Pestilenz! Roman.

Hans Peter Scheier

Mit einem Nachwort von Marcel Müller-Wieland. Verlag Syngeneia, Schaffhausen 2019, 185 S., zu beziehen beim Autor (www. hpscheier.ch).
 

Nimmt man das Buch in die Hand, dann wird man auf dem Umschlag mit einer Porträtzeichnung konfrontiert. Für den Kenner der überlieferten Pestalozzi-Porträts ist die Identität der Person sofort klar. Es handelt sich bei der Zeichnung wohl um ein leicht geschöntes Porträt, der Realität eher verpflichtet bleibt die auf Seite 6 abgebildete Lebendmaske. Diese Lebendmaske diente übrigens dem Bildhauer Joseph Maria Christen als Vorlage für seine längere Zeit verschollen geglaubte Walhalla-Büste . Soweit ein Hinweis in eigener Sache. Zurück zur Pestilenz! Der Titel steht zunächst in einem gewissen Widerspruch zum Bild, so könnte man meinen, davon aber später. Eine Nähe zum Titel scheint auch die derzeitige Corona-Pandemie zu haben, aber damit hat das Buch definitiv nichts zu tun, es erschien ja bereits 2019.

Hans Peter Scheier ist sich als Fotograf und Filmemacher gewohnt, Bilder und Bilderreihen zu entwickeln. In seinem Roman formt er mit Hilfe von Worten Lebensbilder eines bekannten Schweizers. Bekannt, aber nicht erkannt, meint Scheier. Bekannt etwa durch den abgrenzenden Sprachgebrauch: «ich bin doch nicht …» oder postitiv, durch das pädagogische Markenzeichen: «mit Kopf, Herz und Hand». Viel mehr weiß die Allgemeinheit nicht vom bekannten Schweizer. Das sollte anders sein, meint Scheier ebenfalls und entwickelt in der Folge eine chronologische Abfolge von Bildern, die Pestalozzi in verschiedensten Lebenslagen zeigen und dazu beitragen sollen, ihn erkannter zu machen.

Das erste Bild trägt den Titel: «Bei Zürich. Winter 1756. Ein traumatisches Erlebnis.» Pestalozzi ist zehn Jahre alt und seine Familie ist in einem «tief verschneiten Waldstreifen an der vereisten Limmat unterhalb der Stadt Zürich» unterwegs. Plötzlich machen die drei Geschwister (Heinrich, der ältere Bruder Baptist und die jüngere Schwester Barbara) einen erschütternden Fund: «Im karstigen, von der Bise freigelegten Eis am Ufer unter ihnen lag ein totes Mädchen von vielleicht vierzehn Jahren. Sein aufgedunsenes Gesicht starrte ihnen entgegen. Heinrich stieß einen Schrei des Entsetzens aus. Das Mädchen war unbekleidet. Durch das Eis hindurch konnte man nicht erkennen, ob es schwanger war, oder ob sein Bauch aus einem anderen Grund aufgetrieben war.»

In der Folge reiht sich Bild an Bild und in demjenigen mit dem Titel: «Schenke in Birr. Spätherbst. Um 1775. Nachmittag.» erfahren wir, weshalb Pestilenz im Titel des Buches steht: Pestalozzi wird in bestimmten Kreisen als Pestilenz bezeichnet, in der Geschichte Scheiers zwar als «liebe» Pestilenz, das scheint hier aber doch ein zumindest zweideutiges Attribut zu sein.

Der Rezensent führt hier ergänzend eine andere Geschichte zum Thema Pestilenz an, erzählt vom Zeitgenossen Emanuel Fröhlich aus Brugg: «Oft ritt Pestalozzi auf einem kleinen Pferd und, soviel ich mich noch erinnere, wenn nicht im Galopp, so doch im strengsten Trott nach Brugg zum ‹Sternen›, um die ‹Schaffhauser Zeitung›, die einzige, die man damals noch hier hatte, zu lesen, und ritt ebenso schnell wieder davon. Meine Eltern wohnten dem ‹Sternen› gegenüber, daher sah ich ihn oft, meistens an einem Samstag. Sein Äußeres war so unscheinbar und seine Kleidung meistens so ärmlich und seine Haare so struppig, daß man ihn für einen ganz gewöhnlichen Mann hielt. Der Pöbel nannte ihn ‹Pestilenz› und ‹Vogelscheu› und sagte, wo er durchreite, fliegen die Vögel auf und davon.»

Gehen wir weiter in der Bilderfolge, dann finden wir etwa folgenden Eintrag: «Schloß Yverdon. Sommer 1810. Abend.». Die Lehrerversammlung tagt. Lehrer Niederer liest aus dem Bericht der helvetischen Tagsatzungskommission über das Institut in Yverdon. Pestalozzis Schule habe es nicht darauf abgesehen mit den «öffentlichen Schulen in Harmonie zu kommen […] es ist keine Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß beide so bald zusammentreffen werden». Weiter wird im Bericht festgehalten: Pestalozzis «Primarschule als Vorbild aller übrigen wird also nur eine Idee seines mühsamen, sorgenvollen Lebens gewesen sein. Bedauern wir, daß ein widerwärtiges Verhängnis über einem Manne schweben muß, der durch die Gewalt der Umstände stets gehindert wird, gerade das zu tun, was er eigentlich will!» In der Versammlung entwickelt sich in der Folge ein wilder Streit zwischen den Lehrern Niederer und Schmid. Ersterer ist nicht geneigt die Kritik von außen zu akzeptieren, Letzterer findet, die Bemängelung durch die helvetische Kommission sei in einzelnen Punkten zutreffend. Schließlich verläßt Schmid die Versammlung und auch das Institut. Durch weitere Bilder vermittelt, erfahren wir etwas später, daß Schmid 1815 dann wieder nach Yverdon zurück kehrt. 1816 treten 16 Lehrer aus dem Institut aus, 1817 auch Niederer und das Institut befindet sich im freien Fall.

Schließlich nehmen wir noch ein letztes Bild mit: «Neuhof. Kammer. Februar 1827. Nacht.». In dieser Nacht sitzt Pestalozzi an einem Tisch in seiner Kammer und schreibt «in wildem Eifer auf alte Formulare», er zieht kurz vor seinem Tod (17. Februar 1827) Bilanz: «Sterben ist nichts, ich sterbe gerne; denn ich bin müde und möchte endlich Ruhe haben. Aber gelebt zu haben, alles geopfert zu haben und nichts erreicht zu haben und alles zertrümmert zu sehen – das ist schrecklich, ich kann es nicht aussprechen, und ich wollte weinen, doch es kommen keine Tränen mehr.»

Am Schluß des Bilderreigens wird klar und Scheier weist ja im Vorwort selber darauf hin: Die Bilder gehören ursprünglich zu einem Drehbuch für einen Film, der sich dann aber nicht finanzieren ließ. Schade, können wir nach der Lektüre von Pestilenz nur sagen. Die von Scheier entwickelten Sprachbilder sind eindrücklich und ergäben in Kombination mit Optik und Klang ein sehenswertes Gesamtkunstwerk.

Rezensent: Dr. Kurt Werder