Pestalozzi - Leben und Werk im Zeichen der Liebe. "Versuchet die Liebe, die eure Pflicht ist!"

Sigrid Tschöpe-Scheffler

Neuwied, Kriftel, Berlin: Luchterhand 1996. 129 S. (Geschichte der Pädagogik).

Buchcover
Neuwied, Kriftel, Berlin: Luchterhand 1996. 129 S. (Geschichte der Pädagogik).

Die Autorin geht davon aus, daß sich für Pestalozzi das Wesen der Erziehung in der Bildung des Menschen zu sehender Liebe zeigt. Nach Lebensperioden geordnet analysiert Sigrid TschöpeScheffler Pestalozzis Aussagen zum Wesen der Liebe in den Hauptwerken dieser Lebensperioden.

Die Lebensphase der Abendstunde, darunter versteht sie die Jahre 17791782, kennzeichnet sie als die Phase der unschuldigen Liebe. An der "Abendstunde eines Einsiedlers", eine der wenigen Schriften Pestalozzis in der keine Überarbeitungen und Neuformulierungen die ersten Empfindungen reflektieren und dadurch auch verändern, zeigt die Autorin Pestalozzis ungebrochene Glaubensgewißheit und seine Gedanken über das Wesen der Liebe. In der ersten Fassung von "Lienhard und Gertrud" (Teil I und II) nimmt diese Liebe in der Person der Gertrud und das Böse in der Person des Vogts Hummel Gestalt an. TschöpeScheffler geht ihr Thema unter den Stichworten "Ruhe als Gemütsruhe", "Befriedigung von Elementarbedürfnissen", "Kindersinn", "Vatersinn" und "Gestaltung der Lebenskreise" an, wobei die Kraft der Wohnstubenerziehung für die Entwicklung der Liebe entscheidend ist. Am Ende dieser Lebensperiode sieht Pestalozzi allerdings schon die Gefährdung der unschuldigen Liebe, die nicht mit dem Eindringen des Bösen rechnet: in "Über Gesetzgebung und Kindermord", geschrieben 1780 und veröffentlicht 1783, muß das Gesetz der Unterstützung der Liebe dienen, um die Ausbreitung des Bösen einzuschränken. Die Periode der Lebenskrise umfaßt die Zeit der Abfassung der Teile III und IV von "Lienhard und Gertrud" und der "Nachforschungen". Der III. und IV. Teil von "Lienhard und Gertrud" stellt den Umbruch dar, Pestalozzi erscheint jetzt als pessimistischer Denker: die Menschen sind aus der göttlicher Liebe herausgefallen und in der "Leutnantsphilosophie" tritt kraß hervor, daß der Egoismus des Menschen auch seiner Bildsamkeit Grenzen setzt und der Mensch eventuell durch Zwang gesellschaftsfähig gemacht werden muß: "Bieget euere Kinder, fast ehe sie noch wissen, was links oder rechts ist, zu dem, wozu sie gebogen seyn müssen." (Lienhard und Gertrud, 1. Fassung, 2. Teil 1783. In: PSW 2, S. 363. Warum TschöpeScheffler neben einigen anderen gerade dieses Zitat aus der SeyffarthAusgabe nachweist, bleibt ungeklärt. Außerdem erweckt der Text den Eindruck, als sei das Zitat aus dem 3. (1785) oder 4. (1787) Teil genommen, stammt aber aus dem 2. Teil von 1783). Die Wohnstube muß jetzt durch die Institution der Schule ergänzt werden. Erst mit den "Nachforschungen" findet Pestalozzi zu einer überzeugenden Antwort: menschliche Existenz wird als Leben im Widerspruch und in der Spannung der drei Zustände beschrieben. Der Mensch kann und muß zur Sittlichkeit vordringen, diese ist im Gegensatz zur Liebe dem menschlichen Willen unterstellt. Mit Stans tritt Pestalozzi in seine dritte Lebensperiode ein, die des mittleren Erwachsenenalters und des Alters. Hier findet Pestalozzi auf einer neuen Ebene zu seinem Liebesbegriff der "Abendstunde" zurück, TschöpeScheffler spricht von "sehender Liebe" und meint damit die tätige Teilnahme am Leben der Kinder und ihre allseitige Besorgung. Entwicklung und Erziehung des Kindes wächst allein aus der mütterlichen Liebe in der Wohnstube, wobei die Umgangsqualität für die Entwicklung des Kindes entscheidend ist. Die Liebe habe Pestalozzi auch als Fundament seiner Methode betrachtet und nie aus dem Blick verloren, aber bei seinen Schülern und Anhängern sei sie weitgehend zum nur vordergründigen Selbstzweck mutiert.

In TschöpeSchefflers Buch über Pestalozzis Leben und Werk im Zeichen der Liebe wird Pestalozzis Entwicklung und seine unterschiedliche Einschätzung der Liebe zwar anschaulich herausgearbeitet, aber der metaphorische und schillernde Begriff der Liebe im Zentrum des Buchs macht nicht immer sichtbar, was die Autorin eigentlich aussagen will. Liebe wird von TschöpeScheffler nicht definiert und die Autorin beschreibt nicht, was sie in Bezug auf Erziehung oder Pädagogik präzise darunter versteht. Da das Buch eine Entwicklung beschreibt, kann es nicht in Teilen gelesen werden, allerdings schließt jedes Kapitel mit einer Zusammenfassung, "Zwischenergebnis" genannt, und am Schluß des Buchs steht nochmals eine Gesamtzusammenfassung (S. 106110).