Der historische Kontext von Pestalozzis «Methode».

Konzepte und Erwartungen im 18. Jahrhundert

Herausgegeben von Daniel Tröhler, Simone Zurbuchen, Jürgen Oelkers
Verlag Paul Haupt, Bern u.a. 2002, 239 S., Abb.
(Neue Pestalozzi-Studien, Bd. 7)

Herausgegeben von Daniel Tröhler, Simone Zurbuchen, Jürgen Oelkers<br>Verlag Paul Haupt, Bern u.a. 2002, 239 S., Abb.<br>(Neue Pestalozzi-Studien, Bd. 7)

I.
In der Rezeption steht der Name und die Person des Johann Heinrich Pestalozzi für den Erziehungsroman „Lienhard und Gertrud“, für die Bemühung um Armenfürsorge und -erziehung, für den Einsatz zur Förderung von Erziehung und Unterricht durch die Propagierung einer umfassenden Erziehungs- und Unterrichtsmethode und für das lebenslange persönliche Engagement für die Erziehung von Kindern trotz Hindernissen, Rückschlägen und Niederlagen. In der Schweiz kommt noch der „Mythos Pestalozzi“ hinzu, also der Versuch, mit der Person Pestalozzi und über Humanität und Menschenbildung die heterogene Eidgenossenschaft über alle Standes-, Sprach- und Religionsgrenzen und ihre Stadt-Land-Gegensätze hinweg zu einen.

II.
Das Thema des 7. Bandes der Neuen Pestalozzi-Studien ist der historische Kontext von Pestalozzis Methode, die er verschiedentlich auch als Elementarmethode bzw. Methode der Elementarbildung bezeichnet. Der Sammelband vereint 12 Einzelbeiträge zur Methodenfrage im 18. Jahrhundert, die nachweisen sollen, dass der zweifellos große Erfolg von Pestalozzis Methode nach 1800 weniger auf der Dignität der Methode selbst beruhte, als vielmehr auf den gesteigerten Erwartungen gegenüber Methoden ganz allgemein. Pestalozzis Versprechen, mit seiner „Methode“ sämtliche Erziehungs- und Bildungsprobleme zu lösen, fiel also auf einen fruchtbaren Boden. In den einzelnen Beiträgen des Sammelbandes werden die Juristische Methodenlehre im 18. Jahrhundert (Clausdieter Schott), Giambattista Vicos Methodenbegriff (Simone Zurbuchen), das methodische Konzept bei David Hume (Rudolf Lüthe), die Methode und Erklärung in der Historiographie der Deutschen Spätaufklärung (Peter Hanns Reill), die Bedeutung der „Methode“ zur Gewinnung und Vermittlung von Kenntnissen in der Encyclopédie von Diderot und d’Alembert (Felix Bürchler), der Zusammenhang von Idéologie und Methode (Fritz Osterwalder), die „Methode“ bei John Wesley (Michel Weyer), die sinnliche Methode der Erziehungskunst und Naturgeschichte (Anke te Heesen), der Sensualismus als Lehr- und Lernmethode (Heinz Rhyn) und der Zusammenhang von Erziehung und Methode in der Literatur vor Pestalozzi (Jürgen Oelkers) untersucht.

In diesen untereinander unabhängigen Beiträgen werden Einzelfragen des Methodenbegriffs im 18. Jahrhundert abgehandelt und damit der Kontext zu Pestalozzis „Methode“ offengelegt, aber eine Verbindung zu Pestalozzi nicht hergestellt. So wird nicht erörtert, ob Pestalozzi auf diesen Methodendiskurs aufbaut oder von diesem Diskurs beeinflusst wurde, und ob dieser Kontext wirklich den Erfolg von Pestalozzis Methode erklären kann. Allein Osterwalder nähert sich partiell Pestalozzis Methodenbegriff, indem er Methode als Übersetzungsproblem deutet und pädagogische Methode als Übersetzung einer Wissenschaft in ein Lehrbuch bzw. in einen Lehrinhalt. Osterwalder stellt solche Ansätze im Frankreich der 1790er Jahre vor, die durchaus im Kenntnishorizont Pestalozzis lagen. Oelkers arbeitet in seinem Beitrag heraus, dass der Einsatz von effektiven Lernmitteln und Lernstrategien in einer reformierten Elementarbildung nicht erst mit Pestalozzi begonnen hat. So kannte auch die fast ausschließlich auf christlich-biblischen Inhalten aufbauende Unterweisung vor Pestalozzi Grundsätze der Didaktik, die sich später in Pestalozzis Methode wiederfinden sollten: Elementarisierung, Unterscheidung von Wesentlichem und Unwesentlichem, Kindgemäßheit, Anschaulichkeit und natürlich aufeinander aufbauende Folgen von Fragen und Antworten.

