Wie Gertrud zur Frau wird. Die Konstruktion von Geschlecht im Werk Johann Heinrich Pestalozzis.

Chantal Riedo

Verlag Pestalozzianum: Zürich, 2004. 232 Seiten
(Studien zur historischen Pädagogik und Sozialpädagogik, Band 2)

Buchcover
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Ausgehend von der Formel, dass Geschlecht eine soziale und kulturelle Konstruktion ist, will Riedo Pestalozzis Positionen zur Geschlechterfrage herausarbeiten. In Pestalozzis umfassendem Werk findet sich allerdings keine bewusste Auseinandersetzung mit der Geschlechterfrage, obwohl zu Pestalozzis Zeit drei konkurrierende Konstruktionsvarianten von Geschlecht vorzufinden waren.

Zuerst beschreibt Riedo das ständische Geschlechtermodell. Die Frau ist qua Geburt in der Gesellschaft positioniert, aber immer unter einem Mann, sei es die Hausherrin, die Adelige oder die Magd. Das frühaufklärerische Geschlechtermodell steht zwischen ständischem und bürgerlichem Modell, es geht von der natürlichen Gleichheit aller Menschen aus und unterscheidet zwischen Natur und Kultur. Das bürgerliche Geschlechtermodell nimmt den ökonomischen Wandel auf. Während der Mann zunehmend ausserhäuslicher Arbeit nachgeht, übernimmt die Frau eigenverantwortlich die Führung des Haushalts und die Kindererziehung. Damit stehen die Geschlechter nicht mehr hierarchisch, sondern komplementär und im Idealfall ohne Unterdrückung zueinander.

Die verschiedenen Diskurse der Geschlechterfrage werden dargestellt: Der religiöse, der ordnungspolitische, der philosophische, der medizinische und besonders ausführlich der pädagogische Diskurs, der mit der Gegenüberstellung von „Menschenbildung“ und „weiblicher Bestimmung“ beschrieben wird, während Bildung zunehmend zum Faktor für die soziale Platzierung wird. Ausführlich geht Riedo auf die pädagogische Funktion des „Weiblichen“ bei Rousseau ein und zeigt bei Pestalozzi, dass dieser vor allem in den älteren Arbeiten zum Geschlechtermodell unter dem Stichwort „Mütterlichkeit“ vorrangig dem bürgerlichen Geschlechtermodell zugeordnet wird, dabei aber die Mehrdeutigkeiten und Widersprüche innerhalb seiner Geschlechterkonzeption nicht gesehen oder übersehen werden.

In acht Werken bzw. Textgruppen versucht Riedo zu zeigen wie bei Pestalozzi Geschlecht konstruiert ist, wobei für ihr Analyse die literarischen Texte wie z.B. „Lienhard und Gertrud“ ausgeschlossen und vor allem die möglichst vollständig und sorgfältig ausgearbeiteten Texte herangezogen werden. So bezieht sich die Autorin auf Texte zur Armenerziehung, „Über Gesetzgebung und Kindermord“, „Nachforschungen“, „Wie Gertrud ihre Kinder lehrt“, Texte zur Mutter und Mütterlichkeit, Texte zur körperlichen und beruflichen Bildung, Texte zur Mädchenbildung und „Schwanengesang“, insgesamt ca. 10% des verfügbaren Textvolumens.

Riedo kommt zu dem Fazit, dass im Werk Pestalozzis „alle drei Geschlechtermodelle nachzuweisen [sind], und zwar nicht nur über das gesamte Werk gesehen, sondern in weitaus den meisten Fällen auch innerhalb eines einzelnen Textes“ (S. 216). Indem sich aber Pestalozzi der Fixierung auf ein bestimmtes Geschlechtermodell entzieht, eignen sich seine Texte ganz besonders für eine selektive Rezeption, die es den Rezipienten freistellt, jeweils sein eigenes Geschlechtermodell aus bzw. in diese Texte hineinzulesen. Kritisch sieht Riedo grosse Teile der Arbeiten zu Leben und Werk Pestalozzis, da dessen oft gleichzeitige Verwendung unvereinbarer Denkanstösse und die sich daraus ergebenden Widersprüche in der Vergangenheit den sog. „Pestalozzi-Kult“ verstärkten, denn jeder Rezipient konnte sich so seinen „eigenen“ Pestalozzi zusammenfügen. Die Autorin vermisst für ihre Fragestellung grundlegende Arbeiten zum Naturverständnis von Pestalozzi im Wandel von der traditionellen zur modernen Weltsicht und eine Verortung von Pestalozzis Konzeptionen innerhalb der verschiedenen pädagogischen Strömungen seiner Zeit.