigende Kohärenz stiftet. Die von Pestalozzi im Konflikt zwischen Faktizität und Fiktionalität entworfene Identität von Lebenswerk und Lebensweg will die Autorin aufhellen und für die Pädagogik nutzbar machen.

Ausführlich geht Tröger zuerst allgemein auf Geschichte und Theorie der Autobiographie ein und gibt einen Überblick über die aktuelle Forschungsliteratur. Während Pestalozzis Autobiographie in der allgemeinen Forschungsliteratur zur Autobiographie nicht vorkommt und sich die TheorieDiskussion vor allem an Goethes Dichtung und Wahrheit festmacht, scheut die pädagogisch orientierte Literatur zumeist das literarische Genre der Autobiographien, das sich erziehungswissenschaftlichen DenkKategorien entzieht. Beispielhaft wird Sprangers Interpretation des Schwanengesangs angeführt, die sich den im ersten und dritten Teil enthaltenen pädagogischtheoretischen Ausführungen Pestalozzis detailreich widmet, den zweiten autobiographischen Teil aber unerwähnt läßt. Für die biographische Beschäftigung mit Pestalozzi gilt seine Autobiographie weitgehend nur als Quelle der Faktizität seiner Lebenswirklichkeit. Die Geschichte der Autobiographie, soweit sie für Pestalozzi bedeutend ist, wird von Tröger in drei Traditionssträngen herausgearbeitet: die frühe Autobiographie mit dem Verlust des sozialen Selbstbewußtsein und der Außenanbindung des Ichs (Beispiel: Benvenuto Cellini, 1558), die Autobiographien des Pietismus mit ihrem totalen Blick in die Innerlichkeit (Beispiel: August Hermann Francke, 1690/91) und die Autobiographien der Aufklärung und des Klassizismus mit ihrer Einbindung des Ichs in Raum und Zeit (Beispiel: Goethe, Dichtung und Wahrheit). Autobiographie wird von Tröger als eigenständiges literarisches Genre im Spannungsfeld zwischen Faktenvermittlung und narrativer Fiktionalisierung verstanden nach der Devise: in der Autobiographie erzählt der Autor eine Geschichte, die er für sein Leben hält. Über den Autor einer Autobiographie werden deshalb Aussagen möglich, weil jede Autobiographie Urteile und Wertungen über Menschen und ihre Handlungen enthält, die zugleich die Urteile und Reaktionen des Autors auf diese Menschen und ihre Handlungen bloßlegt. Autobiographie ist immer Antwort auf und Verarbeitung des historischgesellschaftlichen Kontextes. Im Unterschied zu reinen Memoiren kreist in Autobiographien der Auseinandersetzungsprozeß zwischen Ich und Welt, zwischen Subjekt und Objekt und um das eigene Identitätsverständnis und die eigene Identitätbildung. Mit der SchwanengesangAutobiographie soll über eine retrospektive IchDarstellung eigenes Selbstverständnis und eigenes Handeln in der Selbstdarstellung an andere weitergegeben werden.

Der Schwanengesang von 1826 ist für Tröger "die" Autobiographie Pestalozzis schlechthin, wobei sie deren mittleren Teil als den eigentlichen autobiographischen Teil ansieht, eingebettet in eine Trias inhaltlichexplikatorischer, autobiographischer und apologetischer Gedanken. Der erste Teil ist vor allem eine Darstellung über Wesen und Zweck der Elementarbildung und der dritte Teil gibt einem defensiv wirkenden Rechtfertigungsbedürfnis nach. Ursprünglich war dieser Teil sehr viel umfangreicher geplant, aber der Verleger Cotta erzwang ein Splitting: Pestalozzis Selbstrechtfertigung und Verteidigung im Kontext des schwelenden Streits mit Niederer sollte parallel als getrennte Schrift "Meine Lebensschicksale als Vorsteher meiner Erziehungsinstitute in Burgdorf und Iferten" erscheinen, muß aber im ganzen des Schwanengesangs mitbedacht werden. Im Schwanengesang sieht Tröger einen Quantensprung in der Gattungstradition: Pestalozzi geht es nicht um erreichte oder verfehlte Anpassung des Ichs an die Welt, sondern um die Identität des Ichs in und mit der Welt. Gleichwohl wird der Schwanengesang in die Rezeption der Gattungstradition eingeordnet, zum einen der pietistischen und zum anderen wird in einem umfangreichen Exkurs der starke Einfluß der Autobiographie des RenaissanceKünstlers Benvenuto Cellini nach Pestalozzis Lektüre von Goethes CelliniÜbersetzung herausgestellt. Vergleichsweise kurz handelt Tröger frühere autobiographische Entwürfe Pestalozzis ab, Tagebuchfragmente, Textstellen aus "Lienhard und Gertrud", Fragmente aus der Burgdorfer Zeit, "Rechenschaft über mein Thun", "Der kranke Pestalozzi an das gesunde Publikum" und geht ausführlicher nur auf die im Zusammenhang des Schwanengesangs wichtige Schrift "Meine Lebensschicksale" ein.