III.
Es sind vor allem die beiden Beiträge von Daniel Tröhler und Petra Korte, die auf Pestalozzis Methode fokussieren. Tröhler versucht in seinem Beitrag „Methode um 1800. Ein Zauberwort als kulturelles Phänomen und die Rolle Pestalozzis“ (S. 9-30) den umfassenden Erfolg von Pestalozzis Methode zu erklären und findet drei Antworten: Es war der in Burgdorf praktizierte Unterricht mit einem im Vergleich zu den bestehenden Volksschulen deutlich laizistischerem und modernerem Fächerkanon unter dem „Label“ des weithin durch sein publizistische Tätigkeit bekannten Pestalozzi, es waren die unbestreitbaren Unterrichtserfolge, die zwar auf die Methode zurückgeführt wurden, aber eher auf das große Innovations- und Investitionspotential der ersten Jahre und der ersten Mitarbeiter zurückging, und es war das Zauberwort „Methode“, das die Erwartungen der Zeit traf, umfassende Menschenbildung zu betreiben und gesunde und geschickte Bürger zu bilden, verbunden mit dem Versprechen zugleich einfach und kostengünstig umzusetzen zu sein.

Korte unternimmt in ihrem Beitrag „Selbstkraft oder Pestalozzis Methode“ (S. 31-46) den Versuch, die Elemente von Pestalozzis Methode darzustellen. Der Begriffe der „Methode“ wird bei Pestalozzi erst ab 1799 mit dem Stanser Brief dominant, er steht als zentraler Begriff für Pestalozzis zweite Werkhälfte und umfasst „ein ganzes Bündel bildungstheoretischer, gesellschaftstheoretischer, politischer, sozialkritischer, didaktischer und praktisch-institutioneller Fragen“ (S. 31). Da Pestalozzi selbst seine Methode nicht schlüssig definieren konnte, sondern sie immer in prozeßhafter Entwicklung sah, versucht Korte die einzelnen Elemente von Pestalozzis Methodenverständnis aus seinen Texten herauszuarbeiten. Einmal sei die Methode bei Pestalozzi ein Programm zur Rettung der armen Menschheit durch Bildung und Ausbildung, sei insofern politisch und sozialkritisch und schließe sich damit nahtlos an seine Neuhofschriften an. Zum andern aber sei die Methode einfach eine Unterrichtmethode zur Verbesserung des Unterrichts im Lesen, Schreiben, Rechnen und Zeichnen. Hierfür stünden die in Burgdorf von Pestalozzi und seinen Mitarbeitern ausgearbeiteten drei Elementarbücher „Das Buch der Mütter“, „ABC der Anschauung“ und „Anschauung der Zahlenverhältnisse“. Aber diese beiden Seiten der Methode – einmal die Idee einer umfassenden Menschenbildung und einmal schlicht Unterrichtsmethode im schulischen Alltag – bleiben bei Pestalozzi nicht getrennt, sondern werden verbunden durch das, was Pestalozzi „Selbstkraft“ nennt. Selbstkraft ist die jedem Menschen innewohnende Kraft, sich selbst zu entwickeln und sich selbst bewusst zu werden. Nur über das Urvertrauen zur Mutter und den elementaren Unterricht kann die Selbstkraft des Kindes wachsen und es zu Selbständigkeit und eigenem selbsttätigen Handeln finden. Nach Korte löst über den Gedanken der Selbstkraft Pestalozzis Elementarmethode in der Tat ihren bildungstheoretischen und bildungspolitischen Anspruch ein.

IV.
Der 7. Band der Neuen Pestalozzi-Studien zum Kontext von Pestalozzis Methode stellt in heterogener Weise Konzepte und Erwartungen von „Methode“ im 18. Jahrhundert auf den unterschiedlichsten Feldern vor, aber die zu erwartende Rückkopplung auf Pestalozzis Methode und seinen Methodenbegriff findet nicht statt. Die meisten Beiträge versuchen erst gar nicht einen solchen Bezug herzustellen und Tröhlers Bemerkung, dass es vor allem das publizistisch geschickt gewählte Zauberwort „Methode“ gewesen sei, das Pestalozzi als Erzieher und Pädagoge bekannt und berühmt gemacht habe, sagt allein noch nichts aus über Pestalozzis nachhaltigen Einfluss auf den bildungspolitischen Diskurs und die bildungspolitischen Entwicklungen seiner Zeit oder über die Art und den Umfang der Rezeption seiner zahlreichen Texte. In Kortes Beitrag werden zwar sehr überzeugend Elemente von Pestalozzis Methodenbegriff herausgearbeitet und die mehrschichtige Verwendung des Wortes „Methode“ bei Pestalozzi deutlich, aber offen bleibt die Antwort auf die Frage, welchen Einfluss der zeitgenössische Kontext auf Pestalozzis Methodenbegriff nahm, den Pestalozzi über den Begriff der „Selbstkraft“ durchaus mit einem neuen originären Inhalt füllte.