Pestalozzi oder das pädagogische Selbst. Eine Studie zur Psychoanalyse pädagogischen Denkens.

Volker Kraft

Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 1996. 398 S.

Buchcover
Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 1996. 398 S.

Die Schrift von Volker Kraft ist zugleich dessen Kieler Habilitationsschrift von 1995 unter dem Titel "Biographische Konstellationen pädagogischer Theoriebildung". In einem interdisziplinären Vorgehen zwischen Pädagogik und Psychoanalyse zeigt der Autor am Beispiel Pestalozzis den Zusammenhang zwischen der selbst erfahrenen Erziehung, dem eigenen erzieherischen Handeln und dem theoretischen pädagogischen Denken und Forschen. Pädagogische Theoriebildung ist dabei immer Reflex eigener biographischer Prozesse. Zugespitzt ausgedrückt: pädagogisches Bewußtsein hat seine Wurzeln in frühkindlichen Störungen, Mangelerfahrungen und Konflikten; Pädagogik als Wissenschaft entwickelt sich aus der leidvollen Erfahrung als Erzogener einerseits und der hierauf gründenden Erfahrung als Erziehender andererseits. Kraft betont dabei die Bedeutung der Biographie für den Prozeß pädagogischer Theoriebildung und für die Herausbildung erziehungstheoretischer Konstruktionen und diskutiert die systematische Frage der Wissenschaftlichkeit pädagogischer Erkenntnisse. Zwar werden auch Rousseau, Fröbel, Herbart, Neill und andere Pädagogen für die Thesen des Autors herangezogen, aber Pestalozzi steht aus drei Gründen im Mittelpunkt der Untersuchung: kein anderer Pädagoge ist biographisch so gut und vollständig in seinem Leben und in seinen Schriften (Werke und Briefe) dokumentiert, über keinen anderen Pädagogen gibt es eine ähnlich vergleichbare vielfältige und umfangreiche Sekundärliteratur, die selbst das Erfassen entlegener Details ermöglicht, und in den Werken und Briefen Pestalozzis bietet sich in kaum anderswo erreichter Fülle autobiographisches Material.

Das interdisziplinäre Vorgehen Krafts erschließt für die PestalozziForschung neue Zugänge und Deutungen zu Leben und Werk Pestalozzis. Kraft analysiert zum einen Pestalozzis frühkindliche häusliche Erziehung und seine dortigen Lebensumstände, seine Schulerfahrungen und seine Jugendzeit in Zürich (Kraft spricht kennzeichnend geradezu von "Jugendbewegung") und zum andern Pestalozzis Stellung als Vater seines Sohns und Großvater seines Enkels (der Sohn Jakob als "familiendynamischer Sündenbock" und der Enkel Gottlieb als "replacement child") und zeigt beide Komplexe als konstitutiv für Pestalozzis pädagogisches Denken. Auch für die Deutung des Yverdoner Instituts und der dortigen Auseinandersetzungen wendet Kraft die psychoanalytischen Instrumente an: die beiden Kontrahenten Schmid und Niederer werden zu Pestalozzis externalisiertem Selbst und die Zerfallserscheinungen werden als Folgen früher narzißtischer Defekte aller Beteiligten ("eine narzißtische Kollusion") gedeutet und die "Methode" wird gleichsam zur Antwort auf die eigenen biographischen Erfahrungen.

Mit seiner allgemeinen Fragestellung nach dem Zusammenhang von biographischer Konstellation und pädagogischem Denken und Handeln bringt Kraft neue Einsichten in die PestalozziForschung. Am eindrucksvollsten, weil letztlich eine dokumentenlose Zeit und nirgends sonst in der PestalozziForschung in vergleichbarer Intensität thematisiert, ist Krafts umfangreiche Rekonstruktion von Pestalozzis früher Kindheit auf ca 50 Seiten. Es ist eine fiktive Rekonstruktion von Pestalozzis ersten sechs Lebensjahren, die mit theoretischen Vermutungen arbeitet. Die Folgerungen, die Kraft zieht, werden durch die ermittelten und interpretierten Fakten überzeugend und zwingend. Kraft geht in seiner psychoanalytischen Interpretation von kurz skizzierten biographischen Fakten aus, die aber Pestalozzis frühe Kindheit entscheidend prägten:

"Die achteinhalb Jahre, die die Eheleute zusammen verbrachten, müssen eine unruhige Zeit gewesen sein, denn es werden nicht weniger als sieben Kinder (zunächst vier Jungen, dann drei Mädchen) geboren, von denen jedoch schon vier noch in dieser Zeit sterben. Kein Jahr vergeht ohne Schwangerschaft, Geburt oder den Tod eines Kindes, und dieser Rhythmus dürfte in bedrängender Verdichtung das innere Leben der Familie weitgehend bestimmt haben. Der erstgeborene Sohn bleibt nur etwas mehr als ein halbes Jahr am Leben, und der zweite Sohn ist gerade ein Jahr alt, als Johann Heinrich geboren wird. Noch im selben Jahr bekommt er einen weiteren Bruder, der jedoch nach gut einem halben Jahr stirbt und aus dem Leben der Familie wieder verschwindet. In seinem dritten Lebensjahr bekommt Johann Heinrich seine erste Schwester, mit der er vier Jahre zusammen sein kann, bevor sie stirbt, als er gerade sechs Jahre alt ist. Seine zweite Schwester bleibt noch kürzere Zeit am Leben; sie wird geboren, als er dreieinhalb Jahre alt ist, und stirbt kurz vor seinem vierten Geburtstag. Mit fünfeinhalb Jahren schließlich bekommt er zum dritten Mal eine Schwester, aber nur einen Monat nach ihrer Geburt stirbt sein Vater. Schon wenn nur die nüchternen Zahlen dieser Skizze in Sätze gefaßt werden, bekommt man eine Ahnung vom dem Auf und Ab und Hin und Her, von dem Durcheinander und der Verwirrung, die in dieser Zeit das Familienleben beherrscht haben müssen." (S. 52. Kraft veranschaulicht die frühe Familienkonstellation Pestalozzis auch mit Schaubildern: ebd. S. 53 und S. 55).

Nach Krafts psychoanalytisch ausgerichteter Interpretation von Pestalozzis selbst erfahrener frühkindlicher Erziehung und den Einflüssen seiner Zürcher Jugend und Schulzeit war Pestalozzis erzieherisches Versagen bei seinem Sohn Hans Jacob ebenso vorprogrammiert wie das Scheitern der Neuhofexperimente oder des Yverdoner Erziehungsinstituts und Pestalozzi konnte beispielsweise in der Erziehung seines eigenen Sohns nicht anders handeln als er tatsächlich handelte. Am Einzelfall Pestalozzi klärt Kraft mit psychoanalytischen Mitteln den Zusammenhang von Lebensgeschichte und pädagogischem Handeln und Denken auf. Zwar fehlen seiner Meinung nach noch weitere biographische Bausteine einer umfassenden psychoanalytischen Geschichte der Pädagogik, aber schon die Auseinandersetzung mit dem Einzelfall Pestalozzi und dessen pädagogischem Selbst kann erklären, warum es der Pädagogik so schwer fällt, eine verläßliche disziplinäre Identität auszubilden. Zwar lassen sich mit solchen Untersuchungen allein die Theorieprobleme der Pädagogik nicht lösen, aber erziehungswissenschaftliche Rationalität ließe sich deutlich erweitern, wenn man die Auswirkungen verdrängter Kindlichkeit und narzißtischer Störungen und Defekte auf pädagogisches Denken minimieren könne.