Philosophie und Religion bei Pestalozzi.

Pestalozzi-Bibliographie 1977 - 1992.

Hrsg: Fritz Peter Hager u. Daniel Tröhler. Bern, Stuttgart, Wien: Haupt 1994. 221 S.
(Neue Pestalozzi-Studien, Bd.2)

Hrsg: Fritz Peter Hager u. Daniel Tröhler. Bern, Stuttgart, Wien: Haupt 1994. 221 S.<br>(Neue Pestalozzi-Studien, Bd.2)

Fritz-Peter Hager beschreibt "Stufen der religiösen Entwicklung bei Pestalozzi" (S. 7-45), dessen Denken durch-gängig um das Wesen und die Bestimmung des Menschen und um das Problem seiner Erziehung und Bildung kreist, und der nach Meinung des Autors dabei auch immer das Verhältnis des Menschen zu Gott und zur Religion mit einbezieht. Eine erste Phase der Entwicklung weist Hager in der "Abendstunde" nach, die zweite Phase ist die Zeit von Pestalozzis religiöser Krise anfangs der 90er Jahre (Nicolovius-Brief von 1793), die allerdings keinen Athe-ismus zeige, sondern eher eine Art Gottesferne, und die dritte Phase findet Hager dann in den "Nachforschungen". Nach Hager sind Pestalozzis religiöse Grundeinstellungen letztlich weitgehend unverändert geblieben, allenfalls mit Modifikationen von geringerem Gewicht, die Hager nicht näher herausarbeitet. Abschließend urteilt Hager, daß Pestalozzi ausweislich seiner Schriften zeitlebens kein spekulativ interessierter Theologe gewesen ist, sondern ein praktisch und theoretisch um die Bildung und Würde des Menschen bemühter religiöser Denker.

Guido Schmidlin sieht in seinem Beitrag "Zur Frage der Verfasserschaft der Lenzburger Rede" (S. 47-82), diese als das gemeinsame Werk von Pestalozzi und Niederer, das auch deutlich die gegensätzlichen Standpunkte der beiden Autoren zeige. Schmidlin versucht die Anteile beider zu trennen, indem er zuerst eine Übersicht über die Zusammenarbeit zwischen Pestalozzi und Niederer bei der Ausbildung der Methode in den Jahren 1803-1811 gibt (S. 47-66), um dann in einem zweiten Teil eine Analyse der Lenzburger Rede vorzunehmen (S. 66-81). Während der eigentliche Redetext der von Pestalozzi am 30. Aug. 1809 vor den Mitgliedern der Schweizerischen Gesellschaft für Erziehung in Lenzburg gehaltenen Rede nicht mehr erhalten ist, wird als "Lenzburger Rede" die umfangreiche gedruckte Ausarbeitung dieser Rede mit dem Titel: "Über die Idee der Elementarbildung und den Standpunkt ihrer Ausführung in der Pestalozzischen Anstalt zu Iferten. Eine Rede, gehalten vor der Gesellschaft der schweizerischen Erziehungsfreunde in Lenzburg von Heinrich Pestalozzi. 30. August 1809" bezeichnet (PSW 22, S. 130-324). Aus dem Ver-gleich der Zusammenarbeit Pestalozzis und Nie-de-rers bei der Ausbildung der Methode und dem Text der Lenzburger Rede folgert Schmidlin, daß der erste Teil der Lenzburger Rede überwiegend Niederer zuzuschreiben ist, der zweite Teil dagegen überwiegend Pestalozzi. Da die Zuordnung einzelner Teile aufgrund der erhaltenen Manuskripte und Fragmente nicht eindeutig möglich ist, hat schon Emanuel Dejung in Anhang I (Textkri-tik) und Anhang II (Sacherklärung) der Kriti-schen Werkausgabe die Anteile Pestalozzis und Niederers durch inhaltliche Vergleiche zu trennen versucht (Vgl. PSW 22, Textkritik, S. 385-397 und Sacherklärung, S. 471-515).

