Pestalozzi. Geschichtliche Biographie.

Werner Keil

Bern u.a.: Lang 1995. 204 S. (Explorationen. Studien zur Erziehungswissenschaft).

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"Wie Johann Heinrich seine Kinder lehrt...". Lebensgeschichte und Erziehung des Hans Jacob Pestalozzi. Pestalozzis einziger Sohn zwischen Erziehungsanspruch und Erziehungswirklichkeit.
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"Wie Johann Heinrich seine Kinder lehrt...". Lebensgeschichte und Erziehung des Hans Jacob Pestalozzi. Pestalozzis einziger Sohn zwischen Erziehungsanspruch und Erziehungswirklichkeit.

Ausgehend von der Lebensgeschichte seines Sohns Hans Jacob nähert sich Werner Keil in seiner zweibändigen Schrift, die zugleich seine Hamburger Habilitationsschrift von 1994 an der Universität der Bundeswehr darstellt, biographisch von einer neuen Seite dem Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi. Die Ausgangslage innerhalb der Pestalozzi-Forschung war überschaubar: bekannt war die Existenz des Sohns, bekannt waren Pestalozzis Erziehungsschwierigkeiten bei der Erziehung seines Sohns, bekannt waren Tagebuchfragmente von Pestalozzi und seiner Frau aus den Jahren 1769/70 und 1774 bereits 1927 in PSW I, S. 33 - 97 und S. 115 - 130, veröffentlicht und bekannt waren verstreute Informationen insbesondere in den Briefschaften der Eheleute Pestalozzi. Aber die Existenz des Sohns blieb für die Interpretation von Pestalozzis Werken oder der Deutung seiner pädagogischen Gedanken letztlich unbeachtet: das oft beschriebene Scheitern Pestalozzis wird an das Scheitern des Neuhofexperiments, der Stanser Waisenerziehung oder an den sog. Lehrerstreit in Yverdon gebunden, aber nicht an das Scheitern der Erziehung des eigenen Kindes. Auch Pestalozzis Wende von der Politik zur Erziehung wird nicht mit dem glücklosen an Rousseaus Emile orientierten Experimentieren am eigenen Kind verbunden und selbst die Gleichzeitigkeit des Erscheinens von "Wie Gertrud ihre Kinder lehrt. Ein Versuch Müttern Anleitung zu geben, ihre Kinder selbst zu unterrichten, in Briefen von Heinrich Pestalozzi" mit dem Tod des Sohns (1801) bleibt ungedeutet.

Zwei Hypothesen stellt Keil an den Anfang seiner Biographie des Hans Jacob Pestalozzi: Pestalozzi folge einer schwärmerischen und damit auch willkürlichen Rousseau-Rezeption, die ihn zu einem verhängnisvollen und wirklichkeitsfernen Experimentieren mit Hans Jacob verleite und den in vielem gegenläufigen Einfluß der Mutter, deren Rousseau-Rezeption sich mit einer tiefgreifenden pietistisch/calvinistisch geprägten Religiosität, Gesinnung und Moralvorstellung verbunden habe. Hinzu seien die Krankheiten und Begabungs bzw. Anlagedefizite des schwachen Kindes im Schatten des berühmten Vaters gekommen. Mit einer zweiten Hypothese spitzt Keil seine Fragestellung nochmals zu, indem er in Hans Jacob das Opfer eines "double-bind-Syndroms" sieht: die Erziehung Hans Jacobs gerät danach zunehmend

"in die 'Zerreißprobe' elterlicher Erziehungs und Glaubenskonfrontationen. Sie verläuft zwischen den Polen väterlicher Untätigkeit und befehlenden Einwirkens einerseits und Zurückhaltung und heimlicher Erziehung der Mutter andererseits, die schließlich in Abwendung und Flucht der Eltern gipfelt" (S. 35).

In einzelnen Kapiteln beschreibt Keil dann "Elternhaus, Geburt und frühe Kindheit (Frühjahr 1767 6. Mai 1773)" (S. 37 - 76), "Kindheit auf dem Neuhof (27. Januar 1774 Frühjahr 1778)" S. 77 - 107), "Anbahnung und Aufenthalt Hans Jacobs bei Familie Battier in Basel (August 1778 Mitte 1783)" (S. 109 - 152), "Rekonstruktion der pestalozzischen Erziehungs und Unterrichtsbeobachtung und ihre Bedeutung für Hans Jacob" (S. 153 - 173), "Handelsschulzeit in Mülhausen (L'académie de préparatoire de commerce) (6. Sept. 1783 8. Nov. 1784)" (S. 175 - 199), "Hans Jacobs Lehrzeit in der Firma 'Felix Battier und Sohn' in Basel. (1. Febr. 1785 März/April 1786)" (S. 201 - 244) und "Leben, Wirken und Ableben auf dem Neuhof. Inklusive ausgewählter Notizen zum Nachruf. (Ende 1786 Herbst 1807)" (S. 245 - 266).