Dem Text des Schwanengesangs nähert sich Tröger in einer mehrstufigen textchronologischen Betrachtung. Die "Identitätsfundierung" umschließt dabei drei Wurzeln: beginnend mit einem totalen Blick in die Innerlichkeit werden die Charaktereigenschaften des Kindes und dessen AußenWahrnehmung beschrieben, dann die familiäre Einbindung des Kindes und die Folgen des frühen Tods des Vaters für die Situation des Kindes gedeutet und schließlich wird von Pestalozzi eine Außenwendung vollzogen, die er mit den Worten "Mein Großvater war Dorfpfarrer" einleitet, und die seinen Blick auf die StadtLandProblematik und die Lebenssituation der Landbevölkerung leitet. Die Subjektivität der Darstellung wird dadurch sichtbar, daß Pestalozzi alle Einflüsse auf seine eigene Selbstwerdung bezieht und er keine Daten (z.B. Jahresangaben oder Angabe des Kindesalters), Namen (z.B. der Geschwister) oder Orte (z.B. Höngg, wo er den Großvater besuchte) nennt, auch die Faktizität der eigenen Vaterschaft im gesamten Text des Schwanengesangs nicht erwähnt. Aus diesen Fundierungzusammenhängen heraus entwirft Pestalozzi dann die eigene Existenz. Diese "Identitätskonstituierung" ist dreistufig: aus dem Entwurf der eigenen Kindheit und Jugend wächst früh der Gedanke und das Bedürfnis, die Situation der Landbevölkerung durch Erziehung und Schulunterricht zu verbessern, womit schon diese frühe Identität t zu einer Konstante seines Lebens wird. Aus Schule und Unterricht habe er den Entwurf humaner Existenz erfahren bei gleichzeitiger fehlender Vorbereitung auf die Realität des alltäglichen praktischen Lebens, wobei Pestalozzis Kritik an der durchlaufenen Schulbildung zur Selbstanalyse des Grundproblems seines eigenen Lebens wird. Aus der erneuten Außenwendung, die jetzt mehr fiktionalen Charakter hat und sich eher der Wahrhaftigkeit des Autobiographen als der objektiven Wahrheit verpflichtet fühlt, wie sich aus Pestalozzis Sicht seiner frühen Schriften "Agis" und "Wünsche" ergibt. Bei Pestalozzi kommt es zwischen Schulabschluß oder besser Schulabbruch und beruflichem Einstieg nicht zur Spaltung zwischen Ich und Welt, sondern Pestalozzi sieht seine Identität gerade durch den praktischen LebensVollzug gefährdet. Die Neuhofunternehmungen, sowohl die rein landwirtschaftlichen als auch die Armenanstalt werden im retrospektivem Blick zu Verfehlungen eigener Identität und mußten deswegen und nicht wegen Mißernten, Übervorteilung, Kreditwucher oder reinem Ungeschick in der Katastrophe enden. Aus der tiefen Lebenskrise im Zusammenhang mit den Neuhofunternehmungen wächst erneut eine Identitätsannäherung: über seine schriftstellerische Tätigkeit stößt der Autobiograph zu den verschütteten Teilen seiner Identität durch, noch nicht gelebt, aber geahnt, geträumt, gespürt. Retrospektiv sieht Pestalozzi aber auch den Schriftsteller der Neuhofzeit seine Identität verfehlen, denn es fehlt die Realisation, das praktische Tun und Handeln. "Lienhard und Gertrud" steht sowohl für eine erneute Identitätsannäherung als auch für die erneute Identitätsverfehlung: weder stellt sich materieller Erfolg ein, noch gelingt Pestalozzi eine Wiederholung, noch bewirkt "Lienhard und Gertrud" eine dem Modell nachempfundene politischgesellschaftliche Veränderung. Im Lebensrückblick des Autors wird die Helvetische Revolution und sein Stanser Tun zur Bruchstelle, wird zum Kulminationspunkt der eigenen LebensVollzüge und des eigenen Seins, den er geradezu hymnisch beschreibt ("Segenstage"). Stans und die Anfangszeit in Burgdorf werden für Pestalozzi zur gelebten Identität oder besser zum Traum gelebter Identität. Aber die Identität wird wieder verfehlt in der Ankettung an die Galeerenbank des Instituts, durch die ihm schmeichelnde Weltehre aber auch durch die Heterogenität des Tuns und Wollens der Mitarbeiter. Die letzte Sinnstiftung und Identitätsfindung Pestalozzis sieht Tröger im "Trotzdem" zum Schluß des Schwanengesangs:

"Der subjektzentrierte retrospektive Blick stellt sich in den Dienst der großen übersubjektiven Zielsetzung die selbst wieder zum subjektstabilisierenden Faktor wird" (S. 152153).

Die Arbeit von Tröger zentriert sich in ihren Aussagen ganz auf den mittleren, den autobiographischen Teil des Schwanengesangs und läßt die autobiographischen Einschübe in den anderen Werken weitgehend und in den Briefen völlig beiseite. Im Mittelpunkt steht der Prozeß der Identitätsbildung des SchwanengesangAutors, Identitätsbildung war für diesen ein lebenslanges Bemühen zwischen Identitätsannäherung und Identitätsverfehlung. In ihrer Konzentration auf den Prozeß der Identitätsfindung bei Pestalozzi leistet Tröger zugleich einen weit über die PestalozziForschung hinausreichenden allgemeinen Beitrag zum pädagogischen Problem der Identitätsbildung.