Als drittes Stück des Sammelbandes wird ein aufschlußreiches zeitgenössisches Dokument "Ein Brief an Pestalozzi (1804)" abgedruckt (S. 83-129). Es han-delt sich um eine in der Form eines Briefes an Pestalozzi vorgelegte Veröffentlichung von W. Kern aus dem Jahr 1804, die als kleines Buch von 78 Seiten Umfang in Göttingen veröffentlicht wurde. Dieser "Brief" wurde nicht in seiner vollen Länge in die Reihe der Briefe an Pestalozzi aufgenommen werden, zumal er nur zu Beginn und am Ende in Briefform abgefaßt ist. Trotzdem schreibt Pestalozzi einen Antwortbrief, dessen nur als Fragment erhaltener Entwurf der Vollständigkeit halber ebenfalls wiedergegeben wird (S. 136-137). Der Text von Kern darf nach Meinung Tröhlers deshalb ein wissenschaftliches Interesse beanspru-chen, weil er schon Jahre vor Niederers Überarbeitung der Lenzburger Rede einen weiteren zeitgenössischen Versuch darstellt, Pestalozzi philosophisch zu deuten.

Daniel Tröhler stellt in seinem Beitrag "Das 'Tagebuch über die Erziehung seines Sohnes': Pestalozzis frühe Auseinandersetzung mit Rousseau" (S. 139-183) an Pestalozzis Tagebuch über die Erziehung seines Sohns von 1774 dessen frühe Auseinandersetzung mit Rousseau dar und geht in seinem Beitrag ausführlich auf die Darstellung des Verhältnisses Pestalozzi - Rousseau in der Sekundärliteratur ein. Während für Tröhler noch eine umfassende Bearbeitung des Verhältnisses von Pestalozzi zu Rousseau aussteht, fügt auch er den Erkenntnissen der von ihm referierten Sekundärliteratur nur wenig Neues hinzu.

Im letzten Beitrag des Sammelbandes geben Daniel Tröhler und Mike Müller eine Pestalozzi-Bibliographie für die Jahre 1977-1992 (S. 185-221), die sie als Fort-setzung der Pestalozzi-Bi-bliographien in der Reihe mit Israel (1903-04), Klin-ke (1923), Klink/Klink (1968) und Kuhlemann (1980) sehen. Wenn man die Weiterschreibung der bibliographischen Nachweise durch die Veröffentlichungen von Villiger in den Neuen Pestalozzi-Blättern einbezieht, ergibt sich rein äußerlich das Bild eines zeitlich kontinuierlichen Nachweises der Pestalozzi-Literatur, zumindest für den deutschsprachigen Raum. Aber das Bild täuscht, zu unterschiedlich ist die Qualität, aber auch die Struktur dieser bibliographischen Veröffentlichungen: einmal systematisch, einmal chronologisch, einmal nach Art der Sekundärliteratur geordnet mit einer jeweils unterschiedlichen Behandlung von wissenschaftlichen und nicht wissenschaftlichen Veröffentlichungen, von Rezensionen, von Zeitungs- und Zeitschriftenveröffentlichungen und zuletzt in der unterschiedlichen Berücksichtigung fremdsprachiger Titel, besonders auffällig der Titel in den "gängigen" Sprachen Englisch und Französisch. Wie soll man zudem Titel ermitteln und dokumentieren, die sich zwar intensiv mit Pestalozzi auseinandersetzen, dies aber nicht im Titel erkennen lassen, wo sind die Grenzen zwischen wissenschaftlichen und nicht wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu ziehen, wie soll man Sammelwerke erfassen und ist es sinnvoll, die nachgewiesenen Titel zu annotieren? Solche und weitere offene Fragen machen das Projekt einer wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Gesamtbibliographie der mittlerweile ca 20.000 Titel nach wie vor dringlich. Ein solches Projekt ist als gedruckte Bibliographie unter den Gesichtspunkten fortlaufender Aktualisierung und benutzerfreundlicher Rechercheinstrumente bei dem zu erwartenden Umfang nicht befriedigend umzusetzen, aber mit den Hilfmitteln moderner bibliographischer Datenbanktechnik bei aller Arbeitsintensität bei der Erstellung einer solchen bibliographischen Datenbank doch zu bewältigen.