Abschließend kommt Keil zum Urteil, daß Rousseaus Erziehungs-Verständnis die frühe Erziehung Hans Jacobs fast ausschließlich bestimmt habe, Pestalozzi sich aber mit Rousseaus Erziehungsanspruch in der Erziehungswirklichkeit des eigenen Kindes ebenso verirrt habe wie Rousseau selbst, und Keil sieht damit seine 1. Hypothese bestätigt. Auch die 2. Hypothese sieht Keil durch das historische Beispiel der Lebensgeschichte des Hans Jacob Pestalozzi in ihren beiden Teilen bestätigt: zum einen die "double-bind-Theorie" selbst und zum andern die Auswirkungen auf Hans Jacob, der durch dieses double-bind-Syndrom zum Opfer einer verhängnisvollen Doppelbindung geworden sei und dessen Erziehung dadurch zum 'Drama' ausarten mußte. Hans Jacob habe keine Chance einer Entwicklung zur Person gehabt: nach der anfänglichen Überforderung des Sohns im Kleinkindalter ließ Pestalozzi die Zügel in der Form eines laissezfaire schleifen, in der Zerstrittenheit und Inkonsequenz pägagogischer Ansprüche sei Hans Jacob zum 'Spielball' unterschiedlicher Einflüsse geworden und schließlich hätten sich beide Elternteile, Vater und Mutter, emotional von ihm abgewandt. Schuld und Versäumnisse Pestalozzis bei der Erziehung des Hans Jacob werden in Keils Arbeit klar und deutlich herausgestellt. Diese Versäumnisse und Fehlhaltungen haben sicher zu einzelnen epileptischen Krankheitsschüben des Hans Jacob beigetragen, aber nach ca 200 Jahren muß die medizinische Kernfrage offen bleiben, ob eine andere Erziehungswirklichkeit für Hans Jacob auch die eigentliche epileptische Erkrankung hätte lindern oder gar heilen können. In den Dokumenten sind allerdings die psychosomatischen Zusammenhänge der einzelnen Krankheitsschübe mit Händen zu greifen. Keil ist sich bewußt, daß auf der Grundlage des von ihm ausgebreiteten Materials das bisherige 'Pestalozzi-Bild' neu überdacht, modifiziert und korrigiert werden muß, beläßt es in diesem Punkt aber bei einzelnen Andeutungen.

Während Keil im ersten darstellenden Band eine eindrucksvolle Lebensgeschichte des Hans Jacob Pestalozzi vorstellt, die sehr weitgehend auf der wörtlichen Wiedergabe von Dokumenten beruht, gibt Keil im zweiten Band, einem begleitenden Dokumentarband, eine sorgfältige chronologische und gut kommentierte Dokumentation aller 73 die Lebensgeschichte des Hans Jacob betreffenden Originalbriefe. Die Briefe Pestalozzis selbst sind bereits entsprechend ihrer Chronologie verstreut in der Briefreihe der Kritischen Gesamtausgabe von Pestalozzis Werken und Briefen abgedruckt, die Briefe Hans Jacobs an Vater und Mutter (insgesamt 45) aber in dieser Sorgfalt und Vollständigkeit erstmals. Obwohl die Korrespondenz lückenhaft ist und viele Briefe heute nicht mehr auffindbar sind, hofft der Autor noch auf weitere zukünftige Funde. Die von Keil zusammengestellten Dokumente aber erschließen trotz ihrer Lücken, ein anschauliches und lebendiges Bild des Hans Jacob Pestalozzi, vor allem während der Zeit seines Aufenthalts in Basel und Mulhouse/Elsaß.

Keil beansprucht für die von ihm bei Pestalozzi in dessen erzieherischem Handeln gegenüber seinem Sohn Hans Jacob diagnostizierte Kluft zwischen Erziehungsanspruch auf der einen und Erziehungswirklichkeit auf der anderen Seite durchaus allgemeine Gültigkeit, die auch bei anderen pädagogischen Denkern nachgewiesen werden könne. In allen erzieherischen Verhältnissen klaffen Erziehungsanspruch und Erziehungswirklichkeit in gewissem Umfang auseinander, es aber nicht zum Drama wie in der Familie Pestalozzi eskalieren zu lassen, liegt in der Verantwortung der erzieherisch Handelnden. Keil gewinnt seine Aussagen allein aus Pestalozzis erzieherischem Handeln gegenüber seinem Sohn Hans Jacob und läßt Pestalozzis erzieherisches Handeln an seinem Enkelsohn Gottlieb (1797-1863) unbearbeitet. Es wäre dabei für Keils Fragestellung durchaus wichtig, ob auch bei dem nun älteren Pestalozzi die Kluft zwischen Erziehungsanspruch und Erziehungswirklichkeit erneut so weit auseinanderklaffte, zumal sich sein Enkelsohn als Schüler in Burgdorf und Yverdon aufhielt und Pestalozzi quasi die Vaterstelle anstelle des früh verstorbenen Vaters (1801) einnahm. Damit könnte auch die Interpretation des Ölgemäldes von Friedrich Gustav Adolf Schöner von 1805, auf dem Pestalozzi seinen Enkel Gottlieb im Arm hält, und das schon früh das Modell für spätere Bilder und für die Denkmalsentwürfe zum Jahrhundertende vorgibt, besser gelingen.