Johannes Marti Sohn an seinen Vater

Sonntag, 17. Januar 1808, Brief mit Adresse

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Handschrift Seite 12
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Zeilenumschrift

 Jferten den 17ten Jenner 18078
 Liebe Eltern!
 Die letzeten 14 Tage des vergangenen
 Jahres wendeten die Zöglinge des
5Jnstetuts die Zeit dazu an um ihren
 Eltern ein Neujahrsheft zu machen
 um ihnen zu zeigen was und wie
 wier dieses Jahr gelernt haben.
 Die drey letzten Tage machten die
10Lehrer Anstalten um den Zöglingen
 eine Freude zu machen. Am
 Sylvester Morgen stuhnden viele
 Knaben ohne geweckt zu werden
 früher auf, als gewöhnlich, und
15giengen vor das Schlafzimer
 der andern um sie auszulachen;
  
 diese aber schloßen die Thüre und sthunden
 nachher miteinander auf so das keiner
 der Letzte wurde, und giengen paarweise
20mit zwey Pfeiffern voraus durch den
 Hof und dan vor das Zimer des
 Herren Pestalozzj. Herr Pestalozzj
 küßte uns alle und führte uns
 ganz still vor das Zimer der
25Frau Pestalozzj dort sang man
 ein paar Lieder. Frau Pestalozzj
 dankte uns und küßte uns alle.
 Nachher gieng man zum Gebett,
 Herr Pestalozzj bat uns herzlich,
30wir sollen den letzen Tag still und ruhig
 zubringen und nachdenkenken
 wie wir das Jahr zugebracht und
 ob wir den Eltern Freude gemacht
 haben.
  
35Wir sollen den letzten das neue Jahr
 beßer zubringen als das Alte
 und uns nicht nur ganze Jahre
 zuzubringen sondern man soll jeden
 Augenblick gut zubringen weil man
40leicht Jahre verliert wen man zu
 den Augenblicken nicht sorgtragt
 weil nur der gegenwärtige Augenblick
 unser und weil man die verlorne zeit
 nicht einholen köne. Nachmittags zog
45die Compagnie welche aus etwa 80
 Zöglingen des Jnstetuts besteht.
 hinter den See und exerzierten im Feuer
 Es waren sehr viele Zuschauer zugegen
 welche sagten die Knaben exerzieren
50sehr gut, um Halbfünf Uhr zogen wir
 durch die Stadt nach Hause. Nach fünf
 Uhr gieng man zum Nachteßen
 Herr Pestalozzj wollte das alles was
 zum Jnstitut gehört sich miteinander
55freuen solle.
  
 deßwegen er eine große Mahlzeit
 veranstaltete es waren in einem
 großen Saale 217 bis 220 Personen
 und alle waren fröhlich Herr und Frau
60Pestalozzj waren in der Mitte wier
 um sie herum wie Kinder um
 dieihre Eltern. Nach der Mahlzeit
 welche etwa zwey Stunden daurte
 führte man uns in einen andern
65Sall worin die Transparente aufgestelt
 waren welche 1806 und 1807 aufgestelt
 wurden um den Knaben welche
 damals schon hier waren zu zeri£ern
 wie ma£ es damals machte und denen
70welche noch nicht hier waren zu zeigen was
 ma£ damals gemacht habe. In einem Zimer
 neben diesem Saale gaben einige Knaben
 mit ihren Lehreren ein Conzert welches
 uns sehr Freute machte
  
75Aber noch mehr wurden wir gerührt
 da man uns in einen andern Saal zum
 Gebet führte. An der Wand sah ma£
 eine mit Laubumwundene Flamenschrift
 mit folgenden Worten Ach ! wiederum
80ein Jahrverschwunden . Es waren die
 Anfangsworte eines Liedes welches man
 nachher sang. Nachher redete Herr
 Pestalozzj mit uns über den Wechsel des
 Jahres und sagte uns wir sollen doch
85nicht ohne Nacdenken und Gebett für
 uns und für unsre Eltern und allen
 Menschen einschlafen; nachher sang
 man noch das Lied Begleitt uns Herr
 mit deinem Segen u.s.w. und die
90Lehrer führten uns in unsre
 Schlafzimer
  
