Anna Pestalozzis Tagebuch.

Käte Silber: Anna Pestalozzi und der Frauenkreis um Pestalozzi.

Hrsg.: Fritz-Peter Hager u. Daniel Tröhler. Bern, Stuttgart, Wien: Haupt 1993. 243 S.
(Neue Pestalozzi-Studien, Bd. 1).

Hrsg.: Fritz-Peter Hager u. Daniel Tröhler. Bern, Stuttgart, Wien: Haupt 1993. 243 S.<br>(Neue Pestalozzi-Studien, Bd. 1).

Dieser erste Band der Neuen Pestalozzi-Studien enthält zwei Beiträge, die nicht um Johann Heinrich Pestalozzi, seine Rezeption oder seine Werke kreisen, sondern die Perspektive seiner Ehefrau Anna Pestalozzi-Schultheß in den Mittelpunkt rücken. Die beiden Beiträge sind keine für diesen Band konzipierten Forschungsarbeiten, sondern die Wiedergabe zweier wichtigen Quellen.

Zuerst wird Anna Pestalozzis Tagebuch der Jahre (ca) 1794-1812 erstmals vollständig ediert (S. 5-58 und Anhang der Editoren: S. 59-72), wobei die Edition nicht kommentieren oder interpretieren will, und sich deshalb im Sachanhang auf rein editorische, historische und biographische Angaben beschränkt. Das Tagebuch ist kein chronologisch fortlaufendes Tagebuch im herkömmlichen Verständnis, sondern eine Mischung aus unregelmäßigen Einträgen von Familienereignissen, zumeist Todesnachrichten im Verwandten- und Bekanntenkreis, eigenen tagebuchähnlichen Notizen, z.B. zum Gesundheitszustand und Krankheitsverlauf des Sohns Hans Jacob, Ratschlägen und Tips zur Behandlung von Krankheiten, auch kranker Hunde, Exzerpte aus Büchern und Wiedergabe von Gedichten und Liedern, wobei die Spanne von der Marseillaise ("Allons enfants de la patrie") über Goethe ("Edel sei der Mensch, hilfreich und gut") bis zu einem Auszug aus den "Nachforschungen" ihres Ehemannes reicht. Die Eintragungen des Tagebuchs stimmen nicht immer mit den Datumsangaben überein, oft sind die Eintragungen erst später abgefaßt und die Datumsangaben beziehen sich auf die beschriebenen Ereignisse. Es mag eine Folge dieser schwierig zu bearbeitenden Quelle sein, daß sie zuvor noch nicht ediert wurde und erklärt teilweise auch die offenkundigen Schwierigkeiten der Textedition, die das Lesen des Textes eher erschweren: z.B. der Bezug auf verschiedene Paginierungen, einmal des Tagebuchs selbst und dann des Editionstextes, unterschiedliche Seitenumbrüche und die Wiedergabe der im Original unterstrichenen Stellen einmal gesperrt und einmal in Fettdruck. Die Sacherklärungen zum Text des Tagebuchs reduzieren sich weitgehend auf die der Kritischen Gesamtausgabe entnommenen biographischen Angaben zu den im Tagebuch genannten Personen, während für literaturhistorischen Erklärungen pauschal auf Käte Silbers Sacherklärungen verwiesen wird. Die Sacherklärungen des Anhangs sind zudem nur mühsam den zugehörigen Textstellen des Tagebuchs zuzuordnen, vor allem wenn nicht fortlaufend parallel in Tagebuch und Sachanhang gelesen wird. Eine umfassende Gesamtedition des Tagebuchs, das auch kulturhistorisch ein interessantes Zeitdokument ist, die den Anforderungen heutiger editorischer Theorie und Praxis entspricht, steht auch nach dieser Veröffentlichung noch aus.

Im zweiten Teil des Buches wird die Schrift von Käte Silber Anna Pestalozzi-Schulthess und der Frauenkreis um Pestalozzi" von 1932 in einer in den bibliographischen Angaben und in den Quellenverweisen aktualisierten Ausgabe angeboten (S. 73-242). Der Wiederabdruck bzw. die Neubearbeitung einer bereits gedruckt vorliegenden Monographie muß begründet werden. Die Editoren tun dies auf zwei Ebenen: Zum Zeitpunkt der Bearbeitung 1930/31 waren die Briefe Pestalozzis noch nicht in einer Kritischen Ausgabe zugänglich und von den Werkbänden erst die Bände 1-5, 8 und 9 erschienen. So mußte Silber entweder auf die unzulängliche Werk-Edition von Seyffarth zurückgreifen oder selbst die ihr in Zürich zugänglichen Originalquellen bearbeiten und transkribieren. In ihrer Neubearbeitung haben die Editoren nun alle Quellenverweise und Angaben Silbers auf die Kritische Gesamtausgabe von Pestalozzis Werken und Briefen umgestellt und dabei die Transkriptionen Silbers an den Standard der Kritischen Ausgabe angepaßt, wobei bei unterschiedlichen Lesarten beide Fassungen abgedruckt werden. Zusätzlich wurden die von Silber nur im Inhaltsverzeichnis angeführten Überschriften hierarchisch durchstrukturiert und in den Text eingegeben.

Die inhaltliche Begründung für den gemeinsamen Abdruck der beiden Quellen sehen die Editoren in einem bis heute feststellbaren Forschungsdefizit, daß gerade die Ehefrau Pestalozzis und im weiteren Sinne die Frauen um Pestalozzi kaum in der Sekundärliteratur zu Pestalozzi Berücksichtigung finden, obwohl doch Pestalozzi gerade der Frau eine zentrale Rolle in der Erziehung zuweist. Für die weitere Erforschung Pestalozzis sehen die Editoren eine große Bedeutung im noch weitgehend unausgeschöpften biographischen Umfeld Pestalozzis und hierfür wollen die Herausgeber des Bandes zwei wichtige Quellen zur Verfügung stellen, aber nicht selbst eine eigenständige Forschungsarbeit vorlegen. Allerdings hätte man sich im Zusammenhang dieser Quellenveröffentlichung doch weiteres Hintergrundmaterial gewünscht, beispielsweise eine Einschätzung der Qualität der quellen und archivorientierten Forschungsarbeiten Silbers im Vergleich zu den Ergebnissen der Kritischen Gesamtausgabe von Pestalozzis Werken und Briefen oder ausführlichere Angaben zur Biographie Silbers. Die 1939 nach England emigrierte Käte Silber (1902-1979) hat auch nach ihrer Schrift "Anna Pestalozzi-Schultheß und der Frauenkreis um Pestalozzi", die zugleich ihre Dissertation 1931 bei Eduard Spranger war, weiter über Pestalozzi gearbeitet: 1957 erschien von ihr eine Gesamtbiographie Pestalozzis (Pestalozzi. Der Mensch und sein Werk, Heidelberg, 255 S.) und 1974 in einer 4. neu bearbeiteten Auflage ihre englischsprachige Pestalozzi-Biographie (Pestalozzi. The Man and his Work, New York). 1963 legte Silber die Schrift "Pestalozzis Beziehungen zu England und Amerika" (Zürich) vor und bearbeitete in den Bänden 26 (1975) und 27 (1976) der Kritischen Werkausgabe Pestalozzis nur auf englisch überlieferten Schriften, vor allem "Letters on early Education addressed to J.P. Greaves, Esq.", einige kleinere Texte und in den Sacherklärungen Pestalozzis Beziehungen zu England. Noch posthum erschien von Silber "150 Jahre Pestalozzianismus in England" (Päd. Rundschau 1980, S. 163-173).

Inhaltsverzeichnis