 Am Neujahrstag Morgen weckte man
 uns um 7 Uhr stellte ma£ uns in eine
 Reihe und führte uns in den großen Saal
95da wir den Tag zuvor die Mahlzeit hatten
 im ersten Augenblick wurden wir sehr
 überrascht den der Saal war wie ein
 Tempel ausgeschmückt. Jm Hintergrund
 war eine Wand von jungen Ta£en
100und grünen Zweigen aufgeführt
 an welcher drey Bogeneingänge wie
 in drey Aleen angebracht wurden.
 Ueber den grösten Eingang war
 wieder eine Flamenschrifft mit folgenden
105Worten Wandelt im Licht. Jm Hintergrunde
 dieses Einganges leuchtete aus einer Nische
 ein großes Oehlgemälde darauf die
 Ganze Gegend von Jfferten mit dem
 Neuenburgersee und seinen zwey Ufern
  
110die ganze Gegend war wie am helsten
 Somertage dargestellt. Zwischen denm Jnern
 und den zwey Äüsern und Eingängen
 waren zwey Altäre auf jedem von diesen
 zwey Altären war eine mit Blumen gekränzte
115Urne auf der vordern Seite des einen
 Altares stand folgende Jnschrift
 Nicklaus von Flüe Unsträflich war
 sein Knabenleben. auf der vordern
 Seite des andern Altares
120Ulrich Zwingliden Leib könen sie
 tödten aber die Seele nicht
  nüber
 Dem großen Gemählde gege"ber stand
 das Brustbild Willhelms Telles mit
125folgender Jnschrift an der linken Seite
 Der bravem Man denkt ansich selbst zu letzt
  
 An der Vorseite. Vertrau auf
 Gott und rette den Bedrängten
 An der rechten Seite. Er führt zum
130Ziel was er auch unternomen
 Der Übrige Theil des Saales war mit
 Blumen-Kränzen ausgeziert.
 Die Zöglinge standen in mehreren
 Halbkreisen gegen das Gemählde
135gekehrt Die Lehrer was zum Jnstitut
 gehörte auf den Seiten. Zwischen uns
 und den Gemählden war Vater Pestalozzj
 nachdem wir das Lied Begleit uns
 Herr mit deinem Segen gesungen
140Hatten sagte uns Herr Pestalozzj
 ohngefert folgendens.
  
  
 Wir haben euch in den ersten
 Stunden des Jahres Freude machen
 wollen und haben euch mit Licht
145umgeben um euch zu zeigen das ihr
 imer im Licht und nie im Dunkeln wandeln
 sollet Es muß hell sein in eurem Herzen
 und eurem Kopf wen ihr gute und kraftvolle
 Menschen werden wollet auch haben wir
150euch mit Denkmälern umgeben von
 Männern an welche ma£ noch heute mit
 Freude und Dank denkt. kehret euch um
 und sehet das Bild Wilhelm Tell welcher
 das Bedrängte-Vaterland von Unrecht und
155Gewalt geretet hat kehret euch wieder
 um und seht hier das Denkmal Nickklaus
 von Flue welcher mit wenig Worten das die
 entzweiten Schweizer vereinigte dieses
 Altar eri£ert uns an U: Zwinglj ein
160Schweizerischer Geistlicher und machte als man
 die Religion mißbrauchte eine beßre
 Kirchen-Verfaßung.
  
 und legte den Grund zu unsern Schulen
 dadurch machte er sich verehrt nach dem uns
165Herr Pestalozzj noch einige guten Lehren
 gegeben hatte giengen wir um die Gemählde
 herum betrachteten sie noch genauer bis um
 halb 10. Uhr. Gegen 11. Uhr versamelte
 sich alles was zum Jnstitut gehörte um
170den Hausgottesdienst anzuhören welcher uns
 sehr wohl gefiel. nachher bekamen wir unsre
 Neujahrsgeschenke Alle freuten sich sehr.
 Nachher folgte ein großes Mitageßen wir
 frunken auf die Gesundheit des Herrn und Frau
175Pestalozzj und für unsre Eltern. um fünf
 Uhr giegen wir hinter den See wo man
 eine ganze Stunde lang Feueuerwerk loß ließen.
 nachher folgte einen Ball welcher bis
 um zwey Uhr währte nachher giengen
180wier zur Ruhe
  
 Liebe Eltern
 Jch habe euch dieß Neujahr sehr kurz erzählt
 was ich zum Neujahrs geschenk bekam war ein
 Federmeßer und ein Buch und das was ihr
185mir schicktet ich danke euch sehr darfür
 es freute mich auch wieder etwas von [m]einer Schwester
 und von meinem Bruder zu sehen Lebet recht wohl
 Jch grüße euch ins Gesant
 verbleibe euer getreuer Sohn
190Joh: Marty.
  
 An Herren
 Joh. Marty Wirth
 in YVERDON
 Fraubronnen
195Kanton